Eine Radwanderung

Nach knapp drei Wochen zu Wasser und 370 zurückgelegten Flusskilometern, abzulesen auf den in Hundertmeterabständen am Ufer aufgestellten Kilometertafeln, befinden wir uns hier in Passau im äußersten Südosten von Deutschland. Die Donau, unsere liebgewonnene Wasserstraße, ändert sich täglich. Mal spielend mit leichter Strömung dahinfließend, mal rauh und wellig vom Gegenwind, kann sie uns das Paddeln zur Freude oder auch zum Kampf werden lassen. Wenn ein vorgenommenes Ziel nur sehr mühsam näher rückt und die Kilometertafeln weiter auseinander zu stehen scheinen als sonst. Umso schöner sind dann die Tage die uns mit Sonne verwöhnen und die an den Strom grenzende Landschaft zeigen. Oft ist es herbstlich nebelig und man kann Berge im Hintergrund bestenfalls erahnen, oder alternativ im Flussführer nachlesen, dass sich dort welche befinden. Die letzten Tage boten allerdings angenehmes Reisewetter, mal so mal so aber trocken und mild.

 

Der Flussführer ist unser beständig treuer Begleiter, der uns im Vorhinein von Hindernissen, Brücken, Häfen oder Staustufen in Kenntnis setzt und uns eine entsprechende Reaktion oder Schlafplatzwahl ermöglicht. Er liegt immer griffbereit und ist das momentan meistgelesene und meistgenutzte Utensiel unserer Ausrüstung.

Die Landschaft ist nun hügeliger geworden, abwechslungsreicher und der Fluss offener zu ihr hin. Die Donau scheint immer mehr Teil des Lebens zu sein und so verstecken sich die Städte nicht mehr hinter Dämmen, sondern sind bis zum Fluss hin gebaut - beziehen ihn ein. Das Ufer ist über weite Strecken durch große Steine befestigt, manchmal können sich aber auch Kiesstrände oder Inseln behaupten. An den Kiesbänken kann man sehr deutlich die formende Kraft des Wassers erleben. Tauchen sie als Inseln auf, bieten sie traumhaft schöne Nachtlagerstätten. Befindet man sich aber mitten auf dem Fluss und der Untergrund nähert sich unbemerkt dem Bootsboden, kann man leicht steckenbleiben und muss im Folgenden sehen, wie man sich bzw. das Boot wieder befreit. So waren wir gezwungen in Regensburg alles abzuladen, was wir normalerweise aus zeitlichen Gründen vermeiden, und die Unterseite in Augenschein und unter den Kleber zu nehmen. Es sind keine dramatischen Schäden entstanden, allerdings versagen alle empfohlenen Reparaturmethoden aufgrund des Alters der Bootshaut. Von einem Kenner wurde das Boot auf über fünfzig Jahre geschätzt. So versuchen wir weiteren Bodenkontakt zu umgehen um dem Boot und uns eine möglichst weite Reise zu bescheren.

Uns dem behördlichen Willen beugend, haben wir unser Boot kurz vor Kelheim, wo die Donau durch Einmündung des Main-Donau-Kanals zur Bundeswasserstraße wird, auf den Namen "Baikal" getauft. Dieser wurde dann sogleich im Schein unserer Taschenlampen beidseitig auf den Bug gepinselt, eine der wenigen Stellen, wo er trotz der umfangreichen Bepackung halbwegs zu sehen ist. Seit Kelheim teilen wir uns die Donau, die zuvor fast immer uns allein gehörte, mit größeren und kleineren motorisierten Schiffen. Die Großen überwiegen allerdings deutlich in Form von Binnenlastschiffen aller Art aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern, und gelegentlich Flusskreuzfahrtschiffen. Letztere sind um diese Jahreszeit aber nur mäßig ausgebucht. "Teilen" heißt in unserem Fall, dass wir auf herannahende Schiffe achten und ihnen ausweichen müssen. Kaum ist das Schiff dann auf gleicher Höhe, ein Gruß mit der Mannschaft durch Handzeichen ausgetauscht, gilt es sich fürs Wellenreiten in Position zu bringen. Schließlich haben wir November und Wasser im Boot ist nicht unbedingt erwünscht. Das bekommt man allerdings auch auf andere Weise hinein.

Unseren ersten Reinfall hatten wir bzw. Matthias eines lauen Abends. Eine Kleinigkeit aus dem Boot holen wollend, verloren er und das Boot das Gleichgewicht, da dieses abdriftete und nach einem lauten Platschen fand er sich auf der anderen Seite des Bootes im Wasser stehend wieder. Das Boot vor sich, halbvoll Wasser, ging es erstmal mit den beiden Töpfen ans Schöpfen und später ans Trocknen. Den Rest des Abends verbrachten wir Socken, Schuhe, Mützen und andere Dinge wendend und schwenkend am Lagerfeuer. Auch der Fahrradsattel der sich unbemerkt in Richtung Grund davon gemacht hatte, konnte wieder geborgen werden.

Unabhängig davon, machen wir wenn immer möglich nach der Ankunft an einem geeigneten Nachtplatz ein Lagerfeuer. So können wir lange gemütlich draußen sitzen, ohne von Feuchtigkeit und Kälte allzu früh ins Zelt getrieben zu werden. Für problemloses Anzünden eines solchen auch bei feuchtem Wetter, führen wir stets einige trockene Ästchen und verkohlte Stückchen des letzten Feuers mit uns. Auch eine Donauforelle, leider nicht selbstgefangen, findet manchmal den Weg übers Feuer um an einem Stock oder auf einem improvisierten Grill dem Abendessen entgegenzugaren.

Nachdem wir den ersten Tag hier in Passau selber im Wasser, Matthias mehrheitlich auf der Rutsche, des städtischen Hallenbades verbrachten (der Wärmetest in der Donau war nicht überzeugend), während sich unsere Wäsche in Waschmaschine und Trockner drehte, geht es morgen ans Schauen und Erledigen, bevor wir mit der Hoffnung auf etwas mehr Strömung im Gepäck nach Östereich aufbrechen.

P.S: Wir freuen uns mit den Leuten, die den Spruch der Betonindustrie: " Beton - Es kommt drauf an, was man draus macht" neues Leben eingehaucht haben ;-) und auch allen anderen, die im Wendland und dorthin aktiv waren.
Ausserdem weisen wir auf die Donaukampagne hin, die einen weiteren Ausbau der Donau zu verhindern versucht:
http://www.danubecampaign.org/de/index.cfm