Eine Radwanderung

 

Im traurigen Monat November wars
die Tage wurden trüber
Der Wind riss von den Bäumen das Laub
da reisten wir durch Österreich hinüber.

Frei nach Heine

 

 

 

 

Zwei Wochen später sind wir nun in Wien eingepaddelt und gönnen Baikal ein paar trockene Tage. Wir selber fühlen uns nach den vielen ruhigen Tagen auf der Donau noch etwas verloren zwischen den vielen Häusern, Autos und Menschenmassen die in gewissen Gebieten erschreckende Ausmaße haben.

Rückblickend waren die letzten Wochen ein verlässlicher Wechsel zwischen Hochs und Tiefs. Noch in Linz überraschte uns der Winter in Form des ersten Schneefalls (für hiesige Verhältnisse nicht viel - für  Heidelberger hingegen schon), mit kalt stürmischem Winterwetter. Der Aufenthalt wurde um einen Tag zwangsverlängert und wir resolut in den dortigen Ruderclub geladen, man könne bei dem Wetter doch nicht draussen bleiben. Nun wechselten sich strahlend schöne Sonnentage, die das Paddeln zu Vergnügen machen, mit stark windigen Tagen ab an denen das Paddeln uns vor neue Herausforderungen stellte. Selbst relativ kleine Lüftchen können schon beachtliche Wellen aufs Wasser zaubern und je breiter der Fluss um so höher die Chance, dass sie auch mal recht hoch werden. Manche Tage fuhren wir bei sonnigem Wetter los und wurden dann mit den Flusskurven von starkem Gegenwind überrascht.

Linz war noch in Sichtweite, als wir die fatale Entscheidung tragen, zu früh vor der Schleuse die Uferseite zu wechseln. Starker Rückenwind trieb uns endlich mal vorwärts, aber auch das Wasser und das war schneller - und auf der Luvseite klatschten die Wellen so gegen das Boot, dass unsere Eigenbau - Spritzdecken inkontinent wurden und bald das halbe Boot voll Wasser stand. In dem Yachthafen, der uns davor bewahrte, in der Brandung aussteigen zu müssen, verbrachten wir weitere zwei Tage damit, uns zu trocknen und die Flaute abzuwarten, die sich mit Sonnenschein bei spiegelglatter See einstellte. Wir zollen dem Winter und seinen Launen also nicht nur durch Niedrigwasser und kurze Tage Zoll, sondern öfters auch durch Wind - und Wetterpausen. Dies vorallem, da oft längere Strecken kommen, in denen ein Anlegen bei starkem Wind nicht möglich ist da wir einen kleinen Hafen oder eine Bucht brauchen um nicht in Gefahr zu kommen, unseren Baikal opfern zu müssen. So warten wir manchesmal lieber ein wenig, uns mit dem aktuellen Lesestoff in einer winddichten Ecke verkriechend.

 

Wir paddelten auf diesem Abschnitt entlang von Schwerindustrie sowie romantischen Weinbergen, durch enge Berge und weite Täler.... In der Wachau genossen wir die letzten Trauben und die zweitbeste Strömung (die Beste hatten wir kurz vor Ulm mit dem Zufluss der Iller). Danach in Krems verließen wir das Donaunullniveau um von einem Weinberg auf den Fluss herabzuschauen, was ebenfalls mit ausgiebiger Nachlese verbunden wurde. In den sogenannten Nibelungenstädten Pöchlarn und Tulln wurden wir dessen gewar, dass wir unsere Reisebibliothek um dieses Buch erweitern müssten, um irgendwie bescheid zu wissen. Da hat sich wohl eine Erinnerungslücke eingeschlichen.

 

 

Die Dimensionen nehmen stetig zu. So finden sich seit Linz vermehrt Schubverbände mit bis zu vier Leichtern. Dabei schiebt ein Schleppschiff eine Anzahl aneinandergekoppelter Leichter vor sich her. Ein Solcher kann schon mal die Schleuse alleine füllen, wo je nach Art locker vier einzelne Schiffe Platz haben. Und wie Fahrzeuge und Fluss, werden auch die Stauwerke und Stauseen immer grösser. Das macht die Nachtlagersuche schwieriger und führte uns in letzter Zeit fast immer in einen der eingewinterten Yachthäfen, wo wir sicher sein können in geschützter Lage einen Steg und meist auch ein passendes Dach zum Schlafen vorzufinden. Weniger gemütlich als die Lagerfeuerzeit hat es auch seine Vorteile nicht jeden Morgen ein klatschnasses Zelt einpacken zu müssen und sich etwas mehr ausbreiten zu können. Da ohnehin Winterpause ist, stören wir keinen und wenn uns jemand entdeckt ist er im wesentlichen verwundert um diese Jahreszeit noch ein Paddelboot mit Gepäck anzutreffen.

In Tulln lagen wir gemeinsam mit "Regentag", dem Segelschiff des Künstlers Friedensreich Hundertwasser im Stadthafen. Nur schwer konnten wir einer Übernachtung darauf widerstehen, war doch alles offen und zugänglich, nur leider etwas zu eng um uns Platz zu gewähren. Ebenfalls in Tulln wurden wir nach ausgiebigem Ausfragen vom Team des "Naturladens" nur, reichlich mit allerlei Naturkosmetikproben zum Schutz vor Wind und Wetter sowie Reiseproviant ausgestattet, wieder fortgelassen. So können wir jetzt duschferne Zeiten wahlweise mit Kakaobutter oder Aloeveraduft überbrücken.

 

Eine Tagesreise vor Wien kamen uns auf dem Donauradweg zwei schwer bepackte Radler entgegen. Wir paddelten ans Ufer, um den Rest des Nachmittags und Abends gemeinsam zu verbringen. So oft hat man schliesslich nicht die Gelegenheit sich mit jemandem zu unterhalten der gerade dreieinhalb Jahre auf dem Rad hinter sich hat und unter anderem eine recht ähnliche Route bereist hat wie wir es vorhaben.

 

 

 

 

 

 

Mit Wien haben wir jetzt die 2000 Kilometermarke der Donau unterschritten und mit 670 Kilometern ein Viertel der Flussstrecke bewältigt. Das Meiste kommt also noch und wir sind gespannt, wie oft dieser Fluss noch sein Gesicht verändern wird. Die Anzahl der vor uns liegenden Schleusen hat sich auf 5 verringert, was im Gegensatz zu etwa 32 bereits hinter uns liegenden fast nichts mehr ist.