Eine Radwanderung

Pünktlich zu Weihnachten in Budapest eingetroffen, haben wir zehn durchwachsene Paddeltage hinter uns. Einerseits hatten wir weiterhin mit dem Wind zu kämpfen, mit dem wir immer besser umgehen können, auch wenn wir ihn dadurch nicht gerade lieben lernen. Dazu kamen einige Regentage die uns viel Zeit mit Buch und Schach im Zelt verbringen ließen und zum Ausgleich strahlend sonnige Tage in denen wir sehr gut vorwärts kamen.

 

Wenn wir in Zukunft an die Städte zurückdenken durch die wir kamen, werden diese uns in erster Linie an Menschen erinnern die wir dort trafen, die uns halfen oder mit denen wir Zeit verbrachten. In Bratislava werden das Andrea und Michal sein, die unseren letzten Tag dort zu einem besonderen werden ließen. Beim Frühstück in einem Stadtteil auf dem "Dorfplatz", auf die Öffnung der Post wartend, wurden wir von einer jungen Frau aufgesammelt, die uns zu einer heißen Dusche einlud, aus eigener Erfahrung wissend, wie gut das auf Reisen tun kann. Das Angebot wurde gerne angenommen, war es doch eines der Dinge die zu erledigen wir nicht geschafft hatten.

Dann war da Michal, ein alt-erfahrener Paddler, TID - Organisator und Donaukenner, der Baikal und Gepäck in seinen "Kanoisticky Klub" aufnahm, während wir in Bratislava weilten. Er stattete und mit desem und jenem und vielen guten Ratschlägen und Geschichten aus und wir kamen kaum mehr fort von dort.

Hier in Budapest wurden wir von Karol aufgenommen, nachdem wir etwas verloren in einem Imbiss saßen. Eigentlich dachten wir in der Wohnung einer Bekannten wohnen zu können, dies zerschlug sich kurzfristig und während wir nicht so recht wussten wohin war Karol so spontan uns einfach zu sich einzuladen. Als richtiger Budapestiner zeigte er uns zwei alternative Kneipen und "seine Stadt", abseits der touristischen Trampelpfade. Dieser Blick hinter die Kulissen lässt uns hier etwas verweilen, nachdem wir vor vier Jahren bereits einen Tag hier waren und keinen Platz fanden was uns damals bald weiterfahren ließ. Unsere Gedanken gehen immer wieder dankbar zu diesen Menschen zurück die uns so viel wertvolles geben.

 

In manchen Momenten fällt es schwer hier zu bleiben, obwohl das Wetter prächtigst zum Paddeln zieht und das Wasser fließt wie selten, was u.a. mit einem Wasseranstieg zusammenhängt. Es begann zwei Nächte vor Budapest als morgens das Boot, welches wir am Abend vorher halb aus dem Wasser gezogen hatten, wieder vollkommen im Wasser schwamm. Das Wasser stand deutlich höher als am Abend vorher, was am folgenden Abend dazu führte, dass man dem Anstieg zuschauen konnte und wir es auch mussten. Die Nacht über weckte der Wecker uns im Dreistundentakt, jedesmal wurde das Boot weiter ans Ufer gezogen um beim nächsten Mal wieder voll im Wasser zu schwimmen. Das Zelt hatten wir hoch genug aufgebaut, mittlerweile dürfte dieser Platz wie so manch anderer überflutet sein. Das Wasser ist in dieser Nacht um etwa 80 cm gestiegen, was unsere Markierungsstöckchen uns verrieten. Jetzt läuft das Wasser - nicht wild und gefährlich, sondern mächtig und selbstbewusst. Ein Fluss, wie er uns in seinen Bann gezogen hat, als wir damals an der ungarischen Donau radelten und wie er diesen Traum in die Herzen pflanzte.

 

Bei dieser Strömung schafften wir auch mal vierzig Kilometer am Tag, andererseits machten wir auch fast zwei Tage Pause unterwegs, um einen Dauerregen abzuwarten. In einer Regen - und Sturmnacht war es Baikal gleich, ob das Wasser von oben oder unten kommt und morgens fanden wir in umgedreht im Wasser vor. Umdrehen und Schöpfen in Wind und Regen ließen uns nass werden und auch die regendichten Fahrradtaschen hielten trotz sorgfältigem Verschließen nicht ganz dicht. Da bei Regen ein Feuer keine Abhilfe schaffen kann und das Zelt zwar dicht hält, bei feuchtem Wetter aber von innen durch die Kondensation feucht wird, paddelten wir mit eineinhalb Kilometern unsere kürzeste Tagesetappe nach Komarno um eine günstige Absteige mit Heizung aufzutreiben. Das winzige Zimmer wurde mit allem nassen Hab und Gut vollgehängt und -gestellt und die Heizung voll aufgedreht.

 

Zweimal konnten wir auf dieser Strecke eine Passage von jeweils gut dreißig Kilometern ohne die Großschifffahrt genießen - uns mit der passablen Strömung von einer Seite zur anderen treiben lassen, ohne ständig einen kontrollierenden Blick nach hinten werfen zu müssen. Kurz hinter Bratislava wurde mit der Staustuge Gabcikovo ein gigantisches Stauprojekt verwirklicht, was einen riesigen Stausee mit sich brachte und die Donau über eine Strecke von 30 Kilometern in einen künstlichen Kanal drängt. Parallel fließt deutlich kleiner die alte Donau weiter, welche für Sportboote vorgesehen ist. Uns führte sie wieder nah an die Natur ohne befestigte Ufer, dafür aber wieder mit auftauchenden Kiesbänken die uns im Notfall mitten im Fluss aussteigen ließen, um das Boot um unser Gewicht erleichtert, unbeschadet aus der Gefahr zu manövrieren.

Die zweite Schleife die wir den Fluss für uns allein hatten, war kurz vor Budapest im sogenannten Szentendre Arm, der parallel zur Donau fließt. Kurz bevor die Donau am Donauknie ihren großen Knick macht um ihre Richtung von Osten nach Süden zu wechseln, biegt er ab und fließt entlang kleiner Städtchen und Wochenendhäuschen, bevor er am Anfang von Budapest wieder in die Hauptdonau fließt. Wir konnten diese Strecken sehr genießen, wieder viele Tiere sehen und uns über das grüne Wintergras zwischen den Auwäldern wundern

 

Seit Bratislava sind wir wieder aufs Zelten umgestiegen. Jenseits von Österreich werden die Yachtclubs, die uns dort zuverlässig Unterkunft boten, sehr rar. Zudem passierten wir kurz hinter Bratislava die vorerst letzte Staustufe, wodurch es nun wieder mehr Seitenarme, Inseln und Buchten gibt, in denen man einen nächtlichen Zufluchtsort vor den Wellen finden kann. Nun sind die Abende wieder geprägt von einem prasselnden Feuer und der Freiheit, die die Einsamkeit bietet. Waren wir anfangs, mit dem Gedanken an das zu sparende Gewicht, mit nur zwei Büchern im Gepäck losgereist, mussten wir bald feststellen, dass die langen Winterabende gefüllt werden möchten und so führen wir mittlerweile neben einer kleinen Bibliothek von 6 - 8 Büchern auch einen Satz Würfel und ein kleines Schachspiel mit uns. Das abendliche Schachspiel , wenn wir nach Essen und Feuer ins Zelt klettern, ist nun zur Gewohnheit geworden.

Die Freude war groß, endlich die winterliche Sonnenwende erreicht zu haben - gebührend gefeiert mit einem großen Feuer. Müssen wir doch momentan bereits ab halb vier nach einem Schlafplatz Ausschau halten. So gemütlich die Abende auch sind, freuen wir uns doch sehr auf die nun wieder länger werdenen Tage.