Eine Radwanderung

Bei strahlendem Frűhlingswetter mit Tagen voll Sonne und Temperaturen bis 15°C nähern wir uns Belgrad. Das Bergfest der Donaureise, gemessen an Stromkilometern, haben wir bereits gefeiert und mal wieder stellen wir uns auf ein anderes Land, eine andere Sprache und Kultur ein.

 

Nach unserem Besorgungsausflug nach Budapest vergingen noch drei weitere Tage in Paks, der Stadt in welcher wir wegen Eisdrift festsaßen, ehe wir endlich wieder aufbrechen konnten. Diese verbrachten wir mit Reparaturen und Vorbereitungen. In Budapest waren wir an den ungarischen Vertreter von VauDe vermittelt worden, der uns ohne viel Aufhebens durch seinen Werbeetat drei Paar neue Radtaschen schenkte. Vielen Dank, Robert! So reiste Matthias nocheinmal nach Budapest um diese abzuholen. Vorher hatten wir uns eigentlich fűr die Selbstbau-Variante entschieden, angespornt durch den erfolgreichen Spritzdeckenbau und die Aussicht alles genau nach unseren Bedűrfnissen machen zu können. So freuten wir uns aber doch sehr, denn zu reparieren gibt es auch so immer genug.

 

Als wir endlich aufbrachen, die Sachen schon alle zum Ufer getragen hatten und gerade das Boot holen wollten, wurden wir zu einer Mitfahrt auf einem Lastschiff eingeladen. Dieses hatte zur űberholung fűr ein paar Tage dort gelegen und wollte zur gleichen Zeit in unsere Richtung aufbrechen. Wir ließen es uns nicht zweimal sagen, hatten wir doch insgeheim schon länger mit einer solchen Möglichkeit geliebäugelt und zudem mit Nebel und Nieselregen nicht das beste Reisewetter. Schnell wurde alles auf dem großen Kollegen verstaut und die nächsten 50 Kilometer erlebten wir aus einer anderen Perspektive. Kapitän Tamas beantwortete unsere vielen Fragen und wir bekamen einen schönen Einblick in das Leben auf den Schiffen die uns täglich begegnen. In Baja wurde, um uns abzusetzen, neben einem am Anleger liegenden Schiff festgemacht und während wir uns noch fragten, wie wir denn das Boot űber das zweite Schiff an Land bringen sollen, waren Kapitän und Bootsmann schon auf dessen Dach geklettert und nahmen unsere Sachen entgegen, inklusive Boot. Zwei Tage später gab es ein hupenreiches Wiedersehen auf dem Fluss als wir Tamas und Gabor nocheinmal trafen, diesmal mit 900 Tonnen Mais beladen auf dem Weg nach Regensburg.

Wir verbrachten auf Einladung einen halben Tag in der kleinen Stadt Baja, bevor es endlich wieder ins Boot ging.

 

Fűr uns stand nun der erste kontrollierte Grenzűbertritt auf dem Fluss an. Eine Prozedur die etwas umfangreicher als ein Grenzűbertritt auf der Strasse ist. Nachdem man in der letzten ungarischen Stadt ausdeklariert hat, was mit dem Besuch von Polizei, Zoll, Wasserschutzpolizei und Arzt und dem Ausfűllen vieler Papiere verbunden ist, darf man bis zur Eindeklarierung in der ersten serbischen Stadt nicht anlegen. In diesem Fall bedeutete es 23 Kilometer durchpaddeln um dann in Besdan Bekanntschaft mit den serbischen Behörden zu schließen. Hier war gleich ein Unterschied zu spűren. Man zeigte sich nicht űbermäßig interessiert und wollte als erstes Passagierliste und Schiffspapiere sehen. Dies konnten wir ihnen noch ausreden, nicht aber das "Permit of Navigation" welches wir kaufen mussten um die Donau in Serbien befahren zu dűrfen. Dessen wirkliche Funktion ist uns noch etwas unklar und den Behörden wohl auch, denn hier in Belgrad wo wir es beim Hafen vorzeigen, uns an- und abmelden műssen, telephonierten sie erst zehn Minuten mit irgendwem und disskutierten lebhaft um uns dann ohne Stempel oder irgendetwas gehen zu lassen. 

 

Nach Ungarn wird die Donau fűr 138 Kilometer zum Grenzfluss zwischen Kroatien auf der rechten Seite und Serbien auf der linken Seite. Da wir in Serbien eingereist waren, durften wir fűr diese Strecke nur am linken Ufer an Land gehen. Fűr uns eine gewöhnungsbedűrftige Situation, pendeln wir sonst von einem Ufer zum anderen und können nicht verstehen wie dieser Fluss der doch allen gehört und niemandem, Grenze sein soll. Mittlerweile sind beide Ufer serbisch und wir wieder freier.

Seit Ungarn treffen wir immer mehr Fischer auf der Donau an. Sie surren mit ihren kleinen Motorzillen um uns herum, sei es um zu fischen, jagen zu gehen oder weil man auf der gegenűberliegenden Flussseite Holz gemacht hat. Gefischt wird in vielen Varianten, angefangen vom bekannten am Ufer stehen, űber das fischen vom Boot aus bis hin zu verschiedenen Techniken mit Netzen, die wir aber noch nicht ganz durchschaut haben. Wir sind immer mit Winken beschäftigt und űber die Fragen nach dem woher und wohin können wir uns gut verständigen.

 

Eines Abends wurde es mal wieder recht dunkel bis wir einen Schlafplatz fanden. Unsere Hoffnung ruhte auf einem Stűck Sandstrand welches wir erspäht hatten. Dort wurden wir von drei kleinen kläffenden Hunden begrűßt und als wir gerade wieder umdrehen wollten tauchte der dazugehörige Fischer auf. Er erlaubte uns dort zu zelten, eine geeignete Stelle  fand sich schnell. Die Fischer, in diesem Fall zwei, leben dort in einfachsten Verhältnissen in einer kleinen Hűtte während sie fischen. Der Fisch wird in der nächsten Stadt verkauft wo sie sonst auch wohnen. Sie fűhrten uns resolut vor wie man nach zwei Tagen Dauerregen mit viel Benzin und Plastikflaschen ein großes Feuer zustande bringt. Eine Sache die wir auch gut hinbekommen, allerdings mit weit weniger Benzin und mehr Zeit.

Auf die Frage ob wir einen Fisch kaufen könnten, wurde ein großes Exemplar aus dem Netz genommen und fűr uns zubereitet - paniert und fritiert. Eine äußerst leckere Variante die wir nun auch selbst versuchten. Am nächsten Morgen wurden wir mit dem Ruf "Kaffee" bei Schneeregen aus dem Zelt gelockt und mit starkem tűrckischem Kaffee geweckt. Zum Abschied drűckten sie uns allen Protesten zum trotz eine Tűte mit drei großen Fischen in die Hand, wir konnten uns also ausgiebig in der Fischzubereitung űben.

 

Serbien ist ein sehr schönes und angenehmes Land, wobei unser Eindruck nach wie vor von der immer schöner werdenden Donau geprägt ist. Diese wird immer breiter, űberschreitet in der Breite oft schon einen Kilometer. Ueberall lassen Sandstrände vom Sommer träumen, laden auf zahllosen Stelzen stehende Csardas zu Kaffee oder Fisch ein oder bieten kleine Inseln wunderschöne Schlafplätze. Wochenendsiedlungen tauchen immer wieder am Ufer auf, wobei sich der Standard vom Eigenbau aus Holz und Plane bis hin zu kleinen Schlösschen erstreckt.  Bei einer solchen trafen wir im strömenden Regen Slobodan, der uns interessiert ausfragte, seinen Schokoriegel schenkte und an seinen Freund Marko in Novi Sad vermittelte. Bei ihm und seiner Familie konnten wir fűr unseren Stadtaufenthalt nicht nur das Boot unterbringen, sondern bekamen auch gleich ein leerstehendes Haus als Unterkunft und Vieles gezeigt. Zudem einen Einblick in deren Import - Exportunternehmen nebst dazugehörigem Cafe, mit der besten heissen Schokolade, Schifffahrtsunternehmen und landwirtschaftlichem Unternehmen. Fűr die Weiterfahrt wurden wir mit einem Kanister voll Milch und einem grossen Fresspaket ausgestattet. Ein weiteres Erlebnis der großen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft hier und der Gelassenheit im Umgang mit plötzlich auftauchenden Fremden.

Als außerordentlich nette Stadt zeigte sich Novi Sad mit einem schönen alten Stadtzentrum, umgeben von scheinbar chaotischen Großbauten. In der Innenstadt kann man űberall kleine Hinterhöfe und Hinterhofpassagen finden mit weiteren kleinen Läden und Kaffees. Ein Ruhepol zum Verkehr und der űbermäßigen Leuchtreklame der anderen Stadtviertel. Vom letzten Krieg 1999, in dem Novi Sad aufgrund der Zerstörung aller Donaubrűcken traurige Bekanntheit erlangte, ist nichts mehr zu spűren. Die Brűcken sind wieder aufgebaut, nur an einer Stelle kann man noch Reste einer solchen mitten im Fluss sehen. Fűr uns war es in Novi Sad vorallem wichtig zu entspannen und etwas aufzutanken, hatten doch eine Erkältung und einige Regentage ihre Kraft gefordert. 

 

Drei Tage später sind wir in Belgrad angekommen, der serbischen Hauptstadt. Hier können wir in einer netten Hausfamilienwohngemeinschaft wohnen und einen Einblick in deren Leben bekommen. Eine riesige Stadt mit noch mehr Verkehr und nicht gerade vielen baulichen Reizen. űberall auf den Strassen und Plätzen wird alles nur Mögliche in Buden oder einfachen kleinen Ständen verkauft und auch wenn man nicht unbedingt den Eindruck hat, es wűrde viel dabei rumkommen, scheint es doch irgendwie zu funktionieren. űberhaupt funktioniert vieles irgendwie und mit der Zeit wird großzűgig umgegangen. Viele der jungen Menschen, die wir hier trafen, verdienen ihr Geld nicht mit einem festen Job, sondern mit dem Verkauf von Bűchern auf der Straße zum Beispiel oder mit dem Nähen von Kleidung die sie dann verkaufen. Langsam spűrt man die sich ändernden Kulturen auf der Reise und bemerkt, dass man immer weiter kommt. Als nächstes steht das Eiserne Tor mit den letzten beiden Schleusen an. Wir freuen uns auf den hoffendlich bald beginnenden Frűhling und darauf ein sehr abwechslungsreiches Wetter mit Regen, Sonne, Schnee und Wind gegen etwas mehr Sonne und weniger Schnee eintauschen zu können.