Eine Radwanderung

Istanbul - Kazan [Bilder]

 

Bis Istanbul hatten wir uns gar nicht mit unserer Route durch die Türkei beschäftigt. Dort besorgten wir verschiedene Karten (kein ganz leichtes Unterfangen), breiteten dieses riesige Land vor uns aus und fuhren Probe. Allen Empfehlungen zum trotz haben wir uns nicht dazu entschieden eine große Runde entlang der West- und Südküste zu drehen mit Abstechern nach Syrien und Jordanien. Man muss sich schließlich auch noch was fürs nächste Mal aufheben. Stattdessen wollen wir uns im nördlichen Teil des Landes bewegen, erst einen Schlenker im Landesinneren fahren, knapp nördlich an Ankara vorbei um etwa bei Samsun auf das schwarze Meer zu treffen und der Küste folgend nach Osten zu radeln.

 

Da wir unsere Abfahrt aus Istanbul etwas entspannter gestalten wollten als die Ankunft, wählten wir eine Fähre, die uns aus der Stadt über das Marmarameer nach Yalova brachte. Entspannt ging es auch weiter. Matthias hatte eine Erkältung die uns zwei Tage pausieren ließ und auch die nächsten Etappen ruhig und gemütlich machte.

 

Unser Weg führte uns durch wunderschöne abwechslungsreiche Landschaften. Durch Oliven- und Obstbaumhaine unter denen der freie Platz für reichen Gemüseanbau genutzt wird, viele Kilometer Bewässerungsschläuche inklusive. Über karge Berge wilder Schönheit mit eindrucksvollen Felsen und durch Landschaften mit roten und türkisen Bergen. Eine Vielfalt und Schönheit die uns begeistert und schwer in Worte zu fassen ist. Und wir können nur immer wieder bestätigen wonach wir gefragt werden und was die Menschen selber längst wissen, es ist wunderschön hier - "çok güzel".

 

 

Wir fahren möglichst kleine Straßen die zwar schlechter sind, aber weniger Verkehr haben. Immer wieder haben wir Berührungen mit den Menschen entlang der Straße und immer wieder sind wir überrascht von so viel Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Sei es ein fröhliches Winken vom Feld herüber, ein junger Landwirt der mit Cola und Bonbons auf uns wartet nachdem er uns mit seinem Traktor überholt hat oder Einladungen für die Nacht - die Geschichten sind vielfältig wie die Menschen und wie nebenbei erfahren wir oft viel über das jeweilige Dorf und die Gegend.

 

Die ersten beiden Dörfer liegen irgendwo in den Bergen. Dort haben sich Menschen angesiedelt die aufgrund ihres islamischen Glaubens nicht in ihrer kaukasischen Heimat bleiben konnten. In Kurtköy wohnen Menschen, die der Volksgruppe der Lasen angehören und ursprünglich aus der Grenzregion zu Georgien kommen, wo noch immer viele von ihnen leben. Sie sprechen neben dem türkischen eine eigene Sprache und während wir mittels Übersetzung von Muhammed, einem Jungen der vier Jahre in Deutschland war, mit den Männern des Teehauses reden, kocht der Besitzer extra für uns ein grosses Spiegelei.

Zwei Berge weiter liegt Güneyköy. Einst ein größerer Ort mit mehreren Moscheen und einer Universität, ist es heute ein halb verlassenes Dorf dessen Bevölkerung aus Dagestanern besteht, die vor 120 Jahren aus dem Ostkaukasus hierher kamen. Das Dorf hat das Schicksal so Vieler erlitten, die wir halb ausgestorben entlang der Strecke treffen. Die Hoffnung auf bessere Arbeitsbedingungen treibt die Menschen in die Großstädte und lassen sie bestenfalls noch für die Ferien zurückkehren.

 

Neben viel Sonne gab es auch Regen, über zwei Tage immer wieder. Da es trotzdem recht warm war, zogen wir Abwarten der Fahrt in Regenklamotten oder nass vor. So gabelte uns Ibrahim eines Nachmittags auf , nachdem wir es uns in einer Bushaltestelle gemütlich gemacht hatten. Er lud uns zu sich ins nahe Dorf ein, wo wir einen erlebnisreichen schönen Abend und die Nacht bei seiner Familie verbrachten. Ibrahim ist Landwirt mit einer kleinen Kuhherde und Ackerbau (Getreide, Zuckerrüben, Artischocken). Er hat drei Kinder wobei ihm die beiden Söhne Ali (19) und Faruk (16) in der Landwirtschaft helfen während seine Frau sich um Haushalt, die pflegebedürftige Mutter und die kleine Tochter Elifnur (5) kümmert. Mangels gemeinsamer Sprache waren wir freudig überrascht, hier Internet vorzufinden. So konnten wir mit Hilfe eines Übersetzungsprogrammes recht gut kommunizieren. Die Fragen gingen den ganzen Abend hin und her und Ibrahim erzählte, wie schwer es auch hier sei, von der Landwirtschaft zu leben - ohne Subventionen und soziale Sicherungen. Wir bekamen alles gezeigt, die Kühe, den Brotbackofen, die Vorratskammer, das Dorf..... Zum Essen knieten wir uns alle um einen niedrigen runden Tisch. Dieser wird in der Küche gerichtet und dann gedeckt ins Wohnzimmer getragen, wo er auf ein Tuch gestellt wir. Das Tuch legt man sich auf die Beine. Leckeres selbstgebackenes Brot, frisch auf dem Ofen getoastet wird in die vielen Schüsseln mit den verschiedensten Dingen getunkt, dazu reichlich Tee getrunken. Am nächsten Morgen bekomme ich zum Abschied ein Kopftuch geschenkt. "Gegen die Sonne" - wenn das mal kein Wink mit dem Zaunpfahl ist.

 

Wie wenig die Menschen die Wahl haben, gerade wenn sie in unwirtlichen Regionen leben, wurde uns in einem speziellen Tal deutlich. Fast jedes Haus hat hier mindestens einen langgezogenen Hühnerstall, viele Lastwagen der immergleichen Hühnerfirma fahren herum und an vielen Stellen riecht es verdächtig. Wir nennen es das Hühnertal. Viele Menschen sind hier den Kontrakt mit einer Firma eingegangen für die sie nun Hühner mästen. Sie haben kaum eine andere Wahl in diesem Tal ihren Lebensunterhalt zu verdienen und das Wohlergehen der Tiere ist nicht so wichtig wie die Masse. Uns wird die vertrackte Situation deutlich als wir einen Legebetrieb besuchen. Dass die Tiere kaum glücklich sein können muss wohl nicht erwähnt werden, da ist der Verbraucher gefragt, eine andere Haltungsform zu fordern, denn die Menschen hier versuchen nur zu überleben.

 

Einige Tage später gerieten wir zufällig in die Eröffnungswoche eines Kulturzentrums mit Wohnraum für Studenten. Während ich im Supermarkt nebenan einkaufte, wurde Matthias von ebendiesen jungen Studenten entdeckt und war gerade auf dem Weg zum Fototermin als ich wieder herauskam. Nun gut. Die nächste halbe Stunde wurden wir behandelt wie die höchsten Gäste. Nach einer Stärkung mit Möhrensaft, Tee und Eis zur gleichen Zeit und der Beantwortung vieler Fragen, wurden wir durch die Halle mit vielen Verkaufsständen geführt. Über Lautsprecher wurde von und über uns berichtet, uns wurde alles gezeigt und überall mussten wir probieren. Zum Abschluss gab es noch eine Spezialität "Haşmerim" mit Eis - sehr lecker und sehr süß. Viele Fotos später verließen wir den Ort des Geschehens - ein amüsantes Erlebnis in ungewohnten Rollen.

 

Eine Reise birgt eben immer Überraschungen und fordert Spontanität. Manchmal kann es aber auch etwas anstrengend sein. Wenn man zum Beispiel schon zum dritten Mal am Tag Mittelpunkt eines Menschen- nein Männerauflaufes ist, der alles von einem wissen will, während man eigentlich müde und die letzte Dusche längst überfällig ist. Aber daran müssen wir uns hier gewöhnen und meist ist es nicht so schwer sich seinem Schicksal zu ergeben.

 

Abends tanken wir immer alles Wasservorräte auf bevor wir uns einen Schlafplatz suchen. In Akbaş, einem kleinen Dorf, fuhren wir zu diesem Zweck zur Moschee, da es dort immer Wasser gibt. Es folgte die Einladung ins Teehaus nebenan und als klar war woher wir kommen, fanden sich gleich drei Männer die viele Jahre beim Daimler in Sindelfingen gearbeitet hatten und nun, das Rentenalter erreicht, wieder in der Türkei wohnen. So fiel die Kommunikation leicht und schnell wurde für uns entschlossen, dass wir unter keinen Umständen weiterfahren dürften sondern hier in ihrem Dorf die Nacht verbringen sollten. Viele Familien des Dorfes sind in Deutschland und kommen nur für die Ferien zurück. So auch die vier Kinder und neun Enkel von Darsun und Emine bei denen wir übernachteten. Wir hatten einen schönen Abend mit ihnen, erfuhren viel über das Leben als Gastarbeiter in Deutschland, telephonierten mit einer Enkelin und einer Tochter und bekamen ein sehr leckeres Essen von Emine zubereitet. Am nächsten Morgen nahmen wir noch einen tiefen Extraatemzug der guten Luft mit  auf den Weg, für die Verwandschaft in Deutschland die diese so sehr vermisst.

 

Landschaft, Menschen und Erlebnisse hinterlassen so viele tiefe Eindrücke, die kaum in Worte zu fassen sind.

Wir trafen einen weiteren Radfahrer. Sebastian aus Stuttgart, der von dort in den Iran radelt. Einen Mittag verbrachten wir zusammen bei Tee mit Austausch von Erlebnissen, Geschichten und Blicken in die Karte des jeweils Anderen. Danach fuhr er einen anderen Weg weiter.

Eine Einladung zum Tee wurde über einen Nescafe zu einem Abendessen, einer Internetmöglichkeit sowie einer Runde Bier, zu einer Nacht in einem Containerraum von Straßenbauingenieuren.

Ein Kopftuch, zwei Ringe und ein Affe, der schreit wenn man auf seinen Bauch drückt, kamen als Geschenke zu unserem Gepäck hinzu.

 

 

Viele Teeeinladungen haben wir genossen, besonders die von Fatma weil man nicht so oft von einer Frau eingeladen wird, manche mussten wir ablehnen um vorwärts zu kommen. Man sagt, die Türken hätten einen Extramagen für Tee. Wir arbeiten an unserem.