Eine Radwanderung

Kazan - Ünye [Bilder]

 

Haselnussberge

Wir sind wieder am Meer. Nach einer fast gleich langen Strecke auf dem Fahrrad wie vorher auf der Donau kehren wir ans schwarze Meer zurück. Hinter uns lassen wir die Berge Zentralanatoliens und des pontischen Gebirges welches sich hier entlang der Küste erstreckt. Auf das Meer treffen wir in der Stadt Ünye und damit auch auf den Beginn der sogenannten Haselnussküste. Noch 40 Kilometer in den Bergen wird die Landschaft geprägt durch Haselnusshänge. Dort oben, auf über 1000m üNN leben viele Menschen nur sommers, diese Alpform hier wird Yayla genannt, wobei jeder mit seinem Vieh selbst weidet, ohne eine Kollektivierung wie dies für den Alpenraum typisch ist. Die Kühe haben aber genauso Schellen, oft eine Art Kette aus bunten Perlen um den Hals und es ist meist Braunvieh (oder ähnliche Zuchtrichtungen). Da im pontischen Gebirge genug Regen fällt, fühlt man sich schon wie in der Schweiz.

 

Genau so wie es hier an der Küste fast nur Haselnussanbau gibt, werden in einem Teil des Yesilirmaktals nach Amasya nur Kirschen angebaut oder im Tal des Kizilirmak fast nur Reis. Der Reisanbau greift besonders ins Geschehen ein, da alle ebenen Flächen im Tal geformt sind. Kleine Felder, getrennt durch Dämme werden in gewässertem Zustand eingeebnet. Das Wasser fließt durch ein verzweigtes System von Gräben durch die Felder. Çorum wiederum ist Zentrum für Kichererbsen und deren vielfältige, süsse Verarbeitung, aber auch für Dachziegel. Eine Brennerei neben der anderen steht an der Strasse in die Stadt und in viel Handarbeit werden Ziegel zum Trocknen aufgestellt, eingesammelt, in die Öfen gestapelt und wieder entnommen, auf Hänger geladen um anderswo wieder aufgestapelt zu werden.

 

So hat jede Region ihre Spezialität, wie in Städten jede Zunft noch ihre Strasse hat. In der einen findet man einen Elektriker neben dem anderen, in einer anderen nur Schreinereien oder Fahrradwerkstätten. So eine hatten wir einmal nötig, als ich den Straßengraben unterschätzte, den ich einem Kurvenmanöver auf grob geschotterter Straße, die in der Kurve nach aussen abfiel und viel losen Schotter aufwies, bevorzugte. Eine kleine Restgeschwindigkeit genügte, um einen ordentlichen Achter in die gute Sputnikfelge vorne zu bekommen. Da es hier keine vergleichbaren Felgen gibt, schon gar nicht in 28", verbrachten wir den Nachmittag in einer Fahrradwerkstatt um den Schaden mit vielen neuen Speichen, Geduld des Monteurs und Schokolade als Dank auszubeulen. Geld wollten sie keines nehmen, obwohl sie mehr als eine Stunde damit zubrachten.kaputtes Rad

 

So vermissen wir manche deutsche Markenprodukte doch ab und an, treffen aber umso mehr Deutschtürken. Menschen, die 25 - 30 Jahre in Deutschland malocht haben, bis sie zum Arbeiten zu kaputt waren und nun hier von der Frührente oder Rente leben. Manche sind auch in Deutschland aufgewachsen, dann aber selber oder mit den Eltern zurückgekommen. Meist lebt aber noch ein großer Teil der Familie in Deutschland und kommt nur in den Sommerferien hierher. Dann, so Hanem und Sefal, ein Rentnerpaar das uns für eine Nacht bei sich beherbergte, spräche man im Park von Erbaa fast nur deutsch.

 

Den Kindern allerdings, die hierzulande aufwachsen, wir jegliche Fremdsprachenkenntnis vorenthalten. "Hello, what´s your name?" , "How are you?" und "Nice to meet you" - das muss reichen, wer mehr lernen will, muss zur Universität. Wenn wir in einen Ort fahren, kommt es häufig vor, dass eine Horde kleiner Jungs mal frech, mal interessiert, häufig kichernd und doch scheu uns überfällt und zu Fuß oder Fahrrad durch den Ort begeitet.

Viel selbstbewusster als diese Jungs war Merve (ca. 10) in Ibekköy. Wir haben abends am Dorfbrunnen unsere Flaschen gefüllt und sie kam mit einem 10-liter Kanister, den sie eigens zuvor geleert hatte, um ihn auffüllen zu müssen. Erst auf Englisch, das es mit einem Schulabgänger (s.o.) aufnehmen konnte, dann auf Türkisch fragte sie uns nach unseren Plänen, Namen, wie es uns gefalle etc. In einem Selbstbewusstsein und einer Sicherheit, die es mit den Erwachsenen aufnehmen kann. Wir hoffen, dass sie sich dies erhalten kann auch wenn die dörflichen Verhältnisse für sie als Mädchen nicht einfach werden.

 

Diese "Verhältnisse" wurden uns in Amasya deutlich. Offensiv wurden wir von einem vielleicht etwas komischen, aber eigentlich ganz netten Kauz angesprochen und bekamen für zwei Nächte dessen leerstehende Wohnung überlassen. In diese wird er mit seiner Zukünftigen einziehen, die er seit ein paar Wochen kennt und in ein paar Wochen heiraten wird. "Kennt" ist eigentlich euphemistisch, Ehen werden hier scheinbar noch häufig von den Eltern arrangiert, die den passenden Partner suchen. Dabei spielen Herkunft und Geldwerte eine wichtige Rolle und die beiden Eheleute sehen sich mitunter zum ersten Mal wenn es um ihr ja oder nein geht. In diesem Falle ist er 38 und sie 35. Bis jetzt hilft sie auf dem elterlichen Hof und somit steht der Brautpreis für den Verlust der Arbeitskraft.

Das Beste was ein Mann einer Frau bieten kann, ist wohl, dass sie nicht mehr arbeiten bzw. arbeiten gehen muss. Haushalt ist selbstverständlich und uns tut es dann schon weh, wenn die Frau des Hauses am Abend müde kocht und spühlt und tut, während der Mann mit den Gästen redet.

 

hello whats your name 26Wir waren häufige Gäste. Zu einem Tee (oder zwei oder dreien) werden wir stängig eingeladen, häufiger, als dass wir es annehmen können. Dann wollen sie unsere Geschichte hören, auch um diese stolz dem Nachbarn weitererzählen zu können. So bekommen auch wir Eindrücke von den Lebensverhältnissen hier und auch von den Einflüssen die eine solch starke Gastarbeiterabwanderung in ein Land hat. So gibt es im Fernsehen Werbung für Läden in Deutschland ebenso wie eine türkische Serie die in Berlin spielt. Ansonsten ist das TV Programm unserem Eindruck nach kriminell. Es wimmelt von Abschlachtungen und Hinrichtungen mit Liebe zum Detail und zur Krönung gibt es eine Serie, die irgendwie vom Kampf gegen die PKK handelt - gefährlicher Stoff.

Mit einem kritischen Geschichtsbewusstsein tut man sich schwer und man bekommt die beängstigsten Dinge zu hören, woran Medien keine geringe Schuld tragen. Da wird schonmal Atatürk mit Hitler verglichen (Im Sinne eines großen Führers) und Minderheiten im eigenen Land werden nicht unbedingt als solche angesehen, sondern gerne als Terroristen von denen man nicht verstehen kann, warum sie denn nicht glücklich sind. Wir versuchen dabei auch, eine andere Sicht auf die Dinge zu vermitteln, gerade wenn es um deutsche Geschichte geht.

 

"Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten" - dies erhofft man sich auch hier und baut und baut......manchmal nötig, manchmal scheinbar nicht und manchmal für nicht viel länger als ein halbes Jahr. Dann ist die Standzeit einer Schnellrenovierung aus 1cm Asphalt und 1cm grober Schotter vorbei und die Straße eine anspruchsvolle Hindernisstrecke. Was man aber lassen muss, ist, dass es fast keine Autobahnen gibt, dafür gut ausgebaute Landstraßen ohne Beschränkung auf langsame Fahrzeuge, denn für die gibt es einen breiten Seitenstreifen, der gegebenenfalls auch gegen die Fahrtrichtung benutzt wird und der auch für uns Radfahrende segensreich ist, da die Straßen sonst von den LKW-Fahrern schon wie Autobahnen benutzt werden.

Und obgleich sie uns bisweilen ungeheuer sind, die LKW - Fahrer freuen sich doch häufig über uns, schließlich sind wir ja auch LKWs - mit Muskelkraft. Einer wollte uns gleich samt Fahrrädern mit in den Iran nehmen, aber sein Laderaum war verplompt und so blieb es bei Kaffee und Keksen. Bergauf sind manche dieser schwerbeladenen Gesellen so langsam, dass ich mich manchmal angehängt habe. Man darf sich die Gefährte allerdings nicht so vorstellen wie sie bei uns sind. Die meisten sind noch oldstyle, Schnauze vorne, offene Pritsche und Ladung weit über die 4m gestapelt und mit Plane abgedeckt. Säcke werden geschickt gestapelt um auf fünf Meter Höhe zu kommen und Ziegelsteine so, dass sie von der Plane gehalten werden. Schade ist es um Obst und Salat, die im Fahrtwind austrocknen und Staub einfangen - wobei sie dies ja auch tun, wenn sie am Straßenrand verkauft werden. In den Städten gibt es viele fliegende Händler, Menschen mit einem Karren, die weniges Saisonobst verkaufen - grüne (unreife) Pflaumen, Kirschen, Tomaten.......

 

Wir radeln also weiter, immer weiter..... Die Temperaturen sind sehr warm, oft heiß und wir versuchen unseren Rythmus anzupassen mit langen Mittagspausen und frühem losfahren. Wir sammeln Eindrücke und Bilder und sind nach vier Tagen als Schlafgäste auch wieder froh das Zelt aufzustellen.

Graeber
In Amasya verbringen wir zwei Tage im wesentlichen mit Organisierereien und kommen dann doch noch dazu ein kleines Museum und die beeindruckenden Felsengräber zu besuchen.  Was man am besten angeschaut hätte,  das aber erfährt man dann doch immer erst im Nachhinein.