Eine Radwanderung

Tiflis - Kaukasus - Tiflis [Bilder]

 

 

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Tiflis - wieder eine Stadt und mal wieder Zeit für eine Pause die sich irgendwie von selbst ergibt. Im Vorhinein hatten wir keine genaueren Pläne und wie wir mittlerweile tausendfach feststellen konnten sind diese im Genaueren auch nicht nötig und es läuft ohnehin alles wie es soll.

 

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Wie schon so manchmal stellen wir auch hier wieder fest, dass es uns schwer fällt, Sehenswürdigkeiten geordnet und geplant zu besuchen. So bleibt es oft bei einigen wenigen Dingen und wir genießen es mehr uns Treiben zu lassen und den Eindruck des Landes von den vielen interessanten Begegnungen und Geschichten der Menschen prägen zu lassen. Manchmal nur Zuschauer seiend, auf einer Parkbank sitzend, manchmal involviert wenn sich das Interesse auf uns und die Räder richtet und wir wieder und wieder von uns erzählen.

 

Diese waren besonders vielfältig hier in Tiflis und je mehr wir von den verschiedensten Seiten über dieses Land erfahren umso bedrückender fühlt es sich manchmal auch an. Einige Eindrücke konnten wir ja bereits auf dem Weg hierher sammeln, nun kamen neue hinzu und der Blickwinkel wurde geweitet. In Tiflis konnten wir bei verschiedenen Menschen wohnen. Da waren die Eltern der georgischen Freundin eines Freundes die uns herzlichst georgisch bewirteten während die zwei Enkel aus Amerika um uns herumtobten. Da waren Ania und Pavel, ein polnisch-tschechisches Paar mit Kind, die hier für Hilfsorganisationen arbeiten und uns spontan einluden bei ihnen zu wohnen obwohl bereits andere Freunde da waren. Und zu guter Letzt noch eine Überraschung.

 

Das Schicksal dieser kleinen Länder in strategisch wichtigen Lagen ist nicht einfach. Interessen von allen Seiten stürmen auf das Land und die Menschen ein und in den Bemühungen, der oberen Schicht sich ein gutes Leben und dem Land einen starken Rücken zu verleihen, gehen die Menschen - um die es wirklich geht - oft unter. Entgegen offiziellen Darstellungen  wertete keiner der Menschen, mit denen wir sprachen, den letztjährigen Krieg als Gewinn oder Sieg über das große Nachbarland. Teilweise herrscht Groll gegen es, aber viel ist man der Meinung, dass es nur mit Zusammenarbeit gehen kann und die Grenzschließung nach Russland, provoziert vom hiesigen Präsidenten, allen nur schade. Flüchtlingslager und Demonstranten, die seit April vor dem Parlament campieren sind weitere Endrücke. Beim Zuhören erschien mir die Situation für dieses Land oft fast aussichtslos und angesichts der vielen gebildeten Menschen, die ihr Glück im Westen machen, ist es jedes Mal eine freudige Überraschung wenn man hier auf initiative und positiv denkende Menschen trifft.

Neben der grandiosen Landschaft und den tollen eigenen Produkten, baut der Stolz vieler Menschen hier auf alte Traditionen und die Kirche. Gerade dies ist uns immer wieder und immer noch unerklärlich, scheint doch alles so europäisch wenn man sich hier in der Stadt bewegt und es bedarf schon eines Ganges in die Seitenstraßen um das wirkliche Georgien zu treffen. Das traditionelle Denken hat die meisten Menschen fest im Griff und es ist mindestens so wichtig verheiratet zu sein wie in der Türkei. Der Einfachheit halber behaupten wir dies auch oft von uns, schließlich übersteigt es unsere Kapazitäten zwanzig Mal am Tag zu erklären wie es sich bei uns mit dem Zusammenleben verhält. Und dann folgt prompt die Frage nach den Kindern. Aber damit haben wir mittlerweile Erfahrung und vertrösten auf nach der Reise.

Tbilisi_3Die Kirchen sind für uns von außen schön. Innen ist es dunkel und man fühlt sich eingeengt und bedrückt. Auch der Umgang mit ihr ist für uns oft unglaublich und verwirrt beobachten wir die Menschen jeder Alltagsgruppe die aus ihrem Alltag heraustreten, in die Kirche hinein und hier Bilder und Gegenstände küssend ihren Glauben kundtun. Da ist das mehrmalige Bekreuzigen, wenn man an einem religiösen Bauwerk vorbeifährt, fast nebensächlich. Gerade der Umgang im alltäglichen Leben miteinander, sei es in der Gleichberechtigung von Frauen oder das man anhält wenn eine Frau mit Kinderwagen die Straße überqueren möchte, lässt viel zu wünschen übrig und wir fragen uns, warum christliche Werte in solchen Situationen komplett vergessen werden, wo sie vorher doch ausgiebig demonstriert wurden.

Die Kirche ist als georgisch-orthodoxe Kirche eigenständig, eine der ältesten (seit 337) und seither nicht modernisisert. In einem Priesterkult nehmen die Gläubigen am Gottesdienst teil, ohne die altgeorgische Sprache zu verstehen. Inhalt oder Aussage sind insofern Nebensache. Da Kirche und Staatsgebiet eines sind, ist ein Erstarken seit der georgischen Eigenständigkeit auch darin zu sehen, dass die Identifikation mit der Kirche eine mit dem Land darstellt - und damit mit Werten, die Voltaire im Grabe rotieren lassen.

 

Nach einer Woche in der Stadt mit Ausruhen, dem Besuch des ethnografischen Museums und der schönen Altstadt und einigem Drumherum gaben wir den Fragen ob wir denn schon im Kaukasus waren, nach und machten uns auf die Reise. Gut, wir waren nicht schwer zu überzeugen und da die Fahrräder lieber hier pausieren wollten, waren wir froh einen Rucksack leihen zu können.

 

Das Transportmittel der Wahl, mit dem zu jeder Zeit Unmengen Menschen, Taschen voll Früchte und allem Möglichen, Sofagarnituren und alles was man sich vorstellen kann durch das Land transportiert werden heißt Marschrutka. Dies sind Ford- oder Mercedesbusse, meist deutschen oder holländischen Ursprungs die nach einem vermutlich angenehmeren Leben als Firmenbus im Westen ihren wesentlich holperigen Lebensabend hier verbringen. Oft wird die Aufschrift auf dem Gefährt belassen, manche fragen uns was es denn bedeutet, nur die Polizei hat ihren Schriftzug dann doch abgekratzt. Als ein LKW von Heidelberg Zement an uns vorbeifährt müssen wir dann doch ein Foto machen und erfahren erst hinterher, dass diese Firma hier jegliche Betonwerke aufgekauft hat.

 

Die Marschrutkas fahren bestimmte Routen ab, hier in der Stadt mit Nummern versehen, Überland mit dem Ziel auf einem Schild hinter der Windschutzscheibe. Der Preis richtet sich nach Entfernung und Verhandlungsgeschick (für Ausländer) und sitzt man einmal drin verspricht es interessant bis aufregend zu werden. Das Ziel eines Marschrutkafahrers scheint nämlich nicht primär darin zu bestehen, seine Passagiere möglichst schnell und gesund an ihr Ziel zu bringen. Die Herausforderung besteht darin, möglichst sehr schnell zu sein, sich nicht überholen zu lassen und auf gesunde oder gewöhnte Mägen der Kundschaft zu hoffen. Nun, wir hatten nur einen wirklich schlimmen Fahrer und empfanden es als sehr einfach hier herumzureisen, auch wenn es etwas Zeit erfordert das richtige Fahrzeug zu finden da man sich durchfragen muss wenn man die hiesige Schrift nicht lesen kann.

 

Unser Ziel ist der kleine Ort Kazbegi im Kaukasus, kurz vor der russischen Grenze. Von hier aus wandern wir für drei Tage durch die Berge, entspannt, begegnungsreich und wunderschön. Wie immer wenn wir in den Bergen sind, gewittert es täglich. Die größeren Herausforderungen bildeten allerdings Flussüberquerungen wegen dem vielen Regen die Tage vorher und ein fast-Hundeangriff. Wir genießen die Zeit und die Ruhe und fahren zum Abschluss noch eine Runde durch den Osten des Landes. Teilweise trampen wir, teils nehmen wir Marschrutkas und sehen so im Schnelldurchlauf  eine Strecke für die wir einige Tage benötigt hätten.

 

Wieder zurück, wollen wir am nächsten Tag die Stadt verlassen. Die Straße lockt und wir freuen uns wieder auf den Fahrrädern zu sitzen, auch wenn das Wetter zunehmend heißer wird und die Temperaturen oft nahe an die vierzig Grad herankommen. Aber da kommt uns noch etwas dazwischen....

 

Mit Fahrrädern und Gepäck in der Stadt unterwegs treffen wir einen jungen Georgier mit Fahrrad. Wie schon letztes Mal erwähnt, gibt es das nicht sehr oft hier und wir freuen uns jedes Mal. Diesmal sind wir aber erstaunt, als Gio uns erzählt, er sei Fahrradkurier. Wir sind mehr als begeistert, hätten wir mit soetwas doch nie gerechnet hier und wie es so kommt, verbringen wir den Abend mit ihm und seinen Freunden und lernen noch einmal eine andere Seite kennen. Nachdem aufgrund des letztjährigen Krieges die Touristen dieses Jahr nur sehr vereinzelt hierher kommen, musste Gio, der sonst als Guide arbeitete, sich etwas Neues einfallen lassen. Er fährt gerne Rad und so kam ihm, inspiriert durch das Internet diese Idee. Seit drei Monaten radelt er mit fünf Freunden durch die Stadt, transportiert Dinge für Firmen und versucht seine Idee zu verbreiten und Unternehmen von den Vorteilen eines schnellen, unkomplizierten und vor allem umweltfreundlichen Transportes zu überzeugen. Diesbezüglich liegt viel Arbeit vor ihm, aber es fängt recht gut an und wir wünschen ihm, dass sich das Unternehmen erfolgreich entwickelt und sich seine Idee durchsetzt.

 

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