Eine Radwanderung

Tiflis (Georgien) - Meghri (Armenien) [Bilder]

 

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Armenien - schaut man sich dieses kleine Land auf der Karte an, so fallen vorallem zwei Dinge ins Auge: viele Höhenlinien, besonders im Süden, und viele Grenzen, Enklaven und unklare Gebiete. Nachitschewan, eine aserbaidschanische Enklave im Südosten von Armenien. Bergkarabach, eigentlich eine armenische Enklave in Aserbaidschan, die aber mitsamt der umliegenden Provinzen von Armenien besetzt ist. Hier ein armenisches Dorf mit eigener Grenze in Aserbaidschan, dort ein aserbaidschanisches in Armenien.

Verwirrend, was jahrhundertealte Politik, Grenzfestlegung und ein ausgeprägter Nationalstolz hervorgebracht haben und schade, dass dem so viele Menschenleben geopfert wurden. Vorallem letzterer Faktor verscherzt den Menschen einiges, sind doch die Grenzen im Osten nach Aserbaidschan und im Westen in die Türkei seit dem Krieg um Bergkarabach geschlossen, Handelswege nur nach Norden und Süden offen.

Das starke Nationalgefühl ist immer noch vorhanden, vielleicht brauchen es diese kleinen Länder um zwischen den großen Nachbarn zu überleben, sicher schafft es aber auch viele der Probleme. Sätze wie: "Ich brauche kein Englisch, ich wohne in Armenien" und "Warum sprecht ihr kein Armenisch?" begegnen uns oft und verwundern uns. Schließlich ist hier, noch mehr als in Georgien, Russisch die Zweitsprache, die zumindest von den älteren Menschen gut gesprochen wird und uns auch ohne Armenischkenntnisse eine gute Kommunikation ermöglicht. Wir sind durchaus der Meinung, dass es wichtig ist, andere Sprachen zu lernen und bemühen uns immer um zumindest einige Wörter. Allerdings ist es bei unserem Reisetempo unmöglich alle Sprachen zu können und umso froher sind wir wenn es uns wie hier einfach gemacht wird. Erst wenn all dies erklärt ist und wir den Fragern erklärt haben, was wir sonst für Sprachen sprechen können diese über die Abwesenheit unserer Armenischkenntnisse hinwegsehen.

 

 

 

 

Armenien_02Von Tiflis aus ist es nicht weit nach Armenien. Wir fahren einen Tag durch eine ebene, gelb ausgedorrte Landschaft. Hier ist es sehr heiß, Regen gibt es nicht viel und die gerade abgeernteten Getreidefelder verstärken den kargen, ausgebrannten Eindruck. Dieser ändert sich mit der Grenze schlagartig. Das Tal wird eng und grün, Pfirsiche u.a. Obst werden angebaut - natürliche Klimagrenzen wie sie uns in Armenien noch oft begegnen und uns immer wieder verblüffen. Karge, ausgedorrte Gebiete wechseln sich mit grüneren Gebieten ab und nicht selten fahren wir einen Berg in grüner Landschaft hinauf und zwischen schroffen Felsen, fast ohne Bewuchs, wieder hinab.

 

Der Norden des Landes ist stärker besiedelt, hier befinden sich die größeren Städte, auch Yerevan, und im Osten der Sevansee - Ausflugsziel Nummer 1 für alle, die es sich leisten können. Und egal wie arm ein Land ist, davon gibt es immer genug. So ist der größte Teil des 1900 müNN hoch gelegenen Sees eher mäßig besiedelt, ab und an trifft man auf ein kleines Dorf mit ländlicher Bevölkerung. Im Nordwesten hingegen findet man bei der Stadt Sevan durchaus auch "Luxusanlagen" mit allem Schnickschnack den es im Wassersport gibt.

Der Süden ist deutlich spärlicher bewohnt, schroffe Berge und teilweise sehr tief eingeschnittene Canyons machen das Land unwirtlich und stellenweise unbewohnbar. Für uns heißt dies vor allem, dass wir unentwegt hoch und runter fahren und viele Höhenmeter bewältigen. Da wir ohnehin keine Wahl haben, es führt lediglich eine Straße in unsere Richtung, gewöhnen wir uns an die vielen Pässe und können durchaus eine wachsende Kondition an uns beobachten. Alles was man braucht ist eben Zeit, Geduld und genügend russische Bonbons im Gepäck.

Diese werden überall in den kleinen Läden offen verkauft und mausern sich zu unserer Lieblingssüßigkeit in Armenien. Seltsamerweise gibt es nirgendwo die Gleichen und so kaufen wir jedesmal wieder eine Überraschungstüte.

Armenien ist ein gutes Fahrradreiseland. Die Straßen sind im Vergleich zu Georgien traumhaft gut und wenig befahren, dementsprechend kooperativer begegnen uns die anderen Verkehrsteilnehmer und wir können das Fahren genießen, ohne uns zu sehr um den Verkehr kümmern zu müssen. Nur mit der Schlafplatzsuche wurde es manchmal nicht ganz leicht, wenn man gerade auf einer engen Straße am Berg unterwegs ist, keine ebene Fläche in Sicht. Aber irgendwann findet man immer etwas.

 

Armenien_08Neben den Bergen ist Armenien für seine Kirchen und Klöster bekannt. Diese liegen allerdings wiederum mehrheitlich irgendwo in den Bergen so, dass wir nur einen sehr kleinen Teil besuchen. Die Architektur ist schlicht-schön, auffallend sind sehr detailliert ausgearbeitete und gut erhaltene Kreuzreliefe und Ornamente.

 

Zu den Kuriositäten am Straßenrand zählen ausgeschilderte Parkplätze mit Rampe. So kann man seinen Lada auch von unten reparieren, sollte das Problem mal nicht unter der Motorhaube liegen wie es offensichtlich meist der Fall ist.

Die Beschilderung bezieht sich hauptsächlich auf Kurven, die auch dann noch gewissenhaft angekündigt werden, wenn man ohnehin schon für viele Kilometer in Serpentinen unterwegs ist. Nicht, dass die LKW-Fahrer noch von deutschen Autobahnen träumen..... Steigungen werden hingegen fast ausschließlich mit 9% angegeben, komme was wolle.

 

 

Menschlich fiel uns der Anfang etwas schwer. Wir hatten beide Durchfall, natürlich schön nacheinander so, dass mehrere Tage eher lahm verliefen. Die bewährte Cola-Kohle Diät half zwar wie gewohnt, aber das dicke Fell war dünner in diesen Tagen und die erforderliche Geduld zur Beantwortung der vielen Fragen war manchmal nur schwer aufzubringen. Die Menschen begegneten uns auch hier sehr Kontaktfreudig, viele freundlich, teilweise fühlten wir uns aber auch von oben herab behandelt. Scheinbar waren unsere Fakten wichtiger als wir und man war sicher alles besser zu wissen. Allerdings bin ich mir auch sicher, dass Durchfall nicht von mangelndem Vodkakonsum kommt....

Dem gegenüber standen sehr herzliche Begegnungen. Oft bekamen wir Essen geschenkt, wurden zu Kaffee eingeladen oder zum Übernachten. Früchte waren die häufigsten Geschenke. Mal drückt uns ein Mann eine riesen Tüte Pfirsiche und Pflaumen in die Hand, einen anderen Tag teilt ein Professor am Straßenrand seine Melone mit uns oder wir ruhen uns im Schatten aus und schon kommt eine Frau mit frischen Aprikosen aus dem nächsten Haus. Auch das Mittagessen, das ein französisches Paar mit uns in ihrem Wohnmobil teilte, freute uns sehr, zumal es draußen in Strömen regnete.

 

Und dies alles von zumeist sehr armen Menschen. Im Bezug auf die Lebensverhältnisse ist der Tenor ähnlich wie in Georgien. Es gibt keine Arbeit, demzufolge kein Geld und überleben muss man doch irgendwie. Nur der Sündenbock ist hier nicht so einfach festzustellen. Die Selbstversorgung bildet auch hier die Stütze vieler.

Die Idee, eigene Produkte am Straßenrand zu verkaufen mag gut sein - nur, ein Straßenstand kommt selten allein und wie es uns schon in der Türkei seltsam ins Auge fiel, scheint man sich auch hier je Region auf ein Produkt zu spezialisieren. So gibt es die Möhrenstraße, den Maiskolbenpass, das Pfirsichtal und das Knoblauchdorf. Aber warum zwischen zehn Schaschlikständen niemand auf die Idee kommt, Obst anzubieten oder sich Maiskolben an keinem anderen Ort im Land finden lassen, bleibt ein für uns ungelöstes Rätsel.

 

Übernachtungseinladungen nahmen wir selten an. Wir hatten oft das Gefühl, die erholsame Ruhe des Zeltes zu brauchen und nachdem unser erster Besuch bei einer netten Familie sich im wesentlichen um Alkohol drehte, waren wir erstmal gesättigt. Schließlich mussten wir uns noch am Morgen rechtfertigen, warum wir denn jeder nur ein Bier und einige Gläser Vodka getrunken hatten.

 

 

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Dann fing uns eines Abends Babulja beim Wasserauffüllen ab. Diese alte Frau wohnt ganz alleine an der Straße und freut sich sichtlich über Abwechslung. Wir sind mal wieder gespannt, der nächste Hügel kann auch bis zum Morgen warten. Wir bleiben. Es ist ein entspannter Abend bei Tee und im Schein der Gaslampe erzählt Babulja in gebrochenem Russisch von ihrer Familie. Sie hat viel Kontakt mit iranischen LKW-Fahrern und deshalb ist ihr Russisch den nötigen Türkischkenntnissen gewichen. Ich geniese das weiche Bett, obwohl es gnadenlos durchhängt.

 

 

Nach solchen Begegnungen fühlen wir uns oft selber ratlos angesichts der schwierigen Lebensbedingungen und der auswegslosen Situation in der sich so viele Menschen befinden. Früher zu Sowjetzeiten, ja da gab es Arbeit, da ging es den Menschen besser. Aber jetzt scheint sich das Land in einem Vakuum zu befinden und jederman lebt von der Hoffnung, dass es besser wird, dass von irgendwoher Hilfe kommt - irgendwann. Das mit der Eigeninitiative scheint eine schwierige Sache zu sein, warten ist wohl einfacher.

 

So wie das Land äußerlich und innerlich für uns seine Höhen und Tiefen hat, so hält es auch das Wetter. Schon in Tiflis war es sehr heiß und dies setzt sich teilweise fort, abwechselnd mit Regen. "Hier regnet es sonst nie im Juli", hören wir, nachdem wir einen halben Tag im strömenden Regen gefahren sind. Das mag durchaus sein, nur dieses Jahr ist es anders und es regnet jeden Tag. Meist zum Glück abends oder nachts und wir lernen die Zeichen genauer zu deuten und in letzter Minute das Zelt in Rekordgeschwindigkeit aufzubauen um dann den Orkanböen und Sturzbächen zuschauen zu können - von innen.

 

Armenien_38Schlussendlich kommen wir ganz im Süden an. Nach einem Tag mit viel, viel Kletterei auf einer neuen Straße mit minimalem Verkehr, stehen wir in 2500 müNN auf dem letzten armenischen Pass. Vor uns breiten sich in einem wunderschönen Panorama die iranischen Berge aus, schroff gezackt und wild. Wir ziehen so viel an wie schon lange nicht mehr, die Sonne geht unter und frierend in einem eisigkalten Wind fahren wir die großen Sepentinen bergab.