Eine Radwanderung

Meghri (Armenien) - Tabriz (Iran) [Bilder]

 

Nach den letzten Erledigungen in Armenien fahren wir in Richtung iranische Grenze. Noch einmal biegen wir in einen Seitenweg ein, die Hosenbeine müssen heruntergerollt und irankonforme Kleidung muss angelegt werden. Zu den im Iran geltenden Kleidungsvorschriften zählt für mich ein langes, langärmeliges Oberteil (gar nicht so leicht aufzutreiben mitten im Sommer in Armenien) und ein Kopftuch. Matthias muss lediglich mit langer Hose fahren, kurze Ärmel haben sich bei Männern schon lange durchgesetzt. Diese Vorschriften gelten überall in der Öffentlichkeit, für alle und bei jedem Wetter. Zuhause kann man es handhaben wie man es möchte, nur bewegen wir uns ja den ganzen Tag in der Öffentlichkeit.

Frisch angekleidet rollen wir den Grenzzaun auf armenischer Seite entlang. Die Grenze bildet der Fluss Arad von dem aus zu beiden Seiten die Berge steil hinaufgehen. Kahl und unwirtlich sieht es auf beiden Seiten aus. Jedes Land hat eine Straße entlang des Flusses und von Türmen auf beiden Seiten aus wird die Grenze überwacht. Der Grenzübertritt verläuft problemlos und die Iraner sind so freundlich, nicht einmal unser Gepäck zu scannen, während eine iranische Gruppe nach uns genauestens durchsucht wird. Nichtsdestotrotz bin ich etwas aufgeregt. Ich fühle mich eher verkleidet und darin noch nicht ganz zuhause. Was wird uns wohl erwarten in diesem Land über das man die kontroversesten Informationen hört?

Erstmal erwarten uns Berge und Wüste. Zumindest stellen wir uns Wüste so vor. Kahl, leer, es gibt nur Steine und Erde. Die bestimmende Farbe ist hellbraun – sandfarben. Hier wächst nur, was mit Hitze und Wassermangel zurechtkommt und die Pflanzen sichern sich ihr Überleben mit Stacheln und spitzen Blättern. Ob die Kühe hier Steine fressen?

Wir werden zwar nie auf den Mond kommen, aber so ähnlich wie hier stellen wir es uns dort vor und irgendwie ist es trotzdem schön.


Die ersten zwei Tage fahren wir fast nur durch diese Landschaft. Die Straße ist klein und nur mäßig befahren. Selten begegnen wir einem Dorf. Die Häuser sind meist aus Lehm mit flachen Dächern und schmiegen sich unauffällig in die gleichfarbige Landschaft. Auffälliger ist jedes bischen Grün im Umkreis und die Getreidefelder, auf denen in Handarbeit das Getreide geerntet und zu Garben gebunden wird. Zum Dreschen kommt dann eine Maschine direkt auf das Feld und hinterlässt kleine Hügel von gehäckseltem Stroh. Das Stroh wird neben und auf den Häusern zu hohen Bergen aufgetürmt. Das ist bestimmt nicht die Gegend die gemeint ist, wenn Reisende überrascht von einem hoch entwickelten Land berichten.


Auf unserer Karte gibt es Flüsse, allein, die meisten Flussbetten sind leer. Zum ersten Mal seit Langem ist Wasser nur schwer zu bekommen und wir müssen immer alle Flaschen auffüllen. Das Wetter ist heiß und so ist es ohnehin schnell wieder aufgebraucht.

Unser Wecker klingelt nun schon früh am Morgen – bei den Temperaturen ist es besser sich anzupassen und die kühleren Morgen- und Abendstunden zum Fahren zu nutzen. Schatten ist ein rares Gut und wir sind froh für Mittags einen großen Baum zu finden.


tabriz 088Die Menschen sind zurückhaltend hier. Ihre Neugier können sie aber nicht verbergen und oft werden wir offen angestarrt. Diese ersten Tagen verunsichert es mich sehr. Bin ich vielleicht falsch angezogen? Benehmen wir uns nicht richtig? Hier auf dem Land sind alle Frauen von Kopf bis Fuß in ein langes Tuch gehüllt. Angesprochen werden wir erstmal nur von Männern und folglich ist Matthias der Ansprechpartner während ich gar nicht zu existieren scheine. Das ist die hiesige Art eine Frau respektvoll zu behandeln, hier im ländlichen Gebiet noch deutlich ausgeprägt. Ich empfände einen zurückhaltenden Gruß deutlich angenehmer als einerseits ignoriert und andererseits offen angestarrt zu werden.


Je näher wir Tabriz, der ersten großen Stadt kommen, umso besser wird es. Man sieht immer mehr und verschiedenere Interpretationsformen der Kleidungsvorschriften, Gruppenfotos werden auch mal mit beiden Geschlechtern gemacht und ich werde nicht mehr nur ignoriert. Ich beginne mich wohler zu fühlen und wir sehen ein, dass wir angestarrt werden weil wir Ausländer sind, weil wir Fahrrad fahren und weil wir unweigerlich anders aussehen. Das hält aber hier in der Stadt auch niemanden mehr davon ab uns anzusprechen. Auf Schritt und Tritt werden wir bestürmt und gefragt woher wir kommen etc. Das kennen wir ja schon, hier nimmt es aber nochmal ungeahnte Dimensionen an und dank der Erfindung des Photohandys kann man die seltsamen Ausländer auch gleich noch Fotografieren oder ein Video drehen.

 

Tabriz ist die erste große Stadt auf die wir treffen und plötzlich ist alles quirlig und bunt und so ganz anders als wir es vorher erlebten. Wir finden ein ruhiges Plätzchen, sogar mit einem grünen Garten und können uns für ein paar Tage wie zuhause fühlen. Wie gut das manchmal tut!

Nach einem Tag machen wir uns allerdings schon wieder auf den Weg. Wir bekommen die Gelegenheit, am hiesigen Wochenende zusammen mit einer Bergsteigergruppe den Sabalan, den dritthöchsten Berg  Irans mit 4811müNN zu besteigen. Da sagen wir natürlich nicht nein und da ihr Bus schon voll ist, fahren wir einen Tag eher los und besuchen noch die Stadt Ardabil und dort das Mausoleum von Sheikh Safi, ein sehr sehenswerter Bau bei dem man in jedem Winkel über die Baukunst staunen kann.

tabriz 103Die zwei Tage die wir mit vielen, vielen Iranern am Berg verbringen werden zu einem intensiven Kontakt mit der iranischen Lebensart. Irgendwann Mittags geht es nach viel warten endlich los. Am Fuß des Sabalan treffen wir die Bergsteigergruppe und nach einem gemeinsamen Mittagessen stellt sich heraus, dass man einen großen Teil des Aufstiegs mit Jeeps fahren kann und viele, inklusive unserem Gepäck dies auch tun. Wir wandern mit dem Kleingepäck und landen am frühen Abend im Basecamp. Als wir die ersten Zelte am Berg erkennen, ahnen wir noch nicht, dass dieses Wochenende der perfekte Termin für die Besteigung ist, den mehrere hundert Menschen nutzen. So ist es diesmal nicht gerade meditativ in den Bergen, sondern eher eine große Party die ungeachtet des frühen Starts am nächsten Morgen die ganze Nacht andauert. Jeder nur findbare Platz ist mit Zelten bedeckt, dicht an dicht und zwischen den iranischen Einheitszelten fällt unser Zelt ebeso auf wie wir. Die Menschen sind neben dem Fragen auch sehr mitteilungsfreudig und versuchen uns ihre enthusiastischen "Aserbaidschan, Aserbaidschan" Rufe zu erklären die laut und bestimmend sowohl während des Tanzens als auch beim Aufstieg am nächsten Tag erklingen. Hier im Norden befinden wir uns in den aserbaidschanischen Provinzen. Es wird azeri-türkisch gesprochen und die Menschen hier fordern mit ihren Rufen mehr Freiheit für ihre Kultur und Sprache. Uns beängstigt und befremdet es in dieser Intensität eher.

Am nächsten Morgen beginnt dann nur Matthias den Aufstieg, mich hat in der Nacht wiedermal ein Durchfall überffallen und ich verzichte lieber, schließlich kann man hier nicht ganz so einfach hinter dem nächsten Stein verschwinden. Während ich also ausschlafe und von unten die Menschenmenge beobachte, die wie Ameisen den Berg hinauf und hinabkriecht, erwandert Matthias seinen bisher höchsten Gipfel. Knapp unterhalb des Gipfels befindet sich einer der höchstgelegenen Kraterseen der Welt und den meisten genügt dies als Ziel. Er klettert ganz nach oben und kann den Rundblick genießen. Sehr geschafft kommt er später wieder unten an. Es war doch viel und auch ihm ging es nicht ganz gut, zudem die zwei letzten Nächte kurz. Die Bergsteigergruppe hingegen wollte schon viel früher wieder aufbrechen, meine Erklärungen ich könnnte ohne Probleme alleine (mit immernoch hundert anderen) auf Matthias warten, wurden auch beim zehnten Mal nicht erhört und so blieben noch drei Mitglieder bei mir, ihre Kultur gebietet es. Sehr gewöhnungsbedürftig für mich, sind wir doch immer alleine unterwegs und ich komme alleine sehr gut zurecht. Die iranische Denkweise ist aber eben eine andere und alleine geht gar nichts. Dass die allseitsgelobte Höflichkeit auch ganz schnell aufhören kann, wenn hundert übermüdende Menschen anfangen sich handgreiflich um die raren Plätze in den wenigen Jeeps zu streiten konnnte ich derweil aber auch beobachten. Der arme Matthias war natürlich auch nicht gerade glücklich gleich weitergezerrt zu werden, die anderen mussten schließlich weiter und sehen uns als unfähig an alleine herunterzugehen. Wir sind zu müde uns zu wehren und irgendwie froh, als wir wieder unten und alleine sind. So nett diese Fürsorge gemeint ist, wir möchten doch gerne selber bestimmen was wir machen wollen und uns nicht vereinnahmen lassen.

 

tabriz_27Die nächsten Tage erholen wir uns in Tabriz. Schlafen lange, reden viel mit unseren Gastgebern, gehen ins Kino und besichtigen die Stadt - Entspannunng eben. Neben den Sehenswürdigkeiten die wir von einem jungen Tabrizer gezeigt bekommen, ist für uns vorallem das Leben auf der Straße interessant. Was isst man hier? Was gibt es zu kaufen? Und, und, und..... So versuchen wir weiterhin im iranischen Leben anzukommen und es wird wieder Zeit aufzubrechen. Wir sind nun auf dem Weg nach Teheran, mit kleinen Umwegen.