Eine Radwanderung

Bischkek

 

 

Wohnen

Was Radwandernde nicht haben, hat die neue Wohnung in Bischkek. Waschmaschine, Bad mit fließend warmem, ja heißem Wasser. Betten, jeder seins und ihres, dazwischen der harte Graben. Eine Zentralheizung, selbstredend nicht steuerbar (wir haben sie dann mit allen Wolldecken abgehängt, um der Hitze etwas zu entgehen). Und einen Backofen für Apfelkuchen, Apfelstrudel und Aufläufe... Mit unserem Benzinkocher, Topf und Pfanne können wir gleichwohl alles kochen, aber backen nicht, was die ersten Tage ausgiebig nachgeholt wurde.


Es ist eine Wohnung in einer Plattenbausiedlung, der Schnitt ist überall identisch, selbst die Lichtschalter sitzen an den selben Stellen. Zwischen den Gebäuden im 7. Mikrohimmel einige Bäume, Wäscheleinen, kaputte Wege und ein Sportplatz. Ein Supermarkt, der es sich leisten kann, die Kunden zu ignorieren, dafür aber auch ein paar Buden, die das Nötigste verkaufen. Ein Internetcafé, das tatsächlich wohl auch das billigste ist, zumindest im Vormittagstarif. Und nicht viel weiter liegt ein großer Bazar.Bischkek-7


Unsere Wohnung ist im "Ersten Stock", also Erdgeschoss mit ein paar Stufen. Wir nehmen unsere Räder stets mit hinein, dem Sicherheitsgefühl zuliebe. Drei Türen, ein paar Stufen, ein enger Gang um die Ecke und sie stehen prominent im Wohnzimmer. Wir fahren recht viel Rad, schließlich sind wir an einem anderen Ende der mittlerweile Millionenstadt Bischkek von unseren Einsatzstellen.

 

 

Rumkommen
Man kann auch Bus fahren. Es gibt Trolley (Oberleitungs-)busse normaler Größe, etwa halb so große Dieselbusse neuerer Bauart und die für Entwicklungsländer stets üblichen Minibusse - "Marschrutkas". In diese Busse, die bei uns als 9-Sitzer zugelassen sind, baut man hier 14 bis 17 Sitze ein, schließlich bekommt man ja schon in einen Tico neun Leute hinein. Hinzu kommen uneingeschränkt Stehplätze. Wer nicht ein GPS im Blut hat, hat dann ein Problem zu erkennen, wo er auszusteigen gedenkt bzw. wo er sich gerade befindet. Immerhin halten diese Besenwagen fast überall, wo man will - ein leichtes Winken am Straßenrand, ein "astanavitje stjes" zum Aussteigen. Ansonsten könnte man dem Gedränge ja auch entgehen und einen der großen Busse nehmen, die auch noch weniger kosten, dafür benötigt man allerdings die Erfahrung eines GPS, um zu wissen, wo die Haltestellen sind. Die sind so rar gesät, dass man auch gleich laufen kann. Gerne pflegen die Busführer die Tradition früherer Karawanenführer und legen den Kamelgang ein, um die zusammengepferchte Menge in Schunkelstimmung zu versetzen.

Das System funktioniert, weil man den Leuten ausgeredet hat, rad zu fahren. Dabei ist man mit dem Rad bekanntlich immer schneller dran. Nur wenige Junge und einzelne Alte wissen das zu schätzen. Der Verkehr in Bischkek ist nicht gefährlicher als in Heidelberg oder anderswo bei uns. Die Ampeln werden striktest befolgt und man hält beim Überholen viel Respekt zum Überholten ein. Entgegenkommende wissen dies zu schätzen und bevorzugen dann den Seitenstreifen. Gerne aber erweist man Radlern auch den Respekt des Überholens kurz bevor man rechts abbiegt. So kann man sich auch in die Augen blicken lassen.

Augenhöhe ist allerdings im Verkehr nicht vorgesehen. So wie im Bus gedrängelt wird, wird zwischen Autos gedrängelt - der Ärmere gibt nach.

Die Rücksichtslosigkeit ist symptomatisch und begründend für Entwicklungsländer. Eine wirtschaftliche "Elite" beansprucht krasse Privilegien, um sich in Szene zu setzen. In Bischkek entstehen Einkaufstempel, hineingepflanzt in ihrem kalten Chic in eine verkommende Stadt, deren Funktion als Tempel größer ist wie die des Konsums an sich. Es geht um das "wie", nicht um das "was". Im Konsum wird Elitenbildung, wird Machtanspruch betrieben. Wobei das meiste Geld nicht aus sauberen Geschäften kommen dürfte, aber Geld reinigt sich  ja von selbst. Solche Tempel gibt es in Deutschland noch wenig - das Bedürfnis jedoch, Eliten zu bilden und dass jene sich gesellschaftlich abkoppeln, das können wir auch in mancherlei rhetorischer Verpackung erleben. Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht auch zum Entwicklungsland werden. Individualisierung (Bildung zum Sein) wird als Privatisierung (Bildung zum Haben) missverstanden. Im Russischen gibt es überhaupt kein "sein", aber ein "haben", das ein "sein" ausdrückt. Nicht die  besten Voraussetzungen.

Wir sind 1000 km durch Kirgistan gefahren, ein armes Land. Umso entwürdigender ist es für die Bevölkerung und umso schockierender für uns, den punktuellen Wohlstand als Protz in der Innenstadt zu sehen. Man kann sagen, das die natürlichen Barrieren, die Berge, die Hauptstadt vom Land trennen und die Modernisierungstheorie deswegen in Frage stellen. Man kann aber auch behaupten, dass gar kein Interesse besteht, den Wohlstand zu teilen. Eine Auswirkung dieses Phänomens ist, dass das Mietniveau in Bischkek auf einem Mehrfachen des Normaleinkommens ist. So hätte unsere Wohnung, mitnichten luxussaniert, 2 ZKB, 200 € gekostet. Als Normalarbeitskraft bekommt man kaum mehr als ein Drittel dessen. Auch wir haben noch nie soviel Miete gezahlt. So wohnen wir solange dort frei, wie die Wohnung eh renoviert wird, dankenswerterweise von einem netten Unterstützer als Reiseunterstützung bereitgestellt, jetzt sind wir in eine einfache kirgisische Wohnung umgezogen. Doch dazu im nächsten Bericht.

 


Einkaufen

Der größte Vorteil der alten Wohnung war die Nähe zum Markt. Dieser Markt war auch noch ein ganz brauchbarer. Es gibt sehr geordnete Märkte wie in Buchara. Es gibt unübersichtliche wie der Bischkeker Hauptbazar. Es gibt saubere und schmutzige, teure und billige, vielfältige und einfältige, freundliche und unfreundliche. In allen Aspekten ist der Orto-Sai ganz brauchbar gewesen. Alles hat seine Ecke, aber nicht pedantisch und die Preise waren auch ok. Es ist ja nicht so einfach auf diesen Märkten der Glücksritterei. Mitnichten stehen da die Bäuerinnen mit ihren Produkten, außer der Einen mit den Wildfrüchten und der leckeren Himbeermarmelade oder jener mit dem Knoblauch. Alle Anderen sind Händler. Sie verkaufen alle die selben Waren, alle zum selben Preis und wahrscheinlich funktioniert dieses System nur aus diesem Überangebot. Niemand ist mehr in der Lage, ernsthaft zu vergleichen. So kauft man da, wo man gerade steht oder dessen Nase einem gefällt  - um später irgendwo festzustellen, man hätte woanders mehr fürs Geld bekommen. Generell gilt jedoch, dass man weniger Leistung zu erwarten hat, je mehr man bezahlt. Schließlich will auch der Faule mit den schlechten Waren oder Dienstleistungen am Abend genug zu Essen haben, egal, ob die Waren schon halb verdorben, ungepflegt oder sonstwie wertgemindert sind. Auf einem Gebrauchtbazar wollte ich Geschirr kaufen. Aber warum soll ich doppelt so viel bezahlen wie für Neues?

In Esfahan (Iran) erklärte uns ein Teppichhändler, dass so ein Perserteppich an die 15 Zwischenhändler habe - und mit jedem wertvoller würde. So wird das hier auch gesehen, damit aber gezeigt, dass die Waren gar keinen Wert haben, sondern nur einen Preis. Da jeder Händler sein Gschäftle machen will, ist dieser Preis nicht reell an einen Wert gebunden, sondern Produkt der Imagination. Wenn alle ein Produkt zu einem Preis verkaufen, ist das der Preis, weil jeder Kunde den Eindruck hat, dies sei der Wert. Warum aber importierte Früchte in Kazachstan doppelt so viel kosten wie in Bischkek, ebenfalls importiertes Getreide jedoch gleich teuer ist, entschließt sich logischer Betrachtung.
Qualitative Unterschiede gibt es. Wenn etwas "otschin karascho" ist, kommt es aus der Türkei. Leidlich gutes kommt aus Russland, billiges aus China. Kirgisisches wird nur angemerkt, um einen Patriotismus über die qualitativen Schwächen siegen zu lassen. Westwaren gibt es noch selten, sie werden dann gesondert angepriesen, unter Umständen mit dem Aufdruck "Made for Germany". Bei dieser Betrachtung ist es überflüssig, auf die tatsächliche Qualität zu achten, die nationale Herkunft ist entscheidend. Für die meisten Händler ist es gleich, ob sie Gemüse, Textilien oder Bauwaren verkaufen, wesentlich ist, dass sie verkaufen, also einen Teil vom Kuchen abbekommen. So kann es passieren, man fragt nach einer Produkteigenschaft und bekommt nur immer wieder die Herkunft oder den Preis genannt - oder gleich schon mal eingepackt, Hauptsache gekauft.

Viele Produkte gleichen dann dem Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Bloße Imitationen ihres Seins werden angeboten, um Kunden in ihrer Qualitätswahrnehmung zu schulen. Ein Holzbohrer, den Veronika  kauft, der ihr gepriesen wurde als gute chinesische Qualität gegenüber ebenfalls erhältlicher schlechter chinesischer Qualität versteht sein Telos (Ziel) darin, sich drehen zu lassen, schließlich ist er Bohrer und das Drehen übernimmt die Bohrmaschine, brennt sich aber eher widerwillig durch das ihm angebotene Holz. Sieht aber schon irgendwie aus wie ein Bohrer. Viele solcher Erlebnisse lassen einen wundern, wie es solch ein System geschafft hat, noch nicht zu Grunde gegangen zu sein.

 

 

Sich nützlich machen

Bischkek-SchlagzeugEigentlich wundert es nicht, dass eine solche Gesellschaft sich nicht um Menschen kümmert die körperlich oder geistig besondere, erschwerte Aufgaben haben. Solche Menschen haben Glück wenn sie einen Platz bei Ymyt-Nadjeshda (dt. Hoffnung auf kirgisisch und russisch) finden, einem Kinderzentrum das von einer Deutschen vor 20 Jahren gegründet wurde. Wie anders die Kinder in den staatlichen Heimen gehalten werden, zeigt das Beispiel von Begimai. Sie ist 19 Jahre alt und kam gerade erst zu Nadjeshda. Sie hat bislang keine Muskeln entwickelt und konnte nur liegen. Nach jetzt einem Monat kann sie sitzen. Der Wortschatz, den sie aus dem staatlichen Heim mitbrachte, beschränkte sich weitestgehend auf Schimpfwörter. Aziret, ein anderer Junge , kam vor drei Jahren in ähnlichem Zustand (nur, dass ihm schon alle Zähne weggefault sind). Mittlerweile hat er starke Arme, mit denen er an allem zieht und selbstständig essen kann.
Veronika war vor sieben Jahren als Praktikantin hier. So kam die Idee, den Winter hier zu verbringen und nach Kräften und Möglichkeiten zu helfen. Da man mittlerweile auch über einige Programme hier Praktika und Zivildienst machen kann, sind weitere fünf junge und ein pensionierter Helfer aus Deutschland hier.


Es gibt drei Kindergärten, drei Schulklassen, eine Werkoberstufe und eine Werkstatteinrichtung mit Holzwerkstatt, Näherei, einer Küche sowie einer Band. Dazu gibt es zwei Wohngruppen in denen Kinder und Jugendliche teils unter der Woche, teils das ganze Jahr über, betreut weBischkek-Ulanrden. Insgesamt finden hier 74 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 26 Jahren einen Platz. Da gibt es solche die intellektuell voll auf sind, aber sich weder richtig ausdrücken können, noch koordiniert bewegen. Oder nicht richtig laufen können. Oder kaum etwas außer dem Kopf, einem kleinen Leib und krummen Armen bekommen haben. Zwei Mädchen, denen die Beine fehlen. Vielerlei Schicksale stehen hinter den Biographien.
Manche wachsen wohlbehütet zuhause auf, andere leben in einer der beiden Wohngruppen. Besonders früher wurden Eltern behinderter Kinder oft gezwungen diese in ein staatliches Heim zu geben, ihre Kinder aufzugeben. Bei Nadjeshda bekommen sie die Chance wahrgenommen zu werden, ihre Kinder werden gezielt ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert und gebildet und die Eltern, meist Mütter können eine Anstellung finden und erhalten im wöchentlichen Seminar eine Grundausbildung. Viele Lehrerinnen geben sich Mühe, aber es ist traurig zu sehen, wie schwer es anderen fällt Engagement zu entwickeln.


Bischkek-AndreIn der Holzwerkstatt ist gerade eine große Auftragsproduktion für Spielzeug zu bearbeiten - die Erste dieser Art und somit eine Herausforderung an Personal und Einrichtung. Hier versuchen wir zu unterstützen, Veronika vor allem in der Planung und ich bei der Geräteinstandsetzung. Eine drängende Frage ist auch, wie man jene Mitarbeiter integriert, die mit sehr starken Einschränkungen leben müssen.
Ymyt-Nadjeshda ist vollständig spendenfinanziert, vor allem aus Deutschland. Von hier gibt es im Wesentlichen Sachspenden, Essen vor Allem im Rahmen  religiöser Opfertraditionen, Kleider und sonstige Dinge, die mehr oder weniger sinnvoll sein können.


In Deutschland gibt es einen Förderverein, der die Spenden annimmt und hierher weiterleitet, sowie Spendenquittungen ausstellt. Wer noch nicht weiß, was er mit dem Weihnachtsgeld anfangen soll und etwas Geld für die Zukunft der Kinder in diesem kleinen Land investieren möchte, kann sich hier nützlich machen.
Wenn wir Material kaufen, das wir für nötig erachten, dann rechnen wir das nicht ab, der bürokratische Aufwand ist uns zu hoch und würde in manchen Fällen vielleicht unsBischkek-Kartenklebenere Aufenthaltdauer überschreiten. Wer unsere Arbeit unterstützen will und auf eine Spendenbescheinigung verzichten kann, kann uns privat Geld anvertrauen - es erleichtert uns, es auszugeben. Wir versprechen das Geld nicht für uns privat auszugeben, sondern direkt in sinnvolle Dinge zu investieren die manche Arbeit hier erleichtern können. Da das Preisniveau hier noch einigermaßen niedrig ist, kann man mit wenigen Euro schon viel bewirken. Wir werden dann berichten, was entstanden ist.


Drumherum ist natürlich noch so einiges passiert. Wir sind umgezogen in einfachste kirgisische Verhältnisse, die Visabürokratie hat sich mal wieder zwischen unsere Pläne geschlichen und, und, und….. Aber davon das nächste Mal.

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