Eine Radwanderung

Bischkek - Almaty - Karaganda - Bischkek [Bilder]

 


Kasachstan und wie es zu der Reise kam

Eigentlich wollten wir erst im März nach Kasachstan fahren, eigentlich……dann kam eine ungünstige Visabestimmung dazwischen und wir zu einem ungeplanten Neujahrsausflug und einem Vorblick auf unser nächstes Reiseland.

Genaue Schilderungen der Visasituation wollen wir den Lesern ersparen, nur so viel, hier in Kirgistan konnten unsere Visa nicht weiter verlängert werden. Wir mussten also ausreisen, ob wir wollten oder nicht, hatten aber das Glück, das sich das nächste kirgisische Konsulat nur drei bis vier Marschrutkastunden entfernt in Almaty, Kasachstan, befindet.

So findet an Heiligabend, den es hier für die Allermeisten nicht gibt, unsere erste richtige Begegnung mit dem Nachbarland statt. Wir sollen am Abend unsere Visa für Kasachstan abholen, das gleiche Anliegen haben aber auch etwa achzig andere Menschen. So üben wir uns im Schlangestehen, vertrösten die Weihnachtsanrufer wegen Unpässlichkeit auf später und versuchen unseren Platz gegen deutlich geübtere Schlangesteher, auch dezent als Drängler zu bezeichnen, zu verteidigen. Als dann endlich die Türen geöffnet werden, ist alle Platzverteidigung schnell vergessen, man stürmt hinein und drängt sich vor dem kleinen Fenster in der Wand hinter dem der Beamte in Sicherheit sitzt.

Den Rest des Heiligabends verbrachten wir dann doch etwas festlicher - den Praktikanten sei dank, mit gutem Essen und sogar echten Plätzchen und später Schnee.

Immer noch im Schnee ging es kurz nach Weihnachten mit der Marschrutka nach Almaty. Die Fahrräder ließen wir zuhause, schließlich sollte der Ausflug nur wenige Tage dauern und wir vermieden eine Menge Matsch und Geschlidder.

Drei Tage und ebenso viele Besuche, des stets leicht genervten, kirgisischen Konsuls später, sieht die Sache dann allerdings anders aus und unser Kurzausflug beginnt sich dank langer Visabearbeitungszeit und Neujahrsferien des Konsulats zu einer knapp dreiwöchigen Exkursion zu entwickeln.

 

 

Almaty - Alma-Ata

Almaty oder wie es vormals hieß und noch oft genannt wird, Alma-Ata, hat von seiner Lage her große Ähnlichkeit mit Bischkek, ist aber doch auch sehr anders. Die Stadt liegt ebenfalls am Rande der im Süden aufragenden Berge und wenn der Smog mal nicht die Lage bestimmt, bilden sie eine herrliche Kulisse. An den meisten Tagen sind sie aber nur erahnbar, es sei denn man entflieht der Stadt und unternimmt einen Ausflug.

Kaz_Karamaty_23Im Winter bietet sich dafür das Tal der kleinen Almatinka an, denn hier befinden sich die nächsten Winterattraktionen und es ist leicht mit dem Bus erreichbar. Dort findet man zum einen mit Medeo, das größte Eislaufstadion der ehemaligen Sowjetunion (in dem wegen günstiger Lage viele Rekorde gelaufen wurden). Jetzt ist es für jeden geöffnet der sich den Eintritt leisten kann. Weiter oben im Tal befindet sich das Skigebiet Symbulak, man kann aber auch einfach im Schnee spazieren gehen oder seinen Schlitten mitbringen. Wir begnügten uns mit letzterem und stiegen die Himmelsleiter empor, eine Treppe die einen riesigen künstlich angelegten Damm hinaufführt der die Stadt als Talsperre, vor Lawinen schützen soll. Um sich einsam in der Natur zu befinden, muss man sich wohl weiter von der Stadt entfernen. Hier baut gerade ein Fotograf seinen Stand auf, man kann sich mit einem echten (!) Weihnachtsmann vor der Bergkulisse ablichten lassen.

 

Die meiste Zeit unseres dreitätigen Aufenthaltes in der Stadt verbringen wir mit Umherstreifen. Almaty bildet das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes, auch wenn die Hauptstadt auf Vorschlag des Präsidenten 1997 an einen neuen Standort verlegt wurde. Aus dem kleinen Ort Akmola wurde die neue Hauptstadt Astana, ein Reich aus Stahl und Glas im Norden des Landes.

 

Kaz_Karamaty_06Almaty hat deswegen nicht an Popularität eingebüßt und blüht weiter. Bischkek kam uns schon sehr europäisch-westlich vor, Almaty ist dies noch viel mehr. Zum einen im positiven Sinne mit etwas abwechslungsreicherer Architektur und Farbtupfern die uns freuen. Häuser, die mit schönen Details zwischen den Blöcken auffallen, ein insgesamt gepflegter Eindruck vor auch hier einem Hintergrund aus Stahl und Glas.

 

Kaz_Karamaty_15Hervorragend ist in diesem Sinne auch die Zerkov Kathedrale, über die wir unerwartet stolpern. Wir spazieren durch einen Park und plötzlich steht sie vor uns, bunt und kitschig wie eine der vielen Zuckertorten, die jetzt zu Neujahr besonders viel verkauft werden. Obwohl so bunt und überladen, hat sie dennoch einen Reiz wie sie dort steht, herausgeputzt im Schnee. Innen ist die Atmosphäre aber gewohnt kirchenschwer und von vielen gold gerahmten Bildern und den üblichen alten Putzweiblein geprägt, die geschäftig herumwuseln.

Neben diesen Eindrücken fällt uns stark der überall anwesende Konsum ins Auge. Viele westliche Nobelmarken sind vertreten und der Jeep scheint vieler Alltagsauto zu sein. Eine Situation ähnlich wie in Bischkek, aber mit deutlich höheren Preisen und insgesamt passender inszeniert. Etwas was uns nach so langer Zeit fasziniert, uns aber auch sehr absurd vorkommt, ist ein Geschäft, was damit wirbt jede Woche Waren aus Deutschland einzufliegen. Es ist dann auch tatsächlich genau wie ein deutscher Supermarkt eingerichtet, Salzbrezeln, Fonduekäse, Yoghurt, und, und, und….. Alles was man sich nur vorstellen kann und ganz in echt. Angesichts der aber ebenfalls europäischen Preise, widerstehen wir der Versuchung und kaufen doch lieber auf dem Markt.

Luxus ist gefährlich und schwarz gekleidete Sicherheitsleute gehören zum Bild eines jeden größeren Geschäftes. Die Begegnung mit zwei Soldaten die mit Maschinengewehren einen Supermarkt bewachen, erfordert dann aber doch eine längere Verarbeitungszeit unsererseits. Es sind die Parallelwelten die sich einem in diesen Städten so sehr aufdrängen, denn arme alte Menschen die von ihrer Rente kaum leben können und Menschen die in Eiseskälte draußen schlafen, gehören ebenso zum Straßenbild.

 

Unsere Eindrücke und die unweigerlich auftauchenden Vergleiche, sind von dem geprägt, was wir in letzter Zeit erlebten und an was wir uns gewöhnten. Dinge, die uns, würden wir direkt aus Deutschland kommen, vielleicht gar nicht verwunderlich erscheinen würden - die uns nun aber in Staunen versetzen. So ging es uns, als wir bemerkten, dass der Fußgänger hier in Kasachstan plötzlich wieder als existierendes Wesen wahrgenommen wird. An fast jeder Ampel gibt es, für uns schon ganz ungewohnt,  auch eine Fußgängerampel. Als wir eines Tages an einer mehrspurigen Straße auf eine Verkehrslücke warten, verstehen wir erst gar nicht, warum alle Autos anhalten. Wir hatten das Schild, das auf einen Zebrastreifen hindeutet, nicht gesehen. Aber selbst wenn, hätten wir deshalb noch lange nicht damit gerechnet, das deswegen jemand stehen bleibt. Ein schönes Gefühl.

Das Verkehrssystem ist ganz anders organisiert als im Nachbarland. Marschrutkas sucht man im Stadtverkehr vergebens, die werden nur für längere Routen eingesetzt mit starker Konkurrenz von großen Reisebussen. Wer es sich leisten kann fährt Taxi. Dazu stellt man sich mit ausgestrecktem Arm an die Straße woraufhin in Kürze ein Auto anhält. Diesem nennt man Fahrtziel und den Preis den man für die Strecke bietet. Passen die Vorstellungen nicht zusammen, sucht man ein anderes Auto, denn im Prinzip fungiert jedes Auto das möchte als Taxi. Dieses Bietsystem macht es für Unkundige etwas kompliziert, aber es gibt auch Alternativen.

Da ist zum einen eine funktionierende, aber scheinbar fast vergessene Straßenbahn mit ganzen zwei Linien. Zum anderen ein sehr quirliges Bussystem. Die Busse werden von Kassierern begleitet, die über marktschreierisches Talent verfügen um einerseits die Haltestellen anzusagen und andererseits lautstark um Kundschaft zu werben. Will man in engen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung kommen, sei einem letzteres Verkehrsmittel zur Hauptverkehrszeit empfohlen. Eine solche Enge habe ich noch nicht erlebt und auch die Eier im Rucksack zerlegten sich in ihre Einzelteile.

Kaz_Karamaty_25Die Abende verbringen wir mit unserem türkischen Gastgeber Inanc. Er ist Ingenieur und arbeitet hier bereits zum zweiten Mal - mal wieder ein anderer Blick auf die Dinge. Wir haben eine schöne Zeit zusammen, er genießt unsere Versuche die Palette unserer typisch deutschen Gerichte zu erweitern und wir treffen andere Ausländer, die aus den verschiedensten Gründen hier sind. Türken im Baugeschäft, ein Syrer der Hochzeitskarten verkauft, zwei Holländer die jedes Jahr zu Silvester einen Längengrad weiter nach Osten reisen….. Mit Kasachen haben wir in Almaty wenig zutun, aber genug Zeit, dies in anderen Landesteilen nachzuholen.

 

 

 

Zugreise durch die weiße Steppe

Oft sind es die Zufälle die das Reisen interessant machen. Auch diesmal war es ein solcher, der unsere Schritte in Richtung Zentralkasachstan lenkte bzw. zum Bahnschalter, wo wir zwei Mal "Platzkart" nach Karaganda kauften.

Was für Kasachen, angesichts der Größe ihres Landes, eine verhältnismäßig kurze Reise ist, ist für uns mit knapp achtzehn Stunden eine eher lange Zugfahrt. Entsprechend gibt es auch nur Liegeplätze bzw. solche die nach Bedarf umgebaut werden können. Für jeden eine zusammengerollte Matratze, Kopfkissen, Laken und Handtuch auf einer gepolsterten Pritsche in zwei Etagen. In der unteren Etage dienen sie gleichzeitig als Sitzbänke mit einem Tisch in der Mitte. Bei Platzkart, handelt es sich um einen Typ Großraumwagen ohne Türen. Es gibt für deutlich mehr Geld aber auch Coupe, wobei sich immer vier Personen ein Abteil teilen.

Je ein Wagen wir von zwei, meist resoluten und meist weiblichen, Personen begleitet. Diese sorgen, ihren Vorstellungen entsprechend, für Ordnung. Sie putzen aber auch, bringen die Bettwäsche und scheuchen die Fahrgäste in den Zug wenn diese zehn Minuten vor Abfahrt noch immer nicht eingestiegen sind.

 

Kaz_Karamaty_30Eigentlich ist eine solche Zugfahrt aber eine recht vergnügliche Angelegenheit. Die Fresstüte entspricht den Vorlieben und der empfundenen Reisedauer, sie ist somit meist zu voll. Heißes Wasser ist immer vorhanden, was chinesischen Schnellkochnudeln und Fertiggerichten aus der Plastikdose zu Popularität verhilft.

Bei dem ruhigen Geschaukel des Zuges kann man gut schlafen, lesen oder sonst irgendwie faul sein. Weniger erfüllend ist der Blick aus dem Fenster. Kasachstan ist ein sehr großes Land, mit verhältnismäßig wenig Menschen und viel, viel Steppe. Insofern sieht man nicht viel, denn ewig weiße Steppe, verschleiert durch das Grau des Außenbelages der ungeputzten Fensterscheibe, ist recht ereignislos. Wir verpassen demnach trotz Nachtfahrt nicht viel.

Interessanter ist es im Inneren des Wagens, wo mit der Abfahrt Pelzmäntel und Stiefel verschwinden, ausgetauscht gegen Schlappen und jegliche Variante bequemer Freizeitbekleidung. Man kann die Mitreisenden bei den verschiedensten Tätigkeiten beobachten, Männer beim Kartenspiel, Frauen beim Schwätzen, umherlaufende Kinder und immer wieder Tee….. Mit dem Abend schwindet das Licht und da die Beleuchtung konstanten Schwankungen von hell bis gerade noch glühend unterworfen ist, wird die Haupttätigkeit schnell der Schlaf. Die Zeit vergeht eben doch schnell, man wünscht den Mitreisenden einen angenehmen zweiten Tag im Zug und ist da.

 


Zwischen Kohle und Stahl - Zentralkasachstan

Der Zufall der uns in diese Ecke des Landes lockte, heißt Zhandos. Ein Kasache  in meinem Alter, der seit mehreren Jahren erfolgreich Deutsch lernt und im Herbst vergangenen Jahres als freiwilliger Helfer auf dem Hof von Matthias Mutter tätig war. Jetzt empfängt er uns herzlich und freut sich sehr über unseren Besuch. Er wohnt in einem kleinen Haus, vermietet ein Zimmer an einen Freund und hat auch für uns noch eines übrig. Hier verbringen wir Silvester und elf schöne Tage mit Begegnung, der Geschichte dieser Gegend, Auflügen, Schnee und seiner Dusche.

Kaz_Karamaty_37Karaganda ist die viertgrößte Stadt Kasachstans. Zhandos wohnt in einem Viertel, das allerdings eher einem Dorf ähnelt. In der Nähe des Basars und mehrerer Einkaufszentren beginnen hinter den großen Wohnklötzen die kleinen Häuser. Viele auf ihre Art hübsch, mit aufwändigen Fenstern und farblich verziert. Hinter den Häusern erstrecken sich, von der Straße weg, große Gärten in denen sommers Gemüse angebaut wird. Auch Zhandos zehrt noch von der Kartoffelernte des letzten Jahres. Dies ist nicht nur finanziell für viele Menschen wichtig, sondern auch weil in dieser Gegend nicht viel Gemüse in großen Mengen angebaut wird. Das Meiste wird in China produziert und gelangt mit dem LKW hierher, was deutliche Qualitätseinbußen mit sich bringt. Zudem gibt es wie so oft in Zentralasien Wasserprobleme, und ein erhöhter Bedarf Chinas lässt die Menschen fürchten, in einigen Jahren ohne dazustehen.

Es liegt Schnee, was den Eindruck gewiss verschönert. Die kleinen Straßen werden nicht mehr frei und ab und an kommt eine neue Ladung hinzu, die zu neuen Bergen neben der Straße aufgetürmt wird. Das Wetter ist grauer als wir es aus dem Süden gewohnt sind und zu Beginn ist es erstaunlich warm im einstelligen Minusbereich. Erst nach einigen Tagen werden die Temperaturen sibirischer und wir versuchen uns an -25° C. Es ist vor Allem wunderschön, denn nun scheint die Sonne, es ist sehr klar und der Schnee knartscht unter den Füßen. Und auch, wenn es nach einer Weile doch etwas kalt wird und ich nicht mit den Marktmenschen tauschen möchte, ist es doch lang nicht so kalt wie man es sich vorstellt.

 

Zusammen mit einem Franzosen hatte Zhandos im Sommer angefangen eine Dusche zu bauen. Es gibt zwar fließend Wasser in seinem Haus, aber nur kalt und eine Duschgelegenheit gibt es bisher nicht. So stand also die Wand und er wusste nicht so richtig weiter. Wir dachten uns, wenn wir schonmal da sind, können wir ja auch was tun und starteten also das Projekt Dusche. Hätten wir anfangs geahnt, was für einen großen zeitlichen Rahmen dies bedeuten würde, hätten wir es uns vielleicht genauer überlegt. So fingen wir an und konnten dann  ja schlecht wieder aufhören.

Wir verbrachten viel Zeit mit der Materialbeschaffung, was einem auf Basaren viele Nerven kosten kann wenn das benötigte Teil nicht da ist oder der Händler der es haben könnte heute keine Lust hatte seinen Stand zu öffnen. Hier gibt es sogar sowas wie Baumärkte. Diese sind aber ebenfalls nicht gut sortiert, selten mit kompetentem Personal bestückt und man ärgert sich noch mehr wenn man diese verlässt, als man es in Deutschland nach einem Baumarktbesuch so manches Mal tut.

Kaz_Karamaty_44Aber die Dusche nahm Form an, die Fliesen hielten beim dritten Mal zementieren endlich, wir hatten die richtige Schneidetechnik gefunden und die Badwände begannen sich mit Wasserrohren zu füllen. Schließlich bekamen wir auch den Wasserboiler in Gang, die Küche bekam ein neues Waschbecken und die Freude war groß, als das erste warme Wasser floss. Zu guter Letzt kam die Duschpremiere und leider verflüchtigte sich gleich auch wieder ein teil der schönen Fugen zwischen den Fliesen - nun das sind eben die Abenteuer des Bauens in einem anderen Land.

 

Zwischendurch lernten wir dank unserem Gastgeber die Gegend kennen. Kaum zu glauben, dass dieser Landstrich vor 100 Jahren noch beinahe unbesiedelt war. Die ersten Bauern kamen, angelockt von den großen leeren Landflächen die ansonsten nur von Nomaden genutzt wurden. Man entdeckte Kohle und Eisenerzvorkommen und das rief die sowjetische Regierung in Moskau auf den Plan die ab mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts einen solchen umzusetzen begann. Es entstand während der Stalinzeit das größte kasachische Konzentrationslager "Karlag" mit unvorstellbaren Ausmaßen - ein Land im Land. Hierher wurden Strafgefangene geschickt, politisch Gefangene und als man während des zweiten Weltkrieges Menschen aus dem Westen des Landes umsiedeln musste kam es zu zwei Zwangsumsiedelungswellen bei denen mehrere Millionen Menschen verschiedenster Nationen hierher verfrachtet wurden. Diese waren zwar nicht direkt den Lagerbedingungen unterworfen, sie durften in eigenen Häusern wohnen und Land bewirtschaften, aber bis weit in die fünfziger Jahre hinein, durften sie das Gebiet nicht verlassen und hatten sich regelmäßig zu melden. Auf diese Weise kamen auch viele der sogenannten Wolgadeutschen hierher, die bei uns als Russlanddeutsche bekannt sind. Obwohl heute viele die, nicht immer segensreiche, Möglichkeit der Rückkehr in ein fremdes Heimatland genutzt haben, findet man noch heute viele Minderheiten in dieser Gegend. In dem kleinen Ort Dolinka, dem einstigen Zentrum des Lagers, gibt es heute ein recht gutes Museum welches sich aber auch etwas kritischer mit den dunklen Seiten des Lagerlebens befassen könnte.

Im fernen Moskau geplant, wurden Städte errichtet, Fabriken und Betriebe zum Kohleabbau und zur Eisengewinnung in Betrieb genommen und die Gegend wurde besiedelt. Es ist noch erkennbar, dass diese Städte nicht durch Besiedelung gewachsen sind, sondern durch Planung. Die Straßen verlaufen gerade, es gibt fast nur Plattenbauten und alle anderen Dinge die eine Stadt braucht. Entsprechend haben auch viele Städte Namen, die mit den Industrien der Umgebung zutun haben. In der Region des Kohleabbaus gibt es "Schachtinsk" oder "Schacht 2", das Zentrum der Eisenverarbeitung heißt "Eiserner Berg" (Temirtau).  Auch heute noch leben viele Menschen von diesen Industriezweigen. Die Eisengewinnung wurde von dem indischen Großkonzern Mittal Steel übernommen und so rauchen die Schornsteine fröhlich weiter am Rande der Stadt. Viel andere Arbeit gibt es nicht hier in der Gegend und so gehen trotz der großen Gefahr viele Menschen weiterhin in den Schacht.

Durch diese Geschichte ergibt es sich, dass eigentlich alle Menschen die heute hier leben, zugewandert sind. Sei es unfreiwillig in Zusammenhang mit dem Lager oder freiwillig weil viel Arbeit lockte.

 

Kaz_Karamaty_40Ansonsten hat die Gegend im Winter nicht viele besuchenswerten Ziele. Die Städte ähneln sich sehr und bieten  wenig Attraktionen. Aber die Zeit mit Zhandos war sehr schön und neben der Geschichte dieser Gegend lernten wir viel über das Land. Er spricht sehr gut deutsch und oft waren wir konfrontiert mit interessanten Fragen zu unserer Sprache über die wir uns im Alltag wenig Gedanken machen. Groß zum Russischlernen kamen wir also nicht, soviel Konsequenz konnten wir uns nicht abringen.

Nach vielen Tagen heißt es dann Abschiednehmen und wieder wartet eine Zugfahrt auf uns.

 

 

 

 

Almaty zum Zweiten

Nocheinmal verbringen wir fast drei Tage in der Stadt, denn erst müssen die Pässe abgegeben und zwei Tage später wieder abgeholt werden.

Zum Glück haben wir uns die Museen noch aufgehoben, denn gerade eines fällt durch sehr gute Ausstellungen der Entwicklungsgeschichte Kasachstans und einen ethnologisch gut gemachten Teil auf.

Unser persönlicher Höhepunkt von Almaty ist aber dann doch die Bibliothek des Goethe-Instituts. Das mag vielleicht etwas verwundern, aber da wir mit nicht allzu viel Gewicht reisen wollen, können wir uns nicht viel Lesestoff leisten. Aktuelle Zeitungen sind hier mangels vieler Touristen auch nicht leicht zu bekommen. So eröffneten sich uns für zwei Nachmittage fast paradiesische Zustände als wir ausgiebig stöberten und lasen. Auch auf diesem Gebiet kann man eben Hunger entwickeln.

Schließlich war dann endlich alles erledigt, und wir stiegen am Abend in die Marschrutka um zu unserem Vorläufigen Zuhause zurückzukehren.

Entgegen allen vorherigen Warnungen fanden wir nur nette Menschen vor und wir freuen uns schon jetzt darauf das Land im Frühling noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen, auf kleinen Wegen und vom Sattel des Fahrrades aus.