Eine Radwanderung

San-Tash - Almaty [Bilder]

 

 

Nationalität: Ausländer

Nach längerem Funkkontakt mit dem Vorgesetzten der jungen Grenzsoldaten und nachdem wir vorsichtshalber schon angekündigt hatten, hier zu Zelten, bis die Grenze sich öffne, dürfen wir dann doch passieren.

Almaty_046Der Grenzübergang ist sehr klein auf einer überwiegend unasphaltierten Strecke und weit und breit ist kein Zaun zu sehen, der die Länder abseits der Straße teilen würde. Entsprechend setzt unsere Abfertigung denn auch die jungen Soldaten in Aufregung, denn wir sind ihre ersten Ausländer. Lange und umständlich wird der Stempel eingerichtet und landet nach mehrmaligem Probestempeln auf einem leeren Blatt schließlich in unseren Pässen. Anschließend werden wir noch in ein Buch eingetragen und da sie nicht wissen, wie unsere Nationalität abgekürzt werden kann, stehen wir letztendlich einfach als "Ausländer" in der entsprechenden Spalte. Begleitet wird die ganze Prozedur von endlosen Bitten um Schokolade, Zigaretten, Geld, getrocknetem Fisch oder was ihnen noch so einfällt… Bei der Bekämpfung der Korruption steht noch viel Arbeit an.

Die Kasachen sind schon professioneller, aber in ihrer Kontrolle auch gründlicher und zum ersten Mal müssen wir alle Taschen ausräumen, bevor wir weiter dürfen. Sie entschuldigen sich noch, dass ihre Banja nicht gehe, sonst hätten sie uns eingeladen. Dann sind wir also angekommen, in Kasachstan.

 

 

Durch grüne Hügel und Ulmenalleen

Almaty_026Nun geht es durch das Karkara-Tal, benannt nach schwarzen Kranichen, die hier auf ihrem Weg zwischen Sibirien und Afrika Station machen. Die Landschaft ist sanft hügelig, Schnee ist kaum noch zu sehen und ein gedecktes Grün breitet sich über alles. Orte sind rar und die Gegend weit, begrenzt durch die Berge am Horizont. Unser Weg führt in einem Bogen um die Berge des Ala-Too, die sich um den Issyk-Kul herum erstrecken. Auch diese sollen schön zum Wandern sein, doch dazu wollen wir uns die Zeit diesmal nicht nehmen, denn uns zieht es nach Norden.

 

Einen Umweg über Almaty müssen wir noch machen, denn das mongolische Visum bekommen wir nur hier und auch ein Tretlager muss getauscht werden. Der Weg dorthin führt uns durch verschiedenste Landschaften. Nach der Ebene geht es in die Berge und dort wo der Schnee gerade geschmolzen ist, entfalten sich verschiedenste Wildblumen, die uns mit Farbe und Duft bezaubern.

Ein Duft der uns über Tage begleitet ist der von Wermut. Abends zum Einschlafen, morgens zum Aufwachen - in manchen Gebieten scheint es mehr davon zu geben als Gras. Aber auch wilden Rhabarber gibt es. Wir freuen uns und fangen fleißig an zu ernten bis wir probieren und feststellen, dass dieser wilde Rhabarber sehr bitter und nicht genießbar ist.

Glücklicherweise geht es tendenziell bergab und so folgt einem kurzen Anstieg meist eine längere Abfahrt. Ebenen und kleine Bergzüge wechseln sich ab, wobei es in den Bergen kurvig hoch oder runter geht, dagegen in den Ebenen die Straßenführung oft schnurgerade verläuft. Von einem Punkt zum Anderen über 20 Kilometer, als hätte man bei der Planung das Lineal einfach angelegt - hat man vielleicht ja auch.

Almaty_035Gelegentlich sehen wir Tiere im wilden Raps weiden oder Männer auf Pferden die eine Schafherde vor sich her treiben. Wir fragen uns aber warum es hier kaum Menschen gibt….. Und erklären es uns schlicht mit der Größe des Landes welches Deutschland 7 Mal in sich aufnehmen könnte, aber nur von ca. 15 Mio. Menschen bewohnt wird. Für uns ist dies gewöhnungsbedürftig und die Wasserbeschaffung manchmal nicht ganz einfach. Wir sind jetzt mit einer Karte mit dem bislang kleinsten Maßstab unterwegs und unsere täglichen Etappen von 60 - 80 Kilometern machen bei 1:2 Mio. nur noch sehr wenig auf ihr aus.

 

Mit entsprechend wenig Verkehr müssen wir uns anfangs die Straße teilen, sind aber zwei Tage sehr mit dem Wind beschäftigt, der uns kräftig entgegenbläst. Dadurch wird es kühler und unsere in Kirgistan erworbenen Sonnenbrände werden unter Kleidungsschichten erstmal geschont. Leider werden meine Beine aber etwas überbeansprucht und mit den verschiedensten Methoden versuche ich die nächsten Tage meine überlasteten Sehnen zu schonen, was glücklicherweise erfolgreich gelingt.

 

Almaty_101Mit der Verbindungsstraße nach China nimmt der Verkehr leider zu und wir sind sehr froh über einen Tipp kasachischer Radfahrer. Wir erinnern uns zwei Tage lang an deutsche Fahrradwege während wir auf einer sehr ruhigen Straße entlang des Almatinsker Kanals fahren. Ein, zwei Autos begegnen uns pro Stunde und wir sind überrascht wie viel Grün und wie viele Bäume es in den tieferen Lagen gibt. Hier gibt es aufgrund der nahen Berge viel Wasser und die Gegend wird stark landwirtschaftlich genutzt, während zu den Bergen hin die Tiere im hügeligen Gelände weiden. Es gibt viele Ulmen, wie man sie bei uns in Deutschland nur selten findet, und manch ein Dorf erscheint uns fast paradiesisch mit der breiten Allee. Wann immer es geht, steht unser Zelt nachts unter dem jungen Grün, auch wenn dafür der Kanal überquert werden muss.

 

Eines Tages stolpern wir in einem kleinen Dorf über den Hinweis zu einem Museum. Um was es geht wissen wir zwar nicht, aber eine Pause ist willkommen und so lernen wir eine Falknerei in der Frühjahrspause kennen. Bislang nicht sehr mit dem Thema vertraut, lassen wir uns die verschiedenen Greifvögel zeigen und schauen uns nachher in dem kleinen Museum, dem einzigen seiner Art, die verschiedenen Arbeitsgegenstände und Fotos der Arbeit an. In früherer Zeit, als die Menschen noch als Nomaden unterwegs waren, war die Jagd mit der Hilfe von Greifvögeln sehr verbreitet. Meist werden dazu die jungen Adler oder Falken sehr früh aus dem Nest genommen, von klein auf an den Menschen gewöhnt und zur Jagd trainiert und verbringen ihr gesamtes Leben, 40 bis 50 Jahre, mit ihren Besitzer. Heutzutage wird diese Arbeit nur noch als Hobby und zur Traditionspflege weitergeführt. Momentan sitzen die Vögel allerdings nur traurig in ihren Käfigen, Frühling und Sommer sind Schonzeit und erst ab dem Herbst darf mit der Jagt begonnen werden.

 

 

Almaty in Grün

Nach einer knappen Woche erreichen wir Almaty und wünschen uns sehnlichst strengere Abgaskontrollen, als wir uns durch dichten Verkehr schlängeln. Es ist angenehm, in eine Stadt zu kommen die man schon etwas kennt und in der man eine grobe Orientierung hat.

Alles ist ungleich hektischer als im kleineren, gemütlicheren Bischkek und wieder staunen wir über so viel Luxus, so viele Glaskästen die in den Himmel wachsen und so viel Überflüssiges in den Einkaufszentren.

Da wir im Winter schon das Meiste gesehen haben , beschränken wir unseren Aufenthalt auf drei Tage die wir benötigen, um besagtes Visum zu machen. Die Tage sind aber dennoch gefüllt. Matthias muss registriert werden. Bei mir ging das über die Einreise, da er sein Visum aber zum zweiten Mal nutzt, muss er sich nun mehrere Stunden mit und bei der Migrationspolizei herumschlagen - versteh einer diese Bürokratie. Sein Fahrrad bekommt ein neues Tretlager, nachdem das Alte unter vereinten Kräften entfernt wurde, von einem Mechaniker der schon mal mit Jan Ullrich Bier getrunken hat, wie er uns stolz auf einem Foto zeigt.

Radfahren ist hier nicht unpopulär, wobei man entweder auf Rennradler trifft, die uns nicht als ihresgleichen anzusehen scheinen, oder auf Mountainbiker. Zwei Tage bevor wir Almaty erreichten waren uns viele Autos mit Rädern auf dem Dach begegnet, Sportler die für die Feiertage in die Berge fahren.

Am meisten aber beschäftigt uns unsere Homepage, denn aus heiterem Himmel ist es uns nicht mehr möglich, uns einzuloggen um sie bearbeiten zu können. Bei dem Versuch der Problemlösung stürzt dann erstmal alles ab und wir verbringen Stunden mit der Rettung. Das ist die anstrengenste Seite eines solchen Projektes.

Almaty_202Als Ausgleich verbringen wir sehr schöne Abende mit vier deutschen Praktikanten. Drei von ihnen sind eigentlich in Bischkek bei Camp, wo wir sie kurz kennengelernt hatten. Sie mussten aber wegen den Unruhen nach Almaty und wir genießen ihre Gastfreundschaft und den Austausch, der uns bis spät in die Nacht wach hält, sehr.

 

 

 

 

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Die Stadt ist sehr grün und die vielen Bäume lassen sie anders aussehen als im Winter. Dieser Tage kommt an vielen Ecken noch ein kräftiges Rot hinzu. Man bereitet sich auf den 9.Mai, den "Tag des Sieges", vor und damit dieses wichtige Ereignis nicht vergessen wird, wird man von unglaublich vielen Plakaten daran erinnert. Die Veteranen des großen Vaterländischen Krieges werden gefeiert solange es sie noch gibt, es wird mit Geschenken für Veteranen geworben und manch einer trägt Uniform und Auszeichnungen stolz herum.

Uns ist das Ganze etwas suspekt und wir sehen zu, dass wir in die Steppe kommen, bevor wir noch in eine Militärparade geraten.