Eine Radwanderung

Almaty - Semey [Bilder]

 

Flache Berge

Von den Bergen geht es nun in die Steppe und damit in die in diesem riesigen Land vorherrschende Landschaftsform. Dass das nicht langweilig sein muss, sondern durchaus sehr abwechslungsreich sein kann, erleben wir die nächsten tausend Kilometer die wir im Osten Kasachstans, nicht weit von der chinesischen Grenze, nach Norden radeln.

Die Abreise aus Almaty verläuft etwas zögerlich. Die Homepage beschäftigt uns noch immer und ich stelle natürlich erst außerhalb der Stadt fest, dass auch mein Tretlager eigentlich getauscht werden sollte. So geht es eben noch einmal mit dem Bus zurück um Ersatz zu besorgen, wer weiß wann die nächste Gelegenheit käme.

Kasachstan 236Auf alleengesäumter Schnellstraße kommen wir gut voran. Das erste Drittel der Strecke entpuppt sich als deutlich hügeliger als gedacht. Irgendwie hatte ich mir Steppe immer flach vorgestellt und dabei auch die Höhenlinien in unserer Karte hartnäckig ignoriert. Sie führt uns vorbei am Qaphaghay Bögesi, einem türkisblauen Reservoir, aufgestaut aus dem Fluss Ili, an dem viele Almatinsker Bürger ihre Datschen oder auch gleich Schlösschen haben und in dem Matthias die Badesaison eröffnet. Auch findet man hier auffallend viele Kasinos die in einer Stadt fast so etwas wie ein Industrieviertel entlang der Straße bilden. Solange genug Wasser da ist, sind die Straßen von Alleen gesäumt, gibt es kein Wasser, dann sind auch kaum Bäume zu finden.

 

 

"Grüßt mir die Irina"

Uns wird wieder häufig hinterhergehupt und sobald wir anhalten, werden wir interessiert befragt. Matthias bezeichnet die Kasachen als "türkischer" als ihre südlichen Nachbarn was wohl in dieser Gegend einfach an weniger Touristen liegen mag, so, dass ein Auftauchen solcher, oft geradezu Euphorie auslöst. Gerade bei der Frage nach unserer Herkunft sind immer wieder die Feinheiten wichtig, denn wenn wir angeben Deutsche zu sein, ist die Frage unserer Nationalität noch nicht geklärt. Anfangs irritierte es mich sehr, dass diese Frage so wichtig ist, denn bislang ging ich davon aus, dass wenn ich uns als Deutsche bezeichne völlig klar sei, woher wir kommen. Hier ist es das aber nicht, dann bis vor 20 Jahren lebten sehr viele Deutsche in Kasachstan. Viele Menschen haben Verwandte, Bekannte oder ehemalige Nachbarn, die nach der Wende nach Deutschland gegangen sind. So haben wir mittlerweile viele Grüße auszurichten an Victor, Alexander und Irina im Westen "falls wir sie mal treffen".

Eines Abends sucht Matthias seine Stirnlampe vergeblich. Nur zu dumm, dass wir ausgerechnet an diesem Tag so weit gefahren sind. Also geht es motorisiert zurück. Autostopp ist neben Busfahren eine übliche Methode der Fortbewegung und von Jugendlichen über ganze Familien bis hin zu sehr alten Menschen sieht man Jeden mit herausgehaltener Hand am Straßenrand stehen. Sobald jemand anhält, nennt man das gewünschte Ziel und sein Preisangebot, fährt bei Übereinstimmung mit oder wartet eben auf den nächsten. So kommt man gut voran, reist aber unter Umständen eingeklemmt zwischen zwei Omas mit Kindern auf dem Schoß und nicht mehr ganz frischen Zwiebeln, die im Kofferraum ihr Aroma entfalten. Die Stirnlampe fand sich am vorherigen Schlafplatz wieder, ein Glück, denn sie ist bei uns täglich im Einsatz.

 

 

Abkürzung mit Überraschungen

Kasachstan 106Hinter Taldyqorgan überqueren wir die letzten Hügel und stehen am Rande der scheinbar unendlichen Steppe. Ein schöner Anblick, ist bei uns eine solche Gegend nur selten zu finden, in der über Kilometer und Kilometer einfach nichts ist außer Landschaft. Die Hauptstraße führt östlich entlang der Berge wo mehr Orte liegen. Wir entscheiden uns für eine kleinere Straße, sie ist kürzer und verläuft entlang der Bahnlinie. Diese bringt uns die abenteuerlichsten und schönsten Tage in Kasachstan, denn Abkürzungen haben bekanntlich selten die besseren Straßen.

Erst noch asphaltiert geht es entlang mehrerer Feuchtgebiete, die Lebensraum für viele Vögel sind. Wir sehen verschiedene Läufer, viele Blauracken, einige Eisvögel sowie viele Unbekannte und zahlreiche Raubvögel. Später wird es einsamer, der Asphalt hört auf und es geht über Schotter- und Sandpisten weiter. Nachdem wir gut durchgerüttelt sind, kommt erst Tiefsand, durch den wir nur schieben können dann eine unscheinbare Fahrspur zum nächsten Ort.

Informationen über eine solche Strecke lassen sich nur mühsam einholen und die Erfahrung lässt uns immer mindestens drei Meinungen einholen aus denen wir dann versuchen, uns eine Vorstellung zu machen. Denn diese drei Meinungen überschneiden sich nur in den seltensten Fällen und meist ist das Spektrum der Aussagen sehr weitläufig von "absolut unfahrbar, da kommt man nicht durch" bis zu "ja, die Straße fängt da vorne an". Wir folgen unserer Neugierde, umdrehen können wir ja immer noch, sollte der Weg tatsächlich unter Wasser stehen.

 

Kasachstan 449Kasachstan 349Menschen treffen wir kaum, Tiere und Pflanzen können wir umso mehr bewundern. Kleine Erdhörnchen die leider immer schneller sind als wir mit der Kamera, aber verschiedene Echsen, Schlangen und Vögel lassen sich bereitwillig beobachten. Schlangen lieben es, sich mitten auf der Fahrspur zu sonnen wo man aufpassen muss, sie nicht zu überfahren, oder sie schwimmen einem im Wasser eines Flusses entgegen.

Weniger Freude machen uns zahlreiche Zecken, die, größer als in Deutschland, zwar eigentlich lieber Tiere mögen aber auch uns zu häufigen Suchaktionen veranlassen. So schwindet auch das Vertrauen in unser Medizin-Notfallbuch "Wo es keinen Arzt gibt", denn dort steht über Zecken nicht viel. Sie würden sich auf ihr Opfer fallen lassen und Borreliose ist erst gar nicht erwähnt. Wir haben seit Tagen keinen Baum zu Gesicht bekommen und von wo sollen sie sich bitte sonst herabfallen lassen.

Blumen sind geduldiger. Wilde Tulpen, Lilien, Schachbrettblumen und viele andere säumen den Weg und leuchten inmitten der scheinbaren Kargheit der Landschaft die meist aus niedrigem Bewuchs, viel Wermut und selten niedrigem Gebüsch besteht.Kasachstan_Blumen

Einzige Lebensader in diesem Nichts ist die Eisenbahn. Wir können uns an ihr orientieren, wenn es mal wieder zu viele Wege gibt und sie ist Arbeitgeber für die wenigen Menschen, die hier leben. Ab und an bilden einige einheitliche Häuschen eine "Stanzia", eine kleine Siedlung um eine Station an den Gleisen. Der einzige Kontakt zur Außenwelt findet über die "Eiserne Straße" statt und Tiere hält man zur Selbstversorgung, mehr lohnt sich trotz der großen Flächen scheinbar nicht. Neben der Arbeit bei der Eisenbahn gibt es wenig Grund gerade hier zu siedeln, wo es wenig Wasser und Einkommensquellen gibt.

Wasser müssen auch wir immer finden. Meistens ist das Grundwasser salzig, dann nimmt man es eben aus dem braunen Fluss, wo es die Farbe von Spülwasser hat. Abgekocht vertragen wir es aber gut und sind froh, dass dort gerade kein Kadaver vorbeischwamm.

Kasachstan 453Wie klein eine Siedlung auch sein mag, ein Friedhof gehört dazu. Wie hier üblich ein Stück entfernt vom Dorf gelegen, erhält scheinbar jeder Verstorbene ein kleines Mausoleum. Meist sind dies einfache Backsteinumrandungen, je weiter wir nach Norden kommen, umso öfter sehen wir auch andere Formen wie kleine Türme oder Pyramiden. Bei Städten mit christlichem Bevölkerungsanteil gibt es einen separaten orthodoxen Friedhof. Hier sind die Gräber einfacher gehalten mit Kreuz und Eisenzaun drumherum, allein die Sitzbank bei jedem Grab ist wichtig.

Die einzig größere Stadt wirkt sehr trostlos und die Menschen freuen sich über Abwechslung. Zumindest so lange bis der Dorfpolizist uns ausfindig macht und von nun an als Leibwächter begleitet, da er seine Stadt für sehr kriminell hält. So müssen wir beim Einkaufen wenigstens nicht auf die Räder aufpassen.

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Durch Flüsse, über Steine und steile Hügel, Moor, Salzmatsch und -pfützen und Wiesen gelangen wir nach fünf Tagen wieder auf die große Straße und wieder auf Asphalt.

 

 

 

 

 

 

Frühling im Norden

Auf dem letzten Drittel ereignet sich nicht viel. Asphalt ist ein Segen, er kann aber auch seine Tücken haben, wenn er allzu lückig wird, dazu noch Regen kommt und man nicht weiß ob das Loch vor einem nun 10 cm oder einen halben Meter tief ist. Wenn sich dies über die gesamte Straßenbreite ausdehnt muss jeder selbst nach seiner Ideallinie suchen und versuchen, nicht allzu viele Löcher zu erwischen. Wir als einspurige Fahrzeuge haben es da noch einfach.

Wind gibt es immer in diesen Weiten. Die Frage ist nicht, ob er weht, sondern aus welcher Richtung, denn diese bestimmt nicht nur das Tempo unseres Vorwärtskommens, sondern auch das Wetter. Südwind bringt warmes Wetter, Tage in Sommerkleidung, an denen wir in Flüssen baden. Nordwind erinnert uns daran, dass wir bald in Sibirien sind und wir kramen die Wintersachen wieder hervor. Auch wenn es mit Sonne wieder wärmer wird, sind wir doch schneller als der Frühling und der Flieder, der vor vier Wochen in Bischkek schon blühte, fängt hier gerade erst an.

 

Kasachstan 504Gut tausend Kilometer nördlich von Almaty erreichen wir mit Semey unsere letzte Stadt in Kasachstan am Ertisch gelegen. Semey oder Semipalatinsk mag dem ein oder anderen vielleicht bekannt sein im Zusammenhang mit Atomtests die im Polygon, in der Steppe westlich der Stadt, von 1949 - 89 vom sowjetischen Militär durchgeführt wurden. Während der Besucher nichts spürt, ist die Bevölkerung hingegen vom Erbe dieser Zeit betroffen und da Zäune fehlen, wird die Gegend wieder als Weideland genutzt. Die Stadt gefällt uns gut. Neben dem üblichen Einerlei der Plattenbauten und erstaunlich viel Industrie gibt es viele kleine Holz- und Blockhäuser die uns gut gefallen. Manche Menschen fragen, ob wir gekommen sind, um zu bleiben. Dass nun nicht gerade, aber dem örtlichen Fernsehsender geben wir dann doch noch ein Interview und lassen uns Filmen.

Eineinhalb Tage reichen uns zum Nachtanken, dann zieht es uns weiter. Schon lange nicht mehr sind wir so gut voran gekommen und wurden nicht von Formalitäten, Wetter oder sonstigen Erledigungen aufgehalten. Wir genießen es einfach zu fahren und zu fahren und haben Sehendwürdigkeiten nicht im Geringsten vermisst in Kasachstan. Auf dem Weg zur russischen Grenze werden wir landschaftlich noch einmal überrascht, Kiefernwald säumt unseren Weg und wiegt uns abends in den Schlaf.

Es ist der Geruch nach Wermut und die Weite an die wir uns erinnern werden, und auch die kräftigen Pferde, auf denen die Hirten große Kuhherden vor sich hertreiben. Nicht zu vergessen das weltbeste Halva!