Eine Radwanderung

Farab - Samarkand [Bilder]

 

 

Wir sind durch Turkmenistan geeilt, haben in Bukhara nur kurz verweilt und waren so froh, als einen halben Tag hinter Bukhara der Gegenwind in Rückenwind kehrte. Unser Tadjikistanvisum würde bald beginnen und man braucht die vier Wochen wirklich, um die lange Strecke durch die Berge mit Pässen über 4000 m zu schaffen. Ausserdem wird es dort oben bald Winter, Eile ist also gut geboten.


Wir sind gut in Fahrt, es wird schon Abend und wir fahren gerade über eine Eisenbahnbrücke. Auf dem Seitenstreifen ein Erdbollen, vielleicht ein Kilo schwer, nicht mehr. Ich fahre vorne und dank der Brücke fährt Veronika nicht so dicht auf, wie wir uns das bei dem Gegenwind angewöhnt hatten, als ich diesen Erdbollen übersehe und dieser mir das Vorderrad so querstellt, dass mein Rad bockt und ich mit einem grossen Sprung abwirft. Ich lande aufrecht, mit dem durchgestreckten linken Bein und damit ist die Reise erst einmal unterbrochen. Die Belastung war für das Knie zu groß. Es ist nichts gebrochen, das haben wir dann dem Röntgenbild entnehmen können, aber wohl gut gestaucht. Nach einer fürchterlichen Nacht im Zelt (ich hatte seit dem Tag des Unfalls verdauungshygienische Probleme und dann steht man nachts mit einem Bein auf, das man nicht bewegen kann, aus einem Zelt, wo man erstmal irgendwie rauskrabbeln muss um sich dann irgendwie wieder abzusetzen...) nehmen wir den Bus nach Samarkand. Seitdem sind wir hier, die Schmerzen sind vorbei, aber das Knie noch lange nicht wirklich belastbar.

 


Damit ergeben sich die nächsten Probleme. Nicht nur, dass wir hier in einem Hostel verweilen, was in der Länge finanziell nicht unbedingt vorgesehen ist,  sondern auch die Visadauer erlaubt uns nicht, bis zur Genesung hier zu bleiben. Wenn man hier nach Tadjikistan wechselt, dann hat man nur eine Chance, nach Kirgistan zu kommen, und die ist der Pamirhighway. Eine deutlich kürzere Strasse, die auch viel weniger bergig ist, ist am Grenzübergang für Fremde gesperrt.  Dann gibt es noch einen dritten Weg , im Norden Tadjikistans, aber diesen muss man vom Norden Uzbekistans aus betreten, da der Pass zwischen Dushanbe, also auch dem Grenzübergang bei Samarqand wohl geschlossen ist. Wer weiss das schon so genau. Wir können ja auch nicht direkt nach Kirgistan, weil sich die Visazeiten nicht überlappen. Höchstens über Kasachstan, aber wer will das schon, dann hätten wir alle Berge ausgespart, die schönsten Strecken, die wir erwarten dürfen. Eine Verlängerung des uzbekischen Visums ist praktisch nicht möglich und wenn dann nicht finanzierbar. Die Transportlogistik ist also nicht so einfach.

Derweil haben wir von Samarqand noch nicht so viel gesehen und das, was man sieht, ist ob seiner Größe imposant, aber weicht künstlerisch nicht so viel vom Bisherigen ab. Also ein paar Worte über Bukhara.

Die Städte Bukhara und Samarkand sind mit der Seidenstraße verbunden wie andere Orte kaum. Frühe blühende Oasen, Handelsplatz und Treffpunkt mit religiösen Zentren, sind diese Städte heute die touristischen Highlights des Landes. Neben einer noch belebten Altstadt aus Lehmhäusern bietet die Stadt ganz viele Medresen (Koranschulen, denn Bukhara war früher das religiöse Zentrum Zentralasiens), Moscheen, Kuppelbasare, Karawansereien, Mausoleen und eine Burg. Das Auffallenste, was alle gemein haben, ist, dass, woimmer man sich aufhält, Souvenirs verkauft werden. Nicht nur die kleinen Andenken, vor allem Teppiche und Suzanis, meist mit Seide bestickte Decken, die durchaus auch sehr kunstvoll sein können, aber auch so in Massen angeboten werden, dass sie bestimmt nicht alle in Handarbeit hergestellt werden – wie dies so gern gezeigt wird. Man besichtigt irgendeins der genannten Gebäude und alles ist verhängt mit Teppichen und Decken. In der Architektur wechselt nun in der Kuppelgestaltung die Form, sie wird steiler und mit mehr oder weniger Rippen ausgebildet oder mindestens nach aussen ragende Steine. Fliessen wie in Iran finden sich selten, dafür sind Backsteine glasiert, meist in Blau, aber auch in anderen Farben und diese so eingemauert, dass Formen entstehen. Auf dem zentralen Platz des alten Bukhara steht ein Minarett, das mit einem basalen Durchmesser von 9 m und einer Höhe von fast 50 m (bei einem 10 m - Fundament) bei seinem Bau vor tausend Jahren alle Massstäbe sprengte und wohl wie kaum irgendetwas anderes Dschingis Khan beeindruckte, jedenfalls davor hatte er Respekt und liess es stehen. Auch widerstand es einigen Erdbeben und einer russischen Bombardierung vor hundert Jahren. Man hat aber auch genug gesehen, wenn man sich einen Tag durch Bukhara bewegt, man kann ja auch zwei draus machen, Samsa gegessen hat, das sind mit Hackfleisch und viel Zwiebeln gefüllte Blätterteigtaschen, die im Steinofen gebacken werden und sich ein wenig die Näharbeiten angesehen hat.

Auffallend ist in diesen Städten, dass vieles wieder sehr gut aufgebaut wurde (wie orginalgetreu, ist nicht immer klar) und die Altstadt fast orginal wirkt, nur, dass eben alles etwas zu neu ist und sie eigentlich unter viel Erde wieder ausgegraben wurde. Verlässt man die Hauptwege der Touristen, strolchen gleich in der nächsten Straße die Hühner herum, Heu liegt zum Trocknen ausgebreitet auf der Straße und die Häuser sind oft mehr kapputt als heil.

 

Und für uns ganz ungewohnt gibt es hier plötzlich viele Touristen. Schon in Turkmenistan waren wir zwei deutschen Reisegruppen begegnet und es fühlte sich sehr ungewohnt an nach so langer Zeit von so vielen Menschen umgeben zu sein die die gleiche Sprache sprechen, noch dazu mitten in der Wüste. In Bukara scheinen sich noch viel mehr Reisegruppen zu tummeln, dazu noch diverse Einzelreisende und nachdem uns in Esfahan acht bis zehn Westler an einem Tag  viel vorkamen, müssen wir uns hier in Usbekistan wohl an andere Dimensionen gewöhnen.

Das hat aber auch durchaus seine netten Seiten und viel Zeit unseres Stillstands hier in Samarkand verbringen wir mit netten Gesprächen im schönen Innenhof unseres Hostels. Zumal unsere Fahrräder nun nicht mehr alleine sind, sondern mittlerweile sechs davon im Hof stehen, die & die.

Auf der anderen Seite wird man schon von sehr kleinen Kindern mit "Hello" begrüsst und nicht selten fordernd  nach Bonbons oder Stiften gefragt.  Überall werden einem Souvenirs angeboten und die Aufpassdamen der Museen sticken mit viel Mühe die verschiedensten Sachen, die sie dann den Besuchern anbieten.

 


Auf dem Weg aus Bukhara heraus halten wir noch beim Basar, der ausserordentlich gut hergerichtet und organisiert ist. Denn seit langem gibt es wieder richtig Gemüse, Obst und Milchprodukte. Gemüse ist so billig, dass man sich gar keinen Preis anschauen muss und wir geniessen die Vielfalt.
Dabei sieht man auf dem Weg durch das Land, gar nicht mal unbedingt die Gemüsefelder, sondern vor allem Baumwolle, dann Trauben, dann Maulbeerstrauchplantagen. Letztere sind nicht der Früchte wegen kultiviert, sondern die Blätter werden von den Trieben abgestreift, um damit - die Raupen zu füttern. Seide war schon lange die Spezialität Zentralasiens und noch heute ist die Seidenraupenhaltung wie auch die Seidenverarbeitung wichtig für das Land.

 


Daneben gleich die Baumwolle die schon seit Turkmenistan viel angebaut wird. Usbekistan war das Baumwollzentrum der Sowjetunion, wobei um dieses zu schaffen eifrig kanalisiert wurde um das Wasser der beiden großen Flüsse Syr-Darya und Amu-Darya für den wasserintensiven Anbau in den trockenen Wüstengebieten zu nutzen.  Ein großer Teil geht allerdings auf dem Weg zum Zielgebiet verloren und nur noch selten kommt Wasser der Flüsse beim Aralsee an. Die Folge für den Aralsee und damit das Großklima in diesem Gebiet dürfte bekannt sein.

 

 

Gerade ist Erntezeit. Ein Monat lang arbeitet jeder, der abkömmlich ist, auf den Feldern und erntet etwa 100 kg Baumwolle am Tag. Uzbekistan in seiner politischen Orientierung ist sich auch nicht zu schade, Schulklassen in der Baumwollernte einzusetzen. Bezahlt wird nach Erntemenge, bei den 100 kg bekommt man etwa 3,5 $. Das ist hier schon bisschen was wert, man muss aber auch bedenken, dass viele der Leute in den Pflückbrigaden sonst keinen durchgängigen Lohn haben.
Wir erfahren solche Details, als wir an unserem ersten Abend kurz vor Bukhara mit einem Baumwollbauern ins Gespräch kommen und auf dessen Teebank am Acker schlafen dürfen. In Bukhara nehmen wir dann erstmal wieder ein Hostel, da man in Uzbekistan ofiziell registriert sein muss, und das geht am problemlosesten so. Privat unterzukommen ist offiziell verboten, wie in Iran eigentlich auch, aber hier scheint das wirklich noch verfolgt zu werden.

 

Usbekistan und Turkmenistan sind sich in einigem ähnlich, in vielem auch nicht. Die Frauen sind hier ebenso bunt gekleidet, allerdings meist in einem Zweiteiler aus Hose und knielangem Oberteil in den schrillsten Farben mit meist großem Blumenmuster. Uns erinnert es bisweilen eher an Bademäntel. Das Straßenbild veränderte sich auch. Hier ist Benzin teurer und auch die Distanzen zwischen den Ortschaften sind im bevölkerungsreichsten Land Zentralasiens deutlich kürzer, so hat die Zahl der Fahrräder und Eselwagen deutlich zugenommen und wir teilen uns den Seitenstreifen mit ihnen, was besonders in der Dämmerung einige Aufmerksamkeit erfordert, ansonsten aber sehr nett ist. Die Menschen sind sehr nett, auch wenn mir momentan eher wenig Kontakt zu Einheimischen haben gefällt das Land uns soweit sehr gut.

So stehen wir still, machen Sightseeing in Zeitlupe und uns Gedanken über die nächsten Schritte und die übernächsten. Wir wissen noch nicht genau, wann der Nächste kommt.