Eine Radwanderung

Semey - Taschanta [Bilder]



Acker links, Acker rechts…
altai_003So empfängt uns Sibirien und die ersten 350 Kilometer bleibt es auch so - Felder rechts, Felder links. Bei nahezu gleicher Landschaft wie in Nordkasachstan ändert sich die Kulturlandschaft mit der künstlichen Trennlinie der Grenze radikal. Wo vorher Brache und Wiesen als Weiden genutzt wurden, reiht sich hier ein Acker an den Nächsten und die einzige Abwechslung besteht zwischen Stoppelacker, leicht begrüntem Acker und Acker in Bearbeitung, also braun. Kilometer um Kilometer fahren die Traktoren, meist zwei oder mehr nebeneinander, wirbeln viel Staub auf, Bearbeiten und Säen meist gleich in einem Arbeitsgang. Zwischen den Äckern liegen angelegte Baumhecken aus Ahorn und Birken. Das freut das Zelterherz, denn wir müssen nie lange nach einem Schlafplatz suchen.

Die Straße führt beständig um fast jede Siedlung oder Stadt herum, so sind Kontakte erstmal rar. Aber auch so fallen Veränderungen sofort ins Auge. Nach vielen Monaten in mehrheitlich islamisch geprägten Ländern stutzen wir nun ganz automatisch bei Männern in kurzen Hosen und oben ohne.  
Im ersten Dorf nicke ich Jedem wie gewohnt zu, nur keiner grüßt zurück. Erst bin ich verwundert, dann etwas enttäuscht und schließlich wird es normal, dass die Menschen etwas zurückhaltender aber selten weniger herzlich sind, ist man einmal in Kontakt gekommen.
Am Straßenrand werden wir recht bald auf einem großen Schild darauf hingewiesen, dass Müll in die dazu bestimmten Behälter zu werfen sei. Vorbildlich denken wir uns und freuen uns, bis wir den ersten davon sehen. Dort wird der Müll einfach zehn Meter weiter hinten verbrannt. Dies ist aber ein Einzelfall und auf der gesamten Strecke stehen immer wieder in Haltebuchten oder an den grünen Bushaltestellen Mülleimer die auch geleert werden. Gibt es gerade Keinen in der Nähe, werden die Picknickreste aber nach wie vor vor Ort hinterlassen - man arbeitet dran.
Und arbeitssam sind sie die Menschen hier. Zu jedem Häuschen gehört ein Garten und dort wird gewerkelt und gesetzt, immer scheint man irgendwie beschäftigt und am Abend sitzt Mann am nächsten Weiher oder Fluss und hält die Angel ins Wasser.
Die Landschaft ist potteben und ereignisarm, das Wetter bestens, denn Sibirien ist nicht per se kalt und im Sommer kann es ganz schön heiß werden. Der Wind kühlt ganz gut, dass es Abends um halb sieben noch über vierzig Grad hat, überrascht aber doch. Wir wollen uns beeilen um mehr Zeit für die bergige Region zu haben und fliegen nur so nach Barnaul.
Wir haben keine richtige Karte für diese Region die wir zwischen Kasachstan und der Mongolei durchqueren. Eine Überschlagung der Kilometer hatte vor einiger Zeit etwa 600 Kilometer ergeben und erst kurz vor der Einreise hatte die genauere Betrachtung eines fotografierten Kartenabschnittes zu der erstmal erschreckenden Erkenntnis geführt, dass dieses "kleine Stückchen Russland" ganze 1200 Straßenkilometer lang ist. Und das nur, weil die beiden Länder sich um etwa 80 Kilometer verfehlen.



Sie sind klein, sie sind gemein….
Und bilden die wahrscheinlich Sommers meisten Bewohner Sibiriens. So sehr wir uns über die zahlreichen und schönen Hecken zum Übernachten freuen, so sehr freuen sich die dort lauernden Mücken über unser Kommen. Kaum haben wir uns niedergelassen, umschwärmen sie uns zu Hunderten. Sollten wir eine typische Handbewegung für diesen Teil der Reise machen, wäre es ohne Zweifel das Schlagen nach den kleinen Biestern, das jede abendliche Handlung begleitet. Wir werden immer schneller im Zeltaufbau und wer nicht kocht, sitzt so schnell er kann im Innenzelt, dem einzig sicheren Ort.
altai_019Die Abende sind oft sehr schön. Dadurch, dass wir deutlich nach Norden fahren, ist es lange hell und zudem warm. Da man dies im Zelt, wo wir uns zwangsläufig befinden, nicht so richtig genießen kann, fahren wir Abends möglichst lange und machen ausgedehnte Mittagspausen.
Matthias meint sich zu erinnern, dass der Körper sich irgendwann daran gewöhne. Erstmal ist es aber noch nicht so weit und ich habe auch meine Zweifel und so ist das Einzige was hilft, viel Bewegung und ausgiebiges Räuchern mit feuchten Blätter etc.



Die Stadt im Walde
Barnaul ist gewiss eine schöne Stadt und wir genießen den Tag, den wir dort verbringen. Am meisten aber beeindruckt uns die Umgebung. Als erstes stoßen wir auf Datschen, auf Datschensiedlungen mit zigtausenden Datschen. Da es Wochenende ist, sind entsprechend viele Menschen fleißig unterwegs. Ältere Menschen steigen mit Sack- und Pack aus den Bussen, Jüngere kommen gerade vom Picknick - es herrscht eine unternehmungslustige Atmosphäre. Am Straßenrand werden Dünger, Kompost und Samen verkauft und aus gelben Tankwägelchen wird frischer Kwas angeboten.
Wie ein riesiges Dorf breiten sich die Datschen über die Hänge aus. Manche sind in Siedlungen zusammengefasst, andere scheinbar freier. Auf den Gartengrundstücken steht ein mehr oder weniger stattliches, meist liebevoll zusammengewerkeltes Häuschen, darum erstreckt sich der Garten. Erstes Grün spießt aus manchen Beeten, den Großteil bildet jedoch jetzt noch braune Erde. Grasflächen gibt es so gut wie nie, jeder Zentimeter wird genutzt.


altai_07Aufwärts geht es in einem Wald in dem langsam die Ausläufer der Stadt beginnen. Die Stadt bedeckt einen Hügel und liegt am Ob, einem der großen  sibirischen Ströme, der im Altaigebirge entspringt und durch Russland bis zum Polarmeer fließt. Erstaunlich ist für uns seine Breite die hier schon mindestens der des Rheines bei Mannheim entspricht. Die Strömung lässt Matthias vom Bootfahren träumen und als wir vom der Stadt gegenüberliegenden Ufer die Ausflugsschiffe sehen, überlegen wir die nächste Etappe mit einem solchen zurückzulegen. Ein Plan, der dann doch scheitert, denn so weit fahren sie nicht.
Wir schlafen mit Blick auf die Stadt, am Ufer des Ob, um uns herum verbringen viele Menschen ihren Freitagabend am Lagerfeuer verstreut unter Bäumen am Ufer. Es mag auch mit der Jahreszeit zusammenhängen, dass man hier einen Großteil seiner Freizeit draußen in der Natur verbringt.



Es grünt so grün
Barnaul ist der nördlichste Punkt dieses Abschnittes, ab jetzt geht es nach Südosten, dem Altaigebirge und der Mongolischen Grenze entgegen.
altai_033Langsam lassen wir das stark ackerbaulich geprägte Gebiet hinter uns. Dafür prägen nun grüne Wiesen und immer mehr Wald die Landschaft. Durch unsere Route, von Kirgistan aus nach Norden, haben wir uns ungeplant, aber sehr begrüßt, einen extralangen Frühling eingehandelt. Wieder neue Blumen, deren Königin die orangefarbene Trollblume sein könnte, die ganze Wiesen bedeckt. Teppiche blauer Vergissmeinnicht, Lilien, Orchideen und drumherum ein leuchtendes Grün - Maigrün. Wir genießen diese Farben- und Duftpracht nach den kargen Steppen Zentralasiens sehr. Weicher Waldboden, Flüsse, Kühe… Picknickplätze gibt es mehr als genug. Lange folgen wir dem Katun, einem der beiden Quellflüsse des Ob. Er entspringt in der Nähe des Beluga, dem höchsten Gipfel des russischen Altaigebirges nahe an der Grenze zu Kasachstan, und windet sich durch die Berge, um sich bei Bijsk mit dem Fluss Bija zum Ob zu vereinen.
Dort machen wir eine erstaunte Wiederbekanntschaft mit Ladenöffnungszeiten. Es ist Sonntag, später Nachmittag und voller Pläne radeln wir in die Stadt um erstaunt festzustellen, dass bis auf größere Supermärkte alles geschlossen hat. Wir erinnern uns an Wochentag und Zeit und daran, dass man mancherorts Sonntags eben ausruht.



Republik Altai
altai_060Es wird hügeliger, die Zuflüsse des Katun schneiden steile Täler in die Landschaft. Wir überqueren die Grenze zur "Republik Altai" und betreten das Land der Berge. Als Republik hat das Gebiet innerhalb Russlands das Recht auf eine eigene Verfassung und das Recht auf eine eigene Sprache als Amtssprache neben dem Russischen. Es ist von Bergland und Gebirge geprägt und aufgrund dieser Struktur nur sehr dünn besiedelt. Die Hauptstadt und gleichzeitig einzige Stadt der Republik ist Gorno-Altaisk. Sie befindet sich gleich am Anfang, von Westen kommend, langgezogen in einem engen Tal gelegen. Von den gut 203.000 Einwohnern der Republik gehören etwa 62.000 zur ethnischen Minderheit der Altaier. Sie ähneln sehr den umliegenden asiatischen Turkvölkern und sprechen Altaisch, eine Turksprache. Sie wirken auf uns offener als die Russen, grüßen und winken, wenn wir vorbeifahren und sind deutlich neugieriger. Während wir uns fast wieder heimischer fühlen, da die Kultur stark an die Zentralasiens erinnert und auch z.B. die Gerichte die Gleichen sind, ist dies für hier reisende Russen aus anderen Landesteilen neu und fremd.


altai_064Die Menschen leben hauptsächlich von Landwirtschaft, wobei im wesentlichen Tierhaltung eine Rolle spielt, Ackerbau mehr zur Selbstversorgung dient. Auch Tourismus spielt eine wesentliche Rolle und wir fahren an vielen Gasthäusern, Sanatorien, Tourbasen und Camps vorbei. Vielfach ist der Standard einfach, ein paar Hütten im Wald am Fluss und jetzt vor der Saison wird überall gewerkelt und gebaut. Vieles ist aus Holz, was so reich vorhanden und scheinbar nicht sehr teuer ist.
Man siedelt meist in Dörfern, die nach Osten hin kleiner und seltener werden. Ein Gehöft besteht meist aus hölzernem Wohnhaus und Garten sowie einem Teil mit Stall und Auslauf für die Tiere. Drumherum ein Zaun, irgendwo ein großer Stapel Holz für den nächsten Winter sowie ein Klohäuschen. Auffällig ist, dass bei fast jedem Haus ein auffälliger Rundbau mit Runddach im Garten steht. Vielleicht sind dies die Nachfolger ehemaliger Jurten, denen sie in der Form sehr ähneln.



Trockenfrucht des Monats
altai_20Vor Barnaul entdeckt Matthias an einem blühenden Obstbaum kleine rote Früchte vom letzten Jahr, die jetzt getrocknet sind und leicht säuerlich, ähnlich wie getrocknete Äpfel schmecken. Besonders im morgendlichen Griesbrei machen sie sich gut und eine Recherche im Internet ergibt, dass es sich vermutlich um Kirschäpfel (Malus baccata) handelt. Name hin oder her, wie mögen die kleine Frucht, die meist etwas kleiner als eine Kirsche ist, aber Kerne ähnlich einem Apfel hat. Eines Nachmittags, als in der Straßenhecke viele dieser Bäume auftauchen, erwacht unser Sammeltrieb. Wir pflücken und pflücken, schliesslich hat der jeweils nächste Baum noch bessere Früchte und sie sind auch besser erreichbar und dann kommt der nächste und so fort. Als eine Einkaufstüte zu dreivierteln voll ist, stoppen wir uns selbst - schließlich muss das alles auch getragen werden. Einige Pausen verbringen wir mit sortieren, entstielen und säubern der Früchte, die unsere Extravitamine für die Mongolei werden.
Ein weiteres Erzeugnis in der Serie "palatni produkti" ist selbst gebrauter Kwas. Das Brotgetränk, das sommers in den Städten überall frisch angeboten wird, schmeckt uns sehr. Nur, es gibt ja nicht so viele Städte auf dem Weg. "Das können wir auch selber" denken wir uns. Wir kaufen eine Trockensubstanz aus dunklen Semmelbröseln. Diese werden mit warmen Wasser, etwas Hefe und Zucker vermischt und das Gemisch brodelt die nächsten acht Stunden vor sich hin. Danach kann man es absieben und trinken.



Polnischer Gulasch und Schweizer Käse
Wir arbeiten uns nach oben, überqueren zwei Pässe und wieder ändert sich die Landschaft. Die Berge um uns herum werden höher und zunehmend kahler, der Wald verschwindet zusehends und entlang der Flüsse fahren wir durch sanft-grüne Terrassen. Schmale Täler wechseln sich mit breiten Ebenen ab und die ein oder andere schneebedeckte Spitze grüßt aus der Ferne. Die Sonne strahlt zuverlässig Tag für Tag, nur einmal macht sie Pause und das Grün wird mit reichlich Regen gepflegt. Es ist gut warm, abends aber deutlich kühler, was uns aufgrund der dann verschwindenden Mücken sehr freut und wir genießen unsere Freiheit.
Das tun andere auch und da es sich hier um die Transitstrecke handelt, die im Westen in die Mongolei führt, treffen wir so viele andere Reisende wie schon lange nicht mehr. Allerdings sind sie alle motorisiert unterwegs und Zeit für einen kleinen Austausch ist immer. Drei Österreicher mit Jeep und Anhänger, ein Slowene mit Motorrad, der vor neun Tagen zu Hause losgefahren ist (wir staunen), zwei Schweizer mit ihrem Schneckenhaus, ein Schweizer mit russischer Begleitung im Jeep und ein Pole im A-Benz, der allerdings hier nur zur Grenze fuhr und zurück. In einem Auto ist ja bekanntlich mehr Platz und man ist deutlich schneller unterwegs, da findet sich der ein oder andere Leckerbissen aus der Heimat, der uns Radfahrern Kraft verleihen soll. Polnischer Gulasch landet im Kochtopf, Schweizer Käse auf dem Brot und der selbstgebackene Schweizer Kuchen mundet besonders. Nachgespült wahlweise mit russischem Rotwein oder Cognac, den ein russischer Geschäftsmann an besagtem Regentag zusteckte. Kulinarisch geht es uns also bestens und dass man fast überall dunkles Brot bekommt freut uns auch sehr.


Unter Adlern
img_8784Kurz vor der Mongolei verlassen wir den Baumbereich gänzlich und kommen in subalpine Landschaft. Rings um uns herum die noch schwach schneebedeckten Berge, die zurücktreten und die Bühne für eine Hochebene freigeben. Steppenlandschaft, in der der Fluss seinen Weg suchen kann. An seinen Ufern noch Schneefelder, die auch die manchmal sehr heiße Sonne  nur langsam zum schmelzen bringt. Über uns der weite Himmel, an dem viele Adler ihre Kreise ziehen. Diese Tiere sind sehr zahlreich und es kommt vor, dass nur wenige Meter neben uns einer seinen Rastplatz verlässt und aufsteigt. Oft schauen wir ihnen lange nach und nicht selten würde ich gerne einmal tauschen.
Vollgepackt mit viel Essen für die Mongolei verlassen wir die Bühne des Ersten Aktes in Russland.
Halt! Was ist das? Da kommt doch tatsächlich ein Jogger daher. Kurz vor der Grenze und in Sportkleidung. Es ist ein Mongole mit Fackel, ein Teilnehmer des World Harmony Run, der hier von Japan über Süd-Korea, China, die Mongolei und nun durch den Altai führt.