Eine Radwanderung

Mörön - Kjachta [Bilder]



Alles wird einfacher
Der Stadt Mörön merkt man die Anwesenheit von Touristen und mehr Geld an. Wer zum Chuwsgul, dem schönsten See des Landes will, muss hier durch und allein drei Supermärkte und mehrere Hotels geben uns das Gefühl, in einer großen Stadt zu sein. Dies ist natürlich relativ, aber von ihrer Bedeutung her ist sie es für uns nach vielen Tagen in der Steppe allemal.
Einkaufen, Internet, Duschen - wir erledigen alles Nötige und sehen nach einem Pausentag zu, dass wir weiterkommen.
Es ist zwar immer wieder das Gleiche, aber nicht weniger seltsam, während auf dem Land überall Tiere sind und Pferde das wichtigste Arbeitswerkzeug darstellen, bemerkt man in der Stadt, abgesehen von ein paar Pferdekarren die sich vor dem Markt als Transporter anbieten, nichts.

Ab jetzt wird alles ein bisschen einfacher. Die Straße wird deutlich besser und wirklich schwierigen Stellen mit Geröll oder Sand begegnen wir kaum noch. Die Berge, welche noch zahlreich folgen, geht es sanft hoch und runter, gerade richtig um gut fahren zu können und nie zu steil. Dies zieht nach sich, dass wir besser voran kommen und weniger Wasser mitnehmen müssen. Viel ist es immer noch und nicht immer behalten wir den Überblick über altes Wasser zum Kochen und Neues zum Trinken und es passiert doch, dass man seine Limonade gerade noch retten kann bevor der andere sie versehentlich als Duschwasser verbraucht.
Wir mischen uns als Abwechslung im Getränkeangebot von viel, viel Wasser ab und an Limonade, indem wir Zucker und kristalline Zitronensäure ins Wasser mischen. So kann man seinem Körper mehr Flüssigkeit andrehen und sie schmeckt auch in lauwarmem bis sehr warmem Zustand noch einigermaßen.
Die Läden haben mehr und sinnvollere Auswahl und sogar Brot bekommen wir jetzt meistens. Die Preise sinken, je weiter wir nach Osten kommen, wohingegen sie in den kleinen "Guans" - Imbissen steigen.
Mongolei3_021Diese Etappe wird nicht nur fahrtechnisch die Einfachste in der Mongolei, landschaftlich hat sie auch einiges zu bieten und wir genießen die verschiedenen Stimmungen, die die unterschiedlichen Landschaften mit sich bringen.
Breite Flusstäler mit einsamen Bäumen an deren Rand wir entlangfahren, denn aufgrund der Unberechenbarkeit des Wassers, welches sich mitunter zu Hochwassern ausdehnt, können Flusstäler nicht als ebene Streckenführung genutzt werden. So geht es immer auf und ab, wobei sich das Ab deutlich mehr genießen lässt wenn es sanft und glatt ist.


Mongolei3_020Immer mal wieder kommen wir durch Gegenden mit mehr Wald, sogar Mischwald. Menschen bewohnen neben den Jurten vermehrt feste Häuser, Holzblockbauten meistens wie auch schon in den Gegenden, wo gar kein Wald wächst. Kleine Bäche bilden saftig grüne Täler mit Blumen, wir finden für manch eine Mittagspause sogar einen Baum. Die Selenge, der größte Fluss der Mongolei, wird von einer großen Brücke überspannt. Dahinter folgen einige Kilometer aufgewehte Düne, als sei man in der Wüste.


Immer wieder treffen wir kleine Herden die in die nächste Stadt zum Verkauf getrieben werden. Öfter werden Tiere auch auf den Ladeflächen kleiner chinesischer LKWs transportiert. So weite Strecken wie eine Karawane, die wir bei Mörön treffen, müssen aber wohl die Wenigsten zurücklegen.
Abends im Regen waren wir ihnen begegnet, zwei Hirten mit Schafen, Ziegen, Pferden und Kamelen, vier weitere Begleiter seien schon voraus. Sie kamen aus Chowd in der Westmongolei und hatten nach 1300 Kilometern noch 500 Kilometer bis Ulan Baator vor sich. Dort wollen sie die Tiere verkaufen.
So manche Begegnung hinterlässt ihre Fragen.
Das trifft besonders auch auf die vielen großen, neuen Jeeps inklusive Besatzung zu, die wir seit Mörön vermehrt treffen. Gab es im Westen des Landes nur UAZ Jeeps oder Allradbuschen so scheint hier trotz einfacherer Wege die Devise zu gelten: je größer, desto besser. Fassungslos sehen wir uns wieder mit der Diskrepanz konfrontiert, die man in diesen armen Ländern zwischen der einfachen, mehrheitlich armen Land- und der reichen Stadtbevölkerung findet.
Nirgendwo ist uns eine derart durchgängige Übereinstimmung von Wohlstand und Körperfülle begegnet. Gerne wird vom männlichen Geschlecht der nackte, runde Bauch präsentiert, indem die Hemden bis unter die Achseln hochgekrempelt werden. Man muss zeigen, was man hat.


Flügelgeklapper und Lilienblüte
Mongolei3_040Die erstmal deutlich grünere Landschaft mit mehr Wasser bietet nun auch mehr Tieren und Pflanzen Lebensraum. Die verschiedenen kleinen Erdhörnchen kennen wir bereits aus der trockeneren Steppe, nun summt und brummt und klappert es um uns herum. Heuschrecken machen die unterschiedlichsten Geräusche, wobei zwei Arten mit ihren Lockrufen besonders hervorstechen. Eine macht ein schnalzend, klatschendes Geräusch und ist an ihren blauen Flügeln zu erkennen. Das rotflügelige Äquivalent ähnelt mehr einer Rassel. Verschiedenste wilde Bienen, Wespen und Schwebfliegen holen sich bei uns eine Portion Mineralien. Weniger gerne gesehen sind hingegen Mücken und besonders Bremsen die meist dran glauben müssen, an einem Tag über fünfzig.
Einen Tag werden wir von tausenden harmlosen Fliegen besucht. Sie schwirren um uns herum und sind besonders an den Schrauben unserer Bremshebel interessiert. Bis zu einer Geschwindigkeit von über 30 Km/h können sie mit uns mithalten, da haben wir keine Chance.
Mongolei3_026Auch botanisch wird es interessanter. Immer mehr bunte Blumen gibt es und ausgerechnet die schöne orange Lilie ist, soweit wir feststellen können, eine der wenigen Pflanzen, die Mongolen essen. Viele Pflanzen sind gleich oder ähnlich wie unsere Mitteleuropäischen, gelber Mohn, Beifuß, Hahnenfuß und Thymian, der sich gut gegen Magenprobleme verwenden lässt.
Es verwundert kaum, dass hier auch mehr Menschen leben. Mehr Wasser, mehr Gras und bei mehr Verkehr kann der ein oder andere sich mit einem kleinen Imbiss an der Straße etwas dazuverdienen. Die Meisten aber leben auch hier von der Tierzucht.
Mongolei3_003Zwei Jungs kommen auf der Suche nach ihrer Pferdeherde vorbei und verbringen die Pause mit uns. Schließlich sind Fahrradhelme, Landkarten und Fotoapparate für sie spannender als die tägliche Aufgabe und während sie alle untersuchen, darf ich im Gegenzug eine Runde reiten.


Bei allen Einflüssen, die auch hier unweigerlich von der sogenannten westlichen Welt auf die Menschen einströmen, werden bewährte traditionelle Eigenheiten dennoch beibehalten. So ist der lange Mantel aus farbigem Stoff, der mit einem Tuch um den Bauch zusammengehalten wird, bei Männern und Frauen noch viel zu sehen und wird von der jüngeren Generation eben mit schräg sitzender Baseballkappe kombiniert. Unschlagbar praktisch ist er bei Fahrten auf dem Motorrad, denn einerseits warm, bietet die über dem Bauchgurt entstehende Tasche viel Platz für Einkäufe, Motorradflickzeug oder das jüngste Familienmitglied. Praktisch ist er auch, wenn man nach den Pferden schauen, also auf die Toilette, muss. Dafür gibt es selten eine spezielle Örtlichkeit, vielmehr sucht man sich einen passenden Platz in der Steppe.
Auf Pferde und die Reitkunst ist man stolz, präsentiert sich gerne mit ihnen oder die Jugendlichen strecken sich mal eben vom Pferderücken aus zu Boden um uns zu beeindrucken.

Mongolei3_014Ersteinmal aber begegnen wir einem anderen Highlight - Asphalt. Von Berichten wissen wir in etwa, wo die Asphaltstraße beginnen soll und nach über 1300 Kilometern Piste freuen wir uns darauf, das letzte Stück auf glatter Straße zurücklegen zu können. Zuerst begegnen wir Baustelle. Die Trasse für das nächste Straßenstück ist bereits angelegt, nur die Brücken für Flüsse müssen noch eingefügt werden, bevor der Asphalt kommen kann. Oft kann man sie aber schon nutzen und bei einer Abfahrt wird der Untergrund dann glatt und grau.
Was für ein schönes Fahrgefühl auf glattestem Asphalt und es wird ruhig um uns herum wodurch uns auffällt, wie viel Lärm das Fahrrad und seine Teile auf den unebenen Straßen gemacht haben. Auch muss man sich etwas weniger konzentrieren, schließlich sinkt die Gefahr vom Fahrrad zu fallen, wie es uns beiden einige Male passiert ist, deutlich und auch die Taschen müssen nun nicht mehr in Hochsicherheitsmanier vor dem Abfallen bewahrt werden.
Wir kommen viel schneller voran, die wirkliche Mongolei mit ihren Steppen und dem langsamen Rhythmus, dem man sich zwangsläufig anpasst, lassen wir hinter uns. Nun heißt es wieder rechts fahren und die Pausen verlegen wir besser neben die Straße.


Jeder auf seine Weise oder Karawanen der anderen Art
Dort verbringen wir auch die ein oder andere Stunde im Gespräch, denn je weiter wir nach Osten kommen, umso mehr Touristen treffen wir auch. Noch nie waren es so viele und noch nie waren sie so verschieden. Dazu muss man sagen, dass zum Einen die Saison in der Mongolei recht kurz ist und wir uns zum Anderen das erste Mal zur Saison in einem Touristengebiet aufhalten. Letzten Sommer bewegten wir uns in generell oder damals aktuell wenig bereisten Ländern. Hier ist nicht der Ort um alle Begegnungen zu schildern, einen kleinen Umriss der verschiedenen Reisearten soll aber als Einblick Platz finden.
Da gibt es zum einen diejenigen, die angereist sind und eine organisierte Tour durch das Land machen. Dies ist oft keine Massenveranstaltung, sondern nach den individuellen Wünschen zusammengestellt. So kann man z.B. mit vielen Anderen einen kleinen Bus mit Fahrer mieten oder man geht es ruhiger und kulturnaher an und reist zu zweit mit Dolmetscher und Fahrer. Auch per Motorrad kann man begleitet unterwegs sein, gefolgt von einem Bus mit Personal. Interessant ist auch ein Abend bzw. Morgen mit einer englisch-skandinavisch-holländischen Gruppe Ornithologen. Sie sind hier auf Exkursion und machen sich, ausgestattet mit Fernglas und Kameras von einem halben Meter Länge auf die Jagd nach den verschiedensten Vögeln.
Dann gibt es die Gruppe der Selbstfahrer. Viele mit dem Motorrad, dafür scheint es eines der Traumländer zu sein. Sie sind am unfallgefährdetsten, denn allein von drei gebrochenen Beinen hören wir.
Auch mit dem eigenen Auto reisen viele, wobei das Spektrum vom 30-jährigen Fordbus bis zu nagelneuen Hymer-Wohnmobilen und ähnlichen Vehikeln reicht. Viele sind auf Sommertour, manche aber auch für Länger unterwegs. Einen kleinen Kulturschock erleiden wir am vorletzten Tag auf der Hauptstrasse von der Grenze nach Ulan Baator, als wir etwa 30 Wohnmobilen begegnen. Wir waren vorgewarnt aber dennoch erstaunt, als zwei Karawanen der anderen Art mit jeweils über zehn Wohnmobilen an uns vorbeifahren. Dabei handelt es sich um organisierte Reisen durch Russland, die Mongolei und China mit Rückweg über die Seidenstraße. Jedem das Seine, aber es muss doch ein seltsamer Eindruck sein, den eine solche Menge teils riesiger Reisemobile, ausgestattet mit allem Komfort, hinterlässt.
Mongolei3_035Wohler fühlen wir uns mit den zwei netten Schweizern, in deren kleinen Bus wir einige Regenzeit verbringen. Sehr reiseerfahren und gerade auf dem Heimweg von einer zweijährigen Reise können sie uns so manchen Tipp geben. Radfahrer treffen wir hingegen nur einmal, ein kanadisch-australisches Paar. Wirklich erstaunt aber sind wir, als wir Sarah treffen. Sie reist mit einem großen Rucksack und einem Handkarren zu Fuß von der russisch-mongolischen Grenze bis nach Australien. Was einmal zwei Jahre und 20.000 km werden sollen, ist bei Leibe nicht ihre erste Reise und es gibt viel zu erzählen. Tauschen würden wir nicht, denn auch sie muss viel Wasser mittragen oder finden, aber sie beeindruckt uns sehr.



Raus hier
Seit wir auf der Asphaltstraße sind, geht es uns darum, zur Grenze zu kommen. Unser Visum lässt uns zeitlich nicht mehr viel Spielraum und wir müssen uns anstrengen, um anzukommen. Zwei Städte durchfahren wir, widmen uns aber nur den nötigsten Besorgungen wie Lebensmittel und neue Kleidung, denn die Alte zeigt aufgrund intensiver Nutzung mal wieder Zerfallserscheinungen.
Mongolei3_001Nach einer sehr trockenen Gegend wird es wieder grüner und Richtung Grenze tauchen Kiefernwälder auf. Dafür regnet es dann auch den ganzen letzten Tag, was hinsichtlich der Pausenanzahl und -Dauer Vorteile hat, aber nicht wirklich Spaß macht. Die letzte Nacht verbringen wir unter einer Brücke im Trockenen und nehmen noch eine kräftige Brise Mongoleigeruch mit, denn unsere Isomatten verströmen noch tagelang den Geruch nach Tieren und ihren Ausdünstungen.