Eine Radwanderung

Kjachta - Irkutsk  [Bilder]


Bürokratischer Beginn
Aller Anfang ist anders und obwohl es jetzt schon die zweite Einreise nach Russland ist, verlieben wir uns nicht spontan sondern erleben eher einen kleinen Kulturschock. Die Damen an der Grenze sind laut, zackig und erst auf den zweiten Blick freundlicher, sie interessieren sich aber glücklicherweise nicht für unser Gepäck.
Suedbaikal_032Unterschiede fallen sofort auf - bunte Kirchen, ein riesiger Supermarkt mit einem lange nicht mehr gesehenen Sortiment, die Kreuzanhänger im Ausschnitt der Verkäuferinnen und eine allgemein gehetztere Atmosphäre als in der Mongolei.
Es ist aber die Bürokratie, die meine Nerven fordert an diesem Tag. Ziemlich erledigt von unserem Grenzsprint der letzten Tage wollen wir nur noch ausruhen und weil es das Gesetzt so will, steuern wir ein Hotel an, um zumindest dieses Mal eine Registrierung zu bekommen. Kein Problem, aber ich muss das Geld bei der Bank einzahlen und da liegt der Haken. Eigentlich ist es nur einer für Menschen die keine Geduld haben anzustehen - stundenlang anzustehen. Heute habe ich diese nicht, noch dazu äußerst erfahrene Platzreservierer und Dränger um mich herum. So benötige ich zwei Stunden um 1,50 Euro einzuzahlen und komme fluchend wieder im Hotel an.
Von dort bewegen wir uns die nächsten 24 Stunden, bis wir das Zimmer räumen müssen, nicht fort sind einfach zu k.o. und erholungssüchtig.


Kjachta
Das kleine Städtchen Kjachta, direkt an der mongolischen Grenze gelegen, war einst wichtigster Handelspunkt an der sogenannten "Teestraße". Hier wurden Pelze gegen Tee getauscht, der auf diesem Weg von China nach Russland und auch Europa gelangte. Bis Ende des 19. Jahrhunderts, als mit dem Bau des Suez Kanals und später der transsibirischen Eisenbahn bessere und schnellere Transportwege geschaffen wurden, Blüte der Handel, es gab angeblich nur Millionäre und ca. 10 % des russischen Außenhandels wurden hier erwirtschaftet.
Suedbaikal_006Heute ist von der einstigen Pracht nicht mehr viel zu sehen. Die Ruine eines Domes, der einmal sehr groß gewesen sein muss, verfällt und ist zur Sicherheit mit einem Schutzzaun umgeben. Dennoch beeindrucken die Reste während nebenan ein bunter Spielplatz für Leben sorgt. Die Kirchen wurden und werden renoviert und so manches schöne Holzhaus findet man in den Straßen. Ansonsten wirkt die Stadt etwas verloren inmitten von Sand und Kiefernwald.
Wir haben noch zehn Tage bis wir in Irkutsk sein wollen und sitzen nun hinter Kjachta in einem wunderbar duftenden Kiefernwald. Wir waren so sehr beschäftigt die Mongolei rechtzeitig zu verlassen, dass wir noch keinen Blick auf die neue Karte geworfen haben. Die Rechnung ergibt ca. 70 Kilometer pro Tag, eigentlich kein allzu großes Problem. Da wir aber beide noch nicht wieder fit sind zweifeln wir etwas, schlagen aber doch ein.


Landschaftswechsel
Suedbaikal_017Durch gelbe, trockene Steppe und Kiefernwälder fahren wir nach Norden. Vieles ist noch wie in der Mongolei, nur dass die Jurten fehlen. Es ist heiß und schwül, der Schweiß rinnt nur so herunter und wir sind froh über jeden Bach und Schatten. Ab und zu durchfahren wir ein nettes Dorf mit schönen bunten Holzhäuschen, die Menschen klagen über mangelnden Regen und Wasser gibt es nur stundenweise. In Holzbuden am Straßenrand werden allerlei Früchte, Melonen und Gemüse angeboten. Bis auf Kräuter, Frühlingszwiebeln und Gurken kommt alles aus China oder Usbekistan.
Erst bei Ulan Ude wird die Landschaft grüner und ist etwas dichter besiedelt. Hier fahren wir an der Selenge, die wir schon in der Mongolei trafen und die dem Baikalsee das meiste Wasser zuführt, entlang. Wir finden schöne Schlafplätze in ihrem Uferbereich, mückenverseucht wie in feuchteren Gebieten nicht anders zu erwarten aber unsere Duftspiralen helfen ein wenig. Allerdings ist es jetzt nicht mehr heiß, sondern kalt und feucht und drei Tage lang fahren wir dick eingepackt, im Rhythmus der Regenschauer von Bushaltestelle zu Bushaltestelle. Diese sind geräumig, die Doppelbenutzung als Toilette nicht zu überriechen, aber wir können im Trockenen kochen oder schreiben und warten bis das Wetter trockener wird.
Suedbaikal_103Wir fahren durch Wiesen, auf denen das Gras kniehoch steht mit vielen Blumen zwischendrin. Lilien, Orchideen und Türkenbund sind die Blickfänger und bei uns selten, aber auch die vielen bunten Teppiche bekannterer Blumen begeistern uns. Dazwischen tauchen nun auch vermehrt Birken auf, der Baum, den wir am meisten mit Sibirien verbinden. Ganze Wälder weißer Stämme im Kontrast zur grünen Wiese und einzelne Solitärbäume wie Gestalten auf weiter Flur.
Stellenweise machen sumpfartige Untergründe die Wälder unbegehbar, wir müssen lange nach einem Nachtplatz suchen, das hohe, jetzt nasse Gras lockt ohnehin nicht.


Burjatien
Wir befinden uns hier in der Republik Burjatien, die sich östlich des Baikalsees erstreckt und ihren Namen von dem hier lebenden Volksstamm der Burjaten hat. Die Burjaten sind den Mongolen sehr ähnlich und mit vielen der früher hier lebenden Volksgruppen verschmolzen. Ihre burjatische Sprache ist dem Mongolischen sehr ähnlich. In früheren Zeiten nomadisierten sie mit ihren Jurten und lebten von der Viehhaltung. Mittlerweile sind sie sesshaft und haben mehr oder weniger andere Erwerbsquellen. Vieh gibt es noch, eher wohl zur Selbstversorgung und es ist jeden Abend ein Schauspiel wenn die Herde, die kollektiv gehütet wird, von der Weide kommt, die einzelnen Kühe mit dem Fahrrad von ihren Besitzern abgeholt und nach Hause getrieben werden.

Suedbaikal_047Die Nähe zur Mongolei fällt besonders durch den hier ebenfalls verbreiteten buddistischen Glauben auf, der nach dem Religionsverbot während der Sowjetzeit heute an vielen Orten ins Auge fällt. Auch hier mischen sich animistische und schamanistische Elemente dazu. Viele besondere Plätze entlang der Straße fallen durch die mit Wunschbändern behängten Bäume auf. Ein Straßenschild weist auf Russisch und Englisch! auf den nahe gelegenen Ort hin, an dem der erste russsische Lama ins Nirvana entschwunden ist. Oberhalb des Gänsesees befindet sich ein Platz mit drei großen "Sergen", verschieden hohen Pfählen, die früher zum Anbinden der Pferde vor den Jurten standen und heute als heilige Orte in Übergröße an verschiedenen Plätzen zu finden sind.
Das Geld zum Fenster hinauswerfen tut man gerne, wenn man an solchen Plätzen vorbei oder über Pässe fährt, wo sich die Kopeken und Rubel dann am Straßenrand sammeln. Glücklicherweise gibt es Münzgeld, so kann das Opfern im Vorbeifahren erledigt werden und wenn diese Pflicht erfüllt ist, muss man sich um den Fahrstil auch nicht mehr sorgen.


Tag 641
Wir fahren den ganzen Tag durch Wald, kaum ein Ort an der Straße und nach dem Mittagessen hört der Regen endlich auf. Schnell ist die Sonne da und ein zufälliger Blick nach rechts gibt die erste Aussicht auf den See frei. Wir fahren den Weg rein und landen in einem kleinen Ort. Ans Wasser kommen wir hier schlecht, da dazwischen die Bahnlinie liegt, aber wir genießen den Moment in der Sonne und unseren letzten, lange aufbewahrten Fruchtriegel, während in kurzen Abständen ein Zug nach dem Anderen vorbeifährt.
Suedbaikal_151Das ist er also, der Baikal, das große sibirische Meer. Am Abend schlagen wir uns zu seinem Ufer durch. Hinter Wiesen im Nichts ein Ufer aus grobem Kies, das Weiß im Kontrast zum Blaugrau des Wassers. Dieses ist so klar, dass wir es ohne zu zögern trinken, so, wie alle Menschen hier. Seit langem machen wir mal wieder ein Feuer, ein Fischer kommt vorbei und schenkt uns einige Zedernzapfen. Wir zelten vor Ort und lassen uns am nächsten Morgen in der Sonne einige Stunden Zeit bis wir aufbrechen.
Der Baikalsee ist den Bewohnern Sibiriens heilig und wurde schon immer von den verschiedenen hier lebenden Völkern verehrt. Er ist in vieler Hinsicht superlativ. Die Schweiz ist nur ein klein wenig größer und mit einer Tiefe von 1630 Metern ist er der tiefste See der Erde, der gleichzeitig 20 % der weltweiten Trinkwasserreserven enthält. Diese Tiefe entstand durch die Topographie einer Grabenbruchspalte an deren Rändern sich mehrheitlich Berge befinden. 437 Flüsse ergießen sich in ihn, aber nur einer, die Angara, fließt aus ihm heraus und später in den Jenissei und zum Polarmeer. Alle Flüsse der Welt würden mehr als ein Jahr benötigen, um den See zu füllen.
Suedbaikal_202Am meisten beeindrucken uns aber nicht Zahlen, sondern das klare Wasser und die wunderschöne Natur hier in den Ausläufern des Schamar Daban Gebirges. Wald wohin wir auch schauen, linkerhand Berge - waldbedeckt, rechterhand hin und wieder ein Blick auf den See oder ein Dorf. Wir fahren zwar meist relativ nah an seinem Ufer entlang, zwischen Straße und See befinden sich aber die Schienen der Eisenbahn, der ebeneren Strecke wegen, und die beste Aussicht bleibt den Lokführern und Passagieren vorenthalten. Wir hingegen fahren fröhlich Hügel hoch und Hügel runter - die Illusion am Seeufer sei es eben, müssen wir uns für woanders aufheben.


Transsibirisch
Ab Ulan Ude bewegen wir uns fast immer in Nähe zur transsibirischen Eisenbahn und diese Tage erleben wir deutlich, wie wichtig diese Verbindung von Moskau bis in den äußersten Osten des Landes für dieses ist. Im Minutentakt rollen Güter- und Personenzüge an uns vorbei, erstere bilden eindeutig die Mehrheit und transportieren Kohle, Öl, Autos und viel Holz. Viele Male zählen wir wie in Kindertagen Waggons, 70 bis 100 werden von 2 bis drei Loks gezogen und ruckeln wie eine Raupe durch die Landschaft. Nur Nachts wird es ruhiger, dafür schwärmen große Gruppen orangegekleideter Bauarbeiter aus, um Reparaturen vorzunehmen.
Kein Wunder, dass noch heute ein Denkmal Zar Alexanders III in Irkutsk steht, als Zeichen des Dankes für seinen Entschluss zum Bau der Transsibirischen Eisenbahn.


Sommerexplosion
Die Strecke ist nun deutlich befahrener und lebendiger. Die Natur steht in der Blüte der kurzen, aber umso kraftvolleren Vegetationsperiode und die Menschen wissen das zu schätzen. Auf den Datschen herrscht reges Treiben und jetzt in den Sommerferien ziehen viele Menschen ganz dorthin.
Suedbaikal_126Am Straßenrand werden die ersten gesammelten Früchte sowie immer wieder geräucherter Fisch verkauft. Das bei uns bekannte Obst gedeiht hier nur in wenigen warmen Ecken und wird größtenteils importiert. Entsprechend teuer ist es und die Bedeutung von Taigafrüchten, die selbst gesammelt werden, für die Menschen groß. Abends sieht man sie mit Eimern voller Beeren aus dem Wald kommen. Die ersten Beeren die reif sind, ist die blaue Heckenkirsche, etwas länglich und dunkelblau sind sie zwar nicht sehr lecker (sehr herb), aber sehr gesund. Erdbeeren werden hauptsächlich angebaut und bilden für manche Menschen die Haupteinnahmequelle. Alle anderen Beeren folgen in den nächsten Wochen. Aber die Zapfen der Zirbelkiefer gibt es schon. Gerade frisch geerntet und gekocht schmecken die kleinen, noch weichen Nüsschen mild und süß. Nüsse vom letzten Jahr hingegen sind etwas härter und Pinienkernen sehr ähnlich, vitamin- und fettreich nach dreijähriger Reifezeit.
Auch eine Art natürliches Kaugummi finden wir. Es wir aus Harz hergestellt und schmeckt dauerhaft waldig - würzig.
Auch wer nicht gerade Beerensammeln unterwegs ist, hält sich gerne draußen auf. In den kleinen Orten am See herrscht Strandurlaubsatmosphäre und die Strände sind bevölkert, wenn auch nicht übermäßig voll. In Baikalsk ist gerade Erdbeerfest, eine Oma fotografiert ihre Enkelin mit den Ausländern und am Strand lernen wir junge Leute kennen, die uns gleich dabehalten wollen und uns vorsorglich für das nächste Mal einladen.
Woran wir uns nur schwer gewöhnen auch weil wir es schlecht einschätzen können, ist eine große Portion Misstrauen, die die Russen ihren eigenen Landsleuten entgegenbringen. Überall warnt man uns vor Diebstahl und sind wir irgendwo im Internet, dürfen wir die Fahrräder nicht wie gewohnt draußen anschließen sondern müssen sie mit in das entsprechende Gebäude nehmen, sei es eine Bibliothek, ein Kino oder der Souvenirladen.
Die Fauna genießt ebenfalls die Wärme und Sonne. So viele Schmetterlinge wie hier haben wir schon lange nicht mehr gesehen, manchmal schwebt eine ganze Wolke um uns herum. Ganz besonders ist aber die Begegnung mit einer Streifenhörnchenfamilie, die wir in einer Pause im Wald eine Viertelstunde aus nächster Nähe betrachten können. Ihre Neugier überwiegt gegenüber der Angst und sie kommen bis auf 50 cm an uns heran.
Suedbaikal_hoernchen_klein
Bis zur Südspitze fahren wir am See entlang, schlafen meist an einem Fluß oder im Wald und genießen Sommer-Sonne-Wonne. Dann geht es vom See weg und über einige Berge durch den Wald, alles nur halb so schlimm wie es uns beschrieben wurde, und in einem Bogen kommen wir in das Ballungsgebiet um Irkutsk. Hier werden wir herzlich von unseren Gastgebern Natascha und Oleg empfangen, die Räder landen zur Erholung auf dem Balkon des Plattenbaus im Akademikerviertel und wir bereiten uns auf knapp drei Wochen Urlaub mit meinen Eltern, die uns besuchen kommen, vor.


Und nun?
Hier sind wir also angelangt, wo wir hinfahren wollten und zurecht taucht die Frage auf was nun kommt.
Für uns hat sich schon länger gezeigt, dass es auf dieser Reise nicht ein Ziel gibt nach dessen Erreichen wir umdrehen und schnellstmöglichst nach Hause fahren. Zu sehr gefällt uns das Reisen und so einige Orte schwirren noch in unseren Köpfen herum.
Ersteinmal machen wir also drei Wochen Urlaub zu viert, sortieren unsere Ideen und Wünsche für die Weiterreise und lassen uns bewusst Zeit für die Entscheidung der Strecke.