Eine Radwanderung

Irkutsk - Schigalowo [Bilder]

 

Irkutsk

Manchmal hat alles seinen Plan. Dann sollte man sich tunlichst daran halten.

Unsere DatschaEs fing damit an, dass wir noch ein paar Tage in Irkutsk zu bleiben hatten. Der russische Staat ist kompliziert und so sind die Visabestimmungen. Auch wenn wir ein Jahresvisum im Pass kleben haben, dürfen wir nur 90 Tage im Halbjahr im Land sein. Für uns bedeutet das, dass wir September / Oktober nochmal für drei bis vier Wochen ausreisen werden. Ganz egal welche Route wir einschlagen (so genau wissen wir das selbst noch nicht), wir machen einen Abstecher in die Mongolei. Das Mongolische Monatsvisum ist unkompliziert z.B. in vier Tagen zu haben. Wir folgen der Einladung eines Irkutsker Reiseradlers und können die Zeit auf seiner Datscha genießen. Neben dem Visum muss ich noch mein Rad reparieren, von der an sich hochwertigen Rohloffnabe sind Speichösen ausgebrochen. Ersatz aus Deutschland ist angekommen, nur das Ummontieren und Umspeichen oblag mir. Dass es dann viel regnete, kam dem Pausendasein zugute. Da will man dann im kalten Regen auch nicht aufbrechen und so bleiben wir einen Tag länger als nötig und kommen auch dann erst so spät von dannen, dass der Kartenladen schon geschlossen hat.

Es gibt hier in Russland für jedes Bundesland topographische Atlanten 1:500.000, nicht immer flächendeckend, aber gut. Sagen wir, zwingend notwendig, will man sich auf ein Abenteuer einlassen, die zwar asphaltierte Hauptachse entlang der Transsibirischen Eisenbahn zu verlassen - wie wir es planen. Wir suchen Sibirien und nicht die Abgase des Verkehrs, der uns nur auf die Strasse achten liesse. Der Plan (nebenbei) ist, im Westen des Baikalsees nach Norden zu fahren, um dann eine Piste entlang der BAM, Baikal-Amur-Magistale nach Osten zu nehmen.

 

Also nächtigen wir ausserhalb der Stadt, Veronika fährt am nächsten Tag zurück und ich sitze in einem Café und stelle den letzten Bericht online. Seit kurzem haben wir dafür mobiles Internet für unser Netbook, das wir schon seit Weihnachten unser nennen. Die Internetklubs sind hier zu teuer, sodass es wesentlich billiger ist, mobil zu sein und zudem bequemer - vorbei die Zeit unter lärmenden, ballerspielenden Kids, vorsintflutlichen und immer irgendwo überraschenden Systemen. Dafür nur ein Rechner.

 

Der Hof im Wald

Auf dem Weg wollen wir noch einen Abstecher machen und in letzter Minute gelingt es uns auch, den Kontakt herzustellen zu Familie Tuschilin, die Sibiriens einzigen Demeterbetrieb bewirtschaftet. Der Wegbeschreibung folgend landen wir auf einem Matschweg, der sich durch den Wald quält - uns mit. Irgendwann eine Lichtung, aber nur hohes Gras, kein Betrieb, wir fahren weiter, ich verliere erst den Schlafsack vom Rad (was sonst nie passiert), als wir wieder im Wald sind, geht ein Sandale kaputt, ich fahre barfuss, schneide mich an einem Stock an der Fußsohle. Ein Kilometer weiter Pause, ich gehe zu Fuß (barfuß ist in dem Schlamm eigentlich ganz schön) weiter, sehe einen Betrieb, viele einfache Folientunnel, gehe gleich zurück, hole Veronika und die Räder, 2 km, dann stellt sich heraus, es gibt hier in dieser Gegend tatsächlich auch Nachbarn. Chinesen kommen hierher, bringen Erfahrung im Gemüsebau und zeigen wie man's macht. Mehr als Gurken haben wir nicht gesehen, davon aber sehr viele.

Der Weg zurück geht zum Glück auch anders, ein Waldwiesenweg, wie in der Taiga so häufig wächst zwischen den Kiefern & Birken, zwischen Tannen & Pappeln auch viel Farn und Gras - und wenn es wie jetzt gerade geregnet hat, schiessen die Pilze wie Pilze aus dem Boden - überall.

 

Lenal_06So finden wir den Hof, der keiner mehr ist. Die Arbeit ist der Familie über den Kopf gewachsen, da haben sie auf Selbstversorgung aus Wald, Garten & Bienen reduziert. Sie bauen an ein paar Häuschen nachdem das Haupthaus vor vier Jahren abgebrannt ist. Jetzt bauen sie feuersicher mit Lehm und tangential liegendem Rundholz runde Pavillions. Die einen Pilze trocknen an den Öfen, die anderen werden einen, die nächsten drei Tage gewässert und dann gesalzen konserviert. Eine auf dem Hof lebende Tochter stellt biologische Kosmetik her, eine andere wohlriechende Seifen und heilsame Salben - von so einer ich auch ein wenig für meinen mittlerweile entzündlichen Fuß bekomme. Begeistert sind wir von kaltgerührter Marmelade. Die Früchte werden mit etwa der halben Menge Zucker kalt dynamisiert, also wie ein biologisch-dynamisches Präparat gerührt. Wir probieren die schon ein und zwei Jahre alten Produkte und finden sie frisch wie gerade gepflückt. Wenn es dann noch frischen Wabenhonig gibt, mit Pollen, dann steht weder einer Genesung noch einem Verweilen etwas im Weg. Wieder regnet es und windet kalt. Sergej und Larissa sind mittlerweile in die Stadt gefahren, dort ist eine Messe und sie vertreten dort die Biodynamiker, von denen es mittlerweile ein paar gibt, die so in ihren Hausgärten arbeiten. Wir sind bei Seramfina gut aufgehoben, schauen unsere Bilder und lernen von ihr das Pilzen.

 

Pilzzeit

Tags darauf lässt uns das Wetter wieder fahren, die Frage ist nur wohin. Links, also im Westen, wird uns empfohlen, ein Stück entlang des Bratsker Stausees, soll sehr malerisch sein, ruhige Straße, warmes Wasser. Andererseits kommen wir so nicht an den Steinzeichnungen vorbei, neolithische Gravuren an Felsen an der Lena. Der Rückenwind weist uns den Weg zu dieser Variante und die Straße ist lang nicht so voll wie ein paar Tage zuvor, als wir zu leiden hatten unter den Abgasen alter LKWs.

Auf der Karte gibt es noch eine mittlere Variante, zudem kürzer - nur kennt sie keiner. Der Grund (wie sich herausstellt) ist der Schlamm, der diese Piste im Sommer aus- und unpassierbar macht. Ganz viele Wege in Russland sind "Autozimniki" also Winterwege, die etwa acht Monate im Jahr befahren werden können - im Winter. Das erfahren wir aber noch rechtzeitig bevor wir evtl. wieder abgebogen wären und halten uns an die Hauptstraße.

 

Lenal_09Wir leben hier gut von Pilzen, halten uns an Röhrlinge und "Walnuschki", eindeutig erkennbare Trichterpilze, die immer dreckig sind. Im Zweifelsfall fragen wir jene Einheimischen, die häufig jetzt am Straßenrand sitzen und ihre Eimerchen voll Pilze verkaufen. Am Waldrand stehen viele Autos, manch Einer fährt auch mit dem Fahrrad in die Pilze. Einer kommt aus Angarsk weit her, weil es hier so gute Pilze und Fische gibt. Wir finden selbst genug - häufig solche, die sich blau verfärben und beim Kochen stark eingehen aber auch am wurmigsten sind, dann schleimige Braune, solche mit ganz feinen, gelben Poren, heute auch Parasole in Massen, einmal auch schöne Röhrlinge mit roter Decke - die aber sollen wir nicht essen, wurde uns auf Nachfrage geraten.

 

Lenal_12Schönes Wetter meint: Fahrt mal ruhig, ihr seid auf dem richtigen Weg. Wir fahren also, morgens mit viel Nebel durch ein breites Tal, in dem es dem Vieh gut geht, Heu wird gerade gemacht und hier noch viel gepresst, aber immer mehr auf Haufen gelagert - der Winter ist trocken hier, bei Temperaturen bis -40/-50 ° C Minus, da verkommt nichts. Wald und Wiesen verzahnen sich, wir überschreiten die Wasserscheide von Jenissej und Lena.

 

Entlang der Lena

Die Lena treffen wir in Katschug, einer Kleinstadt, gut genug um einen Bremshebel schweißen zu lassen und etwas zum futtern zu kaufen. Noch etwas? Neue Rauchspiralen gegen Stechmücken. Die helfen allerdings kaum gegen Kriebelmücken (Simuliidae), die hier diese wundervolle Landschaft unsicher machen. Diese kleinen Biester, keine 2 mm groß, beißen sich eine Wunde und süffeln Blut. Sie jucken zum Glück nicht so sehr wie ihre Schwestern in der Mongolei, wo wir tagelang zu leiden hatten, aber sie sind auch hier eine Qual. Die Larven leben - anders die der Stechmücken - in sauberen Fließgewässern und sind hier an der Lena gut aufgehoben. Es gibt Kühe und Menschen als Futter und kristallklares Wasser der Lena.

 

Lenal_28Die Straße ist selten asphaltiert, rutschiger Kies ohne Bodenhaftung, vor Allem aber viel Staub der von jedem Auto und noch nachhaltiger von LKWs rücksichtslos aufgewirbelt wird - wenn man Pech hat und kein Wind weht, steht der Staub scheinbar ewig in der Luft. Das beklagen auch die Dorfbewohner der kleinen Orte - die Großen haben deshalb eine asphaltierte Dorfstraße. Aber nichtsdestotrotz: dies ist eine der schönsten Strecken der Welt. Wald und Wiesen, schöne Orte mit aufgeschlossenen Menschen, Auen eines unvergleichlichen Flusses. Die Lena ist nicht nur ein Fluß, wie Sibirien nicht nur eine Landschaft ist. Da lebt etwas Eigenes, lebendig-kraftvoll Sympatisches - ausdrucksvoll und dynamisch. Ich nehme täglich ein Bad, schon wegen dem Staub. Das Wasser ist frisch aber einladend (wenn nur die Mücken nicht wären...).

 

Lenal_27Vor allem aber sind die Felswände prägend, die die Lena sich aus dem roten Sandstein gefressen hat und die sich so gut mit den verschiedensten Grüntönen von Wald und Flur abstimmen. Schon im Neolithikum, der Jungsteinzeit, siedelten hier Menschen und haben an diesen Felsen Zeichnungen hinterlassen: Tiere wie Hirsche oder Ren, Kamele, Pferde, Kühe, Menschen als Reiter oder Bootsfahrer - doppelköpfig. Auch heute noch laden die Felsen ein, sich zu verewigen. An einer Stelle werden wir auf ein Porträt Stalins aufmerksam gemacht, entstanden 1935, aber meist sind es "ich war hier" oder "ich liebe dich" - Botschaften. Viele der alten Zeichnungen sind nicht mehr erhalten, fielen dem Straßenbau zum Opfer, erzählt mir ein Alter; was ich nicht weiß, ob sie wenigstens in einem Museum erhalten wurden oder nun am Grund der Lena liegen - oder Straßenschotter bilden. Früher oder Später zerfallen sie, brechen die Steine aus der Wand, erodiert die Oberfläche. An der besterhaltensten Stelle bei Schischkino waren gerade wieder Restauratoren aus Moskau da.

 

Wir genießen die Zeit, die Landschaft, schließlich wissen wir ohnehin nicht, wie weit wir kommen.

Als wir Schigalowo verlassen, dort wo der Tutura zur Lena fließt, wechselt die Farbe der Felsen, Muschelkalk steht an. Als ich über die Pontonbrücke das letzte Mal die Lena überqueren will, fällt das gerade erst gewechselte Pedal aus der Kurbel - wohl nicht fest genug angezogen hat es das Alugewinde der Kurbel zerfressen. Dass wir gerade am Bauhof sind, sie uns dort bereitwillig Quartier bieten, ist eigentlich überflüssig zu sagen.

Manchmal hat eben alles seinen Plan.