Eine Radwanderung

Okunaiskij - Novi Uojan

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Schönheit und Depression an der BAM

Nach sechs Tagen in der Taiga treffen wir in Okunaiskij auf die BAM, die Baikal-Amur-Magistrale, und wieder auf Zivilisation. Wir freuen uns mal wieder auf ein Dorf und ein Magasin um unsere Vorräte aufzustocken.

Nordbaikal_13Der Ort auf den wir treffen sieht allerdings erstmal gar nicht nach Zivilisation aus, sondern eher so, als sei er vor nicht allzu langer Zeit verwüstet worden. Fast alle Häuser sind kaputt und zwar gründlich, ganze Fassaden fehlen oder die Hälfte ist schon in sich zusammengesunken. Mit einem mehr als flauen Gefühl im Magen fahren wir durch die Geisterstadt auf der Suche nach einem letzen Rest Leben und eben einem Laden. Diesen finden wir dann auch, mit einer ganz lebendigen Verkäuferin, die uns auf den neueren, noch bewohnten und weiter unten liegenden Ortsteil hinweist. So wird das seltsame Gefühl etwas neutralisiert. Aber auch hier sind die Spuren einer besseren Vergangenheit sichtbar, das riesige Gelände eines Sägewerkes liegt brach.

Ein kurzes Stück Asphalt hellt die Stimmung merklich auf und verleiht uns, wie immer auf den ersten glatten Kilometern nach unbefestigter Piste, das Gefühl Flügel zu haben. Schnell holt uns die sibirische Straßenrealität aber wieder ein und wir holpern über Steine verschiedenster Größe, fahren Slalom um Schlaglöcher und sind froh über die nahezu komplette Abwesenheit von Verkehr. Zwar hatten wir uns diese einzige Verbindungsstraße an den Nordbaikal, nach Severobaikalsk, etwas anders vorgestellt, aber angesichts der Straßenverhältnisse ist verständlich, dass der meiste Verkehr über den Zug abgewickelt wird. Wir sind wieder allein mit uns, der Taiga und Allem was dazu gehört.

Ab und an gibt es einen Kontakt am Straßenrand. Eine Einladung zu Melone von russischen Touristen, ein kurzes Gespräch mit einem von drei australischen Motorradfahrern, die an uns vorbeibrausen. Im Gegensatz zur Mongolei, wo immer Zeit für einen Schwatz war, wirken die motorisierten Kollegen, allerdings nur fünf, die wir hier treffen, sehr gehetzt. Ging es in einer Richtung nicht weiter, schnell in die Andere und hätten wir nicht wild gewunken hätten sie wegen uns wohl gar nicht erst angehalten.

Wir fahren jetzt immer an der BAM entlang, auf der Straße die zum Bau der Bahnlinie angelegt wurde.

Nordbaikal_14In Kunerma, einem kleinen Ort, werden wir von Svetlana zum Tee eingeladen, noch bevor wir jedoch das Haus betreten ist es auch schon eine Einladung für die Nacht. Wir freuen uns, so mehr über die Gegend und die Menschen die hier wohnen zu erfahren und Svetlana und Sergej behandeln uns, als seien wir lange verschollene Verwandte die lange erwartet endlich zu Besuch kommen. Wir werden königlich bewirtet und bei den Beiden kommen Erinnerungen hoch an alte Zeiten, an den Bau der Eisenbahn mit vielen internationalen Arbeitern, an Studienzeiten mit deutschen Austauschstudenten, die Freunde waren…

Den nächsten Tag machen wir einen Ausflug mit Sergej in die Umgebung. Mit dem Fahrrad zeigt er uns das alte Dorf, in dem einst bis zu 3.000 Menschen wohnten, in dem heute noch genau zwei Häuser stehen, eins nutzen die Beiden als Datscha. Dort ist auch der Friedhof, wir bekommen eine Führung mit Erläuterungen zu den Todesursachen aller etwa zwanzig Verstorbenen. Der Rest des einstigen Dorfes lässt sich nur noch erahnen und um das neue Dorf, in dem heute die Menschen wohnen ist es nur wenig besser bestellt. Einst als Stadt mit aller Infrastruktur geplant, sind heute nur noch fünf große Häuser bewohnt. Etwa 80 Menschen hält es noch hier. Dieses Schicksal teilen viele Orte entlang der Bahnstrecke und es ist das Schicksal vieler Menschen die einst für den Bau der Bahnstrecke hergezogen sind und hier blieben.

 

 

Exkurs BAM:

Die Baikal-Amur-Magistrale, kurz BAM, wurde als Alternative zur Transsibirischen Eisenbahn bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts angedacht. Der Bau der Bahnlinie, die nahe Bratsk von der Transsib abzweigt und nördlich des Baikalsees entlang nach Osten bis zum Amur und an den Pazifik führt, wurde jedoch erst 1974 unter Breschnew wirklich begonnen. Klima und landschaftliche Gegebenheiten machten Planung und Realisierung schwierig und die damals von starker Propaganda begleitete Pionierstimmung ist noch heute zu spüren, wenn die Menschen mit leuchtenden Augen von der damaligen Zeit erzählen. Viele Menschen verschiedener Nationalitäten arbeiteten an der Großbaustelle, teilweise im Freiwilligendienst, sonst als gut bezahlte Arbeitskräfte, die als Helden gefeiert und als Veteranen geehrt wurden.

Das Projekt war das größte technische Abenteuer des Jahrhunderts. Völlig unbesiedelte Landschaft wurde erschlossen, Dörfer, Städte mussten erfunden werden und hohe Berge durchmessen. Man müht sich auf der Passstrasse nach Severobaikalsk, als über einem die alte Bahnlinie wieder hinzukommt und parallel bis über den Pass geht - welch eine Meisterleistung. Mittlerweile gibt es einen Tunnel, die Schienen am alten Gleis sind abgebaut - Aber auf solche Ideen muss man erst einmal kommen. Man sieht die Bilder, wie Mitten im sibirischen Winter ein Hubschrauber einen Trupp von einem Dutzend Menschen absetzt, irgendwo, wo noch nichts ist. Deren Aufgabe, der sie sich voller Pioniergeist gestellt sehen, ist, sich ein Haus zu bauen, einen Ort anzulegen, die Strasse vorzubereiten - damit kurz darauf Heerscharen von Arbeitern den Bahnkörper anlegen können.

1984 dann war die BAM im Prinzip fertig, doch wesentliche Stücke wie etwa der Abschnitt bis Severobaikalsk dauerten keine drei Jahre. Severobaikalsk ist nach Komsomolsk die größte Stadt an der BAM, war jedoch anfangs gar nicht so groß geplant. Anders bei vielen weiteren Orten, wie Kunerma. Da steht ein riesiger Bahnhof, eine Stadthalle (Kulturhaus), eine große Schule. Den Ort aber muss man suchen. Einige Orte waren von vornherein auf Zeit gebaut. Diese gibt es meist nicht mehr, da steht dann irgendwo im Wald der viel zu große Bahnhof (aber frisch gestrichen), ertönt die Lautsprecherdurchsage aus dem Dickicht. Oft sind sie in den Karten aber noch eingetragen, zu schnell ging der Verfall, wurden sie auch mit Nachdruck aufgelöst. Andere hat das Schicksal erwischt, Kunerma sollte einst eine Stadt werden, die Hauptstadt der BAM. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit. Dann gibt es auch Dörfer, die die Wende geschafft zu haben scheinen, in denen das Leben weitergeht... Mit dem Bau der BAM hatte man sich u.a. Anschluss an die großen Rohstoffvorkommen erhofft, meist lebt man nun von den kleinen Rohstoffen: Holz, vor allem Beeren, Wild, Fisch.

Seit Ende der 80er Jahre gibt es regelmäßigen Zugverkehr auf der Strecke, aber mit Zerfall der Sowjetunion änderte sich, wie überall, alles. Geld war nicht mehr genug vorhanden, das geplante zweite Gleis wurde nicht gebaut und an den letzten Tunneln wurde bis 2003 gearbeitet. Heute ist in vielen Orten noch immer eine Art Depression zu spüren, die das große Wunder bei all jenen hinterlassen hat die einst ihre Jugend und Energie hineinsteckten und nun erleben, wie vergänglich dieses riesige Projekt ist.

 

 

Nordbaikal_05Dennoch hält es Menschen hier, die die Möglichkeit hätten wegzuziehen. Die Natur ist unbeschreiblich schön mit hohen Bergen im Hintergrund und hier in Kunerma mehreren Seen in direkter Ortsnähe die selbst jetzt noch gute Badetemperatur haben. Klares Wasser, gute Luft und Pilze und Beeren in Mengen. Die Menschen hier schätzen dies und auch Svetlana und Sergej sind aus einer nahen Kleinstadt bewusst wieder in den kleinen Ort gezogen dessen Zukunft im Ungewissen liegt. Sobald die Infrastruktur wie Krankenstation und Schule nicht mehr vorhanden sind, gibt es kaum noch Arbeitgeber und der Teufelskreis der Ortsexistenz beginnt. Junge Familien ziehen weg, der Bildung der Kinder hinterher und die zurückbleibenden Rentner hoffen, dass ihr Ort nicht aufgelöst wird.

Auch im Westen Russlands weiß man die Qualitäten dieser kaum berührten Natur zu schätzen und so werden seit ein paar Jahren Grundstücke rund um den Baikalsee von reichen Moskauern oder Petersburgern aufgekauft. Diese Entwicklung wird hier mit Sorge betrachtet, hat man doch nicht die finanziellen Möglichkeiten sich an dem Ausverkauf zu beteiligen und fürchtet teilweise um den Verkauf des eigenen Dorfes.

Viele Eindrücke, Geschichten und gemischte Gefühle nehmen wir aus Kunerma mit. Am Ende waren wir ganze eineinhalb Tage dort und sollen gleich nächstes Jahr wiederkommen.

 

 

 

Remont, Remont in Severobaikalsk

Wir freuen uns auf den nächsten Abschnitt, einen Pass und dahinter heiße Quellen und der Baikalsee. Doch kommt auch jetzt mal wieder alles anders als gedacht und später reden wir von dem "Tag an dem alles kaputt ging".

Es geht gut los bis zur Mittagspause an einem schönen Bach. Beim Losfahren nach dieser beginnt mein Freilauf manchmal auszusetzen und bis wir die wenigen Meter zur Straße zurückgelegt haben geht gar nichts mehr. D.h. ich kann jetzt genauso einfach und leicht vorwärts treten wie rückwärts, nur an ein Vorwärtskommen ist nicht zu denken. Improvisieren geht auch nicht und so fangen wir an alles abzubauen was wir kennen um die Sache aus der Nähe zu betrachten. Von einem vorbeifahrenden LKW leihen wir uns einen fehlenden Schlüssel aber auch ohne Ritzel und Achse stehen wir wie Ochs vorm Freilauf und haben schlicht keine Idee wie wir weiter verfahren sollen. Es bleibt uns nichts anderes übrig als das nette Angebot der Bahnarbeiterbrigade anzunehmen und mit ihnen nach Severobaikalsk zu fahren. Wehmütig fahren wir in dem riesigen Gefährt über den jetzt im Herbst wunderschönen Daban-Paß, man hat uns extra die beiden Beifahrerplätze überlassen damit wir etwas sehen.

Nordbaikal_23Iwan, der Fahrer, quartiert uns kurzerhand in seiner Datscha in Severobaikalsk ein - die Gastfreundschaft ist unkompliziert und herzlich hier im Norden und wie selbstverständlich werden aus einer Nacht fünf, wir sollen bleiben solange wir wollen.

Die nächsten drei Tage hätten wir ausschließlich mit Reparaturen verbracht, hätten Iwan und seine Familie nicht für Abwechslung gesorgt. Einen Abend mit Banja und leckerem Essen, einen Ausflug zu ihrer zweiten Datscha und verschiedenen Stellen am Baikalsee und immer wieder Besuche die uns ablenken.

Die restliche Zeit aber verbringen wir damit mein Fahrrad wieder fahrtauglich zu machen. Ersatzteile aufzutreiben erweist sich nach erster Erkundung der Lage als unmöglich und angesichts der Tatsache, dass eine Zugfahrt nach Irkutsk allein eineinhalb Tage dauert verlegen wir uns aufs Selbermachen. Ein wenig Internetrecherche und los geht es. Aber auch nach gründlicher Reinigung des Freilaufes mit Benzin und Druckluft löst sich das Problem leider nicht von selber. So öffnen wir ihn mit einem improvisierten Stück Flachstahl in unserer mittlerweile Stammautowerkstatt und finden das Problem. Die Feder ist gebrochen, als Ersatz bauen wir eine entsprechend abgelängte Spiralfeder ein, die zuverlässig ihren Dienst tut. Ganz so einfach wie es sich hier vielleicht anhört war es aber nicht und wir waren zwischenzeitlich schon an den Gedanken gewöhnt mit dem Zug zurück nach Irkutsk fahren und eine neue Route überlegen zu müssen.

Neben dem Freilauf war am gleichen Tag bei mir ein Hörnchen gebrochen, die Halterung meiner Lenkertasche kaputt gegangen und das Ladegerät für unseren Computer hatte sich ins Jenseits verabschiedet bzw. wegen zu hoher Spannungsschwankungen den Geist aufgegeben. Letztendlich schafften wir es all diese Probleme zu lösen was viel Herumfragerei und Improvisationstalent von uns und den beteiligten Bastlern erforderte. So verbrachte ich viele Stunden bei einem Kommunikationstechniker der, nach einem fehlgeschlagenen Reparaturversuch unseres Ladegerätes von Ergeiz erfasst wurde uns zu helfen und letztendlich eine neue Lademöglichkeit für uns erdachte und in vielen Stunden zusammenbastelte, sorgfältig eingebaut in eine ehemalige Farbenbox und dreimal so groß wie das alte Netzteil wird es mindestens bis Deutschland halten verspricht er uns. Andere Kunden werden auf einige Tage später vertröstet, die anstehende Arbeit aber wegen uns liegen gelassen, der Umgang mit Zeit ist hier ein anderer und am Ende will der Bastler nur einen kleinen Beitrag für die Kaffeekasse.

Einen freien Tag gönnen wir uns noch in der Stadt die, erst 36 Jahre jung ihre Existenz ebenfalls der BAM zu verdanken hat. Mit einem Abendessen bedanken wir uns bei unseren netten Gastgebern, Spätzle schmecken überall auf der Welt und die 13jährige Tochter Mascha schreibt alle Rezepte auf.

Mit Taschen voll frischem Gemüse verlassen wir Severobaikalsk in Richtung Nordosten.

 

 

 

Warme Quellen in Herbststimmung

Nordbaikal_43Ein kurzes Stück noch geht es am Baikalsee entlang der von hohen Bergen gesäumt ist. Dann folgen wir dem gemeinsamen Delta der Flüsse Kitschera und Obere Angara um dann in dieser Reihenfolge an ihnen entlang zu fahren. Das Delta mit Seen, grasbewachsenen Inseln und Ufern liegt sehr schön am Eingang des Tales welches ein Satellitengrabenbruch des Baikal ist. Angeln scheint das kollektive Hobby aller Russen zu sein und wir bekommen Fisch geschenkt, eine willkommene Abwechslung der täglichen Pilzgerichte.

Die Dörfer erscheinen intakter hier, Zerfall ist nur wenig zu sehen und es ist Leben in den Straßen. Hier wurde schon vor dem Bau der BAM gesiedelt da reiche Fisch- und Jagdgründe die Menschen anlockten. Auch Ewenken mit ihren Rentierherden zogen einst hier umher, heute sind sie sesshaft und mischen sich in den Orten mit den Russen.

Der Herbst ist nun wirklich da, die Bäume leuchten in allen Gelb-, Orange- und Rottönen und heben sich von den immer alpiner werdenden Bergen im Hintergrund ab.

In Dselinda nächtigen wir bei heißen Quellen. Es gibt einen Kurort wo man Häuschen mieten kann und einige hundert Meter weiter die eigentlichen Quellen. Hier liegen drei Bassins mitten im Wald in denen man bei angenehmen 44° C Grad baden kann, besonders schön im Dunkeln wenn die Taschenlampe ihr Spiel mit dem Wasser spielt und bewegte Formen in den Wald zaubert und angeblich im Winter bei hohen Minusgraden.

Nordbaikal_50Eigentlich wollten wir der BAM weiter nach Osten folgen um dann, aufgrund mangelnder Visazeit, mit dem Zug zur mongolischen Grenze zu fahren. Es stellt sich für uns aber immer klarer dar, dass wir nicht weit kommen würden und so gehen wir zu Plan B, der Umrundung des Baikalsees, über. Wir wollen die BAM bei Novi Uojan in südliche Richtung verlassen um über die Berge ins Bargusintal zu gelangen um von dort wieder nach Ulan Ude zu fahren.

Wieder einmal füllen wir unsere Taschen mit Vorrat für mindestens eine Woche als von hinten die Frage ertönt: "Nehmt ihr mich mit?". Das meint Svetlana nicht ganz ernst, die Einladung für die Nacht und in die Banja hingegen schon. Wir lassen uns auf die Gastfreundschaft ein und bleiben gleich noch einen Tag, denn während in Irkutsk der erste Schnee fällt regnet es bei uns den ganzen Tag.