Eine Radwanderung

Novi Uojan - Umchei

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Warum man eine Axt braucht und wie man dazu kommt

Die einzige Verbindung im Osten des Baikalsees von der BAM nach Süden ist der Autosimnik 110. Was es mit der Zahl auf sich hat, wissen wir nicht, aber wann immer wir gefragt wurden wo wir lang wollen, eine Straße gäbe es dort nicht, hatten wir diese Zahl genannt - und Kopfschütteln geerntet.

Ein Autosimnik ist ein unbefestigter Weg der aus verschiedenen Gründen nur im Winter befahren werden kann. Im Sommer ist deutlich größeres Gefährt nötig und in unserem Fall kommt man zur eisfreien Saison nur mit hohen, sechsradangetriebenen LKWs namens Ural durch. Im Winter geht es auch mit einem Jeep. Mit einem Motor- oder Fahrrad kann man es auch wagen und wenn es nicht geht, drehen wir um, versprechen wir den Zweiflenden.

 

110_02Zuerst geht es bequem los. Der Weg in den letzten Ort ist gut befahren, die Landschaft schön und bevor es dann in die Berge geht, baden wir noch einmal in einer warmen radonhaltigen Quelle.

 

 

"Dort sind Berge", hatten die Menschen gesagt "ihr werdet schieben müssen".

"Das geht schon", war unsere Antwort gewesen, "wir sind schon ganz andere Berge hochgefahren".

 

"Der ganze Weg ist voller Steine", war ein weiterer Einwand.

"So schlimm kann es nicht sein", denken wir.

 

"Bald kommt der Winter, dort oben ist schon Schnee", sagten Einige.

"So viel wird es schon nicht sein" hoffen wir.

 

"Dort gibt es viele Bären und jetzt im Herbst wandern sie viel umher", sagten sie auch.

"Bären gibt es hier doch überall und sehen würden wir auch gerne mal einen", sagen wir.

 

"Ihr braucht eine Axt", sagten die Männer die wir zu Beginn des Berges treffen.

"Warum?" fragen wir.

Ehe wir genug Protest vorbringen können kramen sie schon eine Axt aus ihrem Gefährt. Wir sollen jeden Abend Feuer machen raten sie uns, damit die Bären nicht kommen. Dass das auch ohne Axt ganz gut geht glauben sie nicht und ein Gepäckstück mehr begleitet uns.

 

 

 

5 Tage, 5 Pässe und viele Flüsse

Diese drei Männer sind die Letzten, die wir für die nächsten fünf Tage sehen. Man hatte uns gesagt, jetzt seien, relativ gesehen, viele Maschinen hier unterwegs. Ob viele aber eine pro Woche oder pro Monat bedeutet, kann man uns dann doch nicht so recht sagen.

Wir hatten alle Einwände, die unserer Idee hier entlangzufahren entgegengebracht wurden, zu negieren versucht, sie zudem ohnehin nicht ganz ernst genommen, denn derlei Beschreibungen und Befürchtungen hören wir oft. Selbst kleinere Berge werden uns oft als sehr groß und mit dem Fahrrad unüberwindbar beschrieben, geschoben haben wir den Prophezeiungen zum Trotz dennoch selten.

 

110_06Was uns nun erwartet übertrifft dann allerdings all unsere Vorstellungskraft und die Beschreibungen Anderer. Gleich der erste Pass lässt mich beinahe umkehren. Es geht an einem Fluss entlang bergauf, teilweise im Bachbett, teilweise daneben und den Fluss immer wieder kreuzend. Dieser hat jetzt im Herbst nicht sehr viel Wasser, die Dimensionen des Bachbettes lassen seine Kraft zu anderer Jahreszeit aber gut erahnen. Es besteht aus weißen, rundgewaschenen Steinen deren Größe von faustgroß bis kuhgroß variiert, oft geht die Fahrspur einfach über viele Meter wild angeordneter Steine von Kopfgröße. Unserer Fortbewegung auf diesen Abschnitten als schiebend zu bezeichnen ist mehr als beschönigend. Es braucht Unmengen an Kraft und Optimismus, um überhaupt vorwärts zu kommen und es ist erstaunlich, dass es geht. Nach etwa zehn Kilometern für die wir mehr als einen halben Tag gebraucht haben, queren wir zum letzten Mal den Fluss und sind fast am Pass. Eines ist sicher, umkehren werden wir nicht, wenn nicht ein sehr triftiger Grund vorliegt.

 

Nach dieser wohl anstrengendsten Passage geht es nicht weniger anspruchsvoll weiter. Mal ist es Schotter, der uns zur Vorsicht zwingt, dann ist wieder ein Bach samt breitem Bachbett zu queren. Wenn der Weg hauptsächlich aus Erde besteht, können dir Spurrillen einen halben Meter tief sein und plötzliche Stufen von mehreren Metern die es fast senkrecht hinab geht, halten uns auf Trab. Zeitlich gesehen halten wir uns bestimmt genauso viel neben dem Fahrrad auf wie darauf und wir können uns hinterher an nicht mehr als fünf Abschnitte erinnern die wir länger als 5 Kilometer am Stück im Sattel saßen.

110_30Ein weiteres Problem sind Pfützen. Diese nehmen mangels Abfluss oft die ganze Straßenbreite ein, sind unfeststellbar tief und matschig und oft nur mit viel Mühe zu umgehen. Nebenan ist entweder ebenfalls Morast oder dichter Wald oder vielleicht eine Brücke die man mit großer Vorsicht auf dem letzen vorhanden Holzbalken doch noch queren kann. Ab und an können wir unsere Axt also doch gebrauchen.

 

Zwischen 20 und 30 Kilometer kommen wir so pro Tag voran, arbeiten dafür viele Stunden und sind schon Mittags völlig geschafft, Abends fühlt es sich an als hätten wir die vier bis fünffache Strecke zurückgelegt. Neben diversen Schrammen beschweren sich vor Allem die Arme, die sonst deutlich weniger ins Radeln involviert sind.

 

Wir fahren über insgesamt fünf Pässe, von denen zwei nur schiebend zu bewältigen sind. Die Landschaft ist hier in den Bergen eine andere und die Natur rau. In den höheren Lagen sehen wir fast nur noch Lärchen, die jetzt im Herbst goldgelb leuchten und uns mit ihren Nadeln bei jeder Gelegenheit bedecken. Oberhalb der Waldgrenze wird es schnell alpin und schroff, viel Stein und Geröll ragt in den Himmel. Am besten gefallen uns Hochebenen und breitere Flusstäler in denen man einen weiteren Blick in die Umgebung hat als mitten im Wald.

110_33Zwischen den goldenen Lärchen bahnen Flüsse sich ihren Weg, sind jetzt vor Allem als Spur weißer Steine zu sehen zwischen denen sich ein kleineres Bächlein seinen Weg sucht. Wir haben überall frisches Wasser, im Gegenzug bekommen wir mehrmals täglich kalte Füße. An vielen Flüssen sieht man Reste alter Holzbücken, die fast alle dem Zahn der Zeit erlegen sind. Vollständiger sind oft die größeren Brücken aus Stahlkonstruktion, die allerdings nie befahren wurden.

 

Diese Straße entstand im Winter 1974 im Eilverfahren, um die Versorgung der BAM- Baustelle, die aufgrund eines ungewöhnlich warmen Winters nicht über das Eis des Baikalsees erfolgen konnte, fortführen zu können. Innerhalb weniger Wochen wurde der Weg geräumt, doch offenbar plante man aneinander vorbei. Die Brücken wurden in der Landschaft abgesetzt, erforderliche Auffahrrampen und Anschlüsse aber nie gebaut. Andernorts gibt es hingegen die Rampen, von einer Brücke ist weit und breit nichts zu sehen. Damals wurde der Weg von bis zu 80 LKWs pro Tag genutzt, inzwischen ist er fast vergessen und wird wochenlang nicht befahren. Die Menschen im Norden an der BAM hoffen auf den von der Regierung versprochenen Ausbau dieser Strecke - Normalerweise fährt man mit dem Auto 2000 km rund um den See in die 500 km entfernte Republikhauptstadt Ulan-Ude, mit dem Zug ganze drei Tage über 4000 km, auf dem See kommt man zwar nach Irkutsk im Westen des Sees, nicht jedoch ans Ostufer.

 

Neben der körperlichen ist es eine starke mentale Herausforderung für uns. Schon bald wird uns klar, dass wir deutlich langsamer vorwärts kommen als gedacht, dass die Vorräte knapp werden. Auf Hilfe können wir nicht wirklich hoffen und Kapazitäten um einen eventuellen Schlechtwettertag im Zelt auszusitzen haben wir auch nicht. Da es hier deutlich kühler ist, gibt es schon keine Pilze mehr und Beeren finden wir nur sehr selten. Uns wird bewusst wie unbeholfen wir sind und wie wenig wir uns mit Selbstversorgung in Form von Jagen und Angeln auskennen. So weit, es ausprobieren zu müssen, kommen wir nicht, Angeln sollten wir aber doch mal lernen.

Bei all den Schwierigkeiten ist es dennoch ein sehr besonderer Abschnitt. Grenzen ertasten, mehr als gedacht aus sich herausholen und Abends neben einem Flusstal zelten und die Wärme großer Feuer genießen welche wir aus Totholz machen. Niemand ist da außer uns, die wir im Spannungsfeld zwischen uns und der Natur intensive Momente erleben. Gerade das Extreme lässt einen vieles viel intensiver wahrnehmen.

 

110_35Ab dem vierten Tag wird es merklich kühler, es friert jede Nacht und das Durchqueren der jetzt größer werdenden Flüsse wird aufwändiger. Wir müssen wegen der starken Strömung Gepäck und Räder einzeln durch das Wasser tragen und machen an beiden Ufern ein Feuer, um uns zwischendurch aufwärmen zu können. Dazu trinken wir viel, viel Tee um warm zu bleiben.

Der Weg wird besser, wir sind jetzt in einem Schutzgebiet und hier scheint etwas mehr Verkehr zu sein. Immer wieder gibt es jetzt auch mal eine intakte Brücke. Neben einer solchen machen wir Pause als die Fatamorgana in Geräuschform Wirklichkeit wird und zwei LKWs um die Kurve biegen. Es sind wirkliche Ungetüme, die mit einem Leergewicht von 10 Tonnen in entgegengesetzte Richtung unterwegs sind und je 7 bis 8 Tonnen Kartoffeln nach Taksimo bringen. Ein Geschäft, dass sich trotz all der Mühe die auch sie haben, zu lohnen scheint.

 

110_41So tasten wir uns an die Zivilisation heran, freuen uns über Erdwege auf denen man wieder richtig fahren kann und sehen leider keinen Bär. Zum Schluss kreuzt noch ein Wolf den Weg und findet uns so interessant, dass er uns einige Augenblicke Zeit gibt, ihn aus wenigen Metern Entfernung zu beobachten.

Die letzte Überquerung des Bargusin markiert das Ende des Autosimnik. Nur ist der Fluß hier gut 50 m breit, deutlich tiefer als kniehoch und nicht gerade verlockend - Abends in der Kälte. Wir warten. In der Dunkelheit kommt dann tatsächlich noch ein LKW, der erste seit einer Woche der in unserer Richtung unterwegs ist. Wir werden schnell verladen und rumpeln durch Steine und Wasser.

Am nächsten Morgen ist alles weiß, der erste Schnee im Tal. Auch hier gibt es eine warme Quelle und so lassen wir die Woche in wohliger Wärme des Kurortes Umchei auf einer Flußinsel ausklingen.