Eine Radwanderung

Ümchei - Ulan Ude [Bilder]

 

 

Bargusintal

Wir sind noch auf der 110er, wenige Kilometer vor dem Bargusin. Am letzten Pass, über den wir gerade gefahren waren, endet das Naturschutzgebiet. Eine Kurve weiter der breite Ausblick über das Bargusintal: Rechts sind weiße Berge, links sind weiße Berge, oben allesamt alpin. Dazwischen ein breites, ebenes Tal. Wald von links bis rechts von vorne bis hinten. Irgendwie hatten wir uns das "zivilisisierter" vorgestellt. Von Orten ist erstmal nichts zu sehen. Das Bargusintal ist ein Seitengraben des Baikalbruches, also bei der Aufwölbung wie ein Brot nicht nur einmal aufgeplatzt, sondern auch zur Seite. Nur dass hier noch Land ist, wärend der Baikalsee bis zu 1700 m tief ist. Entsprechend der tektonischen Situation gibt es eben auch mehrere heisse Quellen.

Mit dem Bad in den wirklich heissen Quellen von Umchei sind wir zufrieden, wieder sauber und verzichten auf Umwege zu den anderen Quellen oder Schlammbädern. Ersteinmal brauchen wir Futter, mehr kann man dann von dem ersten und allen weiteren Orten nicht erwarten und wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Benzin in der einzigen Tankstelle für 100 km. Irgendwie klappt es aber immer noch, ohne dass wir an einem Notanker ziehen müssten (Betteln gehen zum Beispiel). Viel spannendes braucht man auf so einer Strecke auch nicht erwarten, wir wollen nun schnell nach Süden, den Wintereinbruch haben wir immer schön hinter uns gelassen. So ganz können wir es dann doch nicht lassen und hüpfen von der Strasse, ein kleiner Umweg wird ja wohl drin sein, zum Ort und Fluss Ina, wenn Veronikas Mutter schon so heisst. Am Fluss können wir uns dann davon überzeugen, dass das Gerücht war ist, das wir schon im Sommer vernommen hatten: die Brücke hat die Flut mitgenommen, war eine einfache, marode Holzkonstruktion, ob die je wieder auferstehen wird?

Bargusin_09Mittlerweile ist das Tal offener geworden, in dem sich der Bargusin (oder die?) durchschlängelt. Hier leben ausschließlich Buriaten, ethnische Mongolen, die schon vor 200 Jahren anfingen sesshaft zu werden und hier vor allem Kühe und Pferde halten, immerhin Heu machen und häufig nicht allzuschlecht laufende Einzelhöfe in der Ebene verteilt haben. Auffällig einhergehend ist die Versteppung der Landschaft. Immer weniger Wald, immer mehr Trockensteppen, Wermutgeruch bestimmt wieder die Olfaktorik, gelb und braun die Optik. Wald macht es uns einfacher, wenn er mal da ist, bremst den kalten Gegenwind, bietet leichte Schlafplätze, wir verlieren die Furcht vor den Bären, sie hatten einen guten Sommer, viele Beeren, werden so schnell nicht hier aufkreuzen.

In Ust-Barusin, dort, wo wir wieder auf den See treffen, müssen wir nochmal, zum dritten Mal über den Bargusin. Der ist aber mittlerweile so breit, dass es eine Fähre gibt, also ein Fährponton, das von einem ultrakleinen Bötchen am Seil gezogen und mit der Schnauze bugsiert wird. Das dauert eine Weile, bis wir so drüben sind, wir sind noch eine Weile in der Stadt, Strom, Internet.

 

 

Seeufer

Bargusin_23Den folgenden Abschnitt kennen wir nun schon, da waren wir ja im Baikalurlaub. Der Strassenbau ist deutlich weiter gediehen, hier gibt es immer mehr Asphalt, wir kommen gut vorran, schnuppern noch mal Seeluft und dann sind wir an der Selenge, wieder eine Fähre, die uns übersetzen mag. Dass wir zehn Minuten nach Abfahrt der letzten Fähre ankommen, trennt uns dann nochmal eine Nacht mehr von Tataurovo, jenem kleinen und wirklich unbedeutenden Ort auf der Südseite der Selenge, immerhin ein Bahnhof dort, Fischfabrik. Hier schließen wir nach nach 52 Tagen (ohne Urlaub) und gut 2300 Kilometern den Kreis. Ein schönes Gefühl, wir haben ja uns immer wieder so kleine Ziele eingebaut, dass es nicht langweilig wird. Und damit der Pass, der dann nochmal zwischendrin liegt, nicht so anödet, haben wir die alte Strecke oberhalb der Gleise erfolgreich getestet.

 

 

Materialvernichtung

Bargusin_29Mittlerweile haben wir uns entschlossen, von Ulan-Ude mit dem Zug in die Mongolei zu fahren. Also versuchen wir irgendwie eine brauchbare Verbindung auszuklügeln, die das Problem umgeht, dass der Zug morgens um 7 in der Stadt abfährt. Die Idee ist dann, bis zum ersten Bahnhof ausserhalb am Abend noch zu fahren und dort einzusteigen - weil man dann ausserhalb besser übernachten können müsste. Ein paar Besorgungen, vor allem Fahrradteile bei Trial-Sport lassen es Abend werden und der Versuch, in der Dämmerung noch schnell die viel zu weite Strecke rauszukommen endet im Fiasko. Ein Schlagloch, bisschen tief, bisschen lang, vor allem aber mit einer sauberen, harten Kante gegenüber, ein Schlag, Vollbremsung ungewollt. Eine leere Flasche zwischen Bremse und Felge, Tasche abgebrochen, ok. Dann: Das Vorderrad ist viel zu weit hinten. War eh schon weiter zurück wie dass es eigentlich gehört, aber so? Wenns nur die Gabel wäre, es stellt sich heraus, dass es den Rahmen sowohl im Oberrohr als auch im Unterrohr eingeknickt hat. Dann noch die Feststellung, dass der Schlag zuallervorderst den guten Felgen eins auf den Deckel gegeben hat. Die eine ist eh schon am auseinanderbröseln, Rost zerfrisst die Speichenösen. Sowie viel Material mittlerweile das Gefühl vermittelt, dass die Räder unter einem wegbröseln. Aber das? Das ist zuviel. Weder hier noch in der Mongolei dürfen wir irgendwie akzeptables Material erwarten. Nachdem sich der Schock in den nächsten Tagen legt, kommen die Ideen, wie man auch solche Schäden beheben können müsste - ohne Sicherheitsbedenken.

 

Bahn(er)fahrungen

Die Zugfahrt ist dann auch eine gute Erfahrung. Ersteinmal nehmen wir den Zug zum Grenzbahnhof Naushki. Fahrräder brauchen eigentlich eine Gepäckkarte, die kann aber nur am Abfahrtsbahnhof ausgestellt werden, aber ein Problem sei der Transport von Rädern nicht.

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Morgens am Bahnhof die Info, es werden keinerlei Karten verkauft, im Zug dann. Die Schaffnerin überrumpeln wir dann einfach, ist ja nur ein kurzer Halt und unsere 11 Taschen und 2 Räder müssen schnell rein, dann schnell der Eingangsbereich geräumt werden, unsere Plätze sind Gangplätze ganz am anderen Ende des Wagens, der Mann im Abteil fängt gleich an zu motzen, zum Glück verstehe ich dann doch nicht so gut Russisch, angetrunken ist er auch (oder ausgetrunken?). Aber wir bekommen beide Räder und das Gepäck auf unsere Plätze, zum Sitzen bleiben uns freie Sitze und bald unterhalten wir uns mit Rucksacktouristen aus Neuseeland und Kanada. Fünf Stunden haben wir Zeit für die 200 km. Die Landschaft draussen wird immer mongolischer, blendendes steppegelb überall und überall Vieh, dieses Stroh kauend. Vorbei am Gänsesee, dann wieder an der Selenge, entlegene Gebiete.

Naushki ist ein kleines Dorf, das aber ganz gut von der Grenzlage lebt. Wir lernen es genauer kennen, denn in dem Zug, der weiterfährt, ist kein Platz mehr. Zug ist auch ein Euphemismus, denn die Eisenbahn besteht aus (wozuauchimmer) zwei Lokomotiven und einem Waggon. Dieser Waggon hängt zuerst unscheinbar hintenan, weinrot statt grün, die Fahrgäste sind schon alle an den Taxiständen verschwunden um möglichst an diesem Tag noch über die 30 km entfernte Strassengrenze zu kommen. Auch für uns wird klar: Entweder wir fahren da auch lang, oder wir fahren am nächsten Tag mit dem Zug. Was irgendwie bequemer ist, als den großen Bogen auch auf der anderen Seite wieder zurück zu fahren, zumal es im topsanierten Bahnhof ein Servicecenter gibt. Dort kann man sauber, heiß und mit Wasserdruck duschen, dabei wie immer Wäsche waschen, den Laptop aufladen und sogar Bügelflicken aufbügeln. Irgendwann quellen aus dem weinroten Waggon dann Leute, erst ein paar, dann immer mehr, Ausländer, Touristen, meist junge Leute unterwegs, wie wir, aber halt ohne Rad und meist kürzer. So vergeht die Zeit im Flug, sie haben hier sechs Stunden Aufenthalt.

Zum Zelten radeln wir einfach wieder ein bisschen die Selenge abwärts, Karten für den Zug am nächsten Tag gibts erst, wenn der Zug Ulan-Ude verlassen hat und der Ticketschalter aufmacht, also um neun. So sind wir dann um halb neun wieder da, kochen im Park den obligatorischen Griessbrei und bekommen dann ein Ticket, nicht für den Ein-Waggon-Zug, sondern für einen, der an diesem Tag zwei Stunden später fährt, weil der einen Gepäckwagen hätte - kostenpflichtig versteht sich, aber wir können ja mal das Personal fragen, ob wir die Räder auch mit ins Bett nehmen können (denn alle Züge hier sind quasi Schlafwagen, unten und oben ein Liege, wahlweise auch zum Sitzen). Fragen ist dann auch eine lustige Angelegenheit, denn der Zug ist Chinesisch, das Personal auch. Und die sprechen weder Englisch noch Russisch, kommen aber so den ganzen Weg von Moskau hierher, ohne Russisch zu können, versorgen sie die Russische Eisenbahn. Chinesen halt. Nicht mehr lange und der Chinesenzug fährt bis nach Berlin, Heidelberg, Paris oder Barcelona. Auf Chinesisch. Müssen wir jetzt halt auch mal lernen.