Eine Radwanderung

Zamyn Uud (Mongolei) – Hohhot (China)           [Bilder]

 

 

 

Neue und alte Fahrgefühle, alte und neue Landschaften

Im letzten Abendlicht rollen wir in unsere erste chinesische Stadt, nach Erenhot, hinein. Erstaunt bemerken wir wie sich nach und nach der Seitenstreifen mit vielen anderen Zweiradfahrern füllt – hier sind wir nicht mehr allein mit unserer Art der Fortbewegung. Hier ist Radfahren normal und wir haben schon fast vergessen wie sich das anfühlt. Neben dem gewöhnlichen Fahrrad gibt es Fahrradrikschas und Lastenräder deren Ladefläche als Verkaufstisch dient oder wo ein kleiner Grill für Mais, Tofu, Süßkartoffeln oder Würstchen seinen Platz hat. Dazu kommen Elektroroller und Mopeds. All diese Fahrzeuge tummeln sich traumwandlerisch und selten drängelnd in wirrer Ordnung am Rande der Fahrbahn.

Alles ist groß und modern - verglichen mit der Mongolei, auch wenn dies für chinesische Verhältnisse eine Kleinstadt ist. Der Grenzverkehr, bestehend aus mongolischen Jeeps, ist unglaublich und scheinbar lukrativ. Zu hunderten drängen sie sich täglich über die Grenze um bis in den letzten Winkel vollgepackt wieder zurückzufahren. Auf die mongolische Seite kommt ein Chinese höchstens um etwas auszuliefern.

 

Mit den ersten Eindrücken geht es wie gewohnt mit Steppe weiter. Ungewohnt ist die große Asphaltstraße mit Seitenstreifen für uns und Tunneln für die Nacht. Neu sind auch die gigantischen Windkraftanlagen am Horizont die den Wind der flachen Steppe zu nutzen verstehen. Davon gibt es reichlich, immer von rechts vorne kommend, sodass wir tagelang dicht hintereinander fahren und uns alle fünf Kilometer mit der Führungsposition abwechseln.

Innere_Mongolei_04Die Steppe ist weitläufig besiedelt, dörfliche Strukturen sind selten. Wir befinden uns hier in der Inneren Mongolei, einer autonomen Provinz Chinas, die ursprünglich von mongolischen Nomaden bewohnt wurde und sich südlich und östlich der Mongolei erstreckt, ehemals zu ihr gehörte. Heute sind die Mongolen zur Minderheit geworden die hauptsächlich die Steppengebiete besiedelt, während in den Städten Chinesen die Mehrheit bilden. Bemerkenswert ist jedoch, dass die alte mongolische Schrift überall präsent ist und fast alle Läden und alle Verkehrsschilder zweisprachig beschriftet sind. Die Mongolei nutzt ein modifiziertes kyrillisches Alphabet und obwohl angeblich die Wiedereinführung der alten Schrift angestrebt wird, ist diese dort kaum präsent.

Jurten sehen wir hingegen kaum noch, vielmehr baut man sich hier einfache Gehöfte aus Backstein und Lehm mit Wohnhaus und Stall von einer halbrunden Lehmmauer umgeben. Zum Lebensraum hin gibt es Türen und Fenster wohingegen in die Hauptwindrichtung keine Öffnungen zeigen. Gut angepasst schmiegen sie sich in die Landschaft, haben oft einen Brunnen aber keinen Strom - obwohl entlang der Straße Stromleitungen führen und die Windräder nicht weit sind. Und wo fast jede mongolische Jurte ein Solarpanel hat, gibt es hier Windrädchen für TV und Licht.

Schafherden streifen durch die Landschaft die von vielen Kilometern Drahtzaun durchzogen wird. Oft wird hier das Motorrad dem Pferd zum Treiben der Tiere vorgezogen und die Nomadenkultur ist nicht mehr so deutlich und ursprünglich wie wir sie in der Mongolei erlebt haben.

Innere_Mongolei_08Dann kommen wir in die „Gegental Grasslands“, ein weitläufiges Steppengebiet welches als Sehenswürdigkeit nomadischer Kultur auserkoren und als Nachbildung dieser präsentiert wird. Belustigt und befremdet fahren wir an vielen Jurtenanlagen vorbei. Dort stehen auf engstem Raum viele kleine Jurten aus Beton um einen größeren Komplex. Ein geteerter Weg führt bis vor die Jurtentüren: Willkommen im gleichgeschalteten Nomadenleben. An einer Stelle wird eine riesige Tribüne gebaut, momentan ist ja keine Saison und das Gras nicht grün. All dies scheint hauptsächslich für den innerchinesischen Tourismus gemacht, internationale Beschriftungen sehen wir nicht.

 

Lehmdörfer und Betonstädte

Innere_Mongolei_11Nach fünf Tagen wird es merklich urbaner. Wir nähern und einer Stadt und das Landschaftsbild ändert sich stark. Wir kommen hier in landwirtschaftlich genutzte Gegenden mit vielen kleinen Dörfern. Dort wo sich vorher die Steppe ausbreitete, sind nun Felder – hügelauf, hügelab ist das Land eingeteilt. Gerade ist Erntezeit und die Bauern bringen mit kleinen dreirädrigen, knatternden Gefährten ihre Ernte, ihren Mais, Hafer oder Hirse, vielleicht auch den Chinakohl zum Markt, zur nächsten Sammelstelle oder nach Hause.

Die Orte sind klein und recht gleichförmig aufgebaut. Immer mehrere Häuser kleben als Reihenhaus aneinander, sind nach hinten hin geschlossen und öffnen sich nach vorne hin zu einem Hof. Jeder hat seine Parzelle mit Stall und einem offenen Platz der nun gerade mit verschiedenem Erntegut gefüllt ist. Oft sind die Mauern in großen Schriftzeichen beschrieben. Ab jetzt gibt es auch wieder mehr Bäume. Meist sind es Pappeln als Plantagen oder am Straßenrand.

Wir begegnen mehr und mehr Menschen die aber mehrheitlich erstaunt zurückhaltend reagieren und uns aus der Distanz beobachten.

Die Städte sind nicht gerade schön (ausser Stadtnamen wie Siziwanqi) und wir nutzen meist lediglich die Möglichkeit, neue Lebensmittel zu besorgen. Es kommt uns oft vor, als bestünde die ganze Stadt fast nur aus kleinen Läden die einer neben dem anderen den Straßenrand säumen. Erst kommen die Autowerkstätten, dann alle übrigen Läden. Sie sind jeweils etwa so groß wie eine halbe Garage und für uns ist es eine Entdeckungsreise in neue kulinarische Gefilde, die uns oft viel Spaß macht. Besonders freuen wir uns wieder über eine große Auswahl an Obst und Gemüse.

Innere_Mongolei_22Diese kleinen Läden säumen mitunter die gesamte Durchgangsstraße einer Stadt und verwundert fragen wir uns, wo denn all die Menschen wohnen und wo all die Kinder in den genau gleichen Trainingsanzügen zur Schule gehen. Aber wir haben all die Nebenstraßen nicht gesehen und die Händler wohnen meist gleich in einem kleinen Hinterräumchen ihres Ladens.

Wuchuan, die letzte Stadt vor Hohhot, ist nur 45 Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt und gerade dabei, neu erfunden zu werden. Die halbe Stadt ist eine Baustelle und auf riesigen Bauzäunen versprechen Plakate ein gesundes Leben mitten in der Natur. Na gut, diese kann man dann ja auch noch verschönern, sonderlich attraktiv ist die Umgebung nicht. Wie wir den Plänen entnehmen, werden auch die vielen einfachen Lehmhäuser ganzen Kolonien identischer Hochhäuser weichen müssen. Eine Verwandlung in einer solchen Radikalität und einem solchen Tempo ist für uns ungewohnt und kaum zu fassen.

Nachdem dies einen sehr leblosen Eindruck hinterlässt, ist es befreiend, in den Läden der schon fertigen Häuser nette Frauen zu treffen mit denen wir zwar nicht sprechen können, die uns aber fröhlich Wasser geben und nachwinken.

 

 

Hohhot und endlich ein Bilderrestaurant

Mit der Kommunikation ist das so eine Sache und das spüren wir erst recht in den Städten. In Hohhot machen wir zwei Tage Pause und freuen uns, ein kleines Restaurant zu finden was zu einer Menükarte an der Wand seine Gerichte auch mit Bildern präsentiert. Bisher war es immer Zufall gewesen was wir bekamen, können wir doch die Speisekarte nicht lesen und da alles frisch zubereitet wird, hilft auch der Blick in die Küche nicht weiter.

Von unseren japanischen Zimmerkollegen in Ulan Bator hatten wir ein kleines Kommunikationsbuch für Chinesisch geschenkt bekommen mit dem wir uns mehr und mehr anfreunden. So etwas haben wir bisher nicht benutzt, sind immer mit Gesten und ein paar schnell gelernten Worten durchgekommen. Hier ist es anders und wir tun uns schwer mit der für uns so fremden Sprache.

Die Chinesen ihrerseits tun sich auch etwas schwer mit uns bekannten Fremdsprachen und wir treffen kaum Menschen, die Englisch können und dies auch zeigen. In einem Laden begleitet mich ein Verkäufer gute fünf Minuten und redet auf mich ein während ich ihm zu verstehen gebe, dass ich ihn nicht verstehe. Dann plötzlich fängt er mit Englisch an und das nicht schlecht – geht doch.

In Hohhot ist wieder alles anders, alles neu und es gibt unglaublich viele Menschen. Vor dem Einkaufszentrum nebenan bildet sich jeden Tag ein Fahrradparkplatz wie vor dem Heidelberger Hauptbahnhof mit dem Unterschied, dass all diese Räder abends wieder nach Hause fahren und am nächsten Morgen wiederkommen.

Innere_Mongolei_33Es ist unmöglich alle Eindrücke festzuhalten, die vielen Lebensweisen die hier aufeinanderprallen und sich vermischen zu beschreiben. Die kleine Marktstraße in der Nähe mit ihren Kernröstereien und der Viehabteilung in der man sich sein Huhn lebend aussucht. Die vielen Straßenstände mit Leckereien neben Einkaufszentren und Supermärkten. Es gibt unheimlich viele Kleinstunternehmer die mit einer Minimalausrüstung ihr Geschäft auf der Straße zu machen versuchen. Den Fahrradreparateur der in einer Kiste auf seinem Lastenrad alles transportiert was er benötigt, der Mann der mit einer soliden Nähmaschine meinen Schuh wieder zusammennäht und, und, und. Es ist eine bunte Mischung aus modernen Stadtmenschen und einfachen Menschen vom Lande die hier versuchen Arbeit zu gestalten.

Wir staunen, schmecken, riechen und fühlen das neue Land und stellen fest, dass der von uns erwartete Kulturschock ausgeblieben ist, dass wir uns eigentlich ganz wohl fühlen.