Eine Radwanderung

Hohhot (Innere Mongolei) - Wubu (Shaanxi)  [Bilder]

 

Winter

Wir fahren über Winter in den Süden - Diese Idee ist genausowenig Ziel - wir müssen nie nirgends sein, ausser innert dreier Monate wieder aus China draussen. Gut, so haben wir die Ruhe, die Fahrt zu geniessen, die kurzen Tage lassen nur ein kleines Zeitfenster zu und wenngleich einige Berge die Strecke säumen, verausgaben wir uns nicht. Wir geniessen die Kleinigkeiten, Großes gibt es nicht. Die Landschaft ist nicht uninteressant, aber auch nicht abwechslungsreich. Es ist ja auch Winter, wie es im Sommer hier aussehen könnte, wenn Grün eine Farbe ist und keine Vorstellung? Dabei ist es gar nicht so kalt, unser Coup scheint aufzugehen, dem Winter davonzuradeln. Lediglich nachts kann es schon auf unter -10 °C kommen, aber da sind wir ja gut eingemümmelt. Sobald aber die Sonne ihre Stellung erobert hat, ist Goldener Oktober. Auch ein Grund, nicht lange in die Dunkelheit zu fahren.

 

Kohle

In einem faszinierend düsteren Sandsturm verlassen wir Hohhot und machen Bekanntschaft mit unserer 40-tönnigen Streckenbegleitung. Meist ist es Kohle, für uns Lärm, Staub und Ruhelosigkeit, ein permanentes Unsicherheitsgefühl. Berufskraftfahrer (neben wenigen Privaten) gehen so rücksichtslos zu Werke, dass wir froh sind, nicht mehr (tödliche) Unfälle zu sehen. Motorbremse sei Mumpitz, Gas bergab, dann aber bremsen, dass es qualmt. Einige LKWs zeugen mit einer Wasserspur von einer eingebauten Wasserkühlung, die Anderen liegen häufiger fest. Überholt wird generell und überall, egal ob im Ort oder Tunnel, vor oder in der Kurve oder Kuppe. Am besten alles zusammen. So rücksichtslose Fahrer haben wir bislang noch nicht erlebt, jedoch sind sie nun unsere Kameraden. Wir sind froh, nach ein paar Tagen von der Hauptstrecke wegzukommen, um festzustellen, dass die einzige Änderung der fehlende, sichernde Seitenstreifen ist. Kohle wird eben überall abgebaut hier, unter einem Drittel der Provinz Shanxi lagern ein Drittel der chinesischen Kohlevorräte - also quasi überall.Shanxi_02
Der Pütt Chinas, das umsomehr auf Kohle angewiesen ist, umsoweniger Öl, Gas und Holz ihr Eigen ist. Und da die Kohle auch abseits der großen Strassen aus den Bergen geholt wird, drängen sich Kolonnen von Lastern übers Land. Es ist tatsächlich so, dass ein nicht endenwollender Strang von Lastern an einem vorbei und einem entgegen kommt. Auf einer mäßig befahrenen Strasse waren es immer noch 270 /h allein im Gegenverkehr. Und als wir uns fragen, warum man die ganze Kohle nicht mit der Bahn transportieren kann, kommen wir ans Bahngleis und sind froh, dann doch nicht dort geschlafen zu haben. Auch die Züge geben sich die Klinke in die Hand. So viel Kohle ist zu transportieren, dass alle Kapazitäten erschöpft sind.

 

Exkurs: Löss

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Ein paar Wäldchen gibt es in der Ebene bei Hohhot, dann beginnt das Lössplateau Chinas, das grösste und mächtigste Lössgebiet der Welt. Löss ist ein weiches Gestein, das dadurch entstand, dass kalkhaltiger Staub aus eiszeitlichen Flusstälern ausgeweht wurde und sich an den Lagerstätten verfestigte. Während der Löss im Kraichgau bei Heidelberg etwa nur 20, 30 m mächtig ist , hat das riesige Einzugsgebiet "Sibirien" hier für Auflagen in zehnfacher Mächtigkeit gesorgt, und das auf einer Ausdehung, die größer ist als die BRD. Löss enthält keine Steine, jedoch mitunter Kalkkonkretionen, wenn Kalk in oberen Schichten gelöst wird und tiefer wieder ausfällt - wie Tropfstein, nur schlichter. Desweiteren bildet er gut Lehm und Humusböden aus, lässt sich locker bearbeiten und speichert gut Wasser. Somit ist er immer schon ein beliebter Ackerboden gewesen und die Wiege Chinas liegt in dieser Lössgegend. Das Gestein an sich ist stabil und kann als Steilwand lange überdauern. Einmal jedoch bearbeitet oder starkem Oberflächenwasser ausgesetzt, wird er sehr leicht ausgewaschen. Der Huang He, der Gelbe Fluss, zeugt mit seinen Namen davon. Er umfließt das Lössgebiet von drei Seiten. Das "Plateau" ist somit geprägt von tiefen Tälern und Schluchten, ständig entstehen neue Seitentäler. Äcker, einstmals eine Terrasse ausmachend, werden zerschnitten, werden zwei, drei, am Ende bleiben nur Stumpen übrig oder verschwinden ganz.

Dem zu begegnen wurden eben schon seit Urzeiten Terassen angelegt und so sieht das ganze Land aus wie ein Höhenschichtenmodell. Aber auch nicht terrassierte Hänge werden uneingeschränkt ihres Gefälles noch beackert.

 

Zuviel und zuwenig Wasser

Dabei scheint man sich in China der Erosionsgefahr wohl bewusst. Schon vor Hohhot tappte ich abends auf Schlafplatzsuche verärgert in große Löcher - um am nächsten Tag festzustellen, dass es sich um Pflanzlöcher handelt. Ein riesiges Wiederaufforstungsprogramm ist da am Laufen, ganze Landstriche und Gebirge wie Täler sind entweder schon bepflanzt oder zumindest sind schon mal die Löcher angelegt, während in Baumschulen die Kiefern heranwachsen. Kiefern wohl deshalb, weil sie gut wurzeln und Trockenheit gut abkönnen und damit ein anderes Problem Nordchinas anreißen: den Wassermangel. Die guten Böden (auch wenn sie keinen nennenswerten Humus (A-)-Horizont haben) bringen nichts ohne Wasser. Regen fällt hier nur periodisch. Zur Zeit hat kein Bach, kein Fluss Wasser. Das Wasser reicht kaum für die Bevölkerung und so entpuppt sich das, was wir erst für einen Autobahnbau halten als ein großes Kanalprojekt. Allein der Gelbe Fluss führt Wasser, als wir ihn treffen, in einer Schlucht, die Steilwände mehr als 100 m tief, gerade wird eine Eisenbahnbrücke eingepasst. Dann aber kommt ein Stauwehr, der Grund für das Wasser. Denn nach dem Stauwehr führt der Fluss kaum noch Wasser, fast eingetrocknet dümpelt er vor sich hin, wachsen Algen in Pfützen und holen Arbeiter den Sand aus dem Flussbett. Der Huang He, mit etwa 5000 km viert (oder acht-)längster Fluss der Erde. Aber zuletzt fliesst er durch die Gobi und auch aus dem Lössgebiet kommt kein Wasser.

 

Mauer

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Von Hohhot aus kommend bewegen wir uns aber zunächst noch in der Inneren Mongolei, also dem Stammland der Mongolen, bis sie ihrer ständigen Eroberungen wegen 1644 unter chinesische Herrschaft gerieten. Hier ist also Ackerbau noch nicht so alt und das zeigt sich, als wir eines Abends dorthin kommen, was jedes Kind mit China verbindet - die Große Mauer. Zuerst heben sich die Turmanlagen vom Horizont ab, dann die noch erstaunlich gut erhaltene "Mauer". Hier ist keine touristische Ecke, also wird nicht restauriert. Reste von Mauerwerk sind selten, jedoch finden wir eine durchgehende Lehmwand vor und eben Lehmtürme, als wir uns am nächsten Morgen zu Fuß aufmachen, die Mauer zu erkunden. Und hinter der Mauer wachsen tatsächlich mehr Bäume, überhaupt Bäume, dort eben, wo kein Acker ist. Auf der anderen Seite, wo immer schon Vieh gehalten wurde, steht kaum ein Baum mehr, auch dort, wo nicht geackert wird.

 

Häuser

Shanxi_07 Eine andere Besonderheit, die mit dem Löss einhergeht, ist die Bauweise. Löss lässt sich leicht behauen und da die Hänge genug Möglichkeiten bieten, leben die Menschen in Häusern, die in den Berg, also in den Löss eingehauen sind. Höhlen quasi, aber zumindest heutzutage alle mit einem torbogenförmigen Vorbau aus Stein, welcher ein Holz (-Glas) - Gerüst mit Tür birgt. Die Räume stehen eigentlich nie alleine da, die Kammern können auch untereinander verbunden sein.

Solche in den Berg gearbeiteten Dörfer liegen dann überall verstreut in der Landschaft, nicht selten abseits jeglicher Strassen und unterhalb einer Strasse gelegen sind dann nur die Schornsteine sichtbar, wie sie aus der Wiese ragen. Tiere werden hier wenig gehalten, einzelne Schweine oder Kühe, nur noch selten Schafe oder Pferde. Wenn dann ziehen Esel die einfachen Karren, oder Kühe.

 

Bauern & Bäuerinnen

Wenngleich die chinesische Agrarwirtschaft einst verstaatlicht war, ist heute die Kleinbauernwirtschaft die tragende Erwerbsform. Anders sind die kleinen Terrassen gar nicht zu bearbeiten, als in viel Handarbeit. Durch die demographische Struktur, fehlende Alterssicherung und die Chance junger Menschen als Wanderarbeiter sind es die Alten, die das Reich der Mitte ernähren. Da hat dann jeder sein Äckerchen, da geht er mit ner Haue und nem Seil hin, mit dem Seil bindet er sich dann Maisstroh o.ä., um es auf dem Rücken heimzutragen, mindestens aber bis zum Ackerrand, wenn er einen Eselkarren hat. Maisblätter fressen die Kühe, die Stengel werden verbrannt. Die Maiskolben wurden schon auf dem Feld gebrochen und liegen nun zum Trocknen vor den Häusern oder auf Dächern, säuberlich gestapelt meist. Neben Mais wird v.a. Hirse angebaut, in wasserreicheren Lagen auch Gemüse.

 

Jujube


Wie die Erfassung der Erzeugnisse geschieht, sehen wir am BeispielShanxi_31 der Chinesischen Roten Dattel, auch Jujube genannt. Diese wachsen hier in den Bergen, sind Bäume mit Zickzackästen und jeweils einem langen geraden Dorn und einem kurzen Rosendorn an den Zweigstellen (wenn sie nicht dornenfreie Sorten sind). Die Früchte sehen meist aus wie Datteln, nur in Rot mit einer festen Schale, auch die Kerne und Fruchtstände ähneln echten Datteln, aber es sind keine Palmen, sondern eben Laubbäume aus der Familie der Kreuzdorne. Die nun reifen Früchte sind leicht eingetrocknet und so gut haltbar. In den Anbaugebieten gibt es dann in jedem Ort mindestens eine Annahmestelle, zu der die Bauern ihre Früchte tragen, mit Eselkarren oder Auto, meist aber mit einem dreirädrigen Traktor-Gefährt fahren. Dort werden die Früchte sortiert und auf Haufen gelagert sowie je nach Wert und Zweck in edle Tüten, Kartons oder Säcke gepackt. So laufen all die Mengen an Agrarprodukten über Kleinstrukturen.

 

Berge versetzen

Im Kleinen läuft viel, wird Wasser oder Gemüse im Joch getragen, alle Feldfrüchte mit Hand geerntet, Boden nur selten maschinell bearbeitet, Strassenstreifen mit der Malerrolle geweisselt...

Auf der anderen Seite ist man in der Lage, Berge zu versetzen, wenn es darauf ankommt. Viele hunderte km Bahnstrecke werden neu gebaut, Strassen, kaum dass sie gebaut sind, schon wieder erweitert (um den LKW-Verkehr abzufangen), riesige Fabriken und Kraftwerke, der Kanal, Tunnel allerorten, nichts scheint zu schwer, kein Tal zu hoch für eine Brücke, kein Berg zum Versetzen zu massiv.

 

Begegnungen

Und die Menschen? Waren wir anfangs erstaunt über die Zurückhaltung der Menschen, so wandelt sich dies, je weiter wir nach Süden kommen. Sobald sich mal ein paar Leute zu den Rädern gesellen, ist der halbe Ort da. So essen wir einmal an einem Strassenstand zu Mittag und haben 70, 80 Leute um uns, die alle mit uns reden wollen oder uns einfach in Haar fassen, wie eine alte Frau, die von meinem Haar so angetan war. Wir hatten es zuvor nur als eine Anektode betrachtet, dass Chinesen einem etwas aufschreiben, wenn man sie nicht versteht. Aber es ist tatsächlich durchgehend so. Wenngleich Englisch in vielen Beschriftungen auf Produkten präsent sein sollte, glaubt fast kein Chinese, dass wir kein Chinesisch verstehen. Das mit dem Aufschreiben hat den Hintergrund, dass sich viele Chinesen untereinander nicht verstehen, die Schriftzeichen aber die selben sind, egal, wie sie ausgesprochen werden. Dann wird eben aufgeschrieben. Da schreiben wir dann irgendwas auf Deutsch - das leuchtet dann den meisten ein, wenngleich es wohl erstmal sehr verwirrt, wie man denn ohne Chinesisch leben könne. Einen Ausländer zu sehen ist für Viele unglaublich. Einzuordnen sind wir wohl schwer, einmal werde ich von jemandem gefragt, nein, dringlichst aufgefordert, auf dem Bau zu arbeiten. Sand schippen oder ähnliches entnehme ich den Gesten. Da fahre ich dann doch lieber Rad.

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