Eine Radwanderung

Wubu – Xi´an - Fengxian (Shaanxi) [Bilder]

 

 

Wo Nudeln auf der Wäscheleine trocknen

Mit der Überquerung des Huang He verabschieden wir uns vom gelben Fluß und fahren weiter westlich nach Süden. Viel Außergewöhnliches hat die Strecke nicht zu bieten, aber die kleinen Dinge des chinesischen Dorfalltags faszinieren uns immer wieder aufs neue und ziehen uns deutlich mehr an, als die mehr werdenden Städte, deren Faszination sich durch die Häufigkeit deutlich mindert. Die Landschaft wird ruhiger, weniger schroff und die Straße folgt Flussläufen talauf, talab. Die Landwirtschaft konzentriert sich, auf die ebenen Flächen, die Hänge sind weniger terrassiert. Weil so nicht genug Platz bleibt, alle allein von der Landwirtschaft zu ernähren, gleichzeitig die Nachfrage nach Produkten in den mehr werdenden Städten aber auch andere Möglichkeiten bietet, gesellen sich andere Berufsgruppen zum normalen Dorfleben.

Shaanxi_28In mehreren Dörfern trocknen lange, weiße Reisnudeln, dunkle Nudeln und manchmal auch Grüne an weitläufigen Wäscheleinen. Später werden diese lose in großen Säcken auf den Bauernmärkten verkauft.

Einmal wollen wir nur eben nach Wasser fragen und landen bei einer Familie, die in ihrem Hof Tofu herstellt. Ein großer Kessel Wasser wird gerade eingeheizt, große Formen liegen bereit und die Ziegen mampft gerade die Reste.

Steinmetze haben dagegen einen nicht gerade einfachen Job. Steinquader werden aus dem Berg gesprengt und dann per Hand in mühsamer Kleinarbeit zu passenden quadratischen Steinen gehauen. Da die kleinen Steinbrüche teilweise nur zu Fuß erreichbar sind, muss auch der Transport per Hand bzw. Rücken erfolgen. Andere Steinmetze sind damit beschäftigt große gesägte Steintafeln oder Quader zu kunstvoll verzierten Grabsteinen oder Tieren für Hofeinfahrten zu verwandeln.

Viele Arbeiten werden mit einfachsten Mitteln und uralten Technologien verrichtet und oft erscheint es uns als wären wir in die Zeit unserer Großeltern hineinversetzt. Das Joch wird für alle nötigen Tragearbeiten eingesetzt, der Acker wird mit der Handhacke bearbeitet und zum Mahlen von Mais wird ein Esel vor den Göpel gespannt. Er zieht dann einen runden Walzstein auf einer Steinplatte immer im Kreis und hat dabei die Augen verbunden. Zwei Frauen kontrollieren dabei das Mahlgut, lösen es immer wieder von der Steinplatte, sieben fertiges Mehl und geben neuen Mais hinzu.

Shaanxi_07Besonders für die Menschen sind die Markttage. Da wir uns fortbewegen, begegnet uns fast täglich ein Bauernmarkt, für die Dorfbevölkerung ist es aber eine seltenere Veranstaltung. Schon Kilometer zuvor ist der Straßenrand gesäumt von Menschen zu Fuß, Menschen mit Handkarren oder Menschen in Esels- oder Ochsenkarren. Alle sind ordentlich angezogen und es herrscht eine aufgeregt gespannte Atmosphäre. Motorisierte Fahrzeuge können viele sich nicht leisten, was der Abgasbelastung zumindest noch etwas Einhalt gebietet. Die Märkte selbst sind für uns eher uninteressant, da vor Allem das verkauft wird, was die Dorfbevölkerung nicht selbst herstellen kann d.h. Kleidung, Schuhe, Haushaltsmaterialien etc. Aber das Drumherum ist immer schön zu beobachten. Besonders der Eselparkplatz, wo ein Esel neben dem anderen angebunden auf seine Besitzer warten muss.

 

 

Kaffeefahrt im Nachtzug

Langüberlegt und Kurzentschlossen beenden wir die beschauliche Fahrt durch das Dorfleben. Bei unserem Reisetempo müssen wir wohl oder übel auch andere Verkehrsmittel in unser Fortkommen miteinbeziehen, wenn wir die südlichen Grenzen des Landes rechtzeitig erreichen wollen. So sitzen wir eines Abends im Nachtzug nach Xi´an, Liegeplätze hatten wir nicht mehr bekommen und reisen also Hardseat. Die Fahrräder und einen Teil des Gepäcks konnten wir aufgeben und hoffen diese im Gepäckwagen, während wir uns mit dem Rest der Taschen und vielen Chinesen in den ohnehin engen Wagen drängen. Schnell stellen wir fest, dass wir zu den Glücklicheren gehören, denn gegenüber den Stehplatzkartenbesitzern haben wir immerhin einen Sitzplatz für die Nacht.

Die strenge Ordnung, die wir aus den russischen Zügen kennen ist hier unbekannt. Es wird geraucht, es wird auf den Boden gespuckt, Müll wird fallen gelassen wo auch immer man gerade ist. In kurzen Intervallen kämpft sich ein Zugbegleiter durch den schmalen Gang im Schlepptau ein Wägelchen mit Essen und Getränken, Plastikhocker, einen Korb mit Zahnbürsten, Socken, leuchtenden Gummibällen oder was sonst unentbehrlich oder lukrativ erscheint. Dieser Nebenjob vermittelt das Gefühl einer Kaffee- oder Butterfahrt.

Unsere Mitreisenden sind schüchtern interessiert an uns, viele sind Wanderarbeiter. Da man aber doch gerne ein Bild der Fremden mitnehmen möchte, geschieht es, dass man nachts verschlafen blinzelnd in eine Handykamera blickt die uns vermeintlich Schlafende fotografiert. Zehn Minuten vor Ankunft ist die Schüchternheit überwunden, die Neugierde größer als die Angst etwas falsch zu machen und plötzlich kann einer unserer Gegenüber Englisch. Schade, dass die Schüchternheit sie so lange hat zögern lassen.

 

 

Xi´an – Friedliche Stadt im Westen

„Hello, hello.....“, werden wir begrüßt, als wir den Bahnhof in Xi´an verlassen. Nach mehr als einem Monat in China sind wir das erste Mal in einer touristischen Stadt und ziehen zwischen den vielen Wanderarbeitern das Interesse der Stadtplanverkäufer, Tourenanbieter und Hostelgesandten auf uns.

Shaanxi_11Xi´an ist eine geschichtsträchtige Stadt, Anfang und Ende der Seidenstrasse, im Verlauf der Geschichte immer wieder Hauptstadt und heute vor Allem wegen der weltbekannten Terrakotta Armee zu einem der Touristenmagneten des Landes geworden ist. Die Altstadt wird als sehr schön beschrieben, eingefasst von der längsten und besterhaltensten Stadtmauer Chinas. Vieles erscheint uns allerdings fast zu gut renoviert und die alten Stätten der Altstadt muss man zwischen vielen Hochhäusern und Einkaufsstrassen oft suchen. Dennoch gibt es durchaus Sehenswertes, etwa die schöne Moschee im chinesischen Stil oder das umliegende muslimische Viertel mit engen Gassen, vielen Märkten, Ständen und Geschäften und richtigem Fladenbrot.

Längst ist die Stadt aus den Stadtmauern gequollen, breitet sich rasant in alle Richtungen aus und viele schmale, hohe Wohnblöcke in jedem Bauzustand ragen in den Himmel. Wir dürfen uns für einige Tage bei Julian zuhause fühlen. Er lernt hier chinesisch, zeigt uns ein untouristisches Gesicht der Stadt und kann viele der Fragen, die sich in den vergangenen Wochen angesammelt haben beantworten. Auch haben wir nun neue Sätze in unserem Heft stehen, denn „Wo kann man hier Aluminium schweißen“ steht leider nicht in unserem Sprachbuch. So lernen wir auch ein solches Hochhaus mal von innen kennen, schauen uns die Stadt von der Dachterrasse des 26. Stocks an und wundern uns am ersten Tag über den bedeckten Himmel bis wir feststellen, dass die Häuser einfach zu eng stehen und Sonnenlicht dazwischen kaum Platz hat. Der Regen ist ebenso eine Illusion des Stadtalltags, die Straßen werden lediglich mit Wasser gereinigt.

Wir haben einiges aufzuarbeiten, sind lange mit der Suche nach einer neuen Felge für mich beschäftigt da Meine durchgebremst ist und es auf Dauer wohl nicht von Vorteil ist, in ihr Inneres schauen zu können. Leider bleibt dieses Vorhaben unvollendet. Erfolgreich sind wir auf der Suche und beim Kauf einer neuen Kamera, so hat wieder jeder Eine.

Shaanxi_13Touristisches bestimmt folglich nicht den Hauptteil unserer Tage, die Terrakotta-Armee will ich aber doch nicht auslassen. Matthias bleibt lieber zuhause während ich mit dem Bus eine Stunde nach Nordosten fahre. Hier wollte ein Bauer 1974 in der Nähe seines Dorfes einen Brunnen bohren und stieß dabei auf die ersten Zeichen einer der größten Grabanlagen der Welt. Heute kann man in einem Museum einen ersten Teil der Armee die mit Soldaten und Pferden aus Terrakotta und in Originalgröße den Grabhügel des Kaisers Qin Shiuangdi schützt, besichtigen. Noch ist längst nicht alles ausgegraben und zusammengesetzt, etwa ein Viertel der Anlage ist bisher freigelegt und noch tausende Soldaten warten darauf wieder zusammengefügt zu werden.

Die Handwerkskunst der vor knapp 2000 Jahren entstandenen Figuren, die sich alle in Gesichtsausdruck und Frisur voneinander unterscheiden ist beeindruckend, leider kann man vieles aber nur aus einer großen Distanz anschauen und daran das Fernglas mitzunehmen hatte ich nicht gedacht.

 

 

Nudelsuppe und Kiwipausen

Shaanxi_26Von Xi´an geht es westwärts im breiten Tal des Wei Flusses entlang. Uns wurde das Qin Ling Gebirge empfohlen, ein Gebirgszug der sich südlich von Xi´an von Westen nach Osten erstreckt und die Wasserscheide zwischen dem Huang He und dem Jangze bildet. Wir fahren durch große Obstbaugebiete und finden in Kiwi- oder Pfirsichplantagen leicht Schlafplätze. Auch Baumschulen gibt es viele und die Rosen blühen sogar noch. Seit Xi´an ist es angenehm warm wodurch wir uns allerdings prompt erkältet haben. Es freut uns, dass das Land hier Perspektiven bietet und nicht alle jungen Leute als Wanderarbeiter in den Städten ihr Glück suchen müssen. In den Lössbergen waren wir durch viele Dörfer gekommen, in denen es unsere Generation praktisch nicht gab. Hier sehen wir Menschen aller Altersgruppen auf den Feldern, beim Sortieren der Kiwis und beim Pflanzen der Rosenstöcke.

Es gibt aber auch viele Städte, China wächst überall und mit wachsender Urbanisierung wächst auch die Luftverschmutzung. Oft ist es diesig und die Berge zu unserer Linken sind kaum zu erkennen. Mitten durch das Tal wird gerade auf hunderten Stützen eine neue Schnellzugtrasse gebaut, so mancher muss sein Wohnzimmer dafür opfern.

Der Nikolaus findet uns auch hier, allerdings stecken in unseren Schuhen nicht Schokolade und Kekse, sondern Hühnerfüße, eingelegte Bambussprossen, Wachteleier und andere bei den Chinesen beliebte Snacks. Mit diesen freundeten wir uns dennoch nicht spontan an, besser gefällt uns da schon die hiesige Küche.

In Norden Chinas und ganz besonders in und um Xi´an spielt Reis nur eine kleine Rolle, hier sind Nudeln in allen möglichen Formen und Varianten das Lieblingsessen. Sie werden oft frisch zubereitet, kleine Teigwürste werden mit Öl bestrichen, lang gezogen wieder gefaltet und wieder in die Länge gezogen. Dabei werden die Teigfäden immer wieder mit lautem Klatschen auf die Tischplatte gehauen bis sie nach wenigen Augenblicken den Vorstellungen des Herstellenden entsprechen und mit viel Schwung in einem großen Wok landen. So geht es ohne Pause Nudelstrang um Nudelstrang weiter. Die Nudeln werden kurz gekocht mit etwas Gemüse, Soße, Chili und einem Schwung Geschmacksverstärker versehen und fertig ist die einfachste Variante des Mittagessens. Dafür kostet sie auch nicht viel mehr als eine Fertignudelsuppe zum Aufgießen aus dem Laden. An der Straße bieten viele Essbuden gerade diese eine Variante an, in Xi´an kann man zwischen mehr Möglichkeiten wählen und auch eine Art Ravioli mit verschiedenen Füllungen probieren.

 

Aus dem Flusstal geht es in die Berge. Wir hatten uns die kleinste Straße ausgesucht, die wir auf der Karte finden konnten und waren froh, den grauen Abgashorizont im Tal hinter uns zu lassen. Doch das Glück währte nicht lange, nach einem halben Tag bergauf wurden wir von der Polizei gestoppt. Man bemühte extra die Englischlehrerin des nächsten Ortes herbei um uns zu erklären, dass hier für Ausländer gesperrtes Gebiet sei und wir umkehren müssten. Das ist nicht gerade das, was man nach vielen Kilometern bergauf hören will, doch alle Verhandlungsversuche und Vorschläge unsererseits blieben erfolglos. Da das Gebiet, in dem Metallteile für Raketen hergestellt werden, recht groß ist und die Polizeipräsenz hoch, schätzen wir unsere Chancen dort heimlich durchzukommen als nicht sehr hoch ein und fahren schweren Herzens weiter nach Westen um die nächste kleine Straße durch die Berge zu nehmen.

Shaanxi_38Die Strecke dort ist ebenfalls sehr schön, auch wenn es im Sommer wenn alles grün ist noch viel schöner sein muss. Es geht in einem engen Tal zwischen steilen Bergen die einen bewaldeten Dreitagebart haben, bergauf. In einem ehemaligen Ferienlager finden wir offene Zimmer, übernachten dort und erklimmen den Pass am zweiten Tag. Wir kommen an mehreren Tempelanlagen vorbei, bei einem spazieren wir über ein verzweigtes Wegesystem am Steilhang in den an verschiedenen Stellen kleine Erker und Unterstände für verschiedenste Figuren angelegt sind.

Es geht über den Pass und auf der anderen Seite für einen ganzen Tag sanft bergab bis wir Fengxian erreichen, eine kleine Stadt die schön zwischen den Bergen am Zusammenfluss zweier Flüsse gelegen ist.

 

Hier wollen wir wieder in den Zug steigen, es ist aber wohl nicht ganz unser Tag. Wir verbringen einen halben Vormittag damit herauszubekommen, dass nur Abends Züge fahren (wir wollten gerne die Landschaft sehen) und dass man erst dann die Karte kaufen kann. Verbringen den Tag also dort, dürfen als Ausländer nur in ein bestimmtes Internetcafé nachdem Matthias aus dem ersten wieder rausgeschmissen wurde, die Post versendet keine Briefe ins Ausland, das geht nur in der Provinzhauptstadt und Abends gibt es nur noch Stehkarten für die Nachtfahrt. Das hatten wir uns alles etwas anders vorgestellt.... Letztendlich bekommen wir im Speisewagen Plätze, die wir auch die Nacht über behalten können wenn wir dort etwas essen. Keine schlechte Bedingung, denn der Silberkarpfen schmeckt als Sitzpreisaufschlag ganz gut.