Eine Radwanderung

Sezuan: Chengdu - Ebian [Bilder]

 

 

Chengdu. Wer kennt schon Chengdu? Peking, klar. Shanghai, o.k. Xian, aber alles andere sind doch böhmische Dörfer. Dörfer wie Chengdu das mit seinen gut 4 Mio. größer ist als Berlin und als Raum Chengdu mit gut 10 Mio. größer als der Raum London oder Paris. Wir wären gerne vorbeigefahren, bloß keine Monsterstadt, den ganzen Tag lang stop'n'go, Roller und Räder, die einem durch die Speichen kreuzen, lausige Läden am Strassenrand (Kekse, Limo, Autoreifen). Lieber fahren wir durch die Berge. Wenn da nicht Julian gewesen wäre, unser Couchsurfing-Gastgeber in Xi'an, Chengdu müsse sein.

 

Chengdu_3Dann landen wir bei einem anderen Chinesisch-Studierenden, Hinrich, gleich neben einem der tollen Parks, die Chengdu ausmachen. Entlang der Flüsse, die Chengdu durchfliessen, liegen ausgedehnte Parkanlagen. Sie sind die Lebensadern, hier fließt das ruhige Leben Chinas. Sie sind erstaunlich unkommerziell, auch die sagenhaften WCs sind umsonst und diese unkommerzielle Atmosphäre ist gerade der Erholungswert gegenüber der Stadt. In Teehäusern werden ganze Tage, ganze Leben verquatscht, verdöst oder mit Karten-, Stein- oder Brettspielen verspielt. Morgens ein Glas, eine Schale Grüntee, den Tag über mit Heisswasser nachgegossen - eine Klapperzange kündet vom Ohrmasseur, ein Hammer tönt als Signal einer ärmlichen Gestalt, die Zuckerwaren verkauft, dem Türkischen Honig ähnlich.

Wer nicht sitzen will, kann sich herrlich in verschiedener Vegetation gehen lassen (bekommt sogar die botanischen Namen der Bäume gezeigt), an Flüsschen oder Seen die Seele baumeln lassen oder eben tanzen, vielleicht auch nur den Anderen dabei zusehen. Ob choreo- oder stereographisch, die Tanzboxen ziehen Leute an. Da mischen sich munter moderner Beat mit traditioneller chinesischer Musik oder europäischer Klassik - auffällig ist die große Akzeptanz unterschiedlicher Musikstile über alle Altersklassen hinweg. Man stelle sich die Alten vor, die problemlos zu HipHop tanzen, nicht Breakdance, sondern ihren Stil, der irgendwo zwischen ruhigem Bauch-Beine-Po und Backgrounddance anzusiedeln ist.

 

Chengdu_2Wer den langen Marsch nach China macht, der sollte Chengdu nicht verpassen, sollte mehr wie einen Tag hier in den Parks die Sinne ba(e)umeln lassen.

Der Tanz wirkt skurril, wenn ganze Belegschaften dazu antreten müssen, corporal identification, alle im Gleichtakt; nur wenigen ist die Freude darüber anzusehen, wenn sie dieses Ritual auf offener Strasse vor aller Augen vollziehen müssen. Faszinierend dagegen ist, als wir auf das Gelände der Sportuni gelangen und über die Übungen der sportlichen Version von Tai Chi staunen dürfen. Sprünge, Salti, bei einigen in so anmutiger Spannung - wenn man doch wenigstens ein bisschen so beweglich wäre oder einen Teil dieser Spannung hätte.

Und dann wieder die Ruhe und Gelassenheit; die Teetische gibt es nicht nur in den Parks, vielerorts stehen die Bambusstühle & Tische im Schatten großer Bäume auf den breiten Trottoirs oder in Gartennischen, , liegt Lachen & Teegeruch in der Luft, klappern die Mahjongg-Spielsteine, werden Karten & Sprüche geklopft - wie das Leben hier auf die Straße verlagert ist, ist ergreifend und irgendwie - beruhigend.

Mit Hinrich haben wir einen Reiseführer der lokalen Küche. Waren wir in Xi'an noch im Wendekreis der Nudel, so beherrscht ab hier nach Süden Reis das Geschehen - ausser bei "Djaoze", kleine, mit Fleisch & Gemüse gefüllten, dann gedämpften Teigtaschen. Am wichtigsten ist in der Küche der Provinz Sezuans der Sezuanpfeffer. Mit den Zitrusfrüchten verwandt, hinterlässt er einen an Zitronen erinnernden Geschmack (naja, etwa so wie Douglasien), vor allem aber gar nichts. Die Schärfe dieses Gewürzes macht es aus, dass es die Zunge betäubt und den Schweiss mit den Augen raustreibt. Wobei wir unterschiedlich darauf reagieren. Als ich in Xi'an auf einem Gewürzbasar zumindest mit Muskatnuss und Kumin glücklich wurde (In China sind getrocknete Kräuter wie Rosmarin gar nicht bekannt, Gewürze nur ganz wenige: Muskat, Zimt, Sternanis, Kumin, Chili und eben Sezuanpfeffer), meinte der Händler, ich solle von einem tollen Gewürz probieren - frisch gemahlenem Sezuanpfeffer. Ich kannte den nicht, probiere und verbrenne meine Zunge. Als ich am Abend genau an der Stelle wieder Kontakt zu einer direkt zerbissenen Frucht bekomme, bin ich geliefert. Gemalen und in Maßen kann er auch interessant sein, im Feuertopf dagegen als Grundbestandteil ist es nur noch eine Qual. Feuertöpfe sind große Woks, die im Tisch stehen und weiter beheizt werden, geladen mit einer Suppe, die zur Hälfte aus Öl und dann eben ganz viel Chili und Sezuanpfeffer besteht und in die viele durchaus leckere Zutaten (Gemüse, Fleisch) versenkt und darin gekocht werden, um sie mit einem ordentlichen Schluck Schweiss zu sich zu nehmen.

Chengdu_1Sehenswürdigkeiten? Deshalb braucht man China nicht unbedingt besuchen. Sobald etwas weiß auf braun ausgeschildert ist, ist es fast sicher übermäßig teuer und dazu gefaked. Sprich, wenigstens kaputtrenoviert, wenn nicht nur ein Nachbau. Weil alles protzig sein muss, was sich zeigen lassen können muss, protzig und pompös, große Anlagen, große Tore, große Farben, nur kaum etwas Altes. Historisches Erbe ist auch nur ein Erbe, das zu Geld gemacht werden will. Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu verwerten.

Ein wenig anders ist das bei der taoistischen Tempelanlage "Qingyang Gong", die Tempel des Grünen Widders, da sie noch als Kloster belebt wird und so zum Einen lebendiger wirkt, zum Anderen mit einem Euro noch erschwinglich. Hier befanden sich die ältesten Taoistischen Tempel der Stadt.

Dass das auch ganz anders geht, stellen wir fest, als wir wieder losgefahren waren und einen Umweg über Leshan machen, dem weltgrößten in Stein gehauenen Buddha eine Audienz zu machen. Zehn Euro sollen es sein, auf dem Landweg. Da er aber am Ufer sitzt, sieht man ihn nur so richtig vom Wasser aus, das Boot würde weitere Sieben kosten, weitere Statuen und Tempel extra. Davon könnten wir ewig oft essen gehenund noch nie haben wir soviel für eine Übernachtung ausgegeben. Und ehrlich gesagt haben wir keine Lust, an diesem Spiel der Entreicherung teilzunehmen. Wir betrachten Werbebilder, stellen fest, dass er neuerdings ein angemaltes Gesicht hat, während alte Bilder ihn mit Vegetationsmütze zeigen, wir lassen den Götzen sitzen. Hätte man uns trotz der Bauarbeiten über die nahegelegene Brücke gelassen, hätten wir den Versuch noch unternommen, ans andere Ufer zu kommen, aber so fahren wir weiter, nebelig ist es obendrein.

 

Den Emei-Shan, die nächste Touristenanlaufstelle lassen wir aus gleichen Gründen rechts stehen, jenen sich 2000 m emporhebenden, den Buddhisten heiligen Berg, auf dem über 100 Tempel die Wege zum Gipfel ausschmücken.

Chengdu_5Interessanter ist dann ja auch die Landschaft, die Besiedelung. Eindrücklich der intensive Gemüsebau um Chengdu, wie das Handschuhsheimer Feld, nur mehr als 100 km lang. Gemüse, etwas mit Reis, Weizen gestreckt, hier ein Ort mit Apfelplantagen, gleich drauf ein Pilz-Folien-Tunnel am nächsten, zwischen diesem Gedränge dann wohlriechbar Kunststoffindustrie. Wir sehen die ersten Bananenpalmen und Mandarinenbäume, schlafen im Schatten majestätischer Bambushorste. Dann krabbeln die Stelzen der neuen Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke über die Felder, ein überirdischer Radieschentunnel, 10, 20 m hoch. Bestimmt wird da keine Kuh auf die Gleise kommen, aber wie bitte kommen Rettungshelfer dort hoch?

Dann wieder eine Stadt, die der Fliesen, in der dutzende Keramikwerke Fliesen und Toiletten produzieren, verkauft werden die durchaus auch ansehnlichen Stücke in hunderten Garagenläden. Und wenn vor lauter Stadt, LandwirChengdu_6tschaft, Fluss die Hoffnung auf einen Schlafplatz schwindet, dann tut sich doch wieder irgendwo eine Lücke auf, die Teeplantage etwa mit den Eukalyptus-Schattenbäumen, die verwilderten Terrassen.

 

Als wir aus dem warmen Tiefland in die Berge wechseln, begegnet uns ein neues Gemüse. Angebaut, aber wohl nicht sonderlich begehrt, denn oft liegen die Früchte rum oder sind ausgewildert. Faustgurke etwa lautet die direkte Übersetzung aus dem Chinesischen, offiziell "Chayote". Gehört zu den Gurken, Melonen und Kürbissen, hat aber nur einen großen Samen, die Frucht ist faustgroß mit einem Spalt für den Keimling. Wir sammeln uns genug für die nächsten Tage und fahren weiter in die Berge.


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