Eine Radwanderung

Ebian – Kunming [Bilder]

 

 

Aliens im Nebel

An Heiligabend erreichen wir nach vielen Bergkilometern eine Stadt. Wir suchen uns eine feste Unterkunft, duschen mal wieder ausgiebig und genießen einen ruhigen Abend mit leckerem Essen... So oder so ähnlich hatten wir uns Weihnachten vorgestellt, bis wir am Morgen des Dreiundzwanzigsten vor einem Schild mit folgender Aufschrift stehen:

 

„District not open. Aliens are not allowed to enter without permission“

 

Yi_01Auch wenn wir unter uns keinen Alien finden können, sind eindeutig auch wir gemeint. Zu dumm, dass wir in Chengdu nicht besser aufgepasst und notiert hatten wo die geschlossenen Gebiete liegen.

Realistisch bleiben uns zwei Möglichkeiten: zurückfahren und ein größeres Stück mit dem Zug überbrücken oder auf einer kleinen Straße, die hier abzweigt, weiter östlich durch die Berge zu fahren. Einige Tassen Tee später haben wir uns für Variante Zwei entschieden und biegen in ein kleines Seitental ab.

 

 

Ohne zu wissen, wie die andere Strecke landschaftlich und kulturell gewesen wäre, empfinden wir diesen Zufallstreffer der Reiserichtung als einen Glücklichen. In einem engen Tal schlängelt die Straße sich zwischen hohen Bergen am Fluß entlang. Es ist die kleinste und einsamste Straße, die wir bisher in China gefunden haben, dies schon Freude genug, gefallen uns auch Landschaft und Menschen. Hin uns wieder liegt ein Dorf am Wegesrand, wohl dosiert uns ausreichend Einkaufsmöglichkeiten bietend und doch nicht zu viele. Ackerbau wird auch hier in jedem möglichen Winkel betrieben, auch wenn vermehrt Viehherden die Hänge entlang klettern. Oft erblicken wir viele hundert Meter über uns weitere Orte und Felder, einzig über kleine Trampelpfade und Hängebrücken erreichbar.

 

Yi_04Bald stellen wir fest, dass es hier irgendwie anders ist. Die Dörfer werden bunter, schöne Verzierungen schmücken die Häuser und manche Frauen tragen einen aufwändigen Kopfschmuck mit bunten Stickereien und langen Zöpfen. Sie begegnen uns deutlich offener und fröhlicher als die Chinesen bisher und schnell wird uns klar, dass es sich um eine Minderheit handeln muss. Erst einige Tage später erfahren wir, dass es sich um Menschen handelt die der Minderheit der Yi angehören. Unter diesem Namen sind mehrere Volksgruppen zusammengefasst die verschiedene Sprachen sprechen und teilweise eine eigene Schrift haben. Wie wir beim Nachlesen feststellen, sind Geschichte und Situation der vielen verschiedenen Volksgruppen Chinas äußerst komplex.

Als ethnische Minderheit sind die Yi von der offiziellen 1-Kind-Regelung, die seit Anfang der 80er Jahre das Bevölkerungswachstum der VR Chinas regeln soll, ausgenommen. Das spüren wir deutlich denn überall sind schon kleine Knirpse erstaunlich selbstständig unterwegs und oft treffen wir Gruppen von Kindern entlang der Straße die auf ihrem, oft viele Kilometer langen Schulweg unterwegs sind. Kleinstkinder die noch nicht gut laufen können, werden in einem Tuch auf den Rücken gebunden herumgetragen, teilweise sind die nur etwas größeren Kinder mit ihren kleinen Geschwistern auf dem Rücken unterwegs.

Yi_02Hier in den Bergen des Daliang Shan, die sich südöstlich von Chengdu in nordsüdliche Richtung erstrecken, leben die Yi hauptsächlich von Landwirtschaft und Viehhaltung. Die Dörfer sind oft sehr arm und die Arbeit in den kaum zugänglichen Bergen, in denen alles auf dem Rücken transportiert werden muss ist hart.

Wenn wir Ausländer, wir werden in ihrer Sprache als „Wakwai“ bezeichnet, vorbeiradeln, weiß man hier genau, dass man „Hallo“ rufen muss und so tönt es von allen Seiten, von Jung und Alt - gefolgt von Gelächter und Winken sobald wir antworten.

 

 

 

Weiß-rote Weihnachten mit Überraschung

So kommt Weihnachten und welche Aspekte auch immer so ein Fest ausmachen mögen, in einer Umgebung in der Dieses keine Rolle spielt, ein wenig Weiß vom Himmel sorgt bei uns dann doch für festlich-winterliche Stimmung. Am Morgen noch hatten wir uns durch Wind und Nieselregen gequält, Abends schneit es winzige Flocken. Wir füllen unsere Taschen mit leckeren Dingen, verzichten aufgrund einer langen Zutatenliste und des Anstiegs aber doch auf Wein und finden den schönsten Zeltplatz seit Langem auf Weideflächen neben dem Fluß.

Yi_03Der nächste Tag begrüßt uns mit strahlender Sonne und der klarsten Sicht seit vielen Tagen. Der Schnee schmilzt schnell, aber weil wir einen Paß ansteuern, wird es mit zunehmender Höhe bald wieder weiß um uns herum. Teilweise hat die Sonne den Schnee auf der Straße schmelzen lassen, das Ergebnis ist ein dicker roter Schlamm. Zwangsläufig stapfen wir den größten Teil des Tage im Schnee oder Schneematsch neben unseren Rädern her den Paß hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Weiße Weihnachten, wie man sie sich nicht unbedingt vorstellt, allerdings freuen wir uns abends über ein leer stehendes Weihnachtshaus, auch wenn das Feuer mehr Rauch als Wärme verbreitet und die Spiegeleier, das letzte Essen was wir haben, beim Braten hineinfallen.

 

Auf gut 2500 müNN ist es hier ordentlich kalt. Trotz teilweise großer Holzvorräte in den Dörfern scheint es nicht vorgesehen, die kleinen Häuser zu heizen. Mangels Glasscheiben sind sie oft dunkel, alles ist gegen die Kälte verhängt und die Menschen sitzen draußen um kleine Feuer um sich zu wärmen. Kommen wir vorbei, wird uns oft ein Platz am Feuer angeboten und weiter talabwärts erledigt sich das Problem von alleine, es wird einfach wärmer.

In Meigu treffen wir auf der Suche nach einer Unterkunft auf Chen und zwei Begleiter. Chen studiert in Peking, ist gerade für einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt angekommen und das Beste: sie spricht Englisch. Sie hilft uns, ein Hotel zu finden und handelt den Preis hartnäckig auf die Hälfte des Angegebenen für uns herunter. Dann werden wir von ihren Begleitern, einem Spezialisten über die Yi und einem Abgeordneten der Stadt zum Abendessen eingeladen. Wir verbringen einen schönen Abend mit leckerem Essen und freuen uns besonders über die seltene Möglichkeit uns problemlos unterhalten und Fragen stellen zu können. Dabei erleben wir nicht nur, wie ein solcher Abend auf chinesisch abläuft, sondern erfahren auch einiges über die Umgebung und die Menschen. All das unter einem großen Bild des Volkshelden, der der Legende nach einst neun von zehn Sonnen vom Himmel schoss, da diese drohten die Erde zu verbrennen.

 

 

Das Brechnuss-Malheur

Yi_09An so manch einem der folgenden Tage wäre die ein oder andere Sonne zusätzlich durchaus schön gewesen. Das Leben findet nunmal auf der Straße statt wo die Menschen weiterhin um ihre kleinen Feuer am Straßenrand oder in der Sonne sitzen wenn diese scheint. Als Schutz gegen die Kälte hüllen sie sich in meist strahlend kobaltblaue oder schwarz-weiß gemusterte Umhänge. Die auf den Rücken gebundenen Kinder schauen oben hinaus. Farbenfroh ist die Kleidung auch darunter aus bunt bestickten Hemden, selten sieht man noch Männer mit schwarzen Turbanen. Durch Zufall kommen wir in einem Ort in die Seitenstraße in der die Umhänge gefilzt werden. Verkauft werden sie vor Allem auf Bauernmärkten, die auch hier besondere Ereignisse sind.

Yi_05Von überall her strömen die Menschen sternförmig zum Ort des Geschehens, meist ein Platz in einem größeren Dorf auf dem jeder seine Waren vor sich auf dem Boden ausbreitet. Auf den Rücken die kleinen Kinder gebunden, einen Sack aus Gemüse zum Verkauf, einen Korb, aus dem eine Gans neugierig ihren Kopf streckt oder einen leeren Korb, getragen wie ein Rucksack, für die Einkäufe. Die Märkte sind groß, wuselig, bunt und laut, einkaufen müssen wir aber erstmal nicht, uns begleiten noch Tage lang die Rest vom Feste der Abendesseneinladung.

 

Uns bringen die Berge immer wieder ins Schwitzen und halten uns warm, aber in Grau ist die Sicht nur halb so schön. In dichtem Nebel durch die Berge zu fahren ist, abgesehen von der Feuchtigkeit, hingegen ein interessantes Erlebnis. Normalerweise kann man auf dem Weg nach oben die ungefähre Entfernung erahnen, ein nicht unwichtiger Faktor für den Kopf der meist die halbe Arbeit macht. Im Nebel sieht man nur wenige Meter weit, sieht nicht ob man die Hälfte geschafft hat oder bereits oben ist, ob die Abfahrt lang ist oder nur ein Auftakt zu neuen Wegen bergan. Wie in Watte fahren wir ins Ungewisse und der Kopf ist verwirrt was denn seine Arbeit sei unter diesen Bedingungen.

 

Yi_08Diese Frage stellt sich auch mein Magen, als wir eine neue Nuss entdecken. Wir hatten sie schon auf Plantagen gesehen, als wir in einer solchen eines Abends einen schönen Schlafplatz finden. Ist die äußere Schale geknackt findet man vier oder fünf Nüsse, je in einer weiteren Schale. Im Inneren erinnern die Nüsse entfernt an Mandeln und schmecken nicht schlecht. Wir essen aber glücklicherweise nicht viel, denn nachts entscheidet mein Magen sich dafür, dass das Zeug wieder raus muss und wir verbringen den größten Teil des folgenden Tages an diesem Platz bis das Brechnuss-Malheur überwunden ist. Matthias hatte zum Glück deutlich weniger gegessen und folglich weniger Beschwerden. Wer ahnt denn schon, dass diese Nuss dazu angebaut wird, um aus ihren Kernen Lampenöl zu pressen.

Um was für eine Nuss es sich wirklich handelte, konnten wir bisher nicht herausfinden, Brechnuss ist aber ein durchaus zutreffender Name.

 

 

Desillusionierende Flussfahrten

Yi_06Irgendwann haben die Bergfahrten ein Ende und der nächste Abschnitt gefällt uns bei der Betrachtung sehr gut. 170 Kilometer wird es entlang von Zuflüssen des Jangtze abwärts gehen – eine einfache und gemütliche Sache denken wir. Zumindest so lange, bis wir am Abend unseres ersten Tages bergab auf unserem Tacho einen Schnitt von gerade mal 10 Km/h ablesen. Ein solcher Schnitt ist normal wenn es viel bergauf geht, nicht aber wenn es nur und ausschließlich bergab ging. Eine kleine Erdstraße hatte uns gezwungen, uns an unseren Bremsen festzukrallen, dafür war die Landschaft wunderschön und es gab kaum anderen Verkehr.

Die nächsten Tage könnte es entspannter werden. Wird es aber nicht, denn immer wieder klettern wir steil am Berg nach oben um später wieder herunterzufahren und Grund für neue Anstiege zu haben. Aber wir kommen doch abwärts und sitzen zu Beginn des neuen Jahres schon unter Bananenpalmen. Diese beeindruckend schönen Pflanzen mit großen roten Blüten bringen hier kleine, kaum gekrümmte und besonders geschmacksintensive Früchte hervor. Da verschwindet das ein oder andere Kilo in einer kurzen Pause in unseren Mägen.

Yi_07Und dann ist es da, das T-Shirtwetter, das ich Matthias seit Wochen verspreche. Zumindest für einen Tag ist es sonnig und sehr warm bis es am nächsten Tag wieder nebelig wird.

Wir fahren ein kurzes Stück am Jangtze entlang, der schlammig grau eher enttäuscht. Zudem ist man hier aus unerklärlichen Gründen im Bau- und Streichwahn mit dem Ziel, alle Dörfer genau gleich aussehen zu lassen. Das erste Dorf dieser Art wirkt noch hübsch mit weißen Häusern die mit blaugrauen Ornamenten verziert sind. Spätestens beim fünften Ort der genau gleich aussieht wird es aber langweilig und skurril.Auch bei den Dörfern der Yi hatten wir beobachtet, dass entlang größerer Straßen Verzierungen scheinbar obligatorisch sind, während sich am gegenüberliegenden Hang wenige hundert Meter weiter niemand um das Aussehen der Häuser schert.

Aus subtopischer Landschaft wechseln wir in ein Tal mit dunkelroter Erde und schlanken hohen Bäumen an die Toscana erinnernd. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark regionale Gegebenheiten und Kleinklimata die Landschaft prägen. Eben noch war alles saftig grün und wenig später ist alles trocken, erdfarben und karg.

 

Wir brauchen ein wenig langen Atem für die letzten Tage. So schön Begegnungen und Zurufe vom Straßenrand sind, so anstrengend kann eine Vorstellung auf der Dauerbühne des Reiselebens sein, wenn das Fallen des Vorhangs nicht in der eigenen Hand liegt. China ist ein Land mit vielen Menschen aber auch vielen unwirtlichen und deshalb dünn besiedelten Gegenden. Irgendwo müssen mehr als eine Milliarde Menschen aber wohnen und so sind selbst die schwierigen Bergregionen, durch die wir gefahren sind relativ dicht besiedelt. Das führt dazu, dass Schlafplätze nicht immer einfach zu finden sind, dass man aber auch tagsüber selten alleine ist und besonders Aktivitäten wie Mittagspause, Fahrradreparaturen u.ä. das Interesse der Menschen erregen.

Da gibt es Tage, an denen morgens ein vorbeikommender Hirte die Zelttür zur Seite schiebt um uns neugierig zu inspizieren. Während wir Frühstück kochen, kommen drei ältere Männer vorbei die genauestens jede unserer Bewegungen beobachten bis wir gepackt haben und fahren. Das Mittagessen verläuft so ähnlich wobei durchaus gerne, ohne Nachfragen, der Inhalt unserer herumstehenden Taschen inspiziert wird und man mit Vorliebe einfach nur schaut ohne Begrüssung, ohne Abschied... An vielen Tagen können wir verstehen, dass auch die Chinesen oft nicht recht wissen wie denn mit uns umzugehen sei, geht es uns doch in vielen Situationen mit ihnen auch so. Wenn dann aber noch ein Reifen platt ist und wieder und wieder wird gestarrt und verlegen auf den Boden gerotzt, dann ist es manchmal einfach zuviel und wir wünschen uns verzweifelt eine Tarnkappe.

So merken wir, dass es höchste Zeit ist mal wieder irgendwo anzukommen, für ein paar Tage unterzutauchen, kein Radreisender und kein Alien zu sein.

Noch ein paar Hügel, ein Stück auf der Autobahn, weil es dort so schön ergonomisch über Berg und Tal geht und wir einen Randstreifen für uns alleine haben und dann kommt Kunming in Sicht.