Eine Radwanderung

Kunming – Hekou (Yunnan) [Bilder]

 

 

 

Stadt des Frühlings

Yunnan 028Noch einmal steht ein Stadtaufenthalt in China an, bevor wir die südliche Grenze queren. Die Stadt Kunming macht zum Empfang ihrem Beinamen „Stadt des Frühlings“ alle Ehre und bei herrlichem Sonnenschein rollen wir hinein. Die nächsten Tage werden wir dann eher mit Frühlingsregen und Frühlingskälte beglückt und brauchen folglich keine Ausrede, um unseren Aktionsradius weitgehend auf die Terrasse und das Wohnzimmer der Jugendherberge zu beschränken, in der wir unterkommen. Die obligatorischen Stadtaufgaben wie Besuch von Fahrradläden, die Suche nach dem örtlichen Aluschweißer, Einkäufe und ein Visum für Vietnam können wir an helleren Tagen unterbringen und freuen uns nebenbei besonders mal wieder Brot und sogar Erdnussbutter zu finden.

 

Nach fünf Tagen wären wir abfahrbereit, hätten sich nicht kurzfristig gleich zwei bekannte Gesichter angemeldet über deren Kommen wir uns sehr freuen. Zum einen kommt Hinrich, bei dem wir in Chengdu Unerschlupf fanden, für drei Tage nach Kunming und sehr überraschend hat Sarah, die wir in der Mongolei zu Fuß getroffen hatten, ihre Route geändert und ist auch für ein paar Tage in der Stadt. So verbringen wir die Tage an Frühstückstischen, die erst abends aufgehoben werden, mit unzähligen Gesprächen, Restaurantbesuchen (sogar richtige Pizza), Planungen, Ideen und in vielen schönen Stunden, die viel zu schnell vergehen. Das Aufbrechen fällt nicht leicht und wird Tag für Tag verschoben, gelingt dann aber doch. Bis bald irgendwo.

 

 

Es grünt so grün

Diesmal fällt es uns erstaunlich schwer wieder in den Rhythmus des Radelalltags zu kommen. Wir erkälten uns beide prompt nach Verlassen der Stadt und kämpfen eine Woche gegen Halsentzündung und Husten. Matthias Felge bricht beinahe auseinander, kann aber von einem weiteren Aluschweißer wieder soweit gerichtet werden. Ein Mittagessen misslingt so gründlich, dass es im Gebüsch landet. Dies ist allerdings nur teils ausgerutschten Kochkünsten zuzuschreiben und liegt zu einem großen Teil an wohl 500jährigen Eiern die zuerst völlig normal aussahen, deren Eigelb aber hart und unseren Gaumen ungenießbar war. Kurz, es dauert einige Tage bis wir wieder richtig in Fahrt kommen.

 

Yunnan 039Nachdem wir Stadt und Vororte hinter uns gelassen haben, wird es grün. Zu dieser Jahreszeit wird im wesentlichen Blattgemüse angebaut, das saftig in den verschiedensten Grünabstufungen in Reih und Glied in den Beeten steht. Eine Ästhetik, die Chinesen bei der Gestaltung der Landschaft mittels Terrassen und Beeten, die in komplizierte Bewässerungsnetze eingebunden sind, gut beherrschen. Auch wenn reichlich Spritz- und Düngemittel zum Einsatz kommen, haben wir Gemüse selten so schön angebaut gesehen.

Yunnan_0084Mal hügelig, mal ebener, können wir auf weitgehend ruhigen Straßen nach Süden fahren. Wie gewohnt wird das Leben einfacher und karger, je weiter wir in die Berge kommen. Bunte Blumen und Mandarinenplantagen sorgen für Farbtupfer in der schönen Landschaft die sich leider allzu oft nur durch einen Nebelschleier zeigt.

Auch Städte gibt es, sie ziehen uns aber nicht mehr an, dienen nur zur Lebensmittelbeschaffung und der ein oder andere Blick in eine schön renovierte, laut Schildern „pittoreske Altstadt“, führt doch nur immer zu dem Gedanken: das haben wir doch irgendwie schonmal gesehen.

Noch einmal geht es über eine Bergkette, ehe wir viele Kilometer in das Tal des Hong He, des Roten Flusses, hinabfahren. Doch die Berge sind Wetterscheide. Noch in Sonne den Pass erklommen, erwartet uns dahinter dichtester Nebel. Mit maximal 20 Metern Sichtweite tasten wir uns langsam und holperig die schmale Straße am Hang entlang nach unten und ziehen eine Kleidung über die Andere, um die mit dem Nebel verbundene Feuchtigkeit und Kälte bei untätigen Muskeln, aber auch den Spitzmatsch der offenen Straße zu verbannen. Wir freuen uns über Einladungen an kleine Feuer am Straßenrand, an denen wir vor der Weiterfahrt zumindest ein wenig trocknen können.

Zu unser großen Freude wird es weiter unten wieder klarer und wir haben einen schönen Blick auf kleine Reisterrassen und den aufgestauten Fluss, dem wir nun nach Südosten und Vietnam folgen.Yunnan 132

 

 

Entlang des Roten Flusses

Yunnan_0181Einfach, schön und unkompliziert verspricht die Strecke entlang des Roten Flusses zu werden, dem wir bis Hanoi und sogar ans Meer folgen können. Auf einem Stausee schwimmen viele Fischzuchtstationen, Landwirtschaft gibt es an den steilen Bergen nur noch eingeschränkt und Bananen- und Papayaplantagen säumen das Ufer.

Alles gut, bis am zweiten Tag die Straße immer leerer wird und schließlich in einem augenscheinlich neuen Stausee verschwindet. Viele Meter über uns sind die Bauarbeiten für eine neue Straße in vollem Gange, aber noch längst nicht fertig. Deutlich spüren wir mal wieder den Unterschied zwischen unserem Denken und asiatischer Vorgehensweise, können wir doch schlicht nicht verstehen, wie man die eine Straße im Stausee verschwinden lässt, während die Alternative noch nicht vorhanden ist und keiner daran dachte, Wegweiser zu ändern.

Yunnan_0160Wir versuchen unser Glück auf der neuen Straße und freuen uns hier über asiatische Flexibilität, während wir mitten auf der Baustelle radeln. Ob wir dort durchkommen wissen wir nicht, die aufgeregten Gesten mancher Bauarbeiter verheißen nichts Gutes. Letztendlich findet sich aber doch immer ein Weg und in diesem Fall führt ein kleiner Trampelpfad am Berg entlang und schließt die letzte Lücke, die noch in der Straßenbrücke klafft. In mehreren Gängen, Gepäck und Fahrräder einzeln transportierend, lässt er sich auch für uns überwinden. Nun geht es sicher weiter, nur noch einmal müssen wir ein kleines Stück mit einem Motorboot überwinden.

 

Yunnan_0179Nach staubigen und rumpeligen Tagen entschädigt das letzte Stück auf guter und ruhiger Straße durch Bananenplantagen für die Mühen. Viele Menschen leben hier im Süden sehr, sehr einfach. Die Häuser sind aus Bambus und Wellplatten zusammengebunden und das Pferd ist in der bergigen Gegend das Transportmittel der Wahl. An vielen Stellen werden die geernteten, noch grünen, Bananenstauden gesammelt. Herangebracht auf Pferderücken, Mopedsitzen und Menschenschultern wird die transportfreundliche Frucht in Kisten und auf Lastwagen verladen um ihre Reise in die Städte des Nordens anzutreten.

Die Menschen sind nett und viele Hallorufe begleiten uns auch hier, während wir nach drei Monaten und einem letzten leckeren Essen das Land in Richtung Vietnam verlassen.