Eine Radwanderung

Lao Cai - Kao Treo (Vietnam) [Bilder]



Auf dem Weg nach Hanoi


Die Tage waren lang und windig und jedes Mal wenn wir einen der wenige Orte durchquerten, machten wir uns in den kleinen Läden auf der Suche nach Motivation. Unsere liebste Form der Motivation war klein, weiß und süss - zuckerummantelte Erdnüsse die aus Vietnam kamen. So hatten wir damals in der Mongolei den ersten Kontakt mit Vietnam und die kleinen Zuckererdnüsse haben sicher ihren Anteil daran, dass wir uns entschieden hatten, auch in dieses Land zu fahren.


An der Grenze zu Vietnam sind wir ausnahmsweise einmal nicht die Einzigen, die diese mit dem Fahrrad queren. Der gesamte Grenzverkehr, abgesehen von ein paar LKW voller Maniok, wird mit Fahrrädern bewältigt. Lastenräder werden mit der doppelten Fracht eines PKW beladen. Hoch stapeln sich Kisten und Säcke und die Gefährte können so nur noch mit vier bis fünf Menschenstärken in langsamem Schritttempo fortbewegt werden. Fahren ist gar nicht mehr vorgesehen und damit die Fahrräder diese Lasten aushalten, sind sie an vielen Stellen mit angeschweißten Stahlstreben verstärkt. Unser Gepäck erscheint dagegen klein während wir zwischen all den vietnamesischen Fahrrädern die Grenzbrücke queren.


Bevor wir uns in den vietnamesischen Verkehr, der von einer sprunghaft gestiegenen Anzahl an Mopeds bestimmt wird, stürzen, lassen wir die ersten Eindrücke des neuen Landes auf uns wirken.


Nach dem Wechseln von vierzig Euro sind wir Millionäre des Dong und versuchen uns gleich im nächsten Café an der starken schwarzen vietnamesischen Variante desselben. Dieser hat fast die Konsistenz von Sirup und einen ganz eigenen Geschmack, warum die Kaffeetasse in einer Schüssel mit warmem Wasser steht, ist uns allerdings erstmal unklar.


Vietnam003Auch ein Marktbesuch bringt uns neue Geschmackserkenntnisse und neue Früchte. Wir kaufen eine Gacfrucht (Momordica Cochinchinensis), weil sie in orangerot am schönsten aussieht. Da wir allerdings nicht genau wissen, welchen Teil - das zartgelbe Fruchtfleisch oder die leuchtend rot ummantelten Kerne - wir wie zubereiten sollen, bleibt der Eindruck des Kochexperiments enttäuschend. Die Frucht ist eine Kürbisverwandte und wird in diesen Gegenden vor allem wegen ihres hohen Beta-Carotingehaltes verzehrt.


Wir werden mit vielen kräftigen Hallorufen begrüßt und da jeder das englische Wort kennt, ist das erste was wir auf vietnamesisch lernen nicht das Wort für „Hallo“ sondern das für „Eiscreme“.
Es gibt viel zu sehen, Häuser die aussehen wie kleine Schlößchen mit überladenen Verzierungen und in den verschiedensten Farben. Sie sind oft nur wenige Meter breit, haben aber einige Stockwerke und ziehen sich nach hinten lang hin. Diese Architektur kommt eigentlich aus den Städten mit teurem Fassaden- und somit Ladenplatz weshalb man es daher vorzieht, die Häuser weit nach hinten zu bauen. Ohne Notwendigkeit sind aber auch auf dem Land Häuser diesen Typs zu finden, oft einzeln und allein in der Landschaft stehend.

Vietnam007Der Weg nach Hanoi führt uns auch hier am Roten Fluss, hier Song Hong genannt, entlang. Die kleine Straße am westlichen Ufer ist des öfteren nur ein Erd- oder Schotterweg, der fast nur von Mopeds befahren wird.
Wir fahren durch kleine Dörfer, oft scheinbar endlos aneinandergereiht, die von vielen kleinen Reisfeldern, machmal auch Bananen- oder anderen Obstplantagen umgeben sind. Zu unserer Rechten erheben sich die nebelverhangenen Berge des Hoang Lien Son Gebirges, die Hänge steil und nur bedingt landwirtschaftlich nutzbar. Das erklärt neben der hohen Bevölkerungszahl (Vietnam ist sowohl in der Bevölkerungsanzahl wie auch der Landesgröße fast identisch mit Deutschland) warum im Tal jeder, aber auch jeder Meter Land genutzt wird und wir oft lange suchen müssen, bis wir einen Ort finden an dem wir unser Zelt aufstellen können - die Felder fallen aufgrund des Wassers hier aus.
Das Dorfleben ist ruhig und gemütlich, was sich besonders im Umgang mit den Wasserbüffeln wiederspiegelt. Wir kennen diese Tiere schon aus China, sie strahlen eine unendliche Ruhe aus und sind durch nichts aus dieser Ruhe zu bringen. Entsprechend braucht man viel Langmut bei der Arbeit mit ihnen, die kleinen Augen zeigen aber, dass sie die Umgebung aufmerksam verfolgen. Geschätzt werden sie sehr für die Feldarbeit im Nassreisanbau, macht ihnen gegenüber anderen Arbeitstieren die Arbeit im Wasser nichts aus.


Momentan liegen die Reisfelder brach, hie und da können wir allerdings die Vorbereitung der Felder beobachten und staunen, wenn Büffel und Führerinnen (denn meist ist es Frauenarbeit) sich zum Pflügen durch bis zu knietiefen, Schlamm wühlen.
Die Dorfarchitektur unterscheidet sich stark von der oben geschilderten in den Städten. Als Baumaterialien werden Holz und Palmblätter verwendet. Fensterscheiben sucht man vergebens, dafür geben geöffnete Flügeltüren den Häusern einen luftigen Anschein. Der größte Teil des Lebens spielt sich ohnehin draußen ab, wo man mit der Feldarbeit, Bauarbeiten, dem Dämpfen von Maniok oder schlichtweg mit den Kindern beschäftigt ist. Dass Vietnam ein sehr junges Land ist (die Hälfte der Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt) spürt man besonders im Kontrast zu China stark.


Je näher wir der Stadt kommen, umso geschäftiger wird es. Wir befinden uns mitten in den Vorbereitungen für das vietnamesische Neue Jahr, das zeitgleich mit dem chinesischen Neuen Jahr gefeiert wird und sich wie dieses nach dem Mondkalender richtet. Überall werden kleine Mandarinenbäumchen und rosa blühende Zweige verkauft. Zudem stehen Blumen, Luftballons und Süßigkeiten in überdimensionalen Geschenkverpackungen hoch im Kurs und wir brauchen oft mehrere Anläufe bis wir einen Laden finden, der auch für uns brauchbare Lebensmittel führt.

Vietnam074Neben diesen Vorbereitungseinkäufen ist man eifrig mit Putzen beschäftigt um keinen Dreck mit in das neue Jahr zu nehmen. Später sehen wir nie mehr so viele intensive Schaumbadanwendungen bei Mopeds wie in diesen Tagen. Überhaupt, ohne Moped ist das Leben in Vietnam unvorstellbar. Nicht nur als praktische Fortbewegungsmöglichkeit auf der man nicht nur eine ganze Familie unterbringt sondern auch als Transportmöglichkeit für Schränke, Sessel, mehrere Schweine auf einmal oder gar eine Kuh hat das Moped dem Fahrrad längst den Rang abgelaufen (wobei zu bezweifeln ist, dass damit jemals eine Kuh transportiert wurde). Mit dem Moped kann man auch prima einkaufen gehen denn auf dem Markt fährt man einfach vor einen Stand und lässt sich das gewünschte reichen ohne den Platz auf dem geliebten Gefährt verlassen zu müssen. Mopedhelme gibt es in erstaunlich modischen Ausführungen und oft trägt man diese auch ohne auf einem Moped zu sitzen.

Dazu muss man sagen, dass das Radfahren im Mopedverkehr einfacher ist als es aussieht. Man sollte einfach mit der Menge schwimmen, die auch bei unerwarteten Manövern beweglich reagiert und deren gelegentlich an Kreuzungen auftretendes Gewimmel sich doch erstaunlich kontaktarm wieder lichtet, nachdem jeder seine Richtung gefunden hat.




Ha Noi
Nach fünf feucht-grauen Tagen auf dem Rad erreichen wir Hanoi an unserem ersten Sonnentag in Vietnam und gleichzeitig dem letzten Tag des alten Jahres an.
Während die letzten Vorbereitungen die Geschäftigkeit auf den Höhepunkt treiben, den ersten Geldautomaten das Geld ausgeht und viele Vietnamesen sich auf die einzigen freien Tage des Jahres freuen, ahnen wir noch nicht, dass gerade dieses Timing für uns sehr ungünstig ist. Nach Neujahr ist für etwas eine Woche so gut wie alles in Vietnam geschlossen und da wir gerade jetzt mal wieder dringend Ersatzteile brauchen, dehnt der geplante Kurzaufenthalt sich doch auf acht Tage aus.


Glücklicherweise auch acht Tage die so intensiv von Technik- und Radleraustausch geprägt sind wie selten eine Zeit vorher. Grund sind Zuzka und Jens (auf dem Weg von Neuseeland nach Hause), Andi (aus der Schweiz auf dem Weg durch Asien) und Roli (ebenfalls aus der Schweiz und seit zwei Jahren unterwegs). Zu Mehreren machen Besuche bei toten Volkshelden (Ho Chi Minh), Ausflüge zu Fahrradläden, Essenssuche und natürlich die allabendlichen Bierrunden in den kleinen Straßenlokalen einfach mehr Spaß und die vielen Tage vergehen schnell.


Vietnam041Wie Hanoi wirklich aussieht, wie sich die kleinen Altstadtgassen hinter dem Gesicht des Tourismus noch immer in verschiedene Handwerks- und Händlergassen aufteilen, wird für uns erst nach den Feiertagen sichtbar als wir plötzlich den Weg zu unserer Unterkunft nur noch schwer finden, weil überall uns unbekannte Läden wieder öffnen und sich das Straßenbild stark verändert.


Hanoi hat die größte Touristendichte, der wir bisher begegnet sind. "Schau mal, eine anderer Tourist", sagen wir noch als wir uns dem Zentrum nähern. Schnell gewöhnen wir uns daran, dass dort überall Touristen sind, mit den Begleiterscheinungen tun wir uns schwerer. Die Vietnamesen haben geschäftstüchtig gelernt den Ansturm zu nutzen und mit steigenden Preisen verkleinern sich die Portionen und Handeln ist wieder gefragt. Wir gewöhnen uns an, immer vorher nach den Preisen zu fragen um nicht mit dem Doppelten des normalen Preises überrascht zu werden. Entfernt man sich aus der Altstadt, entschärft sich die Lage schnell und freundlich angelächelt fühlen wir uns dort nicht mehr behandelt wie wandelnde Geldsäcke.


Vietnam047Die Stadt hat Charme und neben den verwinkelten Altstadtgassen mit den schmalen, mehrstöckigen Häusern ist eine stark europäisch-französische Prägung deutlich sichtbar. Große Bauten aus der Kolonialzeit, Kirchen und Kathedralen, die in genau gleicher Bauart in Frankreich stehen können - wir staunen nicht schlecht. Besonders freuen wir uns über ein weiteres Relikt: Baguette wird an vielen Ständen pur oder mit verschiedenen Belägen als Sandwich verkauft und auf dem weiteren Weg bildet es, selbst belegt, eine willkommene Abwechslung im Speiseplan.


Vietnam078Dieser wird immer stärker von Reis bestimmt. Süßer Reis zum Frühstück, Reis mit Gemüse , gebratener Reis oder Nudelsuppe mit Reisnudeln den Rest des Tages. Selbstversorgend kommt etwas mehr Gemüse und Salat dazu, aber das vietnamesische Grundnahrungsmittel ist omnipräsent. Am liebsten zu Pho, einer milden Nudelsuppe mit etwas Gemüse und etwas Fleisch verarbeitet findet man die Nationalspeise an jeder Ecke und viele Lokale an den Straßen außerhalb der Stadt. Aus China kommend, reißt uns das einfache Essen nicht gerade vom Hocker. Frühlingsrollen, frittierte Teigteilchen, Reis- oder Schwarzteepudding im Bananenblatt, glibberige Süßspeisen die ungeachtet ihrer verschiedenen Farben und Konsistenzen in einem Glas landen und andere kleine Snacks am Straßenrand und auf den Märkten sind eine schmackhafte Bereicherung.
Angetan sind wir von den kleinen Straßenrestaurants deren gesamtes Mobiliar nebst Kochgelegenheit und Zutaten in zwei Körben Platz finden die dann mit dem Joch auf einmal transportiert werden können.
Auch sonst sind viele, vor allem weibliche, Händler mobil. Mit einem Joch und zwei Körben oder dem Fahrrad bewegen sie sich durch die Stadt und preisen Obst, Gemüse, Kräuter, Tintenfische, Brot, Blumen u.a. Brauchbares an und tragen so meist einen nicht unerheblichen Teil zum Familienverdienst bei.




Im Reisfeld - Meer

Vietnam060Wir fahren von Hanoi aus direkt nach Süden um dort das Meer zu besuchen. Leider verlässt uns das gute Wetter, welches sich in Hanoi zumindest ab und an mit Sonnenschein und warmen Temperaturen zeigte, gleich am nächsten Tag und unsere gesamte restliche Zeit in Vietnam ist von grauem, später graunassem Wetter bestimmt. In perfekter Zusammenarbeit mit dem Straßenstaub bildet der feine Regen einen klebrigen Matsch der uns des öfteren verdreckt und uns das erste Mal unsere Schutzbleche vermissen lässt, seit wir diese in Georgien abmontiert haben.


Vietnam073Wir kommen nun durch die Landschaften, die unser Bild von Vietnam im Vorhinein prägten. Reisfelder so weit das Auge reicht, unterbrochen nur von kleinen Dämmen die den Wasserfluss koordinieren. Hier ist gerade Pflanzzeit und in kleinen Feldern vorgezogen Reispflanzen werden in mühevoller Arbeit einzeln in die vorbereiteten Felder gesteckt. So wird die ganze Landschaft mit einem Hauch von jungem Grün überzogen und viele Menschen sind in dieser arbeitsintensiven Zeit auf einer Fläche zugange, den bei uns ein Mensch mit seinem Traktor bewirtschaften würde. Die ganze Zeit stehen die Menschen dabei mehr oder weniger tief in Wasser und Matsch, den Körper gebückt und eine Schüssel mit Reispflänzchen hinter sich. Vietnam ist weltweit zweitgrößter Reisexporteur (hinter Thailand) und bei den Anbaumethoden die wir hier sehen, Maschinen sind nur sehr selten im Einsatz, sind wir umso beeindruckter.


In der Gegend um Tam Coc ragen hohe Felsen oft senkrecht aus den Reisfeldern. Diese Karstlandschaft hat etwas mysthisch schönes und wir fahren auf kleinen Wegen in verschiedene Täler und Dörfer. Auch der Tourismus ist hier längst angekommen und überall zupft man an uns und bietet Bootsfahrten durch die Landschaft an. Bei Regen ist dies jedoch wenig verlockend, zumal wir auch per Fahrrad, vor dem Regen, viel sehen konnten. Wir wenden uns lieber Richtung Meer.


Vietnam082Schon im Dunkeln kommen wir in Sam Son, einem der wenigen Strände Nordvietnams an und während wir auf das nächtliche Meeresrauschen zufahren, wird uns erst richtig bewusst, dass wir nun an einem anderen Ende der großen eurasischen Landmasse angekommen sind.
Aus verständlichen Gründen ist im Moment keine Saison und auch wir verkürzen unsere Urlaubstage in der Hängematte am Meer auf ein wenig Plantschen in den seichten Wellen. Der Wind lässt dies allerdings schnell ungemütlich werden und so wenden wir uns anderen Vorteilen der Seenähe zu und essen Fisch.
Vor der Kulisse vieler, momentan leerstehender Hotels, beobachten wir die Fischer in ihren Booten. Diese sind aus Bambus geflochten und außen geteert. Relativ groß, sind sie mit einem Motor ausgestattet und schwerer als gedacht, denn nur mehrere Menschen können so ein Boot, mit untergelegten Rollen über den Strand bewegen. Es wird mit Netzen gefischt die hinterher in langer Arbeit am Strad sortiert werden. Im Gegensatz zu den sehr flachen Bötchen auf Flüssen, sind diese Boote bauchig und hoch. Später sehen wir an anderen Stellen auch gänzlich runde Boote gleicher Bauart.


Das Wetter bleibt wie es ist und wir sind erstaunt wie schnell die Kilometer hier im Flachland vergehen. Landschaftlich ist es nicht mehr sehr interessant, was gewiss auch mit der fehlenden Beleuchtung zutun hat. Erst die Berge, in die wir uns wenden, um an die laotische Grenze zu gelangen, werden wieder interessanter und bieten dem Auge Abwechslung von dem Meer der Reisfelder, die das Flachland Vietnams bedecken.Vietnam102

Auch wenn das Land sich nicht gerade von seiner strahlendsten Seite präsentierte und wir uns den warmen Süden anders vorgestellt hatten, so nehmen wir doch viele schöne Bilder mit, an die wir uns spätestens bei unserer nächsten Mongoleireise erinnern werden, denn die gezuckerten Erdnüsse haben wir in Vietnam selten gesehen.