Eine Radwanderung

Lak Sao - Vientiane (Laos) [Bilder]

 

Im Sonnenland

Laos_003Es ist kalt, die letzten Kilometer zur Grenze. Die Wolken hängen tief, fangen sich in den Bergen, morgens und abends regnet es in Strömen, als ich dann die laotische Grenze erreiche, läuft mir dann das Wasser in alle Papiere, ich schlottere – es ist ein kalter „Sommer“, aber es wird besser werden. Der Pass, die Grenze, die Wolkenberge – Laos ist Sonne, nur noch ein wenig bergab (mit Rückenwinddüse!) und alles trocknet und wärmt auf, die Kinder, mache Alte auch, rufen allerorten freudigst „Sabaidii“, freuen sich über Fremde und Fremdes – trotz der Geschichte – könnte ich doch auch einst Bomben geworfen haben.

Warum schreibe ich überhaupt von mir alleine? Nun, nach all der Zeit zu zweit auf engstem Raum – es wurde Zeit für eine Pause. Nachdem wir in Vietnam am Meer waren trennten wir die Schlafsäcke und all das, was jeder so braucht, unteilbar blieben das Zelt und der Kocher, so hatte ich dieses und Veronika nahm mit Herbergen vorlieb. So konnten wir uns voneinander erholen und erleben, wie das so ist, solo zu fahren.

Sonne, Rückenwind, schöne Abfahrt und die Freundlichkeit der Leute taten sich zu einem Wohlgefühl zusammen, das man ganz tief einatmen will und bereut, dass man damit eben auch ganz schnell von dannen kommt.

 

Die grosse Höhle

Laos und der Geheime Krieg

Bald ist es 50 Jahre her, da wurde hier die Erde in Brand gesetzt. Die Franzosen waren als Kolonialmacht vertrieben worden, in Vietnam wie auch in Kambodscha und Laos bekamen die Kommunisten Zulauf. Mit dem Sieg bei Parlamentswahlen in Vietnam sahen sich die USA veranlasst, die Machtübergabe zu verhindern, befürchteten sie doch einen roten Flächenbrand. Dies hatte den 15 Jahre andauernden 2. Indochinakrieg zur Folge, bei uns als Vietnamkrieg bekannt. Das kommunistische Nordvietnam gegen die USA und deren Vasallen in Südvietnam. Ein Genfer Abkommen sicherte Laos Neutralität zu und so musste hier im Geheimen und in Zivil gekämpft werden, denn die königlichen Einheiten waren den Roten unterlegen, so dass sie Schützenhilfe benötigten.

Zudem führten Versorgungswege der Vietkong auch über laotischen Dschungel (bekannt als Ho-Chi-Minh-Pfad). Da die US-Truppen diese  Dschungelwege nicht kontrolliert bekamen, griffen sie zu drakonischen Mitteln: Agent Orange als Entlaubungsmittel mit viel Dioxin, Napalm und Streubomben zur Flächenhaften Extinktion.

Ein dritter Grund, Bomben auf Laos zu werfen war, dass viele Bomber von Airbasen in Thailand starteten und über Laos flogen, wenn sie aber den Einsatz abbrechen mussten, war es zu gefährlich, beladen zu landen. Also wurde der Ballast über Laos verstreut abgeworfen.

Nun, nach neun Jahren Bombardement (`64 bis `73) waren mehr Bomben auf Laos gefallen als auf Deutschland und Japan zusammen im 2. Weltkrieg. Dabei konnte das gesamte Arsenal durchgetestet werden,  Phosphorbomben, die den Opfern die Beine wegbrennen, zeitgesteuerte Streubomben, die nachts im Schutze der Dunkelheit feige verteilt werden konnten und sobald der Morgen anbrach und die Menschen der Arbeit nachgingen detonierten. Brandbomben, die die leichtentflammbaren Bambushüttendörfer versengten, wieviel kriminelle Energie musste man haben, um sich soviel Leid einfallen zu lassen?

Da die Kommunisten als Guerillas keine regulären Verbände hatten, hatte man auch keinen Grund, Zivilisten zu verschonen, schließlich konnten sie sich gerade als pflügender Bauer oder als Marktfrau tarnen. Auch kam viel Vieh ums Leben.

Da dieser Krieg nicht erlaubt war, wurde er auch nie geführt – deshalb heißt er hier der „Geheime Krieg“. Lange wusste nicht einmal der Senat (offiziell) darum – eigentlich war es ja auch nur ein großes Manöver, um das Arsenal durchzutesten, querbeet. Finanziert wurde dieses Wild-West-Abenteuer durch Opiumhandel hier aus der Region in die US.

Die erste große Attraktion ist die Höhle Tam Khonglor, 43 km abseits des Weges bei Nahin am Ende eines beschaulichen Tales. Sieben Kilometer fließt hier ein Fluss durch den Berg, verbindet ein Tal mit dem Nächsten. Im Innern der Höhle bildeten sich bisweilen Tropfsteine, ein Tropfsteingarten sowie einige Sinterflächen und Loben. Vor der Höhle lädt eine große, leuchtend blaue Lagune zum Baden ein. Hier chartert man zu zweit, zu dritt ein Flachboot mit Fahrern, der Motor macht einen Heidenkrach, beschleunigt dafür ordentlich, zur Zeit jedoch in der Trockenzeit muss das Boot aber auch über einige Kiesbänke und Steinstufen gehoben werden.Laos_008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Weg zurück stellt mich vor besondere Probleme – Ein Schlauch und der Ersatzschlauch wetteifern im perforieren – als mir der Kleber ausgeht, kommt zum Glück ein Lieferwagen und am Markt bekomme ich immerhin einen 26“ Schlauch und ich bin mal so dreist, es erfolgreich zu probieren (dehnt sich ja). Veronika hatte kurz zuvor genau dasselbe Problem. Mit den Pannen bin ich zum verabredeten Wiedertreffpunkt stark im Verzug, daher sehe ich mir die Landschaft im Dunkeln an. Verkehr ist selten, dafür sieht man nun in die Häuser, Häuser selten aus mehr als Bambus und Holz gebaut, mit Schilf gedeckt, deren oft einziges Mobiliar der Fernseher ist, außer in dem Dorf ohne Strom, dort starren die Leute stattdessen in Lagerfeuer, die die Straße anstatt Straßenlaternen säumen. Ein eigenartiges Bild, wie eine Hintertreppe. Da ich am nächsten Tag entlang des Mekong fahre, schaffe ich 80 km auch an einem halben Tag und habe gar noch Zeit, zwei andere Radlerpaare zu treffen. Von denen gibt es hier in Laos außerordentlich viele, dank des guten Wetters, angenehmen Straßen und Leuten und einer schönen Landschaft in einer visafreundlichen Region. Darunter ist eine Familie mit zwei Kindern, die auch ein Jahr auf Achse bleiben werden, evtl. bis England heimfahren. Veronika fuhr unterdessen schon drei Tage mit Meghan und Cameron aus Kanada, die wie die meisten Radelnden hier für einige Wochen oder Monate in Südostasien unterwegs sind. Überhaupt kommen viele Touristen hierher, in Vientiane ist man mancherorts fast unter sich.Laos_025

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vientiane

Laos_043In Vientiane machen wir mal Kulturprogramm, Wattwanderung, die Stadt ist übersäht mit Wats (buddhistischen Tempeln) und Thats (Stupa, buddh. Reliquienmonumenten). Wir basteln an Rädern und Computer, holen uns das Chinavisum, warten auf Post und organisieren die Einladung fürs Russlandvisum (damit wir uns mal auf diese Route wirklich festlegen). Essen morgens Baguette und kühlen den Durst mit Zuckerrohrsaft auf Eis, der an vielen Straßenständen frisch gepresst angeboten wird. Abends gibt es vielfältige Speisemöglichkeiten auf Nachtmärkten, die erst abends aufgebaut werden und deren Gericht üblicherweise mit nach Hause genommen werden.

 

Streubomben

Die beliebteste Waffe war die Streubombe. Große Bombencontainer, die sich in der Luft öffnen und bis über 600 kleine Bomben als Teppich über das Land legen, jede meist nicht größer als ein Tennisball mit einem tödlichen Radius von 30 m. Noch immer sind diese Sprengkörper eine Gefahr. Geschätzte 30 % sind beim Auftreffen auf den Boden nicht detoniert, weniger aus technischem Versagen, mehr, weil das Bomblett ins nasse Reisfeld gefallen ist oder von Vegetation gebremst wurde und genau da oft noch immer liegt – irgendwo im Dschungel, im Reisfeld, oder einfach sonst im Boden oder im Gelände.

Sie explodieren beim Pflügen und Hacken, beim Hausbau, beim Feuer machen. Sie töten und verstümmeln Menschen und Vieh, übermäßig viele Kinder, Kinder die mit Gefundenem spielen, Kinder, die wissen, dass Schrott Geld bringt und wenn selbst viele Erwachsene die Gefahren nicht einschätzen können, wie denn die Kinder? In finanzieller Not gehen viele Leute, auch viele Kinder Schrott sammeln, der Stahl der Bombencontainer ist erstklassig, man schmiedet Macheten und Feldhauen daraus, Schwerter zu Pflugscharen, auch Löffel und neuerdings Schmuck. Das meiste Metall wird allerdings nach China verkauft. Für 20 ct das Kilo riskieren viele Menschen ihr Leben. Eine große Bombe ernährt die Familie bis zu einem Jahr.

Die Not ist umso größer, als der Dschungel zum Jagen und Sammeln kontaminiert ist und neue bzw. ehemalige Felder nur schwer erschlossen werden können. Jede Wasserleitung, jeder Baugrund muss dekontaminiert werden.

Auf 7 Mio Laoten kommen noch geschätzte 80 Mio UXO, wie sie genannt werden, unexploded ordnance, geschätzte Räumdauer 1000 Jahre. Geräumt wird von einigen internationalen NGOs und einer laotischen GO. Nur ein kleiner Teil der Kosten kommt aus den Vereinigten Staaten, insgesamt bislang 60 Mio US$, soviel kostete einst ein Tag Bombardement mit durchschnittlich einer Bombe alle Minuten.

Einen ganzen Tag kann man im COPE-Infozentrum verbringen. COPE fertigt als laotische Organisation Prothesen und Hilfsmittel für Versehrte, von denen es seit dem 2. Indochinakrieg sehr viele gibt (siehe Kasten). Hier im Museum wird aufgeklärt über Streubomben, über den Krieg und die Folgen bis heute, über offizielle und inoffizielle Räumungen, nun, wie die Laoten mit dieser Bürde leben müssen. Viele Filme veranschaulichen die Problematik. Ab ca. 50 € kann man bei COPE Arme und Beine spenden :-)

 

 

Laos

Laos ist das bevölkerungsärmste Land Südostasiens und zugleich das einzige ohne Meereszugang. Der Krieg hat das Land noch weiter zurückgeworfen, als es ohnehin schon war. Das Produktportfolio ist mit dem Heidelberg vergleichbar: Zement & Bier, Säfte, Obst & Gemüse, Wasserkraft. Dazu kommt ein wenig Fisch und viel Tropenholz, vor allem aber bringen wie in Heidelberg die Touristen Geld ins Land. Laotische Produkte sind selten, wichtigster Handelspartner ist Thailand, nicht einmal das „kommunistische“ Bruderland China. Durch diese Konstellation sind die Preise hier auffallend hoch. Angenehm fällt auf, dass Reichtum hier mit Bescheidenheit getragen wird – Armut auch. Sehr viele Menschen leben hier noch allein von der Landwirtschaft und deren Produkte, egal ob Bananen, Kokosnüsse, Papaya, Reis etc. sind wiederum beschämend billig.Laos_046