Eine Radwanderung

China: Mohan - Dali (Yunnan) [Bilder]





Fausts neue Heimat

Laos_3_31Der Blues hat uns wieder. Ihr erinnert Euch an das letzte Bild im Album des vergangenen Artikels? Der Blick über den Hügel nach China? Das ist China, diese Gigantonomie, die völlige Inwertsetzung der Ressourcen, der Landschaft, der Menschen.

Aus Hütten werden Paläste, aus dem Strässchen wird eine Autobahn, aus den Feldern Plantagen. Erst Tee und Gemüse, dann Kautschuk, zwischen jungen Gummispendern wachsen Ananas. Alle Hügel sind Gummirecourcen, die Bäume werden spiralig angeritzt und ein Schälchen um den Baum fixiert. ErnterInnen sammeln den frischen Latexsaft und tragen ihn auf dem Rücken oder im Joch zu Sammelstellen. Das frische Latex wird in jedem Ort gesammelt, zu weissen Rohkautschukkuchen vorverarbeitet und mit Ladeflächentraktoren in die Stadt gefahren. Irgendwo produziert dann Chengshin unsere Fahrradreifen, meist aber werden es Mopedreifen.

In den flacheren Lagen gedeiht eine Bananenpalme neben der Anderen und hektarweise werden neue Plantagen angelegt. Das menschliche Dasein ist das eines Ernters, einer Ernterin. Orte entstehen, wo keine waren und demnach keine Infrastruktur - um den Müll kümmert sich also niemand und von dem gibt es viel, da die Bananentrauben an der Palme alle in Plastik und Schaumstoff gepackt werden - und weil Müllvermeidung in China keine Popularität hat. Nur wer ewig sterbend sich bemüht...

Zwischen all dem wächst natürlich Reis, d a s   Grundnahrungsmittel und so ist die ganze Landschaft terassiert - welch eine Gestaltung! Dagegen ist Fausts Dreischluchtendamm Kinderkram.

Westyunnan_22Gewässer sind wieder Vorfluter, übelst stinkende Pampe quält sich durch Rinnsteine, ein See ist nur ein abgegrenzter Spektakelplatz, ach ja Wasser, das kommt bisweilen gigantomanisch vom Himmel, einsetzende Regenzeit. Und auf der anderen Seite der Straße auf mehr als 100 km unberührter Dschungel, ein Nationalpark als touristisches Highlight - die Inszenierung der Natur. Etwas später wird dann die "Wild Elephant Shows" dressierter wilder Elephanten angeboten - Mit Widersprüchen hat China weniger Probleme als mit Widerspruch. So eine Show hätten wir wohl auch besuchen müssen, hätten wir die wilden Elefanten wirklich sehen wollen. Gezeigt hat sich uns keiner, so sehr wir es ja gehofft hatten. Dafür haben wir einige andere Tiere, v.a. Reptilien zu Gesicht bekommen - Auf der einen Seite der Straße. Und eine wirklich unberührte Natur.





Kaffee oder Tee?

Wir stoßen wieder auf den Mekong, verbringen in Jinghong die Zeit damit, eine beglaubigte Kopie unserer Pässe zu erwirken, was nur bei einem einzigen Notar geht, aber das weiß niemand und so werden wir immer nur zum PSB, einer Polizeibehörde geschickt, von denen es zum Glück drei hat, zwischen denen man uns rumschicken kann. Unsere Pässe sind mittlerweile auf dem Weg nach Hause, um aus Berlin hoffentlich mit einem Visum wiederzukommen. Anders gings nicht.

KaffeeblüteWeiter fahren wir zu viert, zufällig wir treffen auf Mel & Stef aus der der Schweiz, die seit Bangkok auf Rädern sitzen. So gestaltet sich die Strecke interessanter und zeigt auch, wie es ist, sich auf unterschiedliche Rhytmen einzustellen. Wir radeln durch Reisquellen und sehen Kaffeeplantagen, der auch für Nescafe hier wächst und landen dann in den unendlichen Weiten des Yunnan -Tee-Gebietes mit der Hauptstadt Pu'er, in dem der Rote Tee, der Puer-Tee auf Gestellen fermentiert.



Wir fahren bislang immer parallel zur Autobahn auf den alten Straßen, verzichten so auf einige Tunnels und eine Strassenführung, die sich die Landschaft perfekt anpasst. Dafür knackt sich ein kaputtes Straßenstück meinen Rahmen - Er war ja schon einmal geschweisst worden, nach dem Schlagloch in Russland, am Ende des Verstärkungsbleches schaukelte sich ein Dauerbruch auf, der von dem örtlichen Lastwagenschweisser in Lastwagenmanier gigantomanisch geflickschustert wurde - was will man machen, ersteinmal hält es.

Westyunnan_34Eines Tages findet ein Szenenwechsel statt. Die Nassreisfelder sind gelben Weizen- und Gerstenfeldern gewichen, gepflügt wird zweispännig, überall wächst Fenchel, Mist wird auf den Feldern verteilt - und dann finden wir einen herrlichen Zeltplatz in einem Kiefernwald. Kiefernwald - was ist das? Waren wir jetzt nicht immer im Dschungel? Warum gehen die Heringe so schwer in den knochentrockenen Boden? Und überhaupt, warum hat es heute, gestern noch nicht geregnet? Innerhalb von ein, zwei Tagen sind wir aus dem Regenwaldbereich aufs Trockene gekommen. Und mit dem Klimawechsel wechseln sich auch die Gewohnheiten der Menschen.





Alte Mauern

Westyunnan_40Auf uns warten die "historischen Altstädte" Dali, evtl. Lijang, Litang. Wir kennen Chinas Tourismuspolitik gut genug, um uns nicht besonders darauf zu freuen. Chinesischer Tourismus bedeutet Busladungen voller Menschen, die durch irgendwas durchgeschleust werden, was einen Anschein von Einmaligkeit, von Gigantismus haben soll, um möglichst viel Geld fließen zu lassen. Dabei ist das Objekt ziemlich egal und selten wirklich historisch.

So ist es eine schöne Überraschung, als wir mehr durch Zufall das Städtchen Weishan entdecken. Auch Weishan ist eine Kopie Heidelbergs, eine herausgeputze alte Stadt, vollgerammelt mit viel zu noblen Läden. Aber irgendwie ist es noch lebendig, haben die Häuser noch Stil und sehen nicht nur in der Fußgängerzone so aus. So können wir entspannt nach Dali übern Hügel radeln, ohne das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben, sollten wir uns Dali nicht so widmen, wie das von uns erwartet wird.

Tun wir aber. Wir haben uns hier mal für eine Woche eingebucht, kleine Hütte 5 km ausserhalb der Stadt und die Zeit wird nicht reichen. Veronika muss sich einen vereiterten Zahn behandeln lassen und auch ich saniere meine Beisser. Aber es ist ja schon eine schöne Gegend hier, eingerahmt zwischen steile Bergen und einem großen See, dem Erhai. Die Räder bekommen eine Generalüberholung, damit sie wieder fit sind für die Berge, die vor uns liegen. Wir erholen uns, Büroarbeiten erledigen sich, wir bekommen ein Supportpaket und essen jeden Tag ein Eis.

Ach, ja, der Hafer- und Bananenblues: Es gibt wieder Haferflocken! Zumindest in ausgewählten Hypermärkten wie Walmart. Und dann gibt es hier vor der Tür noch Fladenbrot, jeden morgen frisch aus dem Ofen. Ende der Reiszeit!!! So lässt sichs leben.