Eine Radwanderung

Dali - Litang [Bilder]


  Trotz unseres gemütlichen Plätzchens zieht es uns weiter, seit wir in Dali angekommen sind. Direkt im Anschluss an den letzten Zahnarztbesuch brechen wir auf, um endlich in die Berge zu kommen, auf die wir uns so freuen und die Hauptinteresse dieses Chinabesuches sind. Es sind die Berge des östlichen Himalaya im Westen der Provinzen Yunnan und Sichuan die uns mit tibetischer Kultur und Hochgebirge locken.

  Tibet_1Doch um dorthin zu gelangen, liegen noch einige Tage im alltäglichen Wahn des chinesischen Straßenverkehrs vor uns. Die Landschaft aus Reis- und Getreidefeldern mit Bergen im Hintergrund vermag uns nicht mehr zu faszinieren und der Start gelingt mit einer gründlichen Magenverstimmung und einem Zeltplatz auf einem Acker, auf dem wir am nächsten Morgen von der Fräse des Bauern geweckt werden, nicht gerade vielversprechend. Die ersten Tage sind so mehr Pflicht denn Vergnügen bis wir den Yangtze erreichen und auf einer einsameren Straße endlich wieder Ruhe, Interesse und Aufmerksamkeit für Landschaft, Menschen und Dörfer und die Freude am Fahren aufkommen.


  Yangtze
 Tibet_7Mit dem Yangtze treffen wir auf einen alten Bekannten. Schon einmal waren wir im Januar einige hundert Kilometer flussabwärts an ihm entlang geradelt. Damals etwas enttäuscht, schafft er es diesmal, uns für sich zu gewinnen.
Tibet_8Wir fahren mehrere Tage an ihm und seinen Zuflüssen entlang. Steil ragen die Felswände an beiden Seiten des Flusstales auf. Kahl sind sie, oft nackter Stein und nur wo sich das Tal etwas weitet, verstecken sich kleine Orte inmitten von Getreidefeldern, die golden in voller Reife stehen und in Handarbeit gesichelt und zu Garben gebunden werden. Dazwischen bisweilen Obstplantagen fast schon im Geröll. Da man Obst hier gerne knackig und unreif isst, sind wir nach dem Kauf von 1,5 kg Pfirsichen etwas enttäuscht. Aber auch die kommen weg, denn wenn es bergauf geht kommt es auf ein Kilo mehr oder weniger an und Vitamine sind bestimmt auch schon drin.

  Noch aber folgen wir dem Fluss und treffen am Eingang eines Dorfes auf den ersten Stupa. Dieses strahlend weiße, in den Himmel strebende Gebilde zeigt uns, dass wir uns nun in von Tibetern bewohnten Gebieten befinden. Immer öfter begegnen wir jetzt großen und kleinen Stupa oder den Gebetsfahnen, die den Fluss oder die Straße überspannenend bunt im Wind flattern.
Tibet_2Auch mit Wasserkraft kann man beten lassen, kleine Häuschen beherbergen Gebetsmühlen, die durch den Durchfluss eines kleinen Baches angetrieben ihre unendlichen Umkreisungen drehen. Mehrmals finden wir an der Straße Nieschen oder Höhlen, die mit hunderten kleiner Tonstupa gefüllt sind und auch verschiedene Stellen mit einer Vielzahl von Steinplatten mit eingeritzten tibetischen Schriftzeichen zeugen von einer tiefen Religiosität der Tibeter.
Wir sind hier nur wenige hundert Kilometer Luftlinie von Indien und noch weniger von Tibet entfernt. Beides können wir nicht betreten. Nach Indien gibt es hier keinen internationalen Grenzübergang und die tibetische Provinz ist für Ausländer nur in Gruppen und mit teurem Permit bzw. illegal bereisbar. Die vor uns liegenden Gegenden gehörten aber ehemals ebenso zu Tibet und auch wenn die Chinesen sich mit einer Durchmischung alle Mühe geben, sind sie noch überwiegend von Tibetern bewohnt.
 Ab jetzt werden wir überall mit einem freundlichen "Tashi Delee" begrüsst und mit jedem Gruß, jeder Handbewegung und jedem, oft gestenreichen Gesprächsversuch strahlt uns Offenheit entgegen, eine Eigenschaft, mit der sich Han - Chinesen eher schwer tun.


Tibet_3Auch die Architektur ändert sich stark. Statt Dörfern mit niedrigen Backstein- oder Betonhäusern haben die Häuser der Tibeter meist drei Stockwerke und wirken wie kleine Festungen aus Naturstein und reichlich verziert. Unten lebt das Vieh und im obersten Stock befindet sich eine große, teilweise überdachte Terasse auf der auf offenem Holz- oder Dungfeuer gekocht wird. Interessant sind die Toilettenkonstruktionen. Kleine Holzkästen sind in den oberen Stockwerken aussen an die Hauswand gebaut. Von dort aus geht das Geschäft direkt einige Meter in die Tiefe in eine Grube.

 

 

 Hoch hinaus
 Fast unbemerkt erreichen wir unseren ersten Pass. Mit der Höhe sind wir aus engen, schroffen Flusstälern hinauf in leicht hügelige Gebiete gekommen. Ab jetzt sind täglich viele Höhenmeter zu bewältigen, fast jeden Tag liegt ein Pass auf unserer Strecke und bald radeln wir das erst Mal auf über 4000 müNN.

Bei Xiangcheng treffen wir wieder auf die Hauptstrecke die Zhongdian (Shangri La) mit Litang verbindet und von Touristen, mehrheitlich chinesischen Reisegruppen, stärker frequentiert ist. Schilder am Wegesrand weisen auf besondere Aussichtspunkte und tibetische Dörfer hin. Anderer Schilder Sinn wird uns nicht ganz klar, erheitert uns mit sehr speziellen Ausführungen des Chenglischen aber sehr:


 "Music learning power protection of wildfish"

  Chinesische Touristen sind eine Spezies für sich, die zumeist in Gruppen auftritt. Bunt und outdoorbekleidet erkunden sie in Kleinbussen die "wilden Gegenden" ihres Landes mit dem vorrangigen Ziel, sich selbst bzw. Angehörige mit übergroßen Kameras in spektakulärer Landschaft abzulichten. Gelegentlich werden wir zum Ziel der Fotos und selbst ohne Rad kann es vorkommen, dass ein Auto voller Menschen hält und jeder einzelne Insasse mit uns Laowei fotografiert werden will.
Daneben gibt es noch die Individualisten, unterwegs mit dem Motorrad oder Fahrrad. Ziel ist bei allen Lhasa, viel weiter gehen die Konversationen mangels Englischkenntnissen selten oder nur mit Gesten und einem Vokabular welches hinter "Easy Rider" und "Let's go" schnell endet. Immerhin erfahren wir so ein wenig, wo sich andere Radler befinden die wir schon getroffen haben. Ein Motorradfahrer, Anfang 20 und das erste Mal alleine unterwegs mit dem Ziel Kathmandu, ist so begeistert, dass er uns gleich zum Essen einlädt und bestens umsorgt.

 Am meisten aber faszinieren uns die Berge mit ihren verschiedenen Landschaften. Jeder Pass ist anders und so ist jede Auffahrt. Manch einer verlangt uns alles ab und gegen Ende müssen wir immer öfter anhalten, nach mehr und mehr Luft schnappen und den Herzschlag beruhigen. Dann geht es weiter für ein, zwei Kilometer, nach denen man wieder stehen bleiben und nach Luft ringen muss. In langsamem Rhytmus geht es so aufwärts, aber nach oben kommt man immer.
Andere Pässe kann man mit langsamen, ruhigen Tritten und nur wenigen Pausen in Ruhe erklimmen, die Steigung chinesischer Straßen geht kaum über 6 % hinaus.
Tibet_5Eines ist allen gemein, ist man oben, fühlt man sich glücklich und stark und hat einen tollen Ausblick in die Gegend und auf die vor einem liegende Abfahrt. Auf der Passhöhe flattern hunderte Gebetsfahnen in allen Farben im Wind und im Vorbeifahren werden mit Texten und Bildchen bedruckte Zettel aus Autofenstern geworfen.


Es pendelt sich ein, dass wir an einem Tag immer schon einen Teil eines Aufstieges bewältigen, irgendwo zelten und dann am Morgen des nächsten Tages den Rest des Passes hochradeln. So sind die Fahrten bergauf unterteilt und das letzte Stück geht mit neuer Kraft leichter. Allerdings kommen wir so auch dazu weit oben auf über 4500 müNN zu zelten. Hier ist es deutlich mehr Arbeit als im Tal mal eben irgendwo zu verschwinden. Oft unterschätzen wir uns sehr und wenn wir die Räder zu einem ausgesuchten Platz geschoben haben stehen wir erstmal mehrere Minuten stark schnaufend daneben bis wir wieder normal atmen können. Gerade zu Fuss fällt uns die Höhe besonders auf, wirkliche Probleme haben wir aber nicht mit ihr. Lediglich die Nachtruhe wird immer wieder von höhebedingten Wachphasen unterbrochen, in denen wir putzmunter mitten in der Nacht wach liegen und auf weiteren Schlaf warten.


  Raupensammler
 Am Anfang eines sehr langen Aufstieges sehen wir neben der Straße einen Komplex mit heißen Quellen. Da es inzwischen aufgrund der Höhe kühler ist und Flussbäder nicht mehr so oft möglich sind, steuern wir zu einem langen hölzernen Gebäude. Wir bekommen einen Baderaum mit zwei großen Becken für uns alleine zugewiesen und genießen lange das heiße Wasser in den riesigen Badewannen.


Den Pass schaffen wir so nicht mehr und zelten kurz unterhalb der Höhe oberhalb der Straße. Am nächsten Morgen beim Frühstück mit grandioser Aussicht schauen wir verwundert regelrechten Motorradkolonnen hinterher, die schon den Eindruck von Berufsverkehr machen. Wo wollen die nur alle hin und vor allem, wo kommen die alle her?
Tibet_6Eine Stunde später treffen wir sie kurz vor dem Pass wieder. Sie sind neben der Straße abgestellt und die Menschen suchen den Hügel oberhalb nach irgendetwas Kleinem, schwer zu findendem ab. Das erkennen wir an der Art, wie sie über den Boden krabbeln. Was sie dort wirklich suchen erfahren wir aber erst später.
Es handelt sich um Raupen die sich im Herbst im Boden eingraben und dort von Pilzen befallen werden. Diese bilden im Frühjahr eine Art Röhre die wenige Zentimeter aus dem Boden ragt und mit der die Raupen erkannt werden können. Sie werden vorsichtig ausgegraben und der Pilz wird mit Drahtbürstchen abgebürstet. Übrig bleibt eine vertrocknete Raupe mit schwarzem Schwanz, die von den Tibetern für ihre stärkende Wirkung hoch gelobt wird. Wie uns erklärt wird, wirkt sie auf den ganzen Körper stärkend und sollte kleingeschnitten und zu Suppe gekocht verzehrt werden. Es gibt verschiedene Raupen wobei die Besten auf Höhen über 4000 müNN gefunden werden und einen Stückpreis von bis zu 20.- Euro erzielen können. Das ist viel Geld im ländlichen China und so entstehen in den zwei Monaten der Saison ganze Zeltstädte in den Bergen, von denen die Leute ausschwärmen, die Raupen zu suchen. Uns passiert es mehrfach, dass bei Pausen am Wegesrand Menschen auf uns zukommen und uns das Wundermittel anbieten.

 Die Landschaften sind abwechslungsreich und bei fast immer Sonnenschein wunderschön. Mal fahren wir durch enge Flusstäler, dann öffnen sich wieder weite Hochebenen, durch die sich Flüsse schlängeln die eine grüne Graslandschaft ermöglichen, dann wieder sind es karge Hänge mit niedrigem Gebüsch und immer wieder wundern wir uns, in welcher Höhe noch Bäume wachsen, die Baumgrenze dürfte über 4000 müNN liegen. Eine Hochebene gefällt uns mit am besten. Über viele Kilometer ist die Landschaft von großen Findlingen übersäht. Dazwischen bilden sich Seen, die ein Feuchtgebiet entstehen lassen und viele Vögel anlocken.
Tibet_4Die Hirten sind jetzt schon in großer Höhe mit ihren Herden unterwegs. In Schwarzen Zelten schlagen sie ihre Lager auf und die Yaks ziehen auf den umliegenden Hügeln umher. Sie können sehr gut klettern und scheinen auch mit karger Nahrung noch zufrieden zu sein. Die Yakmütter werden gemolken und dem Tee ist in diesen Gebieten wieder Butter oder Milch beigemischt.

 Nach zwei Wochen stehen wir am Abend eines langen Tages auf dem letzten Pass vor Litang und sehen die Lichter der Stadt in der beginnenden Dunkelheit in der Ferne leuchten. Weit kann es nicht mehr sein denken wir uns und fahren trotz Dunkelheit weiter. Die Lichter waren aber trügerisch nah erschienen und es dauert noch eine ganze Weile ehe wir mittlerweile im Regen und ziemlich durchnässt endlich in einer trockenen Unterkunft ankommen.


 Litang
 Dank des feuchten Endspurts nach Litang werden wir prompt etwas krank/erkältet und verlängern den geplanten Ruhetag spontan auf zwei Tage.
Litang ist eine kleine Durchgangsstadt am südlichen Sichuan - Tibet - Highway gelegen und entsprechend von Schwerverkehr geprägt. Sie liegt am Rande einer Hochebene auf 4000 müNN und dient als Markt- und Versorgungspunkt für viele Hirten und Bewohner kleinerer Orte der Umgebung. So gibt es viel zu sehen, viele Tibeter in verschiedenster farbenfroher Kleidung, junge Männer die wie Cowboys stolz auf ihren reich mit Bändern verzierten Moped umherdüsen und alte Menschen die bedächtig und immerwährend ihre Gebetstrommel drehen und dabei gemütlich schwatzend am Rand der Straßen sitzen.


Einen Tag wird eine Demonstration erwartet, ein großes Stück des Highways ist im Bau und die Tibeter fühlen sich benachteiligt, da die Aufträge dafür nur an Han-Chinesen vergeben wurden. So werden die Vorführungen zum Tag des Kindes abgesagt und stattdessen zeigt der Staat seine Macht. Der innere Teil des Ortes wird abgeriegelt, überall sind Polizisten und Soldaten mit scharfen Waffen und Wasserwerfer sind aufgefahren - alles pro forma, denn es passiert nichts.
Wir verbringen die meiste Zeit mit Susanne und Bernhardt aus Österreich, froh, uns mal wieder ungehemmt austauschen zu können und gut versorgt mit unzähligen Tassen Tee, während sich im Hintergrund endlos das Gemurmel der strombetriebenen Gebetstrommel mit Lichtorgelfunktion wiederholt.
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