Eine Radwanderung

Litang - Tagong - Chengdu - Xi'an - Peking - Harbin - Sulfenie [Bilder]


 


Auf Umwegen durchs Grasland  02.06. - 12.06.2011
Nach zwei nasskalten Tagen strahlt Litang wieder in der Höhensonne und wir brechen erholt auf.
Für uns heißt es nun zu sehen wie weit wir kommen, denn unser Visum nähert sich Mitte des Monats dem Ende und wir haben unsere Pässe nicht bei uns. Wir müssen also sehen, dass wir rechtzeitig nach Xi'an zu ihnen kommen und gleichzeitig wollen wir die Bergwelt, die uns schon in den vergangenen zwei Wochen so fasziniert hat, so lange wie möglich genießen.


Tibet2_01Ein kleines Stück fahren wir auf der großen Straße die nach Tibet führt und die momentan in einer riesigen Baustelle versinkt. Wir sind froh, als wir nach einem Pass wieder auf eine kleine Straße abbiegen die uns nach Norden, nach Ganze, der ehemaligen Hauptstadt des Königreiches der Kham bringen soll. Hier fühlen wir uns in einem breiten Hochtal stark an die Mongolei erinnert. Sanfte grüne Hügel rahmen das Tal ein, dazwischen mäandert ein Fluß ruhig durch die Ebene und überall weiden große Yakherden um die niedrigen, schwarzen Zelte der tibetischen Nomaden. Sogar die Kleidung, lange bunte Mäntel die am Bauch mit einem Tuch zusammengehalten werden und extrem lange Ärmel haben, ist den mongolischen "Del" sehr ähnlich, wenn auch jetzt im Sommer nur wenig genutzt.

Nach einem weiteren Pass kommen wir durch schönen, alten Wald mit Thujabäumen die wir in der Größe noch nie gesehen haben und die sehr alt sein müssen. Doch auch hier sind die Baumaschinen schon bei der Arbeit, auch hier wird stark an der Straße, auf der wir weniger als fünf Fahrzeuge pro Stunde treffen, gebaut. Diese hat es zwar nötig, denn wir müssen bei den vielen Löchern und Unebenheiten viel bremsen als wir nun 2000 Höhenmeter nach unten rollen, aber ob ein solcher Bauaufwand nötig ist, ist hier doch fraglich.


Unten treffen wir auf einen Fluss dem wir nach Norden folgen wollen. Am Abend finden wir zu unserer großen Freude eine heiße Quelle, die von den Bewohnern des nächsten Dorfes zur überdachten Badewanne ausgebaut wurde. Nachdem die letzten Badegäste gegangen sind, liegen wir im Dunkeln im angenehm warmen Wasser, über uns scheinen die Sterne durch das halb kaputte Dach. Beim Morgenbad erst werden dann die Abends in der Dunkelheit nicht sichtbaren Hinterlassenschaften sichtbar, die sich in einer solchen abflusslosen Dorfbadewanne ansammeln.

 

Tibet2_02Mit Schwung geht es weiter. Dieser währt aber nicht lange, denn wir treffen nach wenigen Kilometern auf eine Straßensperre die uns nicht durchlassen will. Den  Grund für die Sperrung kennen wir nicht, aber hier kommt es schnell mal zu solchen Maßnahmen, wenn es irgendwo Unruhen gibt von denen man Ausländer fernhalten will. Diskutieren und Warten hilft nichts, rechts und links des Tales machen steile Berge ein Umgehen unmöglich und Warten wollen wir mit unserer knappen Zeit auch nicht. So beschließen wir dem Fluss talabwärts zu folgen.


Nur geht es leider nicht so schön abwärts wie gedacht und nach kurzer Zeit geht die Straße zielstrebig den Berg hinauf, dazu fängt es an zu regnen, über den Gipfeln steht ein Gewitter und die Motivation sinkt. Genau in diesem Moment kommt ein Bus des Weges und hält an. Es ist ein kleiner Linienbus der von vier französischen Touristen mit Reiseleiter und Fahrer gemietet ist. Bei nur fünf belegten Plätzen von fünfzehn vorhandenen dürfen wir uns dazugesellen und einen Tag mit der Reisegruppe verbringen die nur langsam auftaut, dann aber sehr nett ist.
Die Landschaft ist schön, die Straße aber bald so katastropal, dass wir froh sind im Bus zu sitzen, obwohl dieser auch nur mit ca. 20 Km/h vorwärts kommt. Verkehr gibt es hier so gut wie keinen und die Stromleitungen hängen so tief, dass wir in einem Dorf mit den auf dem Dach verstauten Rädern in einer solchen Leitung hängenbleiben und sie zum Durchfahren erst hochhalten müssen.
Einmal bringt aufgeregtes Rufen den Bus zum Stehen. Ein kleiner Kragenbär klettert auf der anderen Flussseite durch das Gebüsch, er bemerkt uns leider schnell und lässt sich auch durch lautes Hupen nicht aus seinem Versteck locken.
Tibet2_03Sonst ist wenig Zeit und wir halten nur selten, denn bis zur Nacht muss eine Stadt erreicht werden. Gibt es etwas Interessantes zu sehen und zu fotographieren, stürzen unsere Mitreisenden mit ihren Kameras zur jeweiligen Seite des Busses und fotographieren aus dem Fenster. Kurz vor erneutem Erreichen des Sichuan-Tibet Highways treffen wir wieder auf Baustellen die diesmal fast unvorstellbare Ausmaße haben. Wir fahren durch mehrere halbfertige Tunnel, teilweise paralell zu einem Fluß verlaufend. Ein Berg auf der anderen Seite wird gerade gründlich durchtunnelt. Wir zählen mehr als sieben Tunnelröhren die in verschiedene Richtungen auf verschiedenen Höhen in den Berg gehen und deren Bestimmung noch nicht ersichtlich ist.
Nach einer Nacht in Jajiang schließen wir uns der Gruppe noch einen halben Tag an, um dann auf kleineren Straßen selbst weiterzufahren. Auf einem Pass haben wir das Glück viele Geier ganz aus der Nähe zu sehen. Sie haben etwas zu fressen und kreisen nah über uns, sitzen nicht weit entfernt.

Tibet2_04In Tagong verabschieden wir uns von der Gruppe und nehmen unsere Räder erstaunlich unbeschadet vom Busdach in Empfang. Wir hoffen Susanne und Bernhard noch in Tagong zu treffen und haben tatsächlich das Glück zufällig ihrer Wirtin über den Weg zu laufen die uns zu ihnen führt. Wir freuen uns als auf das heftige Klopfen dann auch tatsächlich die Richtigen öffnen. Der Rest des Tages vergeht gemütlich mit der besten heißen Schokolade seit Langem und wir verabreden uns für zwei Tage später in Danba.


Tibet2_06Mit verschiedenen Verkehrsmitteln fahren wir unserer Wege, unserer führt erstmal in Regen. Kaum ist dieser vorbei strahlt wieder die Sonne und wir werden von fünf Mönchen zum Tee geladen. Sie sitzen neben der Straße auf einer Wiese und rasten auf ihrem langen Pilgerweg. Seit mehr als dreißig Tagen sind sie unterwegs um von ihrem Kloster weiter im Norden nach Tagong zu pilgern. Dass sie ihren Pilgerweg nicht einfach nur laufend bewältigen, zeigen Male auf ihrer Stirn, die Male der vielen tausend Hinwerfungen die sie auf ihrem Weg hinter sich haben.
Einen Pass und eine lange Abfahrt, mit wiedereinmal heißen Quellen, später, treffen wir Susanne und Bernhard in einem gesichtslosen Städtchen tatsächlich noch einmal. Es ist unheimlich schön bekannte Gesichter wiederzusehen, auf Reisen eine Seltenheit, und der Abschied am nächsten Tag fällt schwer.


Wir nehmen unsere vorerst letzten Pass in Angriff. Dieser bietet mit 2500 zu erklimmenden Höhenmetern nocheinmal einen langen Anstieg. Leider bremst uns der Regen und einen Morgen haben wir sogar Schnee. Dann aber stehen wir in stürmischen Höhen und vor uns liegt eine Abfahrt die uns an einem Tag 4000 m in die Tiefe bringt. Hier kommen wir in jene Gebiete, die im Mai 2008 von einem sehr starken Erdbeben erschüttert wurden dessen Folgen noch sehr deutlich sind. Die Straße führt noch improvisiert über Hangrutsche, Häuser stehen nun im Wasser oder sie wurden einfach im Ganzen gekippt. In chinesischer Manier sind aber auch schon wieder ganze Städte neu gebaut mit vielen, vielen exakt identischen Häusern.

 

Uns drängt es nun zeitlich und wir wollen den Bus nehmen. Nur kommt dieser nicht wie gedacht. Also versuchen wir es mit Autostop und scheitern zweimal da sich jedes Mal sobald wir uns an die Straße stellen eine große Menschenmenge um uns versammelt die das Trampen unmöglich macht. Wir flüchten und finden uns wenig später in der genau gleichen Situation wieder. Die einzigen Autos die doch halten sehen bei uns Ausländern gleich die Geldscheine und wir setzen uns wieder auf die Räder. Schließlich finden wir doch einen netten LKWfahrer der uns bis nach Chengdu mitnimmt, gleich gar kein Geld will und uns einen passenden Abschied von den Bergen bietet während wir tibetischer Musik im Hintergrund über die Autobahn fliegen.

 

 

 

 

Zug um Zug nach Osten 13.06. - 21.06.2011
Tibet2_07In Chengdu kreuzen sich unsere Routen in China und wir beginnen hier unsere Zugreise in Richtung Nordosten. An die Größe der chinesischen Städte und besonders an die Menschenmassen müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Die Städte erscheinen jetzt im Sommer viel bunter, überall wird günstig Obst verkauft und die Winterhandschuhe an den Mopeds sind durch installierte Sonnenschirme ersetzt worden. Wo keine Halterung vorhanden ist, muss der immer vorhandene Mitfahrer die Haltefunktion ausüben.
Gerade die Bahnhöfe sind besondere Konzentrationspunkte, an denen Tag für Tag tausende Menschen aufeinandertreffen, um nach ausgeklügelten Systemen auf verschiedene Wartehallten verteilt und von dort in die Züge geleitet zu werden. Bei Betreten der Abfahrtshalle wird alles Gepäck gescannt und jeder Passagier wird abgetastet, auch zum Bahnsteig kommt man nur mit Ticket.


Tibet2_08Unsere erste Station ist Xi'an wo wir Julian nach einem halben Jahr wiedersehen und unsere Pässe wieder in Empfang nehmen. Gerade rechtzeitig bevor er für den Sommer nach Hause in die Schweiz fliegt, verbringen wir noch einen schönen Abend zusammen. Den zweiten Abend erleben wir chinesische Gastfreundschaft in einer Jugendherberge. Da alle Zimmer belegt sind, dürfen wir auf der Dachterasse schlafen. Die Jungs vom Outdoorladen nebenan passen auf unsere Räder auf und laden uns zum Abendessen ein. Andere bringen später Gegrilltes zu uns aufs Dach und verbringen den Abend mit uns und auch zum Frühstück kommt gleicht wieder Besuch mit Essen...


Tibet2_09Weiter geht es nach Peking wo wir drei kurze Tage die Gastfreundschaft des Spaniers David genießen dürfen. Er kam vor drei Jahren selbst mit dem Fahrrad von Spanien hierher und ist geblieben. Die anderen Städte Chinas waren uns schon sehr groß vorgekommen, aber Peking hat dagegen nocheinmal ganz andere Ausmaße. In zweieinhalb Tagen fahren wir über 130 Km und sehen doch nur einen sehr kleinen Teil der Stadt. Man kommt mit dem Fahrrad gut herum, die Fahrradwege sind breit und der Verkehr enspannter als es von außen wirkt. Nur der Smog macht uns zu schaffen. Eines warmen Nachmittags bekommen wir beide, nach dem Besuch des Sommerpalastes, große Probleme mit dem Atmen. Hals und Lunge tun weh und ein tiefes Atemholen ist nicht möglich. Mir wird dabei auch noch sehr schlecht, so dass wir viele Pausen machen müssen. Kaum wird es Abend und dunkel, verschwinden die Probleme schnell wieder.
Wir verbringen die meiste Zeit mit Besorgungen, um für Russland gerüstet zu sein und müssen feststellen, dass die Zeit für eine solch große Stadt viel zu kurz ist.


Dennoch geht es weiter, auf eine Verlängerung des Visums haben wir wenig Lust und wieder steigen wir in einen Nachtzug. Diese sind immer mehr als voll, eine Auslastung, von der die DB träumen würde. Wir entscheiden uns wie immer für "hard seat", also Sitzplätze - bestimmt nicht die bequemste, dafür die günstigste Variante mit garantiert viel Kontakt und Möglichkeiten der Beobachtung von Menschen.

Die Räder und ein Teil des Gepäcks reisen stets im Gepäckwaggon, ein bürokratischer Akt, der auf jedem Bahnhof anders vonstatten geht und immer einiges an Geduld erfordert. Letzendlich kommt aber immer alles einigermaßen unbeschadet an. Zur Krönung kommt zwei Nachtfahrten nordöstlich von Peking dann die Grenzquerung per Bus. An beiden Grenzstationen muss alles, incl. Rädern aus- und wieder eingeladen werden, in einem ohnehin sehr vollen Bus, da Jeder aus China so viel Gepäck wie möglich mitführt.
Die letzten Tage in China vergingen sehr schnell, aber wir kommen gerade rechtzeitig zur Grenze und koennen dem rechnenden Grenzer bestaetigen, dass genau der 60. Tag und letzte Tag unseres Visums sei.