Eine Radwanderung

Naushki – Zamyn Uud      [Bilder]

 

Steppentage und Röhrennächte auf dem Weg nach Ulan Bator

Mitten in der Nacht steigen wir in Darchan aus dem Zug mit dem wir über die Grenze gekommen waren. Auf der Suche nach einem Schlafplatz für den Rest der Nacht betreten wir die Wartehalle und da ist er wieder: der Geruch, der allen Mongolen vom Land anhaftet. Die Geruchsmischung aus gesäuerter Milch vermischt mit Rauch- und etwas Tiergeruch ist für uns typisch mongolisch und nimmt uns sofort ein. Da sind wir wieder.

Transmongolien_06Bereist man ein Land zum wiederholten Mal, so erkennt man Dinge wieder, freut sich vielleicht auf gesalzenen Tee, die immergleichen großportionierten Schaffleischgerichte, das scheinbar unendlich weite Land und auf die ausdrucksstark schönen Menschen.

Der Landschaftswechsel ist stark und durch die Zugfahrt erfolgt er für uns sehr schnell und erscheint umso kontrastreicher. Die Mongolei ist trocken, staubig und jeglicher Bewuchs ist um diese Jahreszeit gelb und abgeweidet. Wir müssen umdenken und ständig unseren Wasserstand im Auge behalten, denn Flüsse gibt es kaum und wenn dann sind sie aufgrund dichter Besiedelung in dieser Gegend und demzufolge hohen Tierzahlen sehr verunreinigt.

Auch bei der Schlafplatzsuche müssen wir anders vorgehen. Konnten wir in Sibirien einfach in den Wald abbiegen und dort zwischen den Bäumen jederzeit ein schönes Plätzchen finden, so fahren wir den ersten Abend in einem breiten, nicht enden wollenden Tal entlang welches nicht eine einzige geschützte und uneinsichtige Stelle erkennen lässt. Aber die Straße ist asphaltiert und so tauchen wir einfach ab, verbringen die Nacht in einer Röhre die als kleiner Tunnel eingefügt ist. Die größte dieser Röhren ist gerade groß genug, dass wir mit den Rädern darin verschwinden können. Die vier Nächte bis Ulan Bator bauen wir nicht einmal das Zelt auf, verbringen sie in solchen Tunneln unter der Straße, unter einer Brücke und in einem Tal unter freiem Himmel.

Die Tage verbringen wir auf der Straße in der Steppe die den Blick in die Weite freigibt. Man kann oft viele Kilometer weit sehen, ein erhabenes Gefühl während man ein wenig hoch und runter über sanfte Hügel und durch weite Täler fährt. Hier im Selenge-Aimak im Norden der Mongolei gibt es den meisten Ackerbau des Landes. Im Streifenmuster, vermutlich wegen der starken Winde, wird Getreide angebaut. Große, gegen das Vieh eingezäunte, Flächen sind für das Gemüse bestimmt welches sich aus Kartoffeln, Kohl, Möhren, Zwiebeln und Rüben zusammensetzt. Gerade sind auch noch einheimische Tomaten und Gurken zu bekommen wenn man Glück hat.

Transmongolien_04Jetzt, Anfang Oktober, wird zudem vielerorts Heu gemacht. Da der Sommer dafür mit vielen Niederschlägen zu unbeständig ist, wird dafür der trockene Herbst genutzt. Obwohl die Grundlage aus der Ferne gelb und verdorrt erscheint, ist das Heu duftend und guter Qualität. Die Wenigsten sehen wir mit der Hand ihr Heu sensen welches dann entweder zu Kleinballen gepresst oder lose aufgeladen wird. Die Technologiesierung ist, für uns überraschend, oft weiter als wir es um den Baikalsee herum gesehen haben und als uns aus dem größten Traktor seit langem auch noch eine Frau zuwinkt, sind wir erst recht überrascht. Täglich treffen wir viele LKWs die hochbeladen mit diesem wertvollen Gut in Richtung Hauptstadt fahren. Angeblich kostet ein Kilo Heu in den entlegenen Gebieten mehr als ein Kilo Fleisch, was bei einem Fleischpreis von ca. 1,50 Euro und den weiten Entfernungen nicht verwunderlich ist, es für Viele aber unerschwinglich macht.

In dieser Gegend fällt uns auf, dass mehr als anderswo auch außerhalb der kleinen Ortschaften ständige Siedlungsplätze genutzt werden. Dort baut man sich einen einfachen, halb offenen Stall und lagert Heu für den Winter. Dazu kommt die Jurte als Wohnraum und, in Stadtnähe, ein hoher Bretterzaun der alles einrahmt.

So kommen wir bald mit bestem Wetter nach Ulan Bator, passieren das große Owoo auf dem letzten Hügel und steuern die Stadt an zusammen mit vielen Anderen die mit vollbeladenen LKWs, mit großen Schafherden, mit schnellen Jeeps oder im Reisebus diesem einen, zentralen Sammelplatz des Landes entgegenströmen.

 

 

Basteltage in Ulan Bator

Schon lange hatten wir uns vorgenommen in Ulan Bator Pause zu machen und ein paar Tage auszuruhen. Angesichts unserer sehr angeschlagenen Räder waren wir froh überhaupt so problemlos hier angekommen zu sein, haben nun aber eine Menge Arbeit vor uns.

Transmongolien_10Die Stadt hat den dezenten Charme wie ehemalige Sowjetstädte mit einer wilden architektonischen Mischung aus Plattenbauten, modernen Glaskästen und versteckten alten Klöstern, umgeben von weitläufigen Gebieten einfacher Holzhäuser und Jurten. Sie ist so ganz anders als das sie umgebende Land und wir brauchen erstmal zwei Tage um uns an die Reizüberflutung, die vielen Menschen und die Modernität zu gewöhnen. Da gibt es Hypermärkte und IKEA und allen Luxus den man sich vorzustellen vermag. Einzig ältere Menschen, die stolz ihren Del - den traditionellen Mantel - tragen, erinnern ein wenig an die Steppe.

Für uns ist es Luxus ein warmes Plätzchen zu haben und uns keine Gedanken um Wasser und Lebensmittelvorräte machen zu müssen.

Der Markt ist ähnlich organisiert wie wir es aus Zentralasien kennen. Für Autos gibt es neben Fachgeschäften einen ganzen eigenen Markt, auf dem man sich theoretisch ein ganzes Auto in Teilen zusammenkaufen kann. Für Fahrräder gibt es keine speziellen Geschäfte und folglich kann man sein Glück auf dem Basar versuchen, wo zumindest Ketten und ein kleiner Teil brauchbarer chinesischer Ersatzteile zu finden ist, oder man verlegt sich aufs Selbermachen. Dafür muss man etwas Zeit investieren um herauszufinden wie und wo. Ersteres erfolgt über das Internet denn eine Rahmenreparatur begegnet uns zum ersten Mal, Letzteres erfordert viel Fragerei und Sucherei.

Besonders Matthias ist durch seine vielen Baustellen viele Tage mit Reparaturen beschäftigt. Er kann seinen Rahmen halbwegs gerade biegen und bekommt ein Blech zur Stabilisierung zwischen Unter-, Ober- und Steuerrohr geschweißt. Das sieht sogar ganz schön aus und wurde dank der Hilfe einer neuseeländischen Firma die Spezialanfertigungen für den Bergbau macht, möglich. Seinem fast zusammengebrochenen Gepäckträger kann er ebenfalls durch Schweißen zu einem zweiten Leben verhelfen und viele andere Dinge wie das Zentrieren beider Räder summieren sich. Bei mir ist lediglich die Hinterradnarbe betroffen aus der ein Stück mit zwei Speichen herausgebrochen war. Auch das lässt sich schweißen und wir können dem Rad wieder seine ursprüngliche Form geben.

Daneben machen wir ein chinesisches Visum und freuen uns über günstige 90 Tage, sehen ein wenig von der Stadt und genießen es viele andere Gesprächspartner als immer nur uns selber zu haben.

Dennoch haben wir hinterher nicht das befriedigende Gefühl uns gut ausgeruht zu haben. Aufbrechen wollen wir aber trotzdem denn wenn man den Winter im Warmen verbringen will, sollte man sich auch auf den Weg dahin machen. Ulan Bator gilt als die kälteste Hauptstadt der Welt.

 

 

Fast in der Wüste – durch die Ostgobi

Schon kurz hinter Ulan Bator lassen wir den Verkehr hinter uns. Obwohl dies die Hauptverkehrsstraße nach China ist, auf der viele, viele Produkte importiert werden, ist die Verkehrsdichte angenehm gering. Ein letztes Picknick zwischen Weiden am Tuul-Fluß bevor wir uns wieder in die Steppe begeben und Bäume für mehr als eine Woche, Flüsse gar nicht mehr sehen.

Transmongolien_19Das erste Drittel genießen wir den Luxus von Asphalt und hätten es sehr einfach, wenn denn nicht so einige Nachjustierungen an den Rädern und wenn der Wind nicht wäre. Er bestimmt, ob wir es leicht oder schwer haben an dem jeweiligen Tag, ist sich nach drei Tagen zu unserer großen Freude aber mit der Straßenrichtung einig und beschert uns einen halben Tag perfektes Fahrgefühl. Es kann so schön sein – die Landschaft ist flach und mit Rückenwind und etwas Schwung sausen wir für vierzig Kilometer mit ca. 30 Km/h vorwärts. Nur, wenn man eben nochmal zurück und an der Tankstelle etwas fragen will, ist dies nahezu unmöglich. Solange wir also schnell sind, ist der starke Wind sehr angenehm. Später, als wir auf sandiger Piste aber nur langsam vorwärts kommen, dringt er erbarmungslos durch alle Kleiderschichten und wir machen kaum noch Pausen, weil es dafür zu kalt ist. Jeden Tag ist es morgens ein paar Grad kälter, wir vergessen zuerst, das Wasser nachts mit in Zelt und Schlafsack zu nehmen und sind lange mit dem Auftauen unserer Vorräte beschäftigt. Eistee und Tiefkühlkost lässt sich leicht herstellen und auch gekochtes Ei sieht in gefrorenem Zustand lustig aus. Wir sind froh, dass der Körper sich an die Kälte gewöhnt, dass wir ein winddichtes Zelt haben und dass fast jeden Tag die Sonne scheint. Und dann wird es auch schon wieder wärmer, zumindest ein wenig.

Transmongolien_37Wir fahren durch den Ostgobi Aimak, sehen von der Wüste selbst aber wenig. Steppe prägt das Landschaftsbild und als wir die Hügel rund um die Hauptstadt hinter uns gelassen haben, ist es weitläufig und flach. Die uns umgebende Weite, in die wir Tag für Tag eindringen, ohne dass sich viel verändert, fasziniert. Kaum etwas, das ablenkt, keine Hektik, nur die Bahnlinie und eine Reihe Strommasten als roter Faden unserer Richtung.

Als der Asphalt aufhört verteilen sich viele Fahrspuren in der Steppe und andere Fahrzeuge fahren meist irgendwo in der Ferne vorbei. Ab und an kommen wir in einen Ort, die Infrastuktur ist recht gut und wir gönnen uns soweit möglich ein Mittagessen im Warmen und etwas Ruhe vor dem Wind. Da sitzen wir dann, vom Wind zerzaust und aufgrund der ungewohnten Wärme mit glühenden Gesichtern und lassen uns unser „Zuiwan“ schmecken. Das ist das Gericht welches in den größten Portionen (wichtig für Radler) auftritt und sich aus den Zutaten fast aller mongolischen Gerichte zusammensetzt: Teig, Fleisch, Fett und ein Hauch Gemüse, in diesem Fall ist alles in Stücke geschnitten und gebraten. Der Tee ist hier im Süden weniger salzig als wir es vom Westen her kennen, dafür wird ihm geröstete Gerste beigemischt die ihm einen nussigen Geschmack verleiht. In einem Ort wird der Tee in Tassen des Kieler Weihnachtsmarktes von 1992 serviert. So trifft man das, was in Kiel nicht mehr gebraucht wird hier in der Südmongolei wieder und hat Spekulationsstoff für den Rest des Mittagessens.

Die Orte liegen an der Bahnlinie, sie sind weitläufig mit ein paar wenigen mehrstöckigen Wohnblocks umgeben von den üblichen Holzhäusern und Jurten. Irgendwo inmitten eines Platzes findet man gewöhnlich das Wasserhaus welches besonders Vormittags viel Zulauf hat. Wir staunen immer über die Kraft kleiner Kinder beim Wuchten der vollen Kanister, meist ist das Wasserholen ihre Aufgabe, man sieht sie mit einfachen Karren Blechkannen und Plastikkanister nach Hause ziehen.

Dann gibt es ein paar Geschäfte die entweder Essen oder Kleidung und Haushaltswaren oder alles zusammen verkaufen und Fleischläden, kleine Buden ausgefüllt mit den Einzelteilen des geschlachteten Pferdes vom Vortag, auf dem Tisch noch ein Rest Kuh und Schaf in der Kühltruhe. Nur, welches Teil nimmt man da am besten?

Transmongolien_31Die Tage verstreichen, wir fahren nach Süden durch die sich kaum ändernde Landschaft.  Immer der Sonne entgegen die uns dort, wo wir um Augen und Nase ein klein wenig Haut zeigen, schnell bräunt. Die Verbindungsstraße nach Süden ist in Arbeit, in drei Jahren soll sie fertig sein und wir können sie in vielen Abschnitten schon benutzen. Das schon verfestigte Material bietet einen zuverlässigeren Untergrund als die Fahrspuren die uns immer wieder im Sand steckenbleiben lassen. Dort wo gerade nicht an der Straße gearbeitet wird, hat man Erdhügel über die Straße gehäuft um eine verfrühte Nutzung zu verhindern. Wir können mit Schwung darüber fahren oder daran vorbei schieben, nur werden wir so mindestens einmal pro Kilometer gebremst und steigen am Tag mindestens 70 Mal auf und ab. Die Baustellen dienen uns mit ihren Erdhügeln aber auch oft als Sicht- und Windschutz für unser Zelt. Außerhalb der Orte siedeln hier kaum Menschen und manchmal sehen wir tagelang kaum eine Jurte, keinen Menschen außerhalb von Autos und LKWs.

Transmongolien_45Wir treffen nur auf eine einzige kleine Düne, alle weiteren Sandgebiete werden weitläufig umfahren. Die versprochenen Gazellen sehen wir leider nicht, freuen uns aber immer über Kamele die jetzt im dicken Winterpelz daherkommen. Das sind die Höhepunkte eher ereignisloser Tage die viel zu früh mit schönen Sonnenuntergängen enden. Kurz darauf geht der Vollmond orange auf und diese Abendstimmungen gefallen uns. Wir fahren oft solange es geht, einmal sogar lange bei Mondlicht in die Nacht hinein. Dabei ist es immer wieder spannend zu erleben, wie sehr sich die Landschaft am Morgen von der Wahrnehmung in der Dunkelheit am Abend unterscheidet.

Dennoch liegen wir meist um sieben im Zelt und lassen uns dann Geschichten vorlesen – Hörbücher sind genau das Richtige für lange Abende im Zelt.

Dann erblicken wir eines Abends Lichter in der Ferne. Der Grenzort, der dann doch noch eine ganze Tagesfahrt entfernt liegt. Zamyn Uud ist geschäftig, vollbepackte Gefährte stehen überall herum, Menschen liegen unter ihren Autos um sie wieder fit zu machen und viele, viele Autos strömen zur Grenze. Wir besuchen noch einmal das Dorfduschhaus, flicken unsere Reifen bevor auch wir uns einreihen.