Eine Radwanderung

Ulan Bator - Kharkhorin - Bulgan/Chowd Aimak      [Bilder]

 


Ich packe meinen Koffer und nehme mit.... viel, viel Zeit, eine gute Windjacke, einen stabilen Rücken, Landkarte, Kompass, ein dehnbares Duschbedürfnis und eine gehörige Portion Gelassenheit.



Grüne Steppe in Ulan Bator

mongolei-4Sonnenschein begrüßt uns, als wir am frühen Morgen auf einem Bahnsteig in Ulan Bator unsere Fahrräder nach dem Zugtransport zusammenbauen und das Gepäck aufladen. Längst sind die anderen Passagiere des Zuges verschwunden. Die Touristen wurden von Unterkunftsbesitzern am Bahnsteig abgefangen. Die Mongolen des lokalen Zugteiles haben ihre aus Russland importierten Waren wie Bettwäsche, Öl und Eier, Andere ihre eigenen Milchprodukte für den Stadtmarkt auf wackeligen Wägelchen der sich anbietenden Träger abtransportiert.

Wir fahren in die noch halb schlafende, um diese Zeit noch angenehm ruhige Stadt und finden uns nach letztjährigem Aufenthalt auch ohne Stadtplan zurecht.

In der "Grünen Steppe", einem kleinen Hostel mit Hof, finden wir eine Unterkunft und eine Art Zuhause für die nächsten Wochen. In drei intensiven Monaten in Russland ist viel Arbeit liegen geblieben, im Internet, an den Rädern und nicht zuletzt wir selbst brauchen eine Pause. Dass es schließlich ganze drei Wochen werden die wir in der Stadt verbringen, überrascht uns am Ende selbst und es ist kaum greifbar, wo all die Zeit geblieben ist. Nichteinmal richtig ausgeruht fühlen wir uns.

mongolei-4_01Einen Großteil unserer Energie verwenden wir für die Dokumentation des Sommers und deren technische Umsetzung. Eine Arbeit die uns am Ende in den Zustand einer Abschlussarbeit versetzt, als wir wieder und wieder bis spät in die Nacht vor dem Computer sitzen. Groß ist natürlich die Ablenkung an einem Ort mit vielen Reisenden und einer unübersichtlich großen mongolischen Familie, die das Hostel betreibt. Unerwünscht ist sie aber nicht und wir kochen viel mit und für Andere, bringen Franzosen bei, wie man Spätzle macht und dem mongolischen Team das Backen von Kuchen, werden von französischen Radlern zu Crepes eingeladen und verbringen viele Stunden mit Tee, Kaffee und Gesprächen.

Mit aufgestockten Winterklamotten, sauber und voll beladen geht es dann endlich, endlich weiter. Weiter nach Westen, wo es seit einigen Monaten einen neuen Grenzübergang nach China gibt, der uns der Verlockung nicht widerstehen lässt, ein drittes Mal durch die Weiten der Mongolei zu radeln.


Countryside light

Straßenkilometer, die über eine Asphaltdecke verfügen sind rar in der Mongolei, einem Land viermal so groß wie Deutschland und nur von etwa 3 Mio. Menschen bewohnt, die noch dazu zu mehr als der Hälfte in den wenigen Städten leben. Der kleine Rest lebt über das weite Land verteilt als Nomaden in Jurten oder in einer der kleinen Siedlungen.

Entsprechend gering ist der Verkehr und macht das Land zu einem idealen Land für Radfahrer, wenn diese bereit sind, auf gute Infrastruktur zu verzichten und mit viel Wasser und Essen über rumpelige Pisten zu radeln.

mongolei-4_02Wir haben uns für den Anfang diesmal eine der wenigen guten Straßen ausgesucht und können so unsere Erkältungen aus der Stadt kurieren und in einer Landschaft, die Matthias als "Standardausstattung der Mongolei" bezeichnet, wieder unseren Rhythmus finden. Und das ist nicht schwer unter dem riesigen Himmel. Die Augen wandern durch die Landschaft, die Gedanken in alle Welt - hier hat die Mongolei noch ihre urspüngliche Ruhe, die in Ulan Bator irgendwo zwischen Designerläden und verstopften Straßen verschwunden ist.

 

Unser Weg führt nach Westen durch eine unaufregende Steppenlandschaft, die jetzt im Herbst farblos, verdorrt ist und nur wenig besiedelt. Die Infrastruktur ist dennoch ausreichend gut und wenn es doch mal an Wasser mangelt, kann man einfach zur nächsten Jurte spazieren, wo uns nicht nur die Thermoskanne aufgefüllt wird, sondern wir auch gleich mit den sorgfältig abgesäbelten Leckerbissen eines Schafkopfes verköstigt werden.

 

mongolei-4_04Kharkhorin ist unsere erste Station. Hier machen wir einen Tag Pause und werden von Heather und Nick , einem amerikanischen Paar, herzlich empfangen. Wir ruhen uns in ihrer warmen Jurte aus und erfahren einiges über ihre Arbeit als Freiwillige in Schule und Gesundheitsbereich und über ihr Leben hier.

mongolei-4_05Kharkhorin ist ein kleiner Ort in einem historisch sehr bedeutenden Gebiet. Hier, in der fruchtbaren Ebene des Orchon Flusses siedelten schon sehr früh verschiedene Völker und auch Chinghis Khan hatte hier in Karakorum seinen Hauptsitz. Übrig geblieben ist nicht viel. Als Nomaden waren den Mongolen Bauwerke nie wichtig und die Hauptsehenswürdigkeit heute ist "Erdene Zuu" eine Klosteranlage aus dem 16. Jhdt. Die Reste vergangener Städte schlummern zu einem großen Teil noch unter der Erde.

 

Schafft es der Ort kaum uns zu begeistern, so hat es das Tal des Orchon Flusses, dem wir nun flussaufwärts folgen, leicht, unsere Sympathie zu gewinnen. Letzten Sommer hatten wir den gleichen Fluss bereits einige hundert Kilometer flussabwärts gekreuzt und waren dort über die Wasserqualität, anderen Verschmutzung illegalem Goldabbau im Kleinbetrieb die Schuld gegeben wird, entsetzt gewesen.

mongolei-4_08Hier aber ist der Fluss klar und leuchtet in einem fast unnatürlichen Blau, wenn der Himmel sich in seinem Wasser spiegelt. Alte Weiden stehen in Wäldchen an seinem Ufer und die fruchtbare Gegend bietet Wasser und Weideplatz für mehr Menschen, deren Jurten sich locker in der Landschaft verteilen.

Talaufwärts wird die Steppenlandschaft von Lawagestein durchbrochen, welches aus dem Boden zu wachsen scheint und es ist erstaunlich, wie klar sich die jüngste Schicht als Stufe abzeichnet.

mongolei-4_07Dort wo das Tal enger wird, etwas oberhalb des Zusammenflusses der beiden noch kleinen Flüsse Orhon Gol und Ulaan Gol liegt unser nächstes Ziel. Ein Wasserfall des Ulaan Gol, bei dem sich der vorher ruhige Wiesenbach in eine Schlucht stürzt, die in Jahrtausenden in weicherem Gestein entstanden ist. Etwa zwanzig Meter fällt das Wasser über eine Kante in die Tiefe und fließt dort in einer Schlucht weiter.

Die Landschaft ist wunderschön und einige Touristenlager haben sich um den Wasserfall angesiedelt. Um diese Jahreszeit sind sie längst verwaist, es ist Herbst und die Nordseiten der Berge am Rand des Tales sind schneebedeckt. Hier in den Bergen findet man noch Bäume, mittlerweile eine Seltenheit in der Mongolei, an deren weiterer Vernichtung fleißig gearbeitet wird obwohl wir uns hier in einem Nationalpark befinden. Wir genießen die herbstlich gelben Lärchen dennoch sehr, als wir über einen Pass nach Süden fahren.


Im LKW nach Westen

Bereits bei unserer Planung dieser Route hatten wir motorisierte Unterstützung auf dem Weg nach Westen eingeschlossen und so stehen wir wenige Tage später an einer der vielen Tankstellen am Rande der Durchgangsstraße der Stadt Arveikheer. Es soll einen Bus geben, der um etwa 15 Uhr hier vorbeikommt, haben wir mit Händen und Füßen herausbekommen.

Wir sind sicherheitshalber deutlich früher da und versuchen auch andere Fahrzeuge anzuhalten. Allerdings müssen wir bald feststellen, dass nur sehr wenige Fahrzeuge überhaupt nach Westen fahren und dass diese ohnehin meist schon gnadenlos überladen sind.

mongolei-4_09Nach einem halben Tag, den wir frierend im Schneegestöber an der Straße stehen, hält der erste LKW. Mittlerweile ist es Abend, von dem Drei-Uhr Bus noch keine Spur und so verstauen wir Räder und Gepäck neben pyramidenförmig gestapelten Betonröhren und machen es uns auf der Rückbank der Fahrerkabine bequem. Dies nur, um fünf Kilometer später wieder herauszukrabbeln, denn erstmal gibt es Abendessen.

Die nächsten Tage stehen im Zeichen der Gelassenheit, auf die man sich einstellen muss, wenn man mit Mongolen unterwegs ist. Der Rhythmus, der für unsere Fahrer Gewohnheit ist, stellt unsere Geduld, die ihre europäischen Grenzen noch immer zeigt, in den nächsten Tagen mehrfach auf die Probe.

mongolei-4_06Hier jenseits von Asphalt und befestigten Straßen ist ein Vorwärtskommen für einen vollbeladenen LKW weder bequem noch schnell. Die Straße ist ein oft viele Kilometer weites Netz aus Fahrspuren aus denen man sich die vermeintlich Beste raussuchen kann, nur um bald darauf auf eine vermeintlich bessere zu wechseln.

Als wir am ersten Morgen in unserem Zelt auf das "sechs Uhr" der Fahrer warten, welches sich um etwa acht einstellt, überlegen wir, wieviele Kilometer am Tag wohl zu schaffen sind. Wir rechnen ein bis zwei Stunden für Reparaturen ein, großzügig, wie wir denken. Schnell lernen wir aber, dass man als LKW-Fahrer in der Mongolei nicht nur Geduld, sondern auch umfassende mechanische Kenntnisse benötigt um an sein Ziel oder notfalls zumindest zur nächsten Siedlung zu gelangen. Vier bis fünf Stunden gehen in den folgenden Tagen pro Tag für Reparaturen drauf. Sei es benötigte Starthilfe auf die wir zwei Stunden warten, bis der andere Fahrer gegessen hat, ein platter Reifen, abgesprungene Druckleitungen, undefinierbare Reparaturen unter dem Fahrerhaus oder ein Loch im Kühler - unser Fahrer erkennt die Probleme meist schon am Geräusch, streift schnell die Reparaturkleidung über und steht dann stundenlang mit seinem Gehilfen in der Kälte, um das Gefährt wieder fahrtüchtig zu machen. Ich komme auf diese Weise wenigstens dazu ein Buch zu lesen, während der Fahrt wackelt das Fahrerhaus zu stark.

img_5108Einmal am Tag wird gegen Abend eine Essenspause eingelegt. Meist halten wir dazu bei einer kleinen Jurtensiedlung, wie sie sich gelegentlich an der Straße befinden. Die Jurten dienen den Familien als Lebensraum und wenn eben Gäste kommen, wird für diese auf dem Jurtenofen gekocht. Abgesehen von Nudeln ist selten etwas vorbereitet und so dauert die Kocherei immer ein knappe Stunde die wir teetrinkend im Familienleben verbringen. Selbstverständich essen alles das Gleiche: "Schöl", eine Suppe mit Fleisch und Nudeln oder "Zuivan", gedünstete Nudeln mit Fleisch. Warum unser Fahrer immer die Stunde des letzten Tageslichts zum Essen auswählt ist uns rätselhaft, dafür geht es dann im Dunkeln weiter.

Wir fahren bis mitten in die Nacht und suchen dann einen Platz zum Übernachten. Mittlerweile sind wir lose mit einem weiteren Laster zusammen unterwegs und so können wir unser Zelt im Schutz beider Gefährte aufbauen und ausruhen, bis das Motorengeräusch uns morgens zur Weiterfahrt ruft.

Wir benötigen zweieinhalb Tage um 700 Kilometer nach Westen zu gelangen. Unser Gefährt hat noch zwei Tage vor sich, bevor es nach einer Woche Fahrzeit und 1700 Kilometer von Ulan Bator in Ulaangom im Uws Aimak ankommen wird.


Auf der Kohlenstraße

Die Hauptstrecke, auf der wir so unterwegs waren, führt nördlich der Wüste Gobi nach Westen. Wir sind im LKW in einer weiten Ebene unterwegs gewesen die im Süden von den Ausläufern des Altai begrenzt wird. Hier wächst nicht viel, Wasser gibt es kaum und wir sehen fast keine Jurten und nur sehr wenige Herden. Nomaden wechseln in der Gobi durchschnittlich 40 mal im Jahr ihren Platz, während die Hirten in fruchtbareren Gebieten nur etwa vier mal dazu gezwungen sind.

Dafür haben wir zweimal die Gelegenheit, wilde Antilopen zu beobachten. Zumindest vermuten wir Antilopen hinter den hellen Tieren die in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit neben uns herflitzen und den vermeintlichen Feind doch nicht abschütteln können. Allerdings war nur die Abwesenheit von Schusswaffen der Grund, warum unsere Begleiter nicht zu ihren Feinden wurden.

Hier in der Steppe steigen wir in dem kleinen Sumzentrum Darvi aus. Eine Straßenzeile mit Läden und Essstuben, Verwaltungsgebäude und Schule werden von einer Jurtensiedlung umgeben und bilden das Zentrum der Gegend. Hier dürfen wir unseren Tee nicht mehr bezahlen und werden am Wasserhaus bestaunt, als wir zwischen den vielen Kindern die mit Kanistern und Wägelchen Wasser holen, mit unseren Plastikflaschen auftauchen. Prüfend wird, wie überall in der Mongolei zuerst per Hand unser Reifendruck erfühlt. Der erntet Anerkennung und gestenreich geht das Gespräch los. Nur sehr selten treffen wir auf Jemanden, der ein paar Brocken Englisch oder Russisch spricht, aber die Mongolen sind sehr geduldig und einfallsreich und mit Gebärden können wir uns einiges erzählen.

mongolei-4_11Wir verlassen das Geflecht der Fahrspuren und wenden uns in die Berge. Über mehrere Pässe geht es durch die Ausläufern des Altaigebirges und über weite Hochebenen. In dieser Landschaft schätzen wir Entfernungen oft viel zu niedrig ein, man wird schnell getäuscht von seiner Wahrnehmung und die Distanz eines Schulweges von früher über viele Dörfer hinweg ist hier auf einen Blick sichtbar.

Wir treffen auf "Hoshoot", eine Kohlemine, die das Interesse der Chinesen geweckt hat. Und wie es ihre Art ist, haben die Nachbarn in kurzer Bauzeit eine schöne, glatte Asphaltstraße zur Grenze gebaut. Diese sogenannte Kohlenstraße wird von den Mongolen, die den Kohletransport zu den Nachbarn nicht gerne sehen, gehasst. Die wenigen Siedlungen der Gegend wurden bei der Planung der Straße konsequent ignoriert und sind nur über lange Stichpisten erreichbar.

mongolei-4_10Kohletransport beobachten wir allerdings auch kaum und haben die Straße die meiste Zeit für uns. Wir durchqueren den Altai und fahren dann an seinem südlichen Rand nach Westen. In diesen Weiten hat der Wind leichtes Spiel mit uns und viel Kraft. Dick vermummt kämpfen wir den einen Tag verbissen gegen ihn an und schießen am nächsten Tag mit Rückenwind nur so durch die Wüste.

Hier, wo fast keine Menschen mehr siedeln, ist das Land der Kamele. In kleinen Herden streifen sie in ihrem wiegenden Gang durch eine märchenhaft unwirkliche Landschaft. Das Leben ist hart in der Wüste. Besonders seit dem extremen Dzuud - Winter 2009/2010, den 85% des Tierbestandes dieser Region nicht überlebten.

mongolei-4_12Zufällig treffen wir im letzten Ort Bulgan auf Jill, eine Australierin die seit elf Jahren mit diedr Gemeinde arbeitet und seit acht Jahren als einzige Ausländerin hier wohnt. Sie spricht den örtlichen Dialekt der Turgud- Völker und arbeitet vor allem mit armen Hirtenfamilien. Ohne Organisation im Hintergrund, stellt sie hier allein mit Hilfe von Spenden so einiges auf die Beine, von einem Kleinflugzeug, welches einmal im Monat für Notfälle gechartert wird über ein traditionelles Schülerorchester, Studienstipendien für begabte Kinder von Hirten bis hin zur Nothilfe in genanntem harten Winter, um zumindest den Menschen mit Nahrungsmitteln das Leben zu sichern.Wir dürfen bei ihr übernachten und werden mit Leckereien verwöhnt, während wir viel über Gegend und Menschen erfahren.

Mongolische Gastfreundschaft erfahren wir auch am nächsten und letzten Tag, als wir in einem Straßenarbeitercamp zum Übernachten in der Bürojurte und zum Essen eingeladen werden. Die Grenze hier ist klein und erst seit wenigen Monaten für Ausländer geöffnet. Entsprechend unsicher ist man im Umgang mit Fremden, noch dazu wenn diese mit Fahrrad und abgelaufenem Visum auftauchen. Letzteres, weil die Grenze am Wochenende geschlossen ist. Als wir nach drei Stunden schließlich die Mongolei verlassen, stehen wir vor verschlossenen chinesischen Toren. Es ist Mittagspause - für drei Stunden. Wir nehmen es mongolisch und  packen unsere Küche aus.

mongolei-4_03