Eine Radwanderung

Takeshiken - URUMQI (Wulumuqi) - Korla - KASCHGAR (Kashi)      [Bilder]

 

 

Es hätte ein Kurzfilm werden sollen. So prägnant wie möglich, so entleert wie nötig. Keine große Spannung, nur das Anstupsen von Eindrücken, ein wenig hier, ein bisschen dort. Reminiszenzen, wo sie nötig sind, wichtiges wurde in den Hauptteilen ja schon gezeigt. Kurz rein, wenig Action, mehr ein Trainmovie. Die Musik ein wenig melodramatisch, erst am Ende in die hinter den hohen Bergen untergehende, rote Sonne hinein gefilmt mit dem obligatorischen Pfeifen hinterlegt. Niemand weiß genau, wohin die Reise geht - jeder weiß, dass alles in den Sternen steht.

China ist immer für eine Überraschung gut und man tut gut daran, dieses Land, diese Gesellschaft eingehend zu studieren, schließlich kann man viel lernen und lernen, die Augen zu öffnen, denn was hier passiert, passiert in aller Welt - mal so, mal so.

 

Xinjiang 1Die erste Klappe irritiert schon bei der Einreise. Ok, wir haben die Mongolen überzeugt, dass wir nicht am Sonntag ausreisen konnten, dem letzten Tag unseres Visums, da die Grenze da gar nicht offen war. Mittlerweile ist Mittagspause, wir verlassen gerade noch das mongolische Tor, um dann drei Stunden vor dem chinesischen zu warten.

 

Hoschgeldiniz in Xinjiang

Inzwischen haben wir uns schon entschlossen, doch noch gerne einen Eindruck von der Gegend hinter der Grenze zu bekommen und als die Formalitäten endlich erledigt sind, brechen wir auf zum ersten Ort und stellen fest, dass diese Grenzstadt, in die jeder Mongole der Gegend zum Einkaufen fährt, nicht mehr ist, als ein kleiner, schmuddeliger Markt, die Behausungen sind in die kleinen Läden integriert, gehandelt wird Kleidung und Technik, kaum dass wir etwas zu essen finden, verlassen wir zur Dämmerung wieder den Ort. Aber: wir haben frisches Fladenbrot aufgetrieben! Und unsere Türkischkenntnisse wieder angezapft.

Die ganzen Szenen werden in der westlichsten Provinz Chinas gedreht, die die Chinesen Xinjiang nennen und die in Teilen als Ost-Turkestan mehrmals unabhängig war. Hier wohnen zur Hälfte Uiguren, die wie die ebenfalls hier ansässigen Kasachen und Kirgisien sowie die Usbeken und Turkmenen zu den zentralasiatischen Turkvölkern gehören. Die Sprachen unterscheiden sich nur dialekthaft. Im Süden leben zudem noch indogermanische Tadjiken. Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe sind jedoch die Chinesen aus dem Osten, die hier erst in den letzten Jahrzehnten in großen Stil angesiedelt wurden, um den Bezug zum "großen Mutterland" zu festigen. Schließlich gibt es auch hier Unabhängigkeitsbestrebungen sowie eine Exilregierung in München. Da Xinjiang aber vom Altai bis zum Himalaya, von den Grenzen zu Russland bis zu den nach Pakistan und Indien reicht, ist es für China unheimlich wichtig, die Westgrenze offen zu halten. Es lassen sich dort zudem Bodenschätze bergen, die die wachsende Industrienation so nötig hat, Erze und Kohle im Norden, Öl und Gas im Süden - und das sind so ziemlich die Einzigen ihrer Art in China.

 

Trucker, die Herrscher auf Chinas Straßen

Xinjiang 6China hat lange nicht genug Kohle, es hat ja die asphaltierte Straße in der Mongolei gebaut, auf der wir zur Grenze kamen. Noch ist es ruhig, als wir den zweiten Tag über die Berge fahren in Richtung "Gras-Fluss", dann aber, als wir Araltöbe erreichen, zeigt der Drachen seine Krallen.

Hier wird auch Kohle abgebaut und evtl. irgendwas verhüttet, jedenfalls glühen die Augen des Drachens und er raucht und qualmt vor sich hin. Der Ort besteht nur aus Truckstops ("fühl dich zu Haus und ruh dich ruhig erstmal aus"): verratzte Hütten , die Ersatzteile und Fertignudelsuppen (das sind große Pappbecher, in denen zusammengepresst wenig wohlschmeckende Instantnudeln lagern sowie Minipäckchen je nach Sorte mit Trockengemüse, Suppenpulver, Öl und meist viel Chili - die Päckchen werden entleert und alles zusammen mit heißem Wasser aufgegossen; das ist das chinesische Nationalschnellmenü) sowie Halbliterflaschen Wasser, Bier oder Limo verkaufen. Kühe fressen den Müll, der hier wirklich wie Müll aussieht und auch so sifft, Kinder laufen verlottert rum und nichts hier kann einen hier halten.

Bloß weg hier denken sich wohl auch die Trucker, verschwenden nicht viel Zeit mit sichern der steinigen Ladung und drücken auf die Tube, dass auf der engen Straße nicht viel Platz bleibt. Herrjeh, ja das ist China, so sieht der Rohstoffhunger aus, für den dieses Land so bekannt ist.

Glücklich, eine Nebenstraße gefunden zu haben, biegen wir Tags drauf auf eine im Bau befindliche Nebenstrecke ab und ruckeln diesen Tag über Holperpiste nach Süden. Wir sehen, wie die Bauarbeiter hausen, in ihren olivgrünen Zelten, werden beinahe abgewiesen, als wir nach Wasser fragen hier in der trockenen Steppe und bekommen dann doch etwas von der trüben Brühe aus dem Küchenzelt. Straßenbau ist unheimlich wichtig in China, um dem ganzen Wirtschaftswachstum Transportkapazitäten zu geben. Die Straßen sind gut und immer eine Nummer zu groß, zum reinwachsen also, die Baustellen gewaltig und selten rücksichtsvoll. Die Bauarbeiter aber leben meist mehr wie Obdachlose, sie sind neben all den Maschinen und Materialien am wenigsten wert. Meist sind es Mannschaftszelte mit Doppelbetten eng bestückt, für Sanitäres gibt es selten Einrichtungen. Und sauberes Wasser ist nun ja wirklich Vergeudung.

 

Nachts in Urumqi

Als wir wieder einen Tag später in die erste größere Stadt kommen, nun wieder an der großen Straße, machen wir das, was wir eigentlich schon hinter der Grenze machen wollen: wir nehmen den Bus in die Metropole Urumqi. Vierhundert Kilometer sind es noch und man schreibt uns eine Verbindung auf, 19°° ab und dann 7°° an - soweit wir uns verständigen können. Eigentlich eine gute Verbindung so über Nacht. Wir wundern uns, wie der Bus so langsam fahren kann, freuen uns aber auf die damit verbundene Sicherheit. Und sind entsprechend vergrätzt, als wir nachts um halb drei irgendwo in Urumqi rausgeschmissen werden.

Erst nach und nach wird uns klar: das mit den 7°° war die Fahrtzeit und wir müssen irgendwas tun, um die Nacht zu vertreiben. Die einzige Lösung ist ein Internetcafé, aber da wir die Räder nicht mit über die wackelige Außentreppe hochnehmen können, bleibt immer Einer draußen, während der Andere versucht, sich ein Bild von der Lage zu machen. Wo sind wir, wie kommen wir zum Bahnhof, wo könnte man den Rest der Nacht verbringen, gibts in Urumqi etwas Sehenswertes...

Die Nacht geht kalt vorüber und mit dem Morgengrauen stellen wir am Bahnhof fest, dass es erst in zwei Tagen freie Plätze nach Kaschgar gibt. Also kaufen wir für die Tickets und müssen uns auf Herbergssuche begeben. Das ist in China nicht immer einfach, da die Herbergen eine Ausländerlizenz benötigen um uns aufnehmen zu dürfen - und die haben in der Regel nur die teureren. Man geht mit dieser Vorschrift unterschiedlich um, aber in einer Region, die so stark unter polizeilicher Beobachtung steht, ist da nichts zu rütteln. Schließlich fahren wir weiter raus zu einem von zwei Hostels, der Jugendherberge der Stadt.

 

In Urumqi

Xinjiang 3Wir erfreuen uns an Obst und Gemüse, dazu und in, selbstverständlich, Fladenbrot. Dies setzt die Lokalbevölkerung in helles Erstaunen. Die Chinesen, weil sie Brot eh nicht essen, geschweige denn gefüllt, die Uiguren essen den Kebab auch als Schaschlik vom Spieß, nicht im Brot, geschweige denn vegetarisch. Täglich schleppen wir große Tüten mit Äpfeln, Mandarinen, Salat, Tomaten, Kräutern und dergleichen heran, die in kurzer Zeit geleert sind.

Es ist ein kleiner Zettel an der Pinnwand, der die Ahnung, dass nicht alles so glatt laufen wird, wie erwartet zur Gewissheit werden lässt: "There is no more Visa on Arrival in Sost", kein Datum, nichts weiter, aber es ist klar, dass es ernst ist. Geplant hatten wir, durch China im Transit, dann den Karakorum Highway nach Pakistan und evtl. einen Abstecher nach Indien, jedenfalls im Süden, im warmen Winter entlang wieder nach Europa zurück zu radeln. Und nun?

Nun, als erstes verkaufe ich die Tickets vorm Bahnhof.

Bislang konnte man ein pakistanisches Visum bei der Einreise bekommen, wir hatten darauf gesetzt, denn ein Visum für Pakistan bekommt man sonst nur im Heimatland.

Jetzt beginnt das, was man Reiseplanung nennt. Welche Alternativen gäbe es? Wo sind die Komplikationen, die Hindernisse oder auch die Vorzüge? Wie fährt die Fähre über das Kaspische Meer im Winter und wie kommen wir dahin mit welchem Visum? Wo könnten wir in Russland überhaupt noch im Winter radeln oder wollen wir gleich mit dem Zug durchfahren? Wollen wir wirklich wieder den Weg zurück, den wir gekommen sind, uns den ganzen Ärger mit usbekischen und turkmenischen Visa antun? Wieviel Aufwand ist es, das Visum aus Deutschland zu bekommen?

Wir entscheiden uns für letztere Option, denn sie ist immerhin die wärmste und schließlich waren wir noch nie in Pakistan. Wo doch so viele Reisende davon schwärmen und es eigentlich, trotz mancher Zweifel, auch von vornherein mit auf der Reiseroute eingeplant war.

Xinjiang 2In Urumqi kann man auch sonst nicht viel machen. Die Stadt ist eine chinesische Stadt par excellence, breite Straßen mit viel Verkehr und eine Dunstglocke, die die Spitzen der vielen viel zu hohen Gebäude verschluckt. Alles geschäftig, nichts mit Ruhe oder Natürlichkeit. Der rote Drachen wetzt hier seine Krallen und speit seine Kapitalismen von hier nach Zentralasien und Russland. Der Park hinter der Herberge ist vor allem Pflaster und Kunstteiche, um auf kleinen Brücken die Seele im Wasser baumeln zu lassen oder sich von den überdimensionalen Streichholzlaternen beeindrucken zu lassen. Das Grün, das ist, dient den Hunden. Dass kaum zwei Kreuzungen weiter hohe Berge aus der Ebene ragen und die Stadt einfrieden, sieht man nur an zwei Tagen, als ein kräftiger Wind um freie Sicht bemüht ist.

 

Was man allerdings in Urumqi machen sollte, ist das Regionalmuseum zu besuchen. In mehreren Ausstellungen bekommt man all die Relikte gezeigt, die hier aus bis zu 4000 Jahren zusammengetragen wurden. Damals gab es am Rande der Taklamakan bedeutende Städte indogermanischer Besiedlung und in dem trockenen Wüstenklima hat sich das Material blendend gehalten. Zuerst hielten wir die Kleidungstücke für imitiert, so neu sahen die aus, als ob man sie heute noch getragen hätte oder tragen könnte. Eindeutig wird es bei den Mumien. Die sind so gut erhalten, dass man sich mit ihnen unterhalten will. Andere Ausstellungen wie jene über das große und gütige Mutterland und was es für seine Provinz nicht alles für Güte bereithält kann man getrost unterschlagen.

 

Entlang der Taklamakan

So vergeht eine Woche und wir haben alles geregelt und haben nun unendlich viel Zeit nach Kaschgar zu kommen. Also radeln wir doch diese Strecke, verfahren uns gleich am ersten Tag gewaltig und schlafen dann kaum 20 km weit vor der Stadt. Abends legt wieder ein Wind los, nachts stehe ich noch zweimal auf und spanne das Zelt weiter und fester ab und am nächsten Tag kann man kaum noch gegen den Wind gehen Wir bleiben im Zelt, bemüht, nicht allzu viel Sand herein geweht zu bekommen, und liegen uns den Tag zu Ende, hören Hörgeschichten, lesen das einzige Buch, das wir gerade haben.

Xinjiang 7Der nächste Tag beginnt ruhig, aber als wir die Kuppe erreichen, hat der Wind schon gedreht. Wir haben nichts dagegen und lassen uns bis zur Dämmerung fast ohne Pause treiben, es geht eine schöne Schlucht runter und wir haben Rückenwind, wir passieren riesige Windparks mit vielen hundert Windrädern und am Ende kommen wir auf eine Autobahn - eine Landstraße parallel ist obsolet. Da es schon dunkelt und wir nach Süden abgebogen sind, somit den kräftigen Wind unkontrolliert von der Seite bekommen, suchen wir Schutz in einem Straßentunnel. Dies wird uns nun noch häufiger so gehen. Die Autobahnen sind hermetisch abgeriegelt, Stacheldraht oder Maschendraht säumt die Trasse und kaum, dass mal irgendwo ein durchkommen ist. Da die Landschaft gerade so offen ist, dass man uns auf Kilometer sehen würde, kommt uns so ein Tunnel schon gelegen. Einigermaßen windstill, meist ruhiger als neben der Straße, kein Zelt zum aufbauen, keine Räder zum ab- und beladen.

Wir sind mittlerweile beinahe am Nullpunkt angelangt, 16 Meter über Normalnull besagt das Höhenprofil der Strecke. Ein wenig weiter bei Turpan geht es sogar 155 m unter den Meeresspiegel - und das in Sichtweite von Viertausendern im Tien Shan - Gebirge. Üblicherweise ist Turpan ein lohnenswertes Ziel, eine alte Stadt, jetzt im Winter jedoch ohne ihren Reiz des überall wuchernden Weines und der vielen anderen Früchte und angesichts des windigen, kühlen Wetters erlassen wir uns den Umweg und machen uns auf wieder in die Berge. Hier windet sich die Straße entlang des letzten Flusses und einiger mächtiger Sanddünen, der schönste Abschnitt der kommenden Tage.

Denn die sehen recht ähnlich aus. Wir fahren links, südlich der Berge und rechts, nördlich der Wüste. Sobald mal, oft sogar nur im Sommer, Wasser aus den Bergen kommt, gibt es Felder oder Obstgärten. Besonders westlich von Korla gedeihen Nashibirnen und jene, die jetzt noch am Baum hängen, sind sogar reif und lecker.

 

Autobahn, rechte Spur...

Xinjiang 8Die meiste Zeit fahren wir nun Autobahn. Zwischendrin ist ein Stück wieder zweigleisig, da gondeln wir durch die Birnenhaine, enden dann aber wieder an einem neben der Autobahn in den Staub gefahrenen Weg. Die Autobahn hat den Vorteil, dass wir einen eigenen Radweg haben, die Standspur und somit uns viel sicherer fühlen, als auf engen Straßen. Und auch, dass der Asphalt viel feiner ist und die Steigungen moderater. Wir flitzen vorwärts und kaum einen Tag machen wir groß unter 100 km.

Problemlos? Nun, jeden Tag flicken wir die Schläuche, weil sich kleine Drahtadern aus geplatzten LKW - Reifen durch dicke und dünne Mäntel bohren. Täglich fast ersetzen wir gebrochene Speichen. Warum, weiß der Geier, Holperstrecken waren kein Problem und nun fliegen uns die Speichen um die Ohren. Und wir haben gerade die erste größere Stadt verlassen, als Veronikas Felge innen aufbricht. 28", da hätten wir in China selbst in großen Städten Probleme, etwas zu finden. Ich menge den billigen chinesischen Zweikomponentenkleber an und mit einer Einlage aus Mullbinde, sorgfältig am Ende alles über dem Kocher gehärtet, hält das noch sauber bis Kaschgar. Aber erst sahen wir uns schon im Zug sitzen, denn mit einer gebrochenen Felge ist schwer weiterzufahren.

Ab und an passieren wir kleinere Städte und versorgen uns mit frischem Brot, immer ein wenig zuviel, aber wenn man schon mal Brot hat! Wir erfreuen uns an den orientalischen Bazaaren und so richtig, als wir die Autobahn für einige Tage für uns bekommen. Sie ist hier quasi fertig aber noch nicht freigegeben, nur noch Kleinigkeiten werden gerichtet, es gibt noch keine geplatzten Mäntel (und deren gibt es in China viele) und deren Drähte und es gibt noch keine aus dem Fenster geworfenen Glasflaschen. Wenn man abends unter der Straße schlafen will, hat man alle Ruhe. Nur gibt es auch noch keine Tankstellen (wir kochen ja mit Benzin und bei den Temperaturen viel Tee, das verbraucht schon Benzin) und man muss ab und an um oder über Absperrbarrikaden schieben oder tragen. Aber vermutlich sind wir die letzten Radler, die diese Straße alleine geniessen durften, wahrscheinlich wird sie mittlerweile freigegeben sein.

Die Gegend hier im südlichen Xinjiang ist die Ölkammer Chinas. Hier stehen Bohrtürme und Ölraffinerien und vermutlich haben sie zumindest auch mit einen Anteil daran, dass der Himmel die Sonne kaum zur Erde lässt. China, das Land der roten Sonne, hier ist dem so, da der Staub und die Abgase die Sonne rot werden lassen, wenn sie außer am Horizont überhaupt einmal zu sehen ist. Die Tage werden immer länger und immer später, je mehr wir nach Westen und nach Süden fahren. Am Ende geht die Sonne nach 10 Uhr auf und gegen 8 Uhr unter. Ganz China hat eine Zeitzone, Pekinger Zeit. Jedoch, um dieser argen Verschiebung entgegenzukommen, gibt es inoffiziell die Uigurische Zeit, immerhin zwei Stunden zurück.

Xinjiang 9Auf den Feldern steht meist noch Baumwolle, die von den meist alten Leuten von den schon trocken - braunen Pflanzen gebrochen wird. In manchen Gegenden wurden wohl im Sommer auch Melonen angebaut, deren letzte nun noch am Straßenrand verkauft werden. Erschreckend aber ist, wieviele Menschen selbst so ein armes Leben nicht mehr schaffen. Einige Leute treffen wir, die jene Baumwolle entlang der Straße aufsammeln, die der Wind von den Lastern oder den Feldern geweht hat und das sind keine Mengen. Oder die, die Dosen, Flaschen oder Kronkorken sammeln. Landstreicher, die schon alles und sich aufgegeben haben und von Almosen leben.

Oder der Ort, der gerade planiert wird und die Leute aus ihren alten Lehmhäusern mit Weinlauben und Hofmauern, gewiss nicht immer hochwertig, aber doch mit Stil in eine Kolonie von Betonhäusern umgesiedelt werden. Alle gleich, ein Raum, hoch angelegte Fenster als Lichtschächte, kein Hof, kein Vordach, kein Garten, nichts, gelb, billig und kaum bewohnt werden sie schon wieder verfallen sein.

Entlang der Strecke sieht man bisweilen Zeugen alter Kultur, Ruinen vergangener Zeit, als Karawanen Seide und Gewürze hier entlang trugen, die für europäische Herrscherhäuser bestimmt waren. Wir kommen ganz nahe an Kirgistan heran, der letzte Weg nach Westen. Aber nein, wir bleiben dabei, wir nehmen den Karakorum.

Dabei sind wir noch immer nicht sicher, ob alles klappt. Ob wir die Visa tatsächlich bekommen haben. Ob der Versand klappt. Immer wieder lauschen wir nach Europa, ob es irgend ein Zeichen gibt. Schließlich würden wir den Zug nehmen, sollten die Zweitpässe nun schon in Kaschgar sein. Denn wenn es auf dem 4733 m hohen Khundjerab - Pass schneit, wird die Grenze nach Pakistan bis zum Mai dicht gemacht. Es ist also ein Rennen mit der Zeit. Noch ist es trocken, zwar manchmal kalt, manchmal auch arg kalt, aber tendenziell nach Süden wärmer werdend.

Aber uns ist die Zeit gegeben durchzuradeln, 1500 km sind es, als wir dann in Kaschgar ankommen, selten sind wir so viel so schnell am Stück gefahren und wir sind doch auch froh zu wissen, dass wir auch das noch können. Wir fühlen uns nun fit für den Karakorum, aber erstmal werden wir in Kaschgar noch warten, pausieren und auf die Pässe warten...

Das aber folgt im nächsten Bericht, schließlich ist aus diesem Kurzfilm schon ein langer Roadmovie geworden.