Eine Radwanderung

Kashgar - Tashkorgan [Bilder]

 

Kashgar - warten auf den Postmann und nicht mehr weg wollen

Ankommen. Sich an einem Ort wohlfühlen. Die gleichen Gesichter beim morgendlichen Brotholen. Die Frau mit dem Yoghurt, die uns bald kennt. Der Koch, der schon ahnt, dass wir wieder Laghman essen wollen, den mit den gezupften Nudeln, nicht mit den Geschlagenen. Ein warmes Heim.

Die Tage entlang der Taklamakan hatten sich gezogen. Obwohl es uns auch dort gefallen hatte, ist es höchste Zeit mal wieder anzukommen, mal wieder durchzuschnaufen. Kashgar macht es uns leicht diesbezüglich. In unserer Unterkunft, einer Jugendherberge, heißen uns ein Hof voller Reifen, Schläuche und Ersatzteile - Spuren vieler Fernradler, sowie gleich drei Päckchen, die hier auf uns warteten, willkommen. Noch vor der längst überfälligen Dusche packen wir voller Freude viele neue Ersatzteile und leckere "Lückenfüller" aus Deutschland aus.

Dank so viel neuen Materials gibt es die nächsten Tage viel zu Schrauben, Umzuspeichen, zu Reparieren aber auch zu Waschen, zu Schreiben, zu Organisieren - zu tun.
Aber auch zum Durchschnaufen bleibt genug Gelegenheit, denn wir warten weiterhin auf unsere Post mit den Visa für die Weiterreise. So haben wir ausreichend Zeit zum Lesen, zum Spazieren, für Filme und Märkte.

Für ein paar Tage ist ein chinesischer Radler da. Liu Ran, Architekt aus Peking, ist unterwegs von der Pazifikküste bis an die westliche Grenze seines Landes. Diese wird er wenige Tage später erreichen und während er auf besseres Wetter wartet, bastelt er uns an seinem letzten Tag eine wundervolle Weihnachtskarte die innen zwei radelnde Weihnachtsmänner vor der Moschee von Kashgar zeigt. Wir sind sehr gerührt.

Kashgar war für mehr als 2000 Jahre ein wichtiger Knotenpunkt an den Routen der Seidenstraße, eine Basarstadt die mit vielen Reisenden eine bunte Mischung verschiedenster Menschen zusammen brachte. 
Heute versucht das moderne China zu dominieren. Es zeigt sich mit den gewohnt modernen Gebäuden, mit Einkaufszentren, breiten Straßen und gesichtslosen Wohnblocks und natürlich mit angesiedelten Chinesen aus dem Osten.

 

Ein paar Gassen weiter, im nördlichen Teil der Stadt weht aber noch ein anderer Wind, der sich hartnäckig in den Mauern und engen Gassen der Altstadt hält. Hier lassen sich Händler gemütlich von ihren Eseln durch die Straßen ziehen, Herr und Tier oft so vertraut, dass nicht einmal Zügel vonnöten sind. Hier sind die Gassen der Kessel- und Kupferschmiede in denen die Hämmer im Rythmus ertönen während unter ihren Schlägen verschiedene Haushaltswaren vom Teekessel über Woks bis hin zu Ofenrohren Form annehmen. Daneben Drechsler, die Stempel für das Fladenbrot herstellen, Musikinstrumentenbauer und die Hersteller der runden Elemente aus Holz die gestapelt zum Dämpfen von Bautze, kleinen Broten oder Dampfnudeln, verwendet werden. Dazwischen werden an vielen Stellen frisch aus dem traditionellen Lehmofen Fladenbrot und Samsa verkauft und immer morgens kann man von Frauen an der Ecke gegenüber frischen selbstgemachten Yoghurt und Rahm kaufen.

Richtig lebendig wird es auf dem großen Markt, wo sich eine unglaubliche Menschenmenge an verschiedensten Ständen unter Dach und im Freien vorbeischiebt. Vom kompletten Fuchsfell, welches inkl. Kopf und Pfoten als Schal dienen soll, über chinesische Billigware, Baubedarf, Stoff, Kleidung aller Art,  lange Unterwäsche (jahreszeitbedingt) und Gemüse bis hin zu Gewürzen findet man hier fast Alles. Um Gesuchtes zu finden, muss man allerdings eine gewisse Resistenz und gute Laufeigenschaften mitbringen, denn die Gefahr ist groß, von den vielen Eindrücken, Gerüchen und Menschen abgelenkt zu werden. Man geht folglich besser ohne Einkaufsliste und lässt sich treiben.
Ein Besuch beim Gewürzhändler kann sehr interessant sein, besonders wenn andere Kundinnen zur gleichen Zeit dort einkaufen. Bei einem Stand in einer ruhigen Seitenstraße kaufe ich Tee, Schwarztee mit Rosenblüten, eine Spezialität der Gegend. Daneben werden hauptsächlich Gewürze angeboten, manche in Form, Farbe und Einsatzzweck uns gänzlich unbekannt. Sie werden frisch für den Kunden gemahlen und in kleine dreieckige Tütchen aus Zeitungspapier eingewickelt. Daneben gibt es noch etwa faustgroße Bälle aus kristallinen Bröckchen, die an Harz erinnern. Dabei handelt es sich um uighurisches Shampoo, wird mir erklärt. Nach dem Wiegen wird der Ball in einem großen Mörser zerstoßen und ergibt, in kleiner Menge mit Wasser angerührt eine glibberige Masse. Der Selbstversuch überzeugt uns bislang allerdings noch nicht. Eine andere Kundin lässt sich eine Mischung aus verschiedenen Gewürzen ihrer Wahl mahlen - ebenfalls als Shampoo, wie sie mir erklärt.

Leider ist auch in diesen ursprünglich wirkenden Winkeln Vieles im Wandel. Die Altstadt wird umgebaut, viele der alten Lehmhäuser werden abgerissen und aus Ziegelsteinen wieder aufgebaut. Was von vorne einen ganz annehmbaren Eindruck macht, sieht ganz anders aus wenn man durch die Hintergassen spaziert wo ganze Häuserblocks abgerissen daliegen, die Kinder auf den Baustellen spielen und der Neubau der Häuser deutlich langsamer und weniger bemüht von statten geht als an den Straßenfronten. Der Staat hat seine Hände im Spiel und als Ausgleich gibt es noch einen unberührten Flecken Altstadt - beleuchtet und mit Eintrittsgeld als Touristenattraktion.
In Urumqi hatte uns ein Japaner alte Stadtpläne von Kashgar gezeigt. Fast alles was dort vor ca. 30 Jahren eingezeichnet war, ist heute nicht mehr auffindbar.

Wir genießen die Stadt, die durch mehrtägigen Schneefall eine besondere Atmosphäre erhält. Dann kommt unser Paket endlich an und wir, wir wollen eigentlich gar nicht mehr weg. Es ist gemütlich, wir haben uns eingelebt und bekannte Gesichter um uns herum. Wir spüren so immer stärker, dass es uns an einen festen Ort zieht, zu einem Zuhause.
So machen wir uns doch wieder auf den Weg, ausgerüstet mit dicken, langen Unterhosen aus Yakwolle, weiteren Socken und mit einem Muff an jedem Griff am Lenker in das wir einfach mit Handschuhen reinschlüpfen können.

 


Auf dem Karakorum in die Berge
Der Karakorum Highway zwischen China und Pakistan, eine der höchstgelegenen Fernstraßen der Welt, war uns schon in Deutschland im Kopf herumgegangen. Auf dem Hinweg hatte es nicht wirklich gepasst aber aus einem, erst als Schnapsidee abgetanen Gedanken, hat sich nun eine schöne Route für diesen Winter entwickelt.

Wir verlassen Kashgar und bewegen uns für einen Tag in weißer, ebener Landschaft. Die Berge sind nur kurz sichtbar, verschwinden dann wieder im Dunst der den Heizungen und Kohleöfen entströmt. Die Arbeit auf den Feldern ruht, Mensch und Tier streifen die Dorfstraßen entlang oder verkriechen sich an Wärmequellen.
Wir finden ein verlassenes Haus und beziehen es für eine Nacht. Beim Zähneputzen bemerken wir zufällig die vollständige Mondfinsternis am klaren Nachthimmel und beobachten in klirrender Kälte ihr Finale - wunderschön.
Die Ebene geht über in das breite Ende eines Flusstales. Rote Felsen kontrastieren hier mit dem Schnee und blauem Himmel. Stellenweise ist die Straße vereist oder schneebedeckt, aber mit weniger Luft im Reifen und Vorsicht gut befahrbar. Manch ein Auto kommt uns allerdings mit eindeutigen Spuren entgegen und zwei Kipplaster hängen einträchtig nebeneinander im Graben, einer mit der Schnauze vorne, einer hinten.

Bald werden die Berge hoch und höher und unsere Tritte langsamer. Den Schnee lassen wir dafür hinter uns und arbeiten uns in einer engen Schlucht, immer dem Fluss folgend, nach oben. Hinter jeder Biegung bieten sich neue Blicke auf beeindruckende Berge und schroffe Felsen. Leben gibt es hier kaum, Dörfer gar keine und nur selten kleine Schuppen mit Reparaturwerkstätten.

Als wir der Schlucht entsteigen und auf eine Ebene stoßen, kommt unser erster 7000er, Mount Kongur in Sicht, wenig später der Muztagh Ata (7546müNN), der für fast drei Tage das Bild bestimmt.

 

Es sind kalte Tage mit wenigen kurzen Pausen, in denen wir um den Tee aus unseren Thermoskannen froh sind. Das Wetter ist klar, aber der Wind kalt und rau gegen uns. Wir sind froh, fast jeden Abend Unterschlupf in einer um diese Jahreszeit leeren Hirtenhütte zu finden. Einfach aus Steinen gebaut und klein, bieten sie uns genug Platz zum Schlafen und Kochen und Schutz gegen den Wind. Kleine Paläste nach langen Tagen. Auch bei Nächten unter -20°C Grad haben wir es so warm und bleiben morgens einfach liegen, bis die Sonne über die Berge schaut. Wir kommen gut mit der Kälte zurecht, wenn auch gelegentlich mit kalten Füßen und spätestens wenn abends die vielen Berge um uns herum im Abendlicht leuchten sind wir uns einig - diese Augenblicke sind alle Mühen wert!

Höhepunkt ist unser vielleicht letzter Pass über 4000 müNN, den wir mit sehr starkem Gegenwind bei schwerst arbeitenden Lungen im letzten Tageslicht bezwingen. Nur runter müssen wir auch noch ein Stück in der Abendkälte und finden als Belohnung einen offenen Raum in einem Neubau.

Sanft geht es das letzte Stück durchs Hochland hinab. Hier im Dreiländereck von China, Tadjikistan und Pakistan leben wieder verschiedene Menschen und hier liegen auf über 3000müNN wieder einige Dörfer in deren Umgebung Ackerbau zu sehen ist. Hauptsächlich Tadjiken leben hier, aber auch Kirgisen u.a.
Tashkorgan ist die Grenzstadt und 140Km vor der eigentlichen Grenze Endstation für uns in China. Da hier bereits die Grenzkontrollen erfolgen, dürfen wir nicht weiter radeln, sondern werden das letzte Stück im Bus zurücklegen müssen. Die Stadt empfängt uns mit einem Bild wie wir es ähnlich oft in China erlebt haben. Eine breite Straße wird von einer Armee solarbetriebener Straßenlaternen gesäumt führt für einige Kilometer auf die Stadt zu. Dahinter sieht man die kleinen Häuschen der einfachen Menschen, gebaut aus Steinen und Lehm der Umgebung.
Tashkorgan ist eine Grenzstadt durch und durch und uns gar nicht sympathisch. Es fehlt die Freundlichkeit der Uighuren in Kashgar und wir beschließen China gleich am nächsten Tag zu verlassen. Bereits hier treffen wir auf freundliche Pakistaner, die sich für Geschäfte hier aufhalten und die uns schon jetzt herzlich willkommen heißen.