Eine Radwanderung

Khunjerab Pass - Sost - Gulmit - Karimabad - Gilgit [Bilder]

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Der Bus rollt gemütlich aus Tashkorgan. An Bord nur ein Dutzend Fahrgäste, die aber allen Stauraum in Beschlag nehmen und zu ihrem Ärger dafür ordentlich zur Kasse gebeten werden. Hier gibt es ein Monopol, Transport und Busfahrt sind vergleichsweise teuer. Aber radeln dürfen wir die Strecke nicht, zu sensibel ist das Grenzgebiet. In einem weiten Tal auf gutem Asphalt fahren wir in einem chinesischen Bus mit lauter pakistanischen Fahrgästen den höchsten Pass unserer Reise hoch, 4733m.


Der Aufstieg ist so unspektakulär, dass wir überrascht sind, als wir schon oben sind. Am Pass weiden noch Schafe und Yaks, Schnee liegt kaum, die Sonne scheint - es ist eine Woche vor Weihnachten.
Die Abfahrt auf pakistanischer Seite ist ungleich dramatischer. Eng windet sich die Schotterstraße das steile Tal hinab, die 85 km hier dauern deutlich länger als die 140 km auf chinesischer Seite. Oft ist die Sonne weit über den Bergen, über der Schlucht. Der Fluß ist oben noch ganz gefroren und braucht, bis er mehr und mehr Wasser zeigt. Gleich dreimal sehen wir Steinbockgruppen. Seit einiger Zeit sind sie hier im Nationalpark geschützt und somit nicht mehr besonders scheu. Dafür zahlen wir auch eine stattliche Nationalparkgebühr und hoffen, dass das Geld wirklich auch für Naturschutz ausgegeben wird.


Stelldichein in Pakistan
Sost ist der erste Ort und hier bekommen wir gleich einen Eindruck der pakistanischen Lebensart. Wir sollen nichts abladen, sondern Passkontrolle in einem weniger repräsentativ gebauten Gebäude machen. Die Beamten hier können einem Leid tun, wie sie frierend an einem zusammengenagelten Schreibtisch sitzen. Für Zoll interessiert sich niemand. Draußen hat mittlerweile ein Tage- (nein, Stunden-, nein, Minuten-) Löhner unser Material aus dem Bus geladen - wer hätte auch von Europäern erwartet, dass sie das selbst könnten. Wir haben noch gar keine Rupees, so bekommt er unser chinesisches Kleingeld, für ein Essen wird es schon reichen.

Wir treffen einen netten jungen Mann, der uns auch in eine Unterkunft führt. Hotel ist etwas übertrieben, aber immerhin bekommt man in Pakistan für zwei bis vier Euro einen Zweierraum. Wasser gibt es im Winter im Eimer, Heizung nicht und Strom, ab und an für ein paar Stunden. Wir hätten uns gerne ein paar Tage hier erholt und ins Land eingelebt. Einen Tag bleiben wir auch, doch eher unter die Decken gebannt.

Der Ort sprüht nicht gerade vor Charme, was will man von einem Grenzort erwarten. Kohle kam gerade aus China, eine Hilfslieferung, hier machen Minutenlöhner das Geld mit Abfüllen und Tragen. Die Hilfslieferungen sollen die Region im oberen Hunzatal stärken. Diese, Gojal, liegt oberhalb des neuen Stausees und ist somit vom Rest des Landes quasi abgeschnitten. Und selbstverständlich will China seinen Einfluss hier mit Kohle, Reis, Zucker und Öl erwirken.

KKH-PK 06In noch immer kolonialer Einstellung werden wir von nun an mit "Hello, Madam!" und "Hello, Sir!" gegrüßt, dabei waren die British hier eher formal vertreten - viel zu holen gab es hier nie, in den schroffen Bergen zwischen Pamir, Karakorum, Himalaya und Hindukush.
Für uns ist es angenehm, beinahe zu jedem in Englisch sprechen zu können, nach China ein befreiendes Gefühl, und auch wirklich gefragt zu werden. Viele Menschen sprechen uns an, wollen sich mit uns unterhalten und für Veronika ist es eine Überraschung ganz selbstverständlich die Hand gereicht zu bekommen. Dies ist in den meisten Ländern der letzten Monaten nicht üblich, in Russland bleibt das Ritual unter den Männern und hier ist es plötzlich wieder ganz normal.


Der KKH
Bis 1966 gab es hier nur Eselspfade, die die Täler, jener Hochgebirgszüge verbanden. Gehandelt wurde Salz und Eisen, im wesentlichen lebte man autark. China brauchte damals einen Verbündeten im Süden, um die Animositäten mit Indien besser aufrecht erhalten zu können. Da bot sich Pakistan an, geeint in der Abneigung gegen Indien und so ergab sich jene Freundschaft, "höher als die Gipfel des Himalaya".
Als Pfand dafür die Straße, die China den Zugang zum Indischen Ozean sichern sollte. In einer Zeit, in der in China noch alles danieder lag, noch in den Wirren der Kulturrevolution, begann das aufwändigste Straßenbauprojekt, die Aus-dem-Fels-Schneidung des 1300 km langen Karakorum-Highways. Auf chinesischer Seite, von Kashgar an den Khunjerab-Pass, war das Unterfangen recht einfach. Nur ein kleiner Teil Schlucht, der Rest offenes, breites Tal. Auf pakistanischer Seite mussten weite Strecken in den Fels gehauen werden, durch Schotterfächer gelegt werden, die die Straße immer wieder überrollen, mussten viele Brücken errichtet werden und vor allem Wandbefestigungen, damit weder der Hang auf die Straße, noch die Straße den Hang runter kullert. In einer Zeit, in der Handarbeit noch das einzig Leistbare war, zumal man viele Leute hatte, die umerzogen werden "mussten". 22 Jahre dauerten somit die Bauarbeiten und am Ende konnte man sich der höchsten asphaltierten internationalen Straße der Welt rühmen.

KKH-PK_03Vom Asphalt ist auf pakistanischer Seite nicht viel geblieben. Gegenseitig versucht man sich voneinander abhängig zu machen. Es sind die Chinesen, die ein Interesse an der Straße haben, also sollen die die Reparaturen zahlen. Dazu hat man nun fast allen Asphalt weggerissen und anschließend einen Baustopp verhängt - vielleicht wird es ja nächstes Jahr was.
Innerhalb einer Generation wurde nun der gesamte Norden des Landes an die Welt angeschlossen, jetzt braucht man nicht mehr Wochen, sondern nur noch einen Tag, um heraus zu kommen, es brachte Schulen und Märkte und vor allem Touristen. Heute studiert die junge Generation, während viele Eltern nichteinmal die Möglichkeit hatten, Lesen und Schreiben zu lernen.


Touristen
Vornehmlich sind es Bergsteiger, die hier ihr Glück versuchen, egal ob durch ausgedehnte Trekks entlang der Hochtäler und Bergrücken oder Kletterer oder gar jene, die die vielen 7 und 8000er besteigen wollen, K2 und Nanga Parbat sind wohl die bekanntesten Gipfel hier. Paraglider sind begeistert von der Thermik und Japaner kommen zur Blütezeit fürs Hanami-Kirschblüten-Fest, wenn hier das ganze Tal weiß von Aprikosen-, Kirsch- und Apfelblüten ist.

Überhaupt sind die zuckersüßen und hart getrockneten Aprikosen hier eine Delikatesse, wie wir sie bislang erst am Ferghanatal gefunden haben. Ein überraschend einfaches aber gutes Rezept ist es, die Aprikosen zu kochen, zu pürieren und in dieser Suppe Nudeln zu kochen, ohne weitere Zugaben.

Seit 2001, seit dem 11. September jenen Jahres und dem damit begonnenen Krieg gegen das Nachbarland bleiben die Touristen aus. Plötzlich ist erreicht, was S.P. Huntington mit seinem Buch "Clash of Civilizations" (1996) als self-fulfilling prophecy aufstellte: Die Konfrontation zwischen Orient und Occident, die Angst vor dem Islam, die Konstruktion von guter und böser Welt.

KKH-PK_04Viele hatten hier ihre Hoffnungen auf ein bescheidenes Einkommen mit dem Tourismus verbunden, man verdingte sich als Träger, Fahrer oder gar Guide, wer ein wenig mehr investierte und organisieren konnte, etablierte sich als Tourenanbieter, wer noch mehr investieren konnte, eine Herberge.
Viele stehen nun leer, die Zeiten sind vorbei. Dabei ist man von Afghanistan genausoweit weg wie Berlin - in Höhenmetern gerechnet. Wer hier wandern geht, wird nichts von Krieg, Islamismus oder dergleichen mitbekommen, auch nicht, wer hier in den Orten verweilt. Mörderisch ist hier der "Killer-Mountain" Nanga Parbat, sind die Berge, aber wer da hinauf will, der tut das auf eigene Gefahr.
Das touristische Potential ist groß. Berauschend hoch arrangieren sich die Berge mit der Höhe, und wo sie etwas Hang preisgeben, arrangieren sich die Menschen mit den Bergen. Viel-, aber wohlgestaltet kleben die Dörfer an den Hängen und sind durch das reichliche Gletscherwasser grüne und bunte Oasen, solange der Winter dies zulässt. Die Temperaturen würden wir Mitteleuropäer aber eher als mild bezeichnen und entsprechend warm wird es sommers. Dies lässt auch die grünen Hochweiden erblühen und so ist das meistgenutzte Angebot hier die mehrtägigen Wanderungen in den Hochlagen. Und die Menschen sind alle nett, offen und interessiert hier und die Gegend ist der beste Einstieg, wenn man dann doch selbst etwas verunsichert ist ob der über Pakistan konstruierten Bilder.
Wir sind sehr angetan von der Ruhe und Erhabenheit der Landschaft und von der Freundlichkeit der Menschen.


Gulmit, das Dorf im See
Wir schwingen uns wieder auf die Räder und machen uns auf zu dem See. Der See wird hier Attabad-Lake genannt, nach dem Ort, an dem vor zwei Jahren, am 4.1.2010 das Unglück passierte. Eine Bergflanke machte sich auf den Weg ins Tal, begrub einen Teil des Ortes sowie 20 Menschen und bildete an einer der engsten Stellen des oberen Tales einen mächtigen Riegel. Der Hunzafluss wurde aufgestaut und bildete innerhalb eines halben Jahres einen 30 km langen und 100 m tiefen Stausee (mittlerweile nur noch 22 bis 25 km), der weitere Orte zumindest teilweise begrub und von der Aussenwelt abschnitt. Der Karakorum Highway wird hier mit Booten bedient, Frachtgut muss dazu umgeladen werden. So müssen auch wir ein Boot finden.
Da uns der nette junge Mann aus Sost Gulmit nahegelegt hat, machen wir das auch, wenngleich es einer von den zwei Orten ist, die nur über Wasser zu erreichen sind. KKH-PK 09Wir bleiben zwei Tage hier und bekommen den Ort gezeigt, der sich steil am Hang entlangzieht und wo sommers auf Terrassen Weizen und Kartoffeln angebaut werden, versorgt mit Gletscherwasser durch Wasserkanäle, die an den steilen Wänden entlanggelegt werden und dann das mineralhaltige Gletscherwasser geschickt auf die kleinen Felder verteilen.
Wir sehen die Häuser in einem Baustil, traditionell von sieben Säulen getragen, deren Kapitelle aufwendig geschnitzt werden und einem Dachaufbau, wie wir ihn zuletzt in Georgien gesehen hatten.


Und wider erwarten ist selbst der Besuch der Schule interessant und verweist in Vielem auf die bildungsoffene Kultur der Ismailiten. Die Menschen hier im oberen Hunzatal (Gojal) sind ein tadjikisch-indogermanisches Volk und ismailisch-islamischen Glaubens. Dieser Zweig sieht ihr Oberhaupt, den Aga Khan, als direkten Nachfahren des Propheten Mohammed und als solchen den Koran auslegeberechtigt. Dies hat bislang davor geschützt, zu verkrusten und sich über die wahre Bedeutung des Korans  zu zerfleischen. Die Menschen sind offen, bildungsorientiert und sehr frei im Glauben. Gebetet wird ohne Vorbeter in einer Versammlungshalle, die kaum als Moschee zu identifizieren ist. Da die Bewohner des Dorfes wenig Vertrauen in das staatliche Schulsystem haben, haben sie in Gulmit eine eigene, kommunale Schule gegründet, die zwar 15$ Schulgeld im Monat kostet, dafür aber koedukativ und größtenteils auf englisch unterrichtet.

Wer hier lebt, spricht nicht nur Wakhi, sondern auch Englisch, Urdu, meist die Nachbarsprachen Burushaki oder Shina. Manche noch Deutsch, Französisch, Chinesisch, Japanisch...

Pakistan, mit seiner Fläche in der Größe gut doppelt derer der Bundesrepublik und mit gut doppelt so vielen Einwohnern, hat so viele Volksgruppen und Sprachen wie China, je nach Zählung gut 50.


 

An den Ufern des Attabad-Sees
KKH-PK 01Am Attabad-Lake sammeln sich einige davon gerade, denn die Anwohner hatten keine Boote und keine Bootskenntnis und so kamen jene Menschen aus den marinen Gebieten, nun bitter frierend, aber mit der Geschäftschance ihres Lebens. Denn die Wände entlang des Stausees sind hoch und glatt, niemand kommt hier vorbei, es sei denn im Boot. Alle Waren, alle Menschen müssen das Boot nehmen, das macht Geld für Bootseigner, Bootsführer, Träger, Imbissverkäufer an den improvisierten Häfen. Improvisiert? Eigentlich nicht mal das.

Nicht mal Poller wurden gemacht, Seile werden um Säcke geworfen oder gehalten, von Pontons ganz zu schweigen. Steil ist es an den Ufern, steil, steinig und staubig. Mühsam werden die Lasten balanciert, das Wasser gefriert am Schiffsrand, auf dem die Träger entlang balancieren. Mühsam bringen wir die Räder wieder zum Boot einen steilen Hang durch Felsen hindurch. Die chinesischen Einzylindermotoren rattern laut, je einer auf jeder Seite, das Wasser spritzt gegen die Räder und gefriert dort. Kalt wird es, als wir die Sonne verlassen und durch einen tiefen Canyon tuckern.

Noch mühsamer wuchten wir die Räder am anderen Ufer, dem Bergsturzriegel, durch wadentiefen Staub und Felsen am sehr steilen Hang durch eine Horde von Trägern, die gar nicht davon ausgehen wollen, dass es das beste fürs Rad ist, wenn man es selbst mach und die bestens im Weg rumstehen, wo ohnehin kein Platz ist. Dutzende Traktoren und Jeeps (ja, die Originalen) stehen bereit, für guten Lohn Ware und Leute über den Damm zu bringen. Wir sind der Menge überdrüssig und verausgaben uns selbst.


Karimabad
KKH-PK 05Innerhalb eines Tages sind wir auch schon an der nächsten Station, Karimabad.
Mühsam ist der Weg hoch, aber wir bekommen ein günstiges Zimmer mit der ersten warmen, nein heißen Dusche seit Kashgar, Strom meistens am Abend und Internet - und eine wunderbare Aussicht auf das Tal sowie die verschneiten Siebentausender um den Rakaposhi. Wir beschließen über die Weihnachtstage hier zu bleiben, spazieren durch den Ort, besuchen die Burg Baltit-Fort und machen einen Höhenspaziergang. Erst steil an einem, schwarzes Gletscherwasser führenden, Bach entlang hoch und dann an einem schwindelerregenden Bewässerungskanal entlang zum "Adlerhorst", dem höchstgelegensten Punkt.

Die Burg ist sehr interessant, da sie die Wohnsituation von vor Jahrhunderten zeigt und in tibetischem Einfluss gebaut wurde. Wenn man aus China kommt, muss man sich erst wieder daran gewöhnen, dass es sich lohnen könnte, Eintrittsgelder auszugeben...
 

Gilgit
Nach Weihnachten kommt Neujahr und kommt, zwei Reisetage später, Gilgit, die erste stadtliche Siedlung, Hauptumschlagplatz, Regierungssitz und Universitäts"stadt" des Nordens. So verbringen wir Neujahr hier, wie immer mit viel Zeit, Strom gibts auch hier nur für fünf Stunden täglich, mehr Wasser gibt es nicht, auch wenn die Armada aus Generatoren, die knattert wie samstags beim Rasenmähen, mehr Geld verschlingt, als weitere, einfache Staudämme.

KKH-PK_07Wo Handel ist, kommen die Händler aus allen Winden. Neben den Ismailis gibt es jetzt viele Shiiten und Sunniten und da es genug Interesse an Entzweiung gibt, gibt es hier immer mal wieder Reibereien. Wir gewöhnen uns an den Blick in die Mündung großkalibriger Schusswaffen und aufgebauter Maschinengewehre, eben an Polizei an jeder Straßenecke. In Karimabad, erzählt man uns, gäbe es noch nicht mal einen Polizeiposten, so gut seien da die Menschen. Nun, hier ist es anders, aber uns betrifft das nicht. Zwar sind wir Ungläubige und in sofern wahrscheinlich ungläubiger als ein Shiit in den Augen eines Sunniten sein kann oder ein Sunnit in den Augen eines Wahhabiten oder wie auch immer - aber wir sind Fremde und insofern immer gerne willkommen. Auch geht es wohl weniger um Glaubensfragen, sondern um Stammesfragen.

Auch hier liegen die Zukunftsaussichten auf Eis. Tourismus bringt kaum Geld mehr, der Chinahandel auch nicht. Der Attabadsee hat die Importe derart verteuert, dass der Handel quasi zum Erliegen gekommen ist. Und warum in aller Welt soll man Elektrowaren verkaufen, wenn es eh nur fünf Stunden am Tag Strom gibt? Dafür verkauft jeder Zweite Second-Hand-Kleider, das hilft besser gegen die Kälte. Die Leute fühlen sich von ihrer Regierung verlassen, aber wählen kann man hier eh nicht: Das ganze Gebiet ist im Zuge des Kaschmir-Konfliktes ein umstrittenes Gebiet und insofern noch immer nicht integraler Teil Pakistans. Bis 1974 konnte so die alten Fürsten, die Mir von Hunza und von Nagyr und anderer Gebiete weiterherrschen.

Wir geniessen die Zeit und wie jedes Mal, wenn uns eine Herberge gefällt, bleiben wir länger als gedacht. Was solls.