Eine Radwanderung

Gilgit - Islamabad    [Bilder]


Zeichen der Zeit

Reiseplanung ist eine tolle Sache. Vieles hat man von schönen Ecken, Tälern, Seen und Bergen gehört, die Finger gleiten auf der Karte in verschiedene Richtungen, sie folgen Flüssen und Linien die Straßen darstellen und sie verweilen an Orten, von denen man hörte..... es ist fast schon so, als sei man unterwegs.

kkh2 11Auch unsere Finger waren in den Tagen in Gilgit viel über die Karte gewandert, unsere Herzen hatten von den Bergen, die eine starke Anziehungskraft haben, und von hohen Tälern geträumt. Wir hatten Pläne gemacht wohin wir fahren könnten, denn das Tiefland zieht uns noch nicht an und wer weiß, ob und wann wir wieder die Möglichkeit haben, diesen Flecken der Welt zu besuchen...
Dann hatten wir in einer der raren Stunden mit Strom und Internet die Wettervorhersagen geprüft und es war von Regen und Schnee die Rede. Damit wurden unsere Pläne zunichte gemacht, denn in einer Gegend, in der es nicht selten vorkommt, dass die Natur sich mit Steinschlag, Erdrutschen oder Unterspülung der Straße in den Verkehr einmischt und diesen manchmal für Tage lahmlegt, war uns noch dazu im Winter dieses Unterfangen zu gewagt erschienen.

kkh2 12So befinden wir uns am dritten Tag des neuen Jahres wieder auf dem Karakorum Highway, der Hauptachse der Provinz Gilgit-Baltistan. Allein diese bietet momentan das Gefühl abenteuerlich unterwegs zu sein. Die Straße, oft gerade breit genug, dass zwei Autos aneinander vorbei fahren können, soll erneuert werden. Dazu wurde die Asphaltdecke entfernt und nun hat man das Vergnügen mit der Schicht darunter die steinig und staubig nur ein sehr langsames Vorwärtskommen zulässt. Momentan befindet sich das Projekt in einem Baustopp, man hofft aber darauf, nächstes Jahr wieder Asphalt zu bekommen.
Erschwerend kommen immer wieder die Kräfte der Natur dazu und auch die Mittel des Straßenbaus sind oft sehr einfach. Die Verkehrsdichte ist sehr gering, auch, weil die Grenze zu China mittlerweile für vier Wintermonate geschlossen und die Querung des Attabad Lake durch Eis erschwert ist. Wir teilen uns die Straße im Wesentlichen mit alten Jeeps, ein paar Mopeds und bunten LKW die uns, reich verziert mit Bildern und Glöckchen, immer wieder aufheitern.

kkh2 14Es geht durch kleine Dörfer, eng an schroffen Felsen und viele Meter über dem Fluss entlang, dann wieder durch weitere Täler mit etwas Ackerbau. Immer wieder gibt es Passagen, in denen die Straße sehr schmal ist und erst kürzlich von Erdrutschen befreit wurde. Hier tun sich besonders die schwerfälligen LKW schwer, die langsam und teilweise mit Einweisung der Beifahrer über Steine und um Schlaglöcher navigieren.
Wo Gletscher Wasser spenden, haben sich die Menschen mit Hilfe ausgeklügelter Kanalsysteme einen Lebensraum geschaffen. Hier gibt es Felder und Bäume - Leben in einer sehr steinigen und lebensfeindlichen Landschaft. In den Sommermonaten zieht auch hier das Vieh auf die Hochweiden, jene Gegenden, die sich jetzt unseren Blicken entziehen und die man sich oberhalb der zerklüfteten Täler nur schwer vorstellen kann.
Liegen die Orte auf der anderen Talseite, so wird der Fluss schwankend über kleine Hängebrücken überquert. Wo solche fehlen oder von Hochwasser zerstört wurden, setzen die Menschen mit einfachen Seilbahnen über - mit viel Gottvertrauen.

Südlich von Gilgit trifft der in Tibet entspringende Indus auf den Hunzafluss und gibt ihm seinen Namen. Diese Lebensader zieht sich durch das ganze Land, sie wird von vielen Flüssen gespeist, viele Kanäle zweigen von ihr ab und ermöglichen im Flachland eine intensive Landwirtschaft. Hier am Treffpunkt der beiden Flüsse treffen drei der größten Gebirge der Welt, Hindukush, Karakorum und Himalaya aufeinander.

Wir steuern auf das Massiv des Nanga Parbat zu, um das sich die Straße in einem Bogen windet. Leider sind die Sonnentage aber wirklich vorbei und unser erster Achttausender verschanzt sich hinter dichten Wolken.

kkh2 13Ein weiteres Wunder der Gegend kann sich uns glücklicherweise nicht entziehen. Bei Chilas treffen wir auf die schönsten und vielfältigsten Steinzeichnungen, die wir je gesehen haben. Sie gehören zur größten Ansammlung von Petroglyphen der Welt, die entlang des Indus von einer reichen Kultur zeugen.
Viele Fundorte mit tausenden von Einzelzeichnungen dokumentieren die Menschen, Kulturen und Religionen, die das Flusstal schon seit Jahrhunderten als Handelsweg nutzten. In Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften Heidelberg werden die Zeichnungen dokumentiert und analysiert. Aufgrund verschiedener Stile lassen sich Einflüsse verschiedener Kulturen herauslesen, die wiederum Aufschluss über die verschiedenen Menschengruppen geben, die hier durchzogen. Zu finden ist eine große Anzahl verschiedener Bilder, die sich über viele Felsen, teilweise direkt neben der Straße erstrecken. Tier- und Jagdszenen, Menschen, Sonnenräder, Stupas und Buddhafiguren werden uns von Kindern des nahen Dorfes gezeigt. Sie klettern auf den Felsen herum, die ihre Spielplätze sind und sie begutachten unsere Gefährte.
Leider wird dieses Erbe nicht mehr lange erhalten bleiben, denn was nach vielen Jahrtausenden noch heute zu bewundern ist, wird in wenigen Jahren in den Fluten eines Stausees untergehen.

Mit weißer Farbe ist die Höhe des zu erwarteten Wasserstandes an den Felsen gegenüber des Ortes Chilas markiert. Auch von diesem größten Ort der Gegend wird ein großer Teil der Häuser dem Hunger nach Elektrizität zum Opfer fallen. Viele Menschen müssen umgesiedelt werden, Ackerland geht verloren und auch die Straße muss verlegt werden. Landbesitzer bekommen finanzielle Entschädigung, erzählt man uns, und so manch einer plant einen Umzug in eine Stadt des Unterlandes. Ärger oder Wut über das Projekt äußert uns gegenüber niemand, nur Sorge um die, die das Projekt härter treffen wird. Die Landlosen, die mit ihrem Vieh in Zelten am Flussufer leben, die Goldwäscher, die heutzutage durch den Indus ihr Überleben sichern können.

Der Einfluss von Tradition und Religion ist hier ein anderer. Von den offenen und kontaktfrohen Menschen im Norden sind wir nun in eine Gegend gelangt, in der wir viel und intensiv angeschaut werden, in der man aber wenig mit uns spricht. Nur wenige Menschen können Englisch hier, die Bildung ihrer Kinder ist den Menschen nicht wichtig und wenn wir uns irgendwo in ein Buch zur Registrierung eintragen müssen, begegnen wir dem Analphabetismus direkt, denn oft kann uns ein Hotelbesitzer oder Polizist nicht sagen, was den die Worte oberhalb der auszufüllenden Spalten bedeuten, wo Name und wo Land einzutragen seien.

Frauen sehen wir in Chilas keine und ganz wohl fühlen wir uns hier nicht, wo den Menschen eine fremde Frau auf einem Fahrrad ungeheuerlich vorkommen muss. Aber auch hier treffen wir auf freundliche Menschen, die sich gut um uns kümmern und uns helfen, so viel sie können.



Szenewechsel ins Flachland

Verschiedene Gründe bewegen uns dazu ein Stück mit dem Bus zu überbrücken, nicht zuletzt mussten wir uns auch selber eingestehen, etwas knapp in der Zeit zu sein. Wir fahren anfänglich mit acht Bussen in einer Kolonne die sich durch den Ehrgeiz der Fahrer möglichst zügig vorwärts zu kommen aber bald verliert. An einem Polizeicheckpoint müssen wir als Ausländer aussteigen und uns in ein großes Buch eintragen, die Polizisten die frierend hinter ihren Häuschen aus Sandsäcken Dienst tun müssen, sind nicht gerade zu beneiden. Der Polizist, der mit einem Gewehr unseren Bus begleitet hingegen hat es besser, er verbringt die Fahrt schlafend auf dem einzigen klappbaren Sitz des Busses. Abenteuerlich geht es entlang tiefer Schluchten und als wir den Indus über einen Pass verlassen, holt der Winter uns doch noch ein und im Schneegestöber kommen wir nur langsam vorwärts.

kkh2 15Uns ist dies recht, denn so erreichen wir Mansehra erst am frühen Morgen. Mit vermutlich weniger als einer Stunde Schlaf verbringen wir die Zeit bis zur Dämmerung in der Kantine des Busbahnhofes mit fettigen Parata, einem beliebten Frühstücksbrot, und Milchtee. Mit der Helligkeit machen wir uns auf den Weg und finden uns in einer gänzlich anderen Landschaft wieder, die wir so in Pakistan nicht erwartet haben. Eine hügelige Landschaft mit Zypressen erinnert an die Toscana, aufsteigender Nebel erinnert an Südchina. Die Architektur ist deutlich europäischer geprägt und uns springt unzählige Reklame für Privatschulen und Hochzeitssäle in die Augen. Vorbei ist es mit der Ruhe der Berge den der Verkehr ist laut und rücksichtslos und ein Vorbeter demonstriert über Lautsprecher seine ganz und gar nicht melodiöse Predigt, dass es in den Ohren weh tut.

Aber wir können ja weiterfahren und das geht auch nach einer fast wachen Nacht erstaunlich problemlos. Erst nachmittags, als wir uns vor einem Regenschauer unterstellen und ich im Stehen einnicke, macht sich der Schlafmangel bemerkbar.

Hier in den Bergen nördlich von Islamabad liegen die Sommerfrischen der Reichen. Früher hatten die Engländer als Kolonialherren ihre Sommerhäuser hier oben in der kühleren Gegend und so zeigen Städte wie Abottabad auch ein europäisches Gesicht und sogar Kirchen sind zu finden.

kkh2 16Weiter geht es hinab ins Flachland, in Weizenfelder und Ziegelwerke und ins Anbaugebiet der besten Orangen der Welt, wie man uns stolz erzählt. Gut sind sie und um nicht wiegen zu müssen wird die Maßeinheit des Dutzend verwendet. Jede Preisangabe gilt hier und auch weiterhin an einfachen Ständen für zwölf Stück.

Wir nähern uns Islamabad und kommen langsam mit dem anderen Gesicht des Landes in Berührung. Mit großen Autos, mit Frauen, die nicht ihre Haare bedecken und mit Menschen, die rein zum Spaß Ausflüge unternehmen. Wir besuchen Taxila, eine der ältesten buddhistischen Stätten mit vielen Fundstellen von Städten, Klöstern und einer Universität in der Gegend.

Während heutzutage andererorts die Buddhastatuen recht gleich aussehen, haben hier griechische Steinmetze aus der Gefolgschaft Alexander des Großen dem Gotama einen klassisch-antiken Touch verpasst und spielen seine Szenen unter äolischen Kapitellen. Sehr grazil aus hartem Stein gearbeitet ist diese Gandara-Kunst in allen Museen des Landes der Stolz des Hauses.



Hauptstadtkosmos

kkh2 17Nach einer Woche tauchen wir in die Welt von Islamabad ein. Die Hauptstadt ist eine Welt für sich, die ganz anders ist als das Land um sie herum. Am Reißbrett geplant ist sie unterteilt in quadratische Viertel die ähnlich der Innenstadt von Mannheim nach Buchstaben benannt sind. Nach diesem Prinzip weitet die Stadt sich immer in Quadraten aus. Oben in Richtung der Berge wohnen die Menschen mit viel Geld die sich in E die bessere Luft leisten können. In F befinden sich die zentralen Quadrate mit Einkaufszentren, Geschäften und Restaurants. Dann geht es hinunter nach G, H und I wo der Wohnraum günstiger wird und das Ansehen sinkt.

Die Stadt ist ruhig, für uns eine Insel der Ruhe, für Pakistanis zu ruhig. Hier ist man den Anblick von Ausländern gewöhnt und deutlich höhere Preise als im Rest des Landes sorgen für Selektion. Es gibt nicht viele Gebäude, die vier Stockwerke überragen und überproportional viel Grün in Verbindung mit breiten Straßen wirken angenehm. Ungewohnt sind hingegen die vielen Straßenbarrieren an denen Polizisten die Fahrzeuge beobachten und kleine Häuschen in denen ihre Kollegen sich mit Gewehren im Anschlag langweilen. Nachts ist oft gar nichts mehr los auf den Straßen und wenn es spät wurde, freut man sich hier über Abwechslung und winkt und fröhlich mit der Taschenlampe.

kkh2 18Wir beziehen auf dem vielleicht einzigen Campingplatz des Landes als einzige Gäste das einzige und einfache aber sehr günstige Zimmer. Immerhin fühlt es sich wieder ein wenig an wie unser normales Fahrradleben, denn wir sind hier in einem großen Park mit vielen Greifvögeln und Krähen und wir kochen vor der Tür. Uns war es in diesem Land nicht immer gut erschienen zu zelten, noch dazu bei oft dichter Besiedelung. So hatten wir bisher die meisten Nächte in günstigen Hotels verbracht und nur noch selten gekocht, was wir sehr vermisst haben.

Unsere Mission, die Beantragung eines iranischen Visums ist nach wenigen Tagen in Gang gebracht, aber verabschieden können wir uns nicht so schnell von der Stadt. Zu wohl fühlen wir uns, zu viel zu Erledigendes hat sich angesammelt und außerdem ist es schön Menschen wiederzutreffen die wir bereits in Nordpakistan getroffen hatten.

kkh2 19Viel zu sehen gibt es nicht, aber das stört uns nicht. Vielmehr staunen wir über die unerwarteten Dinge wie Affen die sich frei im Park tummeln und ein Wildschwein welches mitten in der Nacht über die Straße galoppiert.

Nach zehn Tagen treibt uns aber die Ungeduld und wir schwingen uns auf die Räder um auch Rawalpindi, die Nachbarstadt von Islamabad kennenzulernen. Hier wohnen dreimal so viele Menschen, hier gibt es riesige Basarviertel in denen man schnell den Überblick verlieren kann und hier tobt ein Verkehr wie wir ihn in Islamabad ganz und gar nicht vermisst haben.