Eine Radwanderung

Peshawar  [Bilder]

 

 

"Bei uns trinkt man Kawa", erklärt uns Arsh Khan. Wir sitzen zusammen auf der Terrasse seiner Familie in Rawalpindi, dürfen ihre Gäste sein und begegnen zum ersten Mal der Kultur der Paschtunen. In Pakistan wird viel Tee getrunken, Milchtee mit viel Zucker, der „Chai“ genannt wird. Paschtunen hingegen schwören auf Grüntee, den sie „Kawa“ nennen. Ein wenig wundern sie sich, dass er uns schmeckt.

 

peshawar 108Wir lernen ihn lieben, denn für einige Tage machen wir uns, zusammen mit unserem Freund Zoheb, mit dem Bus auf den Weg nach Peshawar. Peshawar ist, nur 50 Kilometer von der afghanischen Grenze und nicht weit von Kabul entfernt, eine Grenzstadt mit großen Basaren, über die der Handel in beide Richtungen abgewickelt wird. Die größten Basare liegen heute außerhalb der Stadt und uns wird davon abgeraten diese zu besuchen, da dort viel geschmuggelt wird und das pakistanische Gesetz keine Kraft hat. Selbst wenn wir dem Vorschlag des Schuhverkäufers angenommen und mich in eine Burka gesteckt hätten, wären noch Matthias und Zoheb gewesen...

 

Peshawar ist auch die Stadt der Paschtunen, die in Stammesgruppen organisiert mehrheitlich in Pakistan und Afghanistan leben. Sie wird als eine der ältesten lebendigen Städte Südasiens bezeichnet und Herzstück ist ein weitläufiges Viertel, in dem sich verschiedenste Basarviertel aneinanderreihen. Das Alter der Stadt lässt sich nur erahnen, denn die Relikte dieser Zeit liegen längst tief unter der heutigen Stadt. Wenn man den Blick aus den Basargassen nach oben wandern lässt, kann man hie und da noch alte Häuser mit zahlreichen Verzierungen entdecken, hinter einem Gewirr von Kabeln, die lose wie Spinnennetze über den Straßen baumeln.

 

peshawar 103Es ist mehr die Atmosphäre, die die Stadt anders erscheinen lässt, die Händler, deren Urgroßväter schon Businessmen waren, die Männer, tief in die breiten Wollschals gewickelt und mit einem immer etwas grimmigen Gesichtsausdruck der sich schnell in ein warmes Lächeln verwandeln kann, die engen Gassen, in denen man oft nur langsam vorwärts kommt, der Rauch von vielen Schaschlikständen und der Lärm des Verkehrs. Alles ist ein wenig enger, archaischer, intensiver als wir es bisher in Pakistan erlebt haben.

Intensiver ist auch das Interesse an uns, an Ausländern die wir nun einmal sind. Ich lasse meine Haare für die Tage unter einem Tuch verschwinden, das fühlt sich besser an im Gebiet der Paschtunen, für die die Ehre und der Schutz der Frauen zum Ehrenkodex gehört. Im Vergleich zu Rawalpindi, von Islamabad ganz zu schweigen, sind hier sehr viel weniger Frauen auf der Straße. Viele davon sind für den Basargang in eine Burka gehüllt, jenes körperbedeckende Tuch, welches nur ein Gitter als Sichtfenster freilässt. Von außen sieht man nur ein wanderndes Tuch und die meisten meiner zurückhaltenden Begrüßungen bleiben unerwidert. Umso freudiger nehme ich jedes Nicken wahr, das Lüften der Burka wenn man mich, die fremde Frau doch näher betrachten möchte, ein schüchternes Lächeln und einmal sogar ein Gespräch.

 

Wir sind eindeutig in der Welt der Männer und die haben ganz und gar keine Scheu uns anzuschauen, uns zu beobachten und uns anzusprechen. Schnell haben wir einige selbsternannte Freunde, meist Besitzer von Teppich- oder Antiquitätenläden, die uns zum Tee einladen - natürlich nicht ohne Hintergedanken. Die Pattan sind für ihre bedingungslose Gastfreundschaft bekannt. Im Zusammenhang mit Geschäftsgedanken fühlen wir uns aber belagert, wenn der Antiquitätenlädler, von dem wir am Tag vorher angesprochen wurden, vor unserem Hotel auf uns wartet und dann gleich mit ins Museum kommt. Dann sind wir froh über ein Zimmer in dem wir verschwinden und dessen Tür wir schließen können. Ein Schild gegenüber des Bettes weist die Richtung nach Mekka, ein Gebetsteppich liegt bereit, und wir können uns gelegentlich ein wenig ausruhen.

 

peshawar 101Wir erleben aber auch viele angenehme Menschen wie den afghanischen Teppichhändler von Gegenüber. Zwar bekommen wir auch in seinem Laden während einiger Tassen Grüntees verschiedenste Teppiche, Kissen und Schals vorgeführt, nebenbei erfahren wir von ihm und seinem zwölfjährigen Sohn aber auch einiges aus ihrer Heimat. Vater und Sohn leben hier in dem kleinen Laden und der Sohn geht zur Schule. Die Frau mit fünf weiteren Kindern lebt  in einem Dorf in der Nähe von Herat, Afghanistan und gelegentlich treten sie die lange Reise an, um diese zu besuchen. Trotz schwierigerer Zeiten, da auch hier die Touristen immer weniger werden, scheint das Händlerdasein hier aber noch lukrativer zu sein als eine Arbeit in der Heimat.

 

peshawar 105Seit den 80er Jahren und dem Sowjet-Afghanistankrieg wurde Peshawar und die Umgebung immer wieder von Flüchtlingswellen überrollt. Mehrere Millionen Afghanen lebten hier und auch heute noch sollen es mehr als 2 Mio. sein, die hier registriert sind. Viele der Restaurants sind afghanisch und auch zahlreiche Händler, mit denen wir sprechen oder Tee trinken, kommen von dort. Ihr Status ist nicht gesichert und viele fürchten, das Land in dem sie teilweise sogar geboren sind oder ihr halbes Leben verbracht haben, bald in Richtung einer fremd gewordenen Heimat verlassen zu müssen.

 

Wir verbringen unsere Tage zwischen Teeläden und Basargassen, lassen uns hierhin treiben und dorthin. Wir trinken Tee mit Steinhändlern, die wunderschöne Lapislazuli schleifen und Schuhverkäufern, bei denen Zoheb sich ein Paar typische Sandalen machen lässt, aber auch mit zwei Malayischen Radlern auf dem Weg nach London und mit dem Mann des Chipsladens.

 

peshawar 104Es gibt Relikte der britischen Herrschaft wie ein großes Fort, den Uhrenturm mitten im Basar und zwei alte Feuerwehrautos. Diese werden uns stolz von einem alten Mann präsentiert, der schnell den Schlüssel zu den Garagen holt. Die alte Feuerbrigade befindet sich in „Gor Khatri“, einer Anlage auf dem höchsten Punkt der Stadt. Sie hatte im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Funktionen und ist im Stil einer quadratischen Karawanserei gebaut. Dort wo früher unter Rundbögen Karawanen mit ihren Tieren unterkamen, findet man heute ein kleines Museum. Daneben spielen einige Jungs Cricket, das Nationalspiel schlechthin. In der Mitte sind Grünanlagen und es gibt einen Hindutempel. Dieser ist sogar seit wenigen Jahren wieder in Betrieb, nachdem die Ausübung der Religion den Hindus nach der Unabhängigkeit jahrelang verwehrt war.

 

 

 

In der Altstadt, dem einstigen Zentrum, dessen Mauern und Tore vor einigen Jahrzehnten abgerissen wurden und die nun wieder aufgebaut werden, sind die Gassen eng und die Häuser hoch. Sonne kommt teilweise kaum bis unten durch und selbst Motorräder müssen sich durch die Menschen drängen. Die Basarstraßen sind nach der jeweiligen Zunft benannt, die ursprünglich dort angesiedelt war. Der „Ander Shahar“, der Schmuckbasar, ist auch heute noch eine Gasse mit vielen Juwelierläden, in denen aufwändiger Schmuck glänzt und glitzert. Aus finanziellen Gründen ist er heute aber oft nicht mehr echt. Im „Qissa Khawani“, dem Basar der Geschichtenerzähler, findet man heutzutage statt Teeläden mit Menschengruppen, den Neuigkeiten der Erzähler lauschend, Elektroartikel und Kleidung. Wir wohnen in einem Hotel im „Khyber Basar“, einer Straße, an der viele Restaurants angesiedelt sind. Dort hängen die Tiere vor den Läden, bei Bedarf wird das passende Stück Fleisch herausgeschnitten. Nebenan raucht die Holzkohle oder der Gasgrill, macht der Dampf des Schaschlikfleisches uns die Kehle rau.

 

peshawar 102Fleisch ist für pakistanische Verhältnisse nicht günstig, gerade hier aber sehr beliebt. Dazu gibt es Fladenbrot, oder Reis mit Fleisch „Pulao“ genannt, auf den man löffelweise Kräuteryoghurt gibt. Zum Herunterspülen kommt wieder Kawa auf den Tisch. Während des Essens gibt es einfach Wasser aus Blechbechern, die von der Allgemeinheit genutzt werden. An der Wand eines Restaurants hängt dieses Schild: „Bitte prüfen Sie ihr Mobiltelephon, Geld und Waffen bevor Sie den Raum verlassen. Das Management übernimmt keine Haftung für Verluste“. Auf den Straßen sind allerdings nicht mehr Waffen zu sehen als sonst im Land.

 

Zwischen den Restaurants gibt es kleine Saft- und Teeläden. Hier sitzt der Ladeninhaber auf einem Podest aus Beton, in dem das Feuer brennt. Neben ihm ein großer Samowar für heißes Wasser, an einer Säule auf Nägel gehängt kleine grüne Emaillekännchen, die kleinen Teeschalen im Regal. In der Gasse stehen ein paar einfache Holzbänke, der größte Teil des Tees verschwindet aber auf runden Tabletts in den vielen Läden der Umgebung. Zu jedem Teeladen gehören einige Jungs oder Männer mit der Aufgabe, zwischen den Kunden, die den Tee in ihre Geschäfte oder Häuser ordern und dem Teeladen hin und her zu laufen, den Tee zu liefern und das Geschirr wieder einzusammeln. In der Nähe findet sich vielleicht ein Stand an dem frisches Brot gebacken wird, oder wir holen uns „Halvapuri“ zum Frühstück, fettiges süßes Fladenbrot mit einem Klacks süßem Grießbrei, „Halva“ genannt.

 

peshawar 110Die Rückreise treten wir mit dem Zug an. Dieser steht zur Zeit nicht im besten Ruf, da der Verkehr nach monatelangen Lohnausfällen und schlechtem Management nur wenig zuverlässig ist. Uns gefällt die Fahrt vorbei an Feldern und improvisierten Wohnvierteln. Der Zugtechniker entdeckt uns und ist so begeistert, dass er uns einen Tee kocht. Den Rest der Fahrt dürfen wir im Technikwagen verbringen. Hier befindet sich im wesentlichen ein großer Generator, den man uns stolz im Detail präsentiert, der aber wegen Spritmangels oft nicht angeschmissen werden kann. Wir stehen in den offenen Wagentüren und lassen die Landschaft an uns vorbeiziehen, der Techniker hüpft aufgeregt hin und her, denn wir haben ihm versprochen ein Foto zu schicken.