Eine Radwanderung

Lahore - Hair [Bilder]

 

Bismillah ir rachman ir rachim werden wir in diese Stadt gespült, mit der Dämmerung inmitten von Fahrzeugen aller Art eingekeilt, meist Motorradrikschas, unheimlich laut und unheimlich stinkend. Sie knattern links von uns und sie knattern rechts von uns, hupen, um den Vordermann in Luft zufzulösen, der seinerseits nur im Wege ist, weil andere ihm im Wege sind (also hupt er auch und die anderen auch), hupend, um eventuelle Fahrgäste auf sich aufmerksam zu machen im Wettstreit mit den Kleinstbussen und Kleinstpickup-Leute-Transportern.


lahore 53Wir haben eine Einladung in ein Dorf auf der anderen Seite der Stadt, doch für diese Nacht ist das zu weit, wir suchen uns den Weg zu einem Hostel und kommen selbst als Radfahrende kaum noch vorwärts. Aber wir finden unseren Umweg durch abendliche Märkte, vorbei an Eselkarren, Teelaufjungen, Motorradkurieren, Stierkarren und einigen, einigen Autos. Wir begutachten zwei Hostels, schleppen unsere Räder eine immer enger werdende Treppe hinauf und finden uns unter lauter Deutschsprachigen wieder. Zwei Praktikanten bei einer Entwicklungshilfeorganistation im "post-flood-management" auf ihrem Wochenendurlaub in Lahore. Thomas, der dieses Jahr einfach sechs Wochen Urlaub in Lahore macht. Martin, der quasi hier wohnt und für seine Masterarbeit in Entwicklungsgeographie recherchiert. So redet man deutsch.

Wir hatten uns Zeit gelassen, mit Peshawar, mit der Strecke hierher, schließlich steht in den Sternen, wann wir das iranische Visum bekommen werden, Inshallah. Wir machen uns gleich wieder auf, nach Roshni, auf der anderen Seite der Stadt. Dort haben Freunde von Veronikas Eltern - Shahida und Hellmuth Hannesen - vor zehn Jahren einen Ort für betreuungsbedürftige Erwachsene aufgebaut, Mashallah.

Samstag brechen wir  nachmittags auf und werden bald wieder aufgehalten. Wir lernen kennen, was der Stempel im Pass bedeutet: "During your visit to Pakistan, you are advised not to enter any Cantonment...". Cantonments sind Wehrvorstädte, die die Pakistanis von den Briten übernommen haben. Aus keiner Karte geht hervor, wo ihre Grenzen genau sind. Da sie aber für Ausländer mit diesem Stempel im Pass verboten sind, machen sie uns viel Ärger. Noch mehrmals werden wir versuchen, diese Strecke zu nehmen, die einzige direkte Strecke, welche auch die Busse nehmen.

Wir müssen einen Umweg von 10 km fahren, ruckeln über kaputte und verstopfte Straßen, all die Verkehrseindrücke einer südasiatischen Stadt kommen zusammen - schlechte Wegen Lärm, Gestank, Lärm, Staub, Lärm, grandiose Interpreten einer Idee von STVO, Ruß, und, ach ja, natürlich ohrenbetäubender Lärm. Mein Kopf streikt, schmerzt, lärmt immer lauter sich dagegen. Die Straße wird schlechter - im Bau. Und mehr noch Feierabendverkehr. Eine Einladung zum Essen ausgeschlagen, wir wollen nur noch raus. Mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Tor von Roshni, hier ist es nun so ruhig, dass wir die Vögel trillern hören und den gerade einsetzenden Regen auf den Blättern trommeln. Die Architektur der Häuser ist  so gelungen, dass sie allein schon die Anspannung nimmt.

lahore 05Roshni heißt Licht. Die Einrichtung hat sich in den zehn Jahren des Bestehens zu einem kleinen Dorf entwickelt in dem betreuungbedürftige und betreuende Menschen zusammen leben und arbeiten, in dem sich Ost und West begegnen, denn immer wieder kommen Praktikanten und Lehrende aus dem Westen um Roshni für einige Zeit zu begleiten.

Spezielle Menschen finden ein würdiges Umfeld, in dem sie in verschiedenen Werkstätten (Textil-, Kunst-, Holzwerkstatt und Bäckerei) sowie einer kleinen Landwirtschaft eine passende Aufgabe finden. Vierzehn der etwa drei Dutzend Betreuten finden in zwei Wohngruppen ein Zuhause im Dorf.  Zwei Kilometer entfernt ist im nächsten Ort zudem eine Dorfschule entstanden in der z.Zt. ca. 140 Kinder waldorforientiert unterrichtet werden. 

Wir sind erst einmal Gäste, wie wir sie sein sollen und rechnen damit, vielleicht nur eine Woche zu bleiben. Woche für Woche. Fünf sind es am Ende, also übernehmen wir mehr und mehr Aufgaben. Veronika entwickelt für Schreiner, vor allem aber für die Kindergärtnerin neue Ideen, immerzu ist sie am stricken, häkeln, nähen, zeichnen, recherchieren oder sie bäckt Kuchen, macht Brotaufstich, kocht Marmelade.

lahore 03 Ich bekomme meine Aufgabe, da der Hausvater gerade verheiratet wurde und somit öfter beschäftigt oder abwesend ist. So bringt mir Shahid, ein über fünfzig-jähriger Trisomie-21-Patient bei, wie es ist, einen erwachsenen Menschen zu füttern, zu wickeln, zu waschen, und immer hin und her zu heben. Shahid hatte sich das Becken gebrochen und in zwei Monaten Krankenhaus so stark abgebaut, dass er nun komplett pflegebedürftig ist. Und ich habe ihm einen Rollstuhl so umgebaut, dass er entspannter sitzen kann.


Shahid ist der schwerste Pflegefall, alle Anderen können sich weitgehend um sich selbst kümmern. Einige sprechen sogar Englisch und wenn es nur "Yes, Yes, No, No, No Problem" ist oder "What is this?". Einer spricht fast fließend Englisch und Arabisch, er wurde erst durch einen Unfall in seine begrenzte Lage gebracht. Wie gut diese Umgebung auf die Betreuten wirkt, merkt man in der Auffälligkeit, mit der man recht neue Bewohner ausmachen kann.


lahore 01Roshni ist die erste Einrichtung dieser Art für erwachsene Betreute in Pakistan. Ein solch ruhiger und würdevoller Ort, in dem sich Alle wie in einer Familie bewegen können,  ist ein Riesenschritt in diesem Land in dem Behindert oft weggesperrt werden, in dem ihnen ein Leben in der Gesellschaft nur schwer möglich ist und auch Familien mit der Betreuung oft überfordert sind. 

All dies ist nur möglich durch die unablässige Hilfe von Außen, durch Spenden die aus Deutschland aber auch Pakistan das Projekt unterstützen.

 

Projekte wie Roshni sind unheimlich wichtig in diesem Land, sie geben Hoffnung, sie geben Menschen ein Zuhause und sie ermöglichen armen Dorfkindern eine Grundbildung. Wer die Möglichkeit hat und Roshni unterstützen möchte, kann neben Einzelspenden auch Patenschaften für Schulkinder oder Betreute im Roshni Dorf übernehmen und ihnen den Schulbesuch langfristig sichern. Dazu wende man sich direkt an Roshni oder bei Fragen gerne auch an uns. 

Wir zeigen den Betreuten wie den Betreuern, wie wir  sonst auf Tour leben, mit Zelt und Kocher und Rädern. Am Ende zeigen wir hier auch die Präsentation, die wir zuerst für die Schüler und Schülerinnen der Schule zusammengestellt haben. Insbesondere der praktische Teil unserer Vorstellung mit Aufbau des Zeltes, Kochen von Tee und Reifen flicken macht sowohl in Roshni als auch den Schülern der Schule viel Spaß.

 

Die Präsentation zeigen wir auch vor einigen Studenten im Ali-Institut für Lehrerbildung wohin wir eingeladen wurden, da wir den  WWF besuchen wollten der sich auf dem gleichen Gelände befindet. Dieser ist hier wohl ganz gut aufgestellt und so bekommen wir in einige der Arbeitsbereiche Einblick, seien es die populären Blinden Indus-Delfine, ökologischer Einfluss auf die Landwirtschaft oder den Einfluß der Taliban auf den Holzeinschlag in Nordpakistan. Veronika schreibt für deren Magazin einen Beitrag über unsere Reise und für eine Tageszeitung die Grundlage zu einem Artikel, nachdem der Reporter zu eigensinnig ist, um sich auf einen Interviewtermin zu treffen.

lahore 58 Wir treffen uns mit den Radlern der Critical Mass Lahore und radeln mit denen eine Sonntagsrunde, wo es hier schon mal sowas gibt. Überall lernen wir interessante Menschen kennen. Die Wenigen, die sich engagieren für eine bessere Gesellschaft, für Umweltschutz, für Waldorfkindergärten oder die Frau, die als erste Frau in Pakistan motorradfahren lernt, oder der Umweltanwalt...

Und immer wieder erzählen die Alten von den Goldenen Zeiten, als die Hippies mit ihren Bussen hier durchkamen, nachdem sie in Kabul Schwarzen Afghanen gebunkert hatten oder wie sie selbst nach Europa zum Autokaufen kamen und dann mit dem Auto durch den Ostblock hierher fuhren und nirgendwo ein Visum benötigten!
Wir treffen uns wieder mit Zoheb, mehrmals, und unternehmen Ausflüge mit Maria und Miriam, anderen Kurzzeitfreiwilligen hier. So auch zum Deutschen Filmfestival an einem anderen bemerkenswerten Ort der Stadt, der Nationalen Kunst Akademie, wo man hinter einem mächtigen Torbogen die aufgewühlte, bigotte Welt Pakistans hinter sich lässt und in der Ruhe eines grünen Innenhofes eines Gebäudes britisch - südasischer Bauart mit Künstlern in Berührung kommt.

Kopfschmerzen wiederum bereitet mir eine neue Kamera. Mir ist meine zusammen mit vielen gelungenen Bildern in Rawalpindi abhanden gekommen. Ein Kamerakauf ist immer aufwändig, besonders aber bei begrenzter Auswahl und begrenztem Budget. Erst ein Fehlgriff, zurückgegeben, jetzt habe ich dieselbe wie Veronika. Immerhin bewährt.

Immer mal wieder sind wir somit in Lahore. Sei es ein Ausflug mit den Betreuten zu Jehandirs Grab, einem Park, der das Mausoleum enthält, das das Grab enthält welches sehr aufwändige Intarsien enthält - das Grab ist aus einem Mamorblock geschnitten und mit fein gearbeiteten, edlen Intarsien verziert.

lahore 44 Oder das mächtige Fort mit seinen Elephantentreppen und Elephantenwehrgängen, dem Park im Fort und den vielen Gebäuden und Palästen. Gleich Angesicht zu Angesicht steht die Bad Shadi Moschee, die wenig Kunstvolles enthält - dafür Exponate von Muhammeds Turban, ein Haar, eine Sandale Größe 40 und ein Fußabdruck Größe 52, aber das ist auch heute noch so, dass die Flip-Flops mehr als drei Nummern zu klein sind.

 

 
Interessanter ist die Wazir-Khan-Moschee, die in iranischem Stil jedoch mit viel Gelb großflächig mit Fließenmosaik verziert ist. Als wir dort sind, ists Freitag Mittag, Hauptgebetszeit und somit verbringen wir die Zeit in den kleinen Gassen umher, in den bunten Tuchhändlerbazaren, essen Keksartiges in Joghurt-Kichererbsen-Salat und entdecken durch Zufall das alte Bad am Delhi-Gate. Hier sind die Becken zwar aufgeschüttet und als Fußboden gefliest, aber gut erkennbar sind noch die teils alte, teils neue Bemalung, die Architektur, die Heiz- und Wassersysteme, welche Wärme, Warm- und Kaltwasser in die diversen Räume leiten.


Wir besuchen auch das Muss für Lahore-Touristen, den Sufi-Donnerstag. Nachmittags singen ein paar Solisten , vor allem aber Gruppen nach Qawwali - Art. Jede Gruppe hat 10 bis 20 Minuten. Das darf man sich aber nicht als ein Auftritt mit Liedern vorstellen. Jede Gruppe hat ihren Stil, Musik zu machen oder zu "jammen" auf Neudeutsch. Ein bißchen Percussion, eine oder mehrere Ziehharmonika - ähnliche Tischinstrumente, denen aber nur Akkorde, keine Tonläufe entlockt werden. Und die Musik steigert sich in einer durchgehenden Art immer in individuelle Muster hinein. Ein paar Gruppen bekommen einen musikalischen Anspruch hin, der aber in einer akustikfeindlichen Halle, die mehr einer Tiefgarage gleicht, mit viel zu schlechter Lautsprecheranlage keine Chance hat, zu bestehen. Die Gruppen kommen aus dem ganzen Land, um hier auftreten zu dürfen und als Lohn spenden die Zuschauer. Dies geschieht nicht nebenbei oder unter vorgehaltener Hand, das wird inszeniert. Wer Geld hat, zeigt das, geht vor und lässt ein, zwei, drei Bündel 5-Rupien-Scheine (gut 4 ct) regnen, als Anerkennung für Freunde auch gerne über deren Köpfen.  Die restlichen Zuschauer, ernst blickend auf Matten sitzend, legen immer wieder kleine Geldscheine in die Hände von Männern die zu diesem Zweck umhergehen und das Geld später auf der Bühne ablegen. Sobald eine Band von der Bühne geschubst wird, ist es an ihr das Geld schnell einzusammeln und in Plastiktüten mitzunehmen.


Sufis sind eine Strömung im Islam. Sie verstehen sich als Asketen, die durch Trance Zugang zu Allah aufbauen wollen. Dazu gehören Trommeln, Gesang, Gras und wohl neuerdings auch Klebstoff. Donnerstag Abend jedenfalls ist Sufi-Tanz-Nacht, zwei Floors, jeweils drei Trommler, die durchgehend trommeln, sich immer wieder steigern, selbst zu drehen anfangen, sich gerade noch abfangen, bevor die Trommel durch das Publikum rauscht, dazu ein paar tanzende Sufis, denen aber das mystische noch nicht so erschlossen scheint. Die meisten schauen nur zu, allenfalls das Gras erreicht die Menge.


lahore 54 Das war früher anders. Die Sufis hatten entscheidenden Anteil an der Islamisierung des heutigen pakistanischen Gebietes. Die Menschen hier brauchten einen anderen Zugang, schließlich ist der Islam arabisch und passte nicht hierher, genausowenig, wie die Menschen hier einen arabischen Koran verstehen. Bismillah, im Namen Gottes, lernen sie ihn auswendig oder zumindest lesen, verstehen davon aber nichts.

 


Jedes Mal ist es wie ein Aufatmen, ein tiefer Atemzug der Ruhe, wenn wir aus der Stadt wieder nach Roshni kommen. Die Vögel, der grüne verschlungen Garten, das Dach auf dem man Momente der Ruhe genießen und den Blick schweifen lassen kann. Es ist Frühling geworden, warm und die Schawls verschwinden von den Männerschultern. Die Kinder rennen mit der unglaublichen Energie die ihnen eigen ist über den Schulhof und man möchte ihnen zurufen "rennt, rennt solange es euch die Regeln erlauben, solange der Frühling blüht...". Jetzt ist die schönste Zeit des Jahres sagen die Menschen, jetzt bevor der Sommer mit seiner erdrückenden Hitze und dem Monsunregen kommt. Wenn es am schönsten ist soll man gehen, der Mais schaut aus dem Ackerboden, der Weizen ist bald reif zur Ernte und zusammen mit den Milchmännern die die Milch in den frühen Morgenstunden in die Stadt bringen, verlassen wir einen wahrlich besonderen Ort.

Alhamdullilah.