Eine Radwanderung

Dubai - Oman - Dubai



Und dann trug das Schicksal uns in die Lüfte und setzte uns in einer neuen Welt ab.
Wir wollten nie fliegen auf dieser Reise, wollten auf dem Boden bleiben und die Landschaft langsam an uns vorbei ziehen lassen. Nach sieben Wochen Wartezeit hatte der Botschaftsmitarbeiter uns jedoch mitgeteilt, dass Iran uns kein Visum geben würde. Die Zeiten dafür sind schwieriger geworden, das erfahren wir später auch von Anderen.

arabi 01Abgesetzt werden wir in Arabien, in Dubai. Hier sitzen wir am Flughafen auf einer Bank, die eingepackten Räder neben uns, und staunen mit innerlich offenen Mündern über diese so neue Welt, der wir erstmal eine Weile zuschauen müssen bis wir uns bereit fühlen teilzunehmen. Morgens hatten wir uns noch mit Eselkarren die Straße geteilt, jetzt rauscht der Verkehr flüssig in hohem Tempo über die breiten Straßen, die Toilettenspülung reagiert auf Sensor und die Gesichter der Menschen um uns zeigen eine Vielfalt, wie sie nur auf der ganzen Welt zu finden ist - so in etwa muss sich eine Zeitreise anfühlen.

Für Fahrräder ist diese Stadt ganz und gar nicht gemacht. Die Straßen sind vielspurig, der Verkehr ist geordnet und schnell, allein die asiatische Flexibilität des jederzeit mit Allem Rechnens gibt es nicht. Wir kämpfen uns über riesige Crossroads, Exits, Flyovers, Underpasses, Roundabouts, Service Lanes und landen schließlich auf der achtspurigen Stadtautobahn - so geht es nicht! Wir bekommen einen Tipp und legen den Rest der 45 Kilometer zu unserem Gastgeber auf einer ruhigeren Straße in Meernähe zurück.

Außerhalb des Zentrums heißen die Wohngebiete "Greens", "Emirate Hills", "Meadows" oder "Springs" - unrealistisch wirkt dies wie so vieles in dieser Stadt die komplett in die Wüste gebaut ist. Jedes grüne Fleckchen, jeder See in diesen Wohnanlagen ist künstlich angelegt und wird mit entsalztem Meerwasser am Leben gehalten. Und grüne Flächen gibt es viele. Der finanzielle Aufwand, der in den Unterhalt der Rasenfläche einer Autobahnauffahrt gesteckt wird, würde nach drei Jahren das Pflastern der gesamten Fläche mit italienischem Marmor finanzieren.
Dass aber Geld in diesen Mengen keine große Rolle spielt in Dubai, das lernt man schnell. Seit in den 60er Jahren auch in Dubai Öl entdeckt wurde, geht es schnell und schneller vorwärts und ein kleiner Fischerort wurde zu einer der futuristischsten Städte der heutigen Welt. Man hat Platz, man hat Geld und so wird, was denkbar ist, realisiert. Zwar hat sich der Bauboom seit der letzten Finanzkrise verlangsamt, dennoch entdecken selbst Menschen die seit vielen Jahren in der Stadt leben immer wieder wie aus dem Nichts entstandene Gebäude.
"Dubai ist eine Karte, die jeden Tag neu gezeichnet wird" - steht passend an die klimatisierten Bushaltestellen geschrieben.

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Viele Projekte sind Superlative, Burj Kalifa - das höchste Gebäude der Welt, die größte Flagge, ein Hotel im Meer, künstliche Inseln in Form riesiger Palmen - wir fühlen uns wie in einem großen Spielplatz des Experimentierens. Dass dies gut gelingt, darin sind sich alle Menschen mit denen wir in Dubai sprechen einig. Zu verdanken ist die Entwicklung neben dem Öl zu großen Teilen Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, dem Oberhaupt des Emirates Dubai, der mit wirtschaftlichem Gefühl und einer entspannten Haltung das Land auf Kurs brachte.
Heute hat man mit den eigentlichen Bewohnern des Wüstenlandes wenig zutun, nur einmal sprechen wir hier mit einem Araber. In den langen weißen Gewändern der Männer und schwarzen Abayas der Frauen wirken sie unnahbar, ein wenig wie in ein Geheimnis gehüllt, so wie die süß duftende Parfümwolken, die sie umgeben.

Mehr als drei Viertel der Einwohner Dubais kommen aus anderen Ländern. Ein Großteil aus dem indischen Subkontinent und der Rest aus aller Welt. Vom einfachen Arbeiter, oft ausgebeutet und mit wenig Perspektive, bis hin zu denen, die es ganz nach oben geschafft haben, werden sie alle von dem gelockt, was man als den Dubaier Traum bezeichnen kann - davon, hier auf einfache Weise schnelles, gutes Geld zu verdienen. Es ist das friedliche Nebeneinander all dieser Menschen, was uns an dieser Stadt mit am meisten fasziniert - so wie es sonst selten funktioniert und es gerade jene Ethnien sind, die sich zuhause gegenseitig ablehnen, all die historisch gewachsenen Konflikte können hier zumindest scheinbar vergessen werden.

arabien 02Wir dürfen für ein paar Tage bei Arun wohnen, dort in Springs wo die Häuser alle gleich aussehen und der große Gemeinschaftspark hinter den Gärten das Viertel lebendig macht. Arun lebt seit vielen Jahren in Dubai und kann sich nicht vorstellen, nach Indien zurückzukehren. Er zeigt uns ein Gesicht Dubais, aber auch die Viertel mit den engen, vollen Gassen in denen Hindi und Urdu gesprochen wird, die größte Mall der Welt mit Wasserspielen zu arabischer Musik und in seiner gut ausgestatteten Küche entstehen gemeinsam viele Leckereien. Arun hat das Reisen mit dem Rad gerade für sich entdeckt und so passt es gut, dass er sich das Wochenende freinehmen und mit uns gemeinsam aufbrechen kann.

 


Auf einem Flug nach Westen hätten wir ohnehin in Dubai eine Zwischenlandung gehabt. "Wenn wir schon mal dort sind", so hatten wir uns gedacht, "können wir uns auch etwas umschauen". So machen wir uns nun auf den Weg in die Wüste in Richtung Oman. Wir benötigen fast einen ganzen Tag um die Stadt zu durchqueren, allerdings inklusive Reparaturstopp und Mittagspause bei Aruns Tante. Erst am späten Nachmittag wird es außerhalb der Stadt etwas ruhiger, nur der Scheichnachwuchs saust auf Quads mit ohrenbetäubendem Lärm über Fernstraße und durch die angrenzenden Dünen. Wir finden nur einen Schlafplatz hinter einer Düne und werden die halbe Nacht von dieser Lärmkulisse wach gehalten, hoffend, dass der Zaun der uns von der Rennstrecke der Jungs trennt, halten möge.

arabi 05Wüste erleben wir nur kurz in gelben und roten Farbtönen mit einzelnen Kamelen, ehe die Landschaft zum Omangebirge aufsteigt welches sich entlang der Küste der arabischen Halbinsel zieht. Diese Gegend ist einsam, fast verlassen und umso erstaunlicher ist für uns, dass die Straße die ganze Nacht über beleuchtet ist, dass dies bei allen Straßen so sein muss, denn dies ist eine der Kleinsten, die wir auf unserer Karte finden konnten. Arun macht sich am zweiten Tage wieder auf den Heimweg, wir sind am nächsten Tag am Meer und an der Grenze zum Oman.

Das Sultanat Oman liegt am südöstlichen Zipfel der arabischen Halbinsel. Es hat eine ähnliche Entwicklung erlebt wie Dubai, allerdings in gedämpfterer Form und in einer deutlich ruhigeren Grundstimmung. Alles ist entspannt in diesem Land, selbst der Sandsturm der den Himmel  für einen halben Tag verdunkelt, nachdem der Wind uns kräfig die Küste herunter geweht hatte. An diesem Tag sammeln uns zwei Südafrikaner von der Straße und versorgen uns nicht nur mit spontaner Gastfreundschaft, sondern auch mit einer Karte und vielen Tipps zu diesem Land.


arabi 07Diese beinhalten die Abkürzung mit dem Bus in die Hauptstadt Muscat, da ab dort die Küste viel schöner werden soll und unsere Zeit leider begrenzt ist. Muscat ist eine Stadt, die aus kleinen Küstenorten zusammengewachsen und zwischen vielen Hügeln verteilt ist. Wenige Kilometer von der Innenstadt findet man sich schon in einem Fischerort wieder und es ist nicht schwierig sich hier mit dem Zelt einen Schlafplatz zu suchen. Hier trifft uns Johannes, ein Radler aus Berlin, der gerade von der indischen Botschaft kommt. Auch er hat die nächsten Tage Zeit und so beschließen wir über einem indischen Essen, den Weg nach Sur gemeinsam anzutreten.

Dieser führt uns am nächsten Tag über viele Hügel der Steilküste aus der Stadt heraus und in ein wunderschönes Wadi. Wadis sind zeitweilig austrocknende Flusstäler, Trockentäler, die weit in die Berge hineingeschnitten sind. Für einen Tag fahren wir durch diese faszinierende Landschaft, die nur gelegentlich von Dattelfarmen begrünt wird. Das Wetter ist hochsommerlich und Mittags machen wir lange Pausen. Hier kauern wir uns in den Schatten eines Dornenstrauches, den einzigen Schattenspender den wir finden können. Nach einem steilen Pass erreichen wir wieder die Hauptstraße der wir nach Südosten folgen. Die Infrastruktur im Oman ist großartig.  Die Straßen sind in sehr gutem Zustand, wenn auch in der Größe etwas langweilig. Moscheen sind unsere Oasen in denen wir in mindestens jedem Ort kühles Trinkwasser bekommen und uns waschen können.

arabi 03Überhaupt sind die Omaner sehr nett und hilfsbereit und nicht so unnahbar wie die Araber in Dubai. Zwar gibt es auch hier viele Gastarbeiter, aber diese sind deutlich in der Minderheit und viele Omaner leben noch ein ganz normales Leben in kleinen Dörfern oder Städtchen. Oft haben wir Kontakt, viel wird uns zugehupt, gewunken oder wir werden zu Kaffee und Datteln eingeladen während der Sohn für uns Benzin organisiert. Omanischer Kaffee ist dünn und mit viel Kardamon gewürzt. Er wird in winzigen Schälchen gereicht die immer wieder aufgefüllt werden bis man mit einem leichten Schütteln desselben zeigt, dass man kein Nachschenken mehr wünscht. Auch hier tragen die Männer bodenlange weiße und immer blitzsaubere Gewänder, dazu einen Turban oder eine bestickte Kappe. Die Frauen sind in Hausnähe in langen bunten Kleidern zu sehen, für die Stadt werden diese unter dünnen schwarzen Abayas versteckt. Wie immer in islamischen Ländern haben wir aber meist nur mit Männern zutun.

 


arabi 06Wir kommen in die schönste Gegend und treffen wieder auf das Meer, es hat nach den grauen aufgewühlten Tagen des Sandsturmes seine türkise Farbe wiedergewonnen. Mal geht es direkt an daran entlang, dann wieder etwas weiter in den Hügeln. Wir verbringen eine Mittagspause bei eine Doline, einem runden ausgewaschenen Becken in dessen Tiefe blaues Salzwasser schimmert. Die Jungs baden ausgiebig, ich kann mir das noch nicht vorstellen, drei Monate Pakistan sind doch prägend und wir sind hier in einem islamischen Land.
Nach Muscat ist dies der einzige Ort, an dem wir westliche Touristen treffen. In Konvois aus nummerierten Geländewagen kommen sie angefahren und während sie das Sinkhole besichtigen, wird für sie das Picknick bereitet. Ein älterer Herr aus einer deutschen Gruppe spricht uns an und wir unterhalten uns eine Weile. Als wir feststellen, dass ihre 12 tägige Rundreise knapp so viel kostet wie wir für ein Jahr auf dem Fahrrad benötigen, ist er so verblüfft, dass er sich schnell verabschiedet während wir erstmal lachen müssen.

arabi 09Abends erreichen wir mit Wadi Shah den nächsten schönsten Ort und kommen uns fast vor wie im Paradies. Hier wachsen Palmen an den Rändern des bizarr geformten Flusstales und wir erreichen nach etwas Weg durch den Kies einen wunderschönen Pool. Hier bauen wir an der höchsten möglichen Stelle unsere Zelte auf und beschließen nach dem ersten Bad am nächsten Morgen, den Tag hier zu verbringen. Während Johannes das Wasser fast nicht mehr verlassen will, teilen wir unsere Zeit zwischen Schwimmen und Schatten. Ein Spaziergang führt uns das Wadi hinauf, vorbei an Dattelplantagen und weiteren Pools durch die Felswelt.
Abends, nachdem die Flut den Eingang des Wadis wieder freigegeben hat, machen wir uns auf den kurzen Weg in das nächste Tal. Wadi Tiwi ist mit sehr steilen Anstiegen nicht gerade fahrradfreundlich und wir schieben viele steile Anstiege hinauf bis wir an einer Stelle zumindest kleine Pools finden. Nebenan im Lager einiger hier arbeitenden Pakistanis wird gerade eine Ziege geschächtet, am nächsten Morgen bekommen wir eine große Kanne Milchtee ans Zelt gebracht.

arabi 02Noch einmal schwimmen wir im warmen Meer, dann ist die Stadt Sur erreicht. Hier ist unsere Zeit im Oman zu Ende. Leider, denn es hätte noch lange so weitergehen können in schöner Landschaft, mit Sonne, Bergen, Sommer und Meer.
Wir kommen für eine Nacht bei Nick, einem Briten, unter, der hier gerade als Englischlehrer arbeitet und damit schon in so einigen Ländern gelebt hat. Es ist ein Kontrast als wir nach all den Tagen draußen den Abend hier auf der Terrasse des schicksten Hotels der Stadt verbringen, weil es der einzige Ort ist, an dem Bier zu bekommen ist. 

Da im Oman fast jeder einen Pickup fährt, beschließen wir zurück nach Muscat zu trampen. Drei Fahrräder passen aber doch nicht auf eine Ladefläche und so verabschieden wir uns an einer Kreuzung hinter Sur von Johannes der bald nach Indien fliegen wird. Auch wir bekommen ohne langes Warten eine Mitfahrgelegenheit, werden mit Getränken und Leckereien versorgt und dann zu einer passenden Busstation weit außerhalb Muscats gefahren wo wir den Bus nach Dubai noch rechtzeitig erreichen.

Zurück bei Arun verbringen wir noch zwei ruhige Tage mit ihm und Mousa, einem iransischen Radler der in der Zwischenzeit zurückgekommen ist, mit Hängematte, iranischem BBQ und Apfelkuchen.