Eine Radwanderung

Georgien: Tiflis - Zugdidi               [Bilder]

 

Vorsichtig treten wir vor die Tür des kleinen Flughafens und atmen klare, eiskalte Luft. Eine weitere Kleiderschicht wird aus dem Gepäck gesucht, sollen wir gar lange Unterhosen anziehen? Unsere Idee, die durchwachte Nacht in einem Park nachzuholen zeigt doch, wie weit wir von einem kalten Frühlingsmorgen am Rande des Kaukasus entfernt sind. Wir waren nachts um 2°° Uhr bei 24 °C ins Flugzeug gestiegen, jetzt ist es knapp über 0 °C.

 

Als erstes springt uns ein großes, grünes, wohlbekanntes Schild ins Auge: - Heidelberg Cement - Willkommen in Georgien! 

Berge mit schneebedeckten Kuppen tauchen im Hintergrund auf. Davor eine Landschaft, die gerade aus dem Winter erwacht. Hie und da wird erstes Grün von der Morgensonne beleuchtet - es ist ein Wiederkommen.

 

georgien 01Kiew? Istanbul? Tiflis? Wir hatten lange überlegt, wohin wir fliegen sollen - seltsame Entscheidungen, die man zu fällen hat, wenn man plötzlich einen Sprung macht. Tiflis war es geworden, weil uns Georgien gefallen hatte vor drei Jahren, weil sich Südrussland am besten in die Route integrieren lassen würde und weil wir hier vor drei Jahren unsere Schutzbleche abgeschraubt hatten und diese seither bei Gios Vater im Keller liegen.

 

Es war genau die richtige Entscheidung, an diesem Ort anzuknüpfen. Georgische Gastfreundschaft umarmt uns fest und immer wieder auf unserem Weg durch das kleine Land. Noch ehe wir Tiflis erreichen, wandern drei Hände voll Äpfel in unsere Taschen - einfach so. Wir finden die ersten Khatchapuri, jene mit Käse gefüllten Teigtaschen - wiederkommen ist schön.georgien 02

 

Wir hatten uns gefragt, wo Europa wohl anfängt, wo zwischen Kaukasus und schwarzem Meer die Grenze zu ziehen sei... Als wir in Tiflis in die Altstadt kommen, sind wir uns sicher, hier ist Europa! Wir haben das Gefühl, fast zu Hause zu sein, im Kontrast zu den vorherigen Ländern gehen die Unterschiede unter und wir sehen vor Allem die Gemeinsamkeiten. Aber wir fallen auf, gebräunt zwischen den winterbleichen Gesichtern und mit anderer Kleidung werden wir meist gleich auf Englisch angesprochen.

Dennoch kommen wir schon hier in den Seitenstraßen dazu unser Russisch wieder zu aktivieren und später auf dem Land werden wir uns ausschließlich so verständigen, auch wenn gelegentlich noch ein Danke auf Urdu über unsere Lippen purzelt.

 

georgien 03Gio empfängt uns herzlich mit georgischer Gastfreundschaft und mit georgischem Wein.  Er überlässt uns seine Wohnung - "Ihr müsst es so komfortabel wie möglich haben" -, zeigt uns die Altstadt, die Kneipe, in der schon sein Großvater Essen ging und in der das lokale Essen noch immer bestens schmeckt. Ganz georgisch lädt Gio gleich noch zwei einzeln sitzende Touristen an unseren Tisch.

Wir treffen einige andere Radler und sitzen stundenlang zusammen im Park, wir wandeln durch die schöne Altstadt, über die neue gläserne Brücke und zur großen, neuen Kathedrale und wir bewundern immer wieder die schönen alten Häuser und freuen uns über das Leben auf den Straßen.

 

 

georgien 06Dann ruft die Straße, der Frühling, die Sonne. Das ganze Land scheint zu erwachen. Im Wald blühen wilde Veilchen, die Vorgärten sind ein Meer aus Osterglocken. Die Menschen sind draußen mit Frühjahrsarbeiten beschäftigt, mit dem Schneiden der Obstbäume, Herrichten des Weins uns mit hochgekrempelten Armen beim Umgraben des Gartens. Kühe und Schafe spazieren über Wiesen, die einfach nur Wiesen sein dürfen und durch Dörfer, die ein wenig verfallen wirken und doch voll Leben sind. Vor jedem Haus steht eine Bank als unabdingbare Basis, auf der sitzend man dem Leben beim Vorbeiziehen zuschauen kann. Auf der sitzend man den Touristen fröhlich zuwinkt oder von der man aufspringt, um ihnen mit "London, London!" den Weg zu weisen. Wir machen unsere Mittagspausen auf Wiesen zwischen Gänseblümchen und Kuhfladen, es ist der vielleicht schönste Frühling in diesem Jahr.

Überall gibt es Brunnen mit frischem Wasser und selbst ohne Fragen wird uns oft Wasser angeboten. Wir erkennen Wege und Schlafplätze vom letzte Mal wieder, aber natürlich erkennt niemand uns. Niemand außer später eine Verkäuferin in einem Büroladen in Batumi.

 

georgien 04Georgien ist organisiert wie ein asiatischer Basar in dem die Bereiche nach den verschiedenen Zünften geordnet sind. In Georgien ist immer ein Ort von Straßenständen eines Produktes bestimmt. Es gibt die Hängemattenstadt, den Brotpass, die Orangenstraße und einiges mehr. Mit unserer Schwäche für Straßenstände sind wir hier also genau richtig und investieren gleich in ein großes Glas selbstgemachter Marmelade.

 

Es ist eine locker, leichte frühlingshafte Fahrt durch wunderschöne Landschaften deren Hintergrund immer die schneebedeckten Berge bilden. Wir kommen über einen Pass, neben der Straße türmt sich noch meterhoch der geräumte Schnee. Am Nachmittag wachsen einige Kilometer weiter Palmen in den Gärten und am Schwarzen Meer gar reifen Orangen und Zitronen. Wir treffen schon wieder Radler, ein englisches Pärchen, und fahren einen halben Tag zusammen. Unsere Rythmen weichen allerdings zu weit voneinander ab, um uns für länger zusammenzuschließen.

 

georgien 07In Batumi stellt sich die Frage, in welcher Richtung es um das Schwarze Meer herum gehen soll. Ein Schiff, welches wir zu erreichen hofften, fährt an einem anderen Tag und nimmt aber gar keine Europäer mit nach Russland. Ob wir es rechtzeitig durch Abkhazien schaffen? Ein Transit soll möglich sein, ist aber offiziell verboten. In die Türkei wollen wir nicht so richtig, aus dieser Richtung waren wir ja gekommen.

Wir versuchen es mit dem Kaffeesatz, doch der zeigt auch nur ein schwarzes Meer. Also entscheiden wir uns für Abkhazien und fahren wieder nach Norden am Meer entlang. Deutlich sind an den Hügeln noch die Terassen der ehemaligen Teeplantagen zu sehen. Seit Russland den Tee nicht mehr abnimmt, ist die Produktion eingebrochen und allein in der Mongolei hatten wir georgischen Tee gefunden. Jetzt weiden hier Kühe und man pflanzt Orangen- und Mandarinenbäume.

 

Unser letzter Abend ist Ostersamstag. Wir zelten zwischen Haselsträuchern neben einem Kanal und malen Ostereier in drei verschiedenen Sprachen an. Eines für Sarah in Thailand, die so gerne mit uns Eier jagen wollte und die ihr Ei als Video bekommt. Drei weitere in portugisisch und deutsch für Radler, die wir in Tiflis getroffen hatten und die wir einen Tag hinter uns wissen. Diese verstecken wir am nächsten Tag in Zugdidi im Park, wo sie dann tatsächlich am Abend gefunden werden.

 

georgien 08Kurz hinter Zugdidi erreichen wir die Grenze zu Abkhazein. Ein Brief ermöglicht uns den Zutritt. Wir werden auf georgischer Seite registriert und der Beamte informiert mich mehrmals eindringlich auf Russisch: "Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich freiwillig in von Russland besetztes Gebiet begeben. Das georgische Militär kann Ihnen dort in keinem Falle zu Hilfe kommen".

Ich frage ihn, ob er jemals dort gewesen sei. Nein, für Georgier sei es zu gefährlich, nach Abkhazien zu gehen.

 

An der Brücke des Grenzflusses steht eine große Pistole mit verknotetem Schaft. "Do swidanje" sagen wir, schließlich soll keiner wissen, dass wir diesmal erstmal nicht wiederkommen.