Eine Radwanderung

 Abkhazien               [Bilder]

 

Abkhazien ist ja auch so ein Bild im Kopf, vermutete Zustände am Rande Europas, und vielmehr als ein vermuteter Zustand kam uns auch nicht zu Gesicht.

 

georgien 10Hätte uns noch im Flieger jemand gefragt, ob wir nach Abkhazien reisen, wir hätten ihn nicht ernst nehmen können. Abkhazien? Berge des Kaukasus mit etwas Küste, viel Wasser, viel Grün, Meer, Zitrusfrüchte, Wein. Ein Keil, getrieben in die Schwelle Europas, ein Konflikt zwischen Georgien und Russland.

Es geht um Bilder. Seebad Sokhumi, ein Pol für alle Schönen und Reichen. Die Russen hätten ihnen die tollen Sandstrände von Sokhumi genommen, sagen Georgier. Wir finden nur Kies wie in Georgien und verrottete Betonkais.

Die Abkhazen seien von den Georgiern unterdrückt, sagen Russen. Wer bitte? (Wie ist das mit Tschetschenen, Inguschen, Dagestanern etc.?) - und wer sind eigentlich "die Georgier"?

Georgien ist ein Land mit vielen ethnischen Gruppen, wie etwa den Abkhazen. Und es war die Auseinandersetzung zwischen dem damals gerade gestürzten Präsidenten Gamsachurdia (antirussisch) und dem Apparatschick Schewadnadse. Vermutlich haben sich die Abkhazen gar nicht groß für oder gegen einen Freiheitskampf entscheiden können, die Entscheidung war längst gefallen. Das erzählte uns vor drei Jahren ein Georgier, der zur Wendezeit Parlamentarier war und mit dabei, als Georgien den Austritt aus der UdSSR beschloss und damit deren Zerfall einläutete. Als das Abstimmungsergebnis nach Moskau durchtelefoniert wurde, war die Antwort: Man möge sich vorsehen, man nehme ihnen Südossetien und Abkhazien.. Gesagt, getan. In Südosstien sind es gut 70.000 Südosseten, um die zuletzt 2008 gekämpft wurde, in Abkhazien immerhin 200.000 oder so. Genau weiß das keiner, denn die meisten sind gerade mal nicht da. Wer Arbeit will, muss nach Russland, Europa, USA.

 

Der Krieg war für Georgien nicht zu gewinnen, nicht gegen Russland im Hintergrund. Die Russen mussten 2008 Abkhazien zähneknischend als Staat anerkennen, neben Venezuela, Nicaragua, Naulu und Tuvalu, viellieber hätten sie es als Provinz anerkannt. Das heißt aber auch, das die Hilfe von Russland eingeschränkt ist, von Georgien ist ohnehin nichts zu erwarten. An der Grenze über den Enguri bringen Pferdewagen und Plastiktüten das Nötigste, Küken und Limonaden - gegenseitige Freizügigkeit ist undenkbar, ebenso wie eine Einigung.

 

georgien 11Auf unserer Seite aber: Warum eigentlich nicht über Sokhumi nach Russland? Der Krieg ist im wesentlichen 20 Jahre her, die Zustände, die vermuteten, stabil.

Als wir in Tbilissi auf die Idee gebracht wurden, fiel es uns von den Augen. Ja, klar! Recherche: Wurde schon erfolgreich gemacht. Zugangspapier 5 Werktage zuvor per email in Sokhumi beantragen. Knapp, ist aber drin. Zumal das Visum dann nur 10 $ kostet anstatt 120 für die Fähre. Und schließlich haben wir genug gelernt, um Vorurteilen nicht zu schnell aufzusitzen. Dann ist aber noch nicht klar, ob wir die Einreiseerlaubnis so schnell wie erhofft bekommen, also vor dem Wochenende. Und die Mail des Zuständigen in Sokumi:"The tranzit through Abkhazia is illegal" - Wissen wir, für die georgische Seite, mit dem Pass kommen wir nicht wieder nach Georgien, illegaler Grenzübertritt, aber was kümmert das Sokhumi? Wir sind verunsichert.

Am nächsten Tag soll um 12°° die Fähre in Batumi fahren, das sind noch gut 100 km. Ok, wir versuchen erstmal das, radeln in die Nacht und brechen im Morgengrauen wieder auf, halten hinter Poti einen Transit an, der leer ist und uns gerne mit nach Batumi nimmt. Es ist eine wunderschöne Strecke hier entlang des Meeres, wären wir gerne geradelt. Das tun wir dann auch, aber in entgegengesetzter Richtung, denn mit der Fähre wird es nichts (s.o.), nicht an diesem Tag und nicht für Europäer. Also verbringen wir ein paar Stunden in Batumi und machen uns dann auf auf den Weg zurück, wunderschöne Sandstrände, kaum erschlossen. Wir genießen die Zeit, die wir jetzt haben, denn wir haben das Permit erst für nach dem Wochenende bekommen. Das stellt uns aber vor ein anderes Problem: Wir haben für Russland noch Visumszeit vom letzten Sommer, aber nur bis Ende jener Woche. Also haben wir uns zu beeilen.

 

 

georgien 09Wir kommen hinter der georgischen Stadt Zugdidi über die Grenze, welche ja offiziell keine ist. Und zuerst sieht alles aus wie nach dem Krieg. Die Straße ist kaputt, die Häuser leer, der Bahnhof, äh, "kaputt", ein Waggon auf der Seite liegend, Ruinen allenthalben.

Die Straße wird neu, dank der UN, die riesigen Felder bleiben leer, verwaist wie vier von fünf Häusern, geblieben ist hier nur, wer nicht wegkonnte oder musste. Gegangen (worden) sind hier vor allem die "Georgier" sowie alle, die arbeiten können. Wir kaufen Orangen für 25 ct pro Kilo, eines jener wenigen Produkte Abkhaziens.

Erst als wir kurz vor Sokhumi sind, werden die Zustände besser und dann vor allem nördlich davon, wo der Krieg nicht richtig hinkam. Hier lebt das normale, ärmliche Leben, vom einst blühenden Tourismus ist nicht viel geblieben. Auf die Frage, wo es besser sei, antworte ich demnach unumwunden: Georgien. Immerhin gibt es dort Perspektive, während Abkhazien eingekeilt zwischen russischen und georgischen Interessen in gegenseitiger Abschottung verweilt bis niemand ein Zugeständnis machen wird.

 

Für gemeinhin werden wir für Russen gehalten, von denen man sich jedoch auch eher getäuscht fühlt. Kindermund tut Wahrheit kund und so sagt uns ein Steppke: "Schaut wie schön Abkhazien ist, nicht immer nur Russland". Schön hier. Aber warst Du schon mal in Baden-Württemberg? Oder sonst irgendwo? Es ist ja ganz schön hier, aber das wäre es auch ohne die Interessenskonflikte - von denen die Leute selbst am wenigsten haben.

Wir nehmen uns nur gut zwei Tage Zeit, radeln einen davon durch den entleerten Süden mit den verfallenden Häusern, brachen Äckern und sich selbst überlassenen Haselplantagen. Sokhumi hat ein wenig Jugend- bis Zuckerbäckerstil zu bieten, die mondänen Anlagen entlang der Promenade zeugen von stolzen Tagen. So auch in Gagra und manchen anderen Orten nach Russland hin. Ab Sokhumi wird die Strecke deutlich bergiger, wir versuchen uns an einer kleinen Umgehung der Berge und fahren noch mehr auf und ab. Hier reichen die kaukasischen Berge bis ans Meer. Am nächsten Morgen queren wir dann schon ohne weitere Probleme die Grenze zu Russland.