Eine Radwanderung

Ukraine: Kertsch - Simferopol - Odessa




ukraine 05Die Ukraine wartet gleich mit einem Höhepunkt auf, mit einer Fanfare aus Frühling und landschaftlicher Schönheit die die Tage auf der Krim uns bieten. Anschließend verblasst die Begeisterung mehr und mehr um nur am Ende in Odessa noch einmal aufzuflammen.

"Wenn Sie schon überall gewesen sind...
dann sollten Sie auf die Krim fahren.
Wenn Sie noch nirgendwo waren,
sollten Sie ebenfalls auf die Krim reisen.
Die Krim versöhnt Übersättigung und Unberührtheit!"

                                                                                                                                       V. V. Jerofejew

ukraine 01Wir landen am Abend mit der Fähre am östlichen Zipfel der Halbinsel und verzehren am nächsten Morgen den Osterkuchen von Dimas Mutter mit einem letzten Blick auf Russland. Dann machen wir uns auf den Weg in den Süden der Insel, denn Berichte von Freunden hatten uns überzeugt, einen Umweg über diesen, den schönsten Teil der Krim zu unternehmen. Wie viele Landschaften sie vereint, erleben wir gleich am ersten Tag, den wir in Richtung Westen aufbrechen. Wir fahren durch leicht hügelige Landschaft mit Steppencharakter, die uns fast an die Mongolei erinnert - Weite. Nur wenige Orte gibt es hier, dafür viele Wiesen mit ein paar Kuhherden und berittenen Hirten. Am Abend tauchen die ersten Berge am Horizont auf und das Meer.



ukraine 02Die nächsten beiden Tage bilden ein ständiges Auf und Ab, denn die Südküste ist der schönste, aber auch der bergigste Teil, den die Insel zu bieten hat. Es geht nicht sehr hoch, aber es ist steil und da wir parallel zur Küste fahren geht es quer zu kleinen Flusstälern. Immer wieder sehen wir bei den Anstiegen und Abfahrten das klare, blaue Meer zwischen Felsen und Weiden glitzern. Es ist immer da und doch nie so richtig. Wir fahren nur ganz wenige Kilometer an ihm entlang.

Die Straße ist einsam, noch schläft diese beliebte Touristengegend und Hotels und Pensionen wirken leer ein wenig deplaziert inmitten der schönen Landschaft. Wir fahren so viele Kurven und Serpentinen, dass wir am Abend noch ohne Probleme die Felsen des Morgens sehen können. In den kleinen Flusstälern finden wir Dörfchen und etwas Landwirtschaft, meist Wein. Dazwischen viele Weiden, in der Ferne zu den höheren Gipfeln des Krimgebirges hin Wald. Die Obstblüten strahlen weiß und rosa in der Sonne, die uns treu ist.


ukraine 03Ab und an rauscht ein bunt gekleideter Radler auf Trainingskurs an uns vorbei, mehr als ein Winken zum Gruß gibt es selten und es zeigt, wie unspektakulär wir als Radler hier sind auf einer der beliebtesten Strecken russischer Radclubs. Sascha aus Minsk ist auf seiner ersten Radtour unterwegs. Wir treffen ihn gleich am zweiten Tag am Fuße eines Passes. Er war schon mehrfach mit dem Bus auf der Krim unterwegs und ist ganz begeistert von der neuen Reiseart. Seine Frau war aber nicht dafür zu begeistern, sie fährt die gleiche Strecke im Touristenbus und immer wieder treffen sie sich. So auch heute und er muss schnell weiter zum verabredeten Treffpunkt - schade, wir wären gerne ein paar gemeinsame Kilometer geradelt.

 

 


Nach zwei Tagen drehen wir unsere Route mit dem Wind nach Norden. Ein Sturm bläst uns den Pass hinauf und wieder runter, die Bäume rauschen im Wind und wir müssen aufpassen, wenn der Wind sich fängt und überraschend von der Seite kommt. Mehr als einmal werden wir quer über den Seitenstreifen geweht, von der Seite bieten wir mit dem Gepäck eine wunderbare Angriffsfläche. In Simferopol hat ein Autofahrer Glück gehabt, denn nur die kleineren Äste eines Baumes sind auf seinem Autodach gelandet. Dafür ist aber der Trolleybusverkehr lahmgelegt, denn die Oberleitungen müssen erst wieder befreit werden. Wir passieren die Stadt nur kurz und erledigen das Nötigsten, wollen den Rückenwind nutzen.


ukraine 06Jetzt radeln wir ein in eine Szenerie die sich die nächsten Tage nur unwesentlich verändern wird. Felder rechts, Felder links, grüne Felder, braune Felder und dazwischen eine Straße die immer, immer geradeaus zu gehen scheint. Das tut sie natürlich nicht, was wir spätestens dann spüren, wenn wir mit dem Wind zu kämpfen haben, denn der bläst unverändert jeden Tag wieder von Süden. Der Norden der Krim sieht so aus, das Festland auch und der Weg nach Odessa ebenso.
Stur sind aber auch wir und so radeln wir jeden Tag wieder die mehr und mehr befahrene Straße entlang. Bei Seitenwind lassen wir uns von den großen Fahrzeugen fast in den Straßengraben wehen und schlittern im Schotter. Wir sind einfach zu leicht für die Kräfte des Windes, der bald nicht mehr von hinten kommt.


Es wird ein Problem an Wasser zu kommen. Die Orte haben oft nur wenige Stunden am Tag fließend Wasser und wir müssen von Haus zu Haus gehen um jemanden zu finden, der unsere Flaschen füllen kann. Auch dann schmeckt es oft leicht salzig oder abgestanden. Einen Abend klopfen wir bei einsetzender Dämmerung an die Tür einer Wohnung. Das Leben findet hier nicht mehr auf der Straße statt wie in Georgien. In der Wohnung brennt Licht. Ich höre von außen Stimmen: "Schau durch den Spion wer da ist". Dann wird die Tür zweifach von innen verriegelt und die Lichter werden gelöscht. Ungläubig stehe ich vor der nun extra gesicherten Tür und kann das Geschehene nicht glauben. Vielleicht hatte man seine Gründe, aber so etwas ist uns noch nicht passiert und wir waren ja auch gut durch das Fenster zu besichtigen. Die Nachbarn einen Stock höher sich glücklicherweise weniger ängstlich, viel Wasser haben wie auch nicht.
Solche Erlebnisse finden aber auch immer wieder Versöhnung. Dieses Mal in Form eines Truckstops wo wir kurz einkaufen. Ein kleiner Junge stürmt in den Laden: "Mama, ich will auch so ein Fahrrad haben". Als wir die Einkäufe einpacken bietet die Mutter des Jungen uns eine Dusche an: "für euch natürlich kostenlos". Was sollen wir sagen, das Angebot kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn noch ist es zu kalt zum Baden im Freien und Odessa ist noch einige Tage hin.


Wie die Tage ähneln sich unsere Schlafplätze. Die großen Felder sind von Baumhecken gesäumt in denen wir für die Nacht verschwinden. Der Wind hält sich an den Rythmus und pausiert um am nächsten Morgen mit der Sonne wieder loszulegen. Die Tage gleichen sich in schon fast unheimlicher Weise, nur die Straßenschilder lassen uns mit unserer Karte das Fortkommen vergleichen. Motivation bietet die Aussicht auf die Stadt und die Leckereien die wir in den Läden entdecken. Schließlich braucht man auch was für die Seele und die hat sich in "Sirotschki" verguckt. Das sind kleine Quarkschnitten im Schokoladenmantel mit verschiedenen Geschmacksrichtungen und schon bald wissen wir welche Läden die besten Sorten haben.

 



ukraine 08Aber irgendwann kommen auch wieder die Augen an die Reihe, denn wir gelangen nach Odessa und haben das schwarze Meer zusammen mit dem Hinweg fast umrundet. Hier wird unser Bild der Ukraine dann doch wieder ein wenig zurecht gerückt, denn wir treffen auf eine sehr schöne Innenstadt und auf viele nette Menschen die ihre Türen für uns öffnen.


Zuerst aber laufen wir Stefan buchstäblich in die Arme. Er ist vor einem guten Monat von Deutschland losgefahren und auf ähnlichen Wegen wie wir unterwegs. Auch war er vor Längerem bereits für drei Jahre auf dem amerikanischen Kontinent unterwegs und es gibt viel zu erzählen. Es ist ein Glücksfall, denn da wir in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind, tauschen wir einfach unsere Karten aus und erhalten auch gleich wertvolle Tips für die folgenden Tage.


Auch Ludmilla ist eine Reisende, wenn auch ihre Reisezeit schon etwas zurückliegt. Sie war jahrelang Köchin auf einem Containerschiff und ist viel in der Welt herumgekommen. Da gibt es Geschichten von Kuba, aus Stripclubs von Montevideo, von dem Krieg im Jemen der für die Ankunft des sowjetischen Schiffes unterbrochen wurde und von Blumen in Kiel anlässlich der ersten Frau im All. Jetzt teilt die Rentnerin sich die Wohnung mit zwei Katzen und sie lädt uns ein bei sich zu wohnen. Es wirkt als hätte sie uns erwartet. Das Essen ist bereits gekocht und der Divan im kleinen Nebenzimmer ist schnell gerichtet. Die Wohnung ist vollgestopft und eng und wir fragen uns wie die Familie es einst zu sechst hier ausgehalten hat. Sie freut sich sichtlich über Gesellschaft und wir schauen uns geduldig viele Photoalben an als uns in den Abendstunden die Augen schon zufallen wollen.


ukraine 10Auch Nils treffen wir doch noch. Er ist Fahrradmechaniker und Radreisender und mangels Möglichkeit bringt er uns bei einem Freund unter, der ebenfalls Rad fährt. Überhaupt staunen wir über die vielen Sportler und Radler in der Stadt und auf einem eigens angelegten, 5 Kilometer langen Weg entlang des Strandes der für Autos gesperrt ist. Wir bleiben einen Tag länger als geplant und Nils nimmt sich den ganzen Tag Zeit für uns, fürs frühstücken am Strand und für die Stadt die wir zusammen mit seiner Freundin Lena besichtigen.
Ein jeder ist hier bemüht um uns und das versöhnt uns wieder mit dem Land welches uns vorher ein wenig abweisend und langweilig begegnete.