Eine Radwanderung

Rumänien: Oancea - Sibiu - Moraviţa     [Bilder]



rumaenien 09Wir hatten eigentlich nichts, also nichts von Rumänien erwartet. Ein paar Tage Transit, ein paar zuviel, es liegt halt auf der Strecke wie es 2009 schon auf der Strecke gelegen hatte und neben dem Donaudelta wenige Reize zeigte. Verkommen wirkte es damals, so wie jenes Bild, das man in Deutschland von Rumänien hat, Autoknacker, Gullideckeldiebe und so, überhaupt bin ich noch aus der Generation, die mit dem eisernen Vorhang aufgewachsen ist, einem Schleier Nichtwissens der alle Farbe grau werden lässt.
Genau auf den Tag drei Jahre nachdem wir die EU am 30. April 2009 in die Türkei verlassen haben, reisen wir wieder zurück, an der Grenze über den Prut, fast 1000 km lang und doch so unbekannt wie eine bunte Katze.

 

rumaenien 10Die Landschaft ändert sich gegenüber Moldawien wenig, weiterhin queren wir Bachtäler und Hügelketten eine nach der Anderen. Die großen Felder sind etwas mehr mit kleinen Schlägen durchsetzt, die Wiesen häufiger, Europa grüßt an jedem Orstein- und ausgang. Vor allem aber haben wir gar nicht das Gefühl, am Rande Europas zu stehen, sondern mittendrin. Für eine ländliche Gegend ist es hier und auch weiterhin überraschend gut entwickelt, wirtschaftlich wie auch zivilisatorisch. In Tecuci schicken wir nochmal 10 Kg Ladung nach Hause, das übernehmen hier preisgünstige Busunternehmen und nun sind die Taschen kaum mehr halb voll. Essen brauchen wir gar selten auf Vorrat mitnehmen, eigentlich nur Gries und Zucker wegen der Packungsgrößen. Wasser gibt es wieder überall, jeder Ort hat mindestens einen Ziehbrunnen. Ansonsten kaufen wir immer nur nach Bedarf ein und sind jetzt so leicht, dass wir nicht zu viel Mühe haben, die für den Endspurt gesetzten 100 Kilometer pro Tag auch einzuhalten. Und wir durchbrechen die 40.000 km Marke.

 

rumaenien 13Nach den Hügeln kommen die Berge und auf der Karte ist die Straße von einer grünen Linie gesäumt. Nicht von ungefähr, denn jetzt wird es tatsächlich sehr sehenswert. Wir fahren durch die Karpaten, sanft hoch, wunderschöne Wiesen und Felder, die Berge sind allesamt collin, also Kuppen mit Wald oder Wiesen, keine Felsengebirge hier. Die Äcker werden gerade bestellt, oft, sehr oft noch mit Pferd oder Kühen. Das sieht man beiden an, sehr wohlgebaute Tiere, kräftig und erhaben, die schönsten Kühe - würde ich sagen. Pferdewagen sind in manchen Teilen Rumäniens noch sehr üblich. Aber anders als in anderen Teilen der Welt nicht so geächtet. Hier ist es normal, statt mit dem Dacia mit dem Pferdewagen zu fahren, egal ob jung oder alt, die Pferde sind gut trainiert und werden gut auf Trab gehalten - sie sind der Stolz der Leute, nicht deren Scham. Und die Pferdekutschen geben dem Verkehr ein viel quirligeres Dasein.

 

Auf den Wiesen blüht der Löwenzahn, die Wälder zeigen sich in frühestem Hellgrün und das Wetter rumaenien 18lässt uns ohnehin nicht im Stich. Wo Berge sind, geht es auch wieder runter. Der nächste Ort heißt Ojdula - Ozsdula, ach und andere Schilder sind auch zweisprachig: Ungarn. Was weiß man schon über osteuropäische Geschichte, was weiß man schon, dass hier mehrere hundert Kilometer von Magyorszag einmal Ungarn war und dass hier in den besten, flachen Ackerbaugebieten noch immer Ungarn leben - fast auschließlich. Manch Ortsschild ist sogar zusätzlich in Altungarisch beschrieben, das ist in Ungarn schon ausgestorben. Der Ackerbau hat die Menschen hier wohl genährt und so sind die Häuser und Gehöfte groß, hoch, mächtig und reich verziert. Und es gibt keine Brunnen mehr am Straßenrand, wir müssen Wasser wieder suchen, tragen, mitbringen.

Dafür gibt es am nächsten Berg Heilbäder, die lassen wir aber sein und nehmen Schwung für den nächsten Berg und strampeln immer weiter nach Westen. Wir sind sehr angetan von der Landschaft, von den Orten. Es liegt wie ein Schleier etwas über alldem, was es wie aus der Zeit entrückt erscheinen lässt, irgendwo in einer Vergangenheit, die noch lebendig war, die die Landschaft und die Orte selbst lebendig werden lässt. Wer kann diesen Schleier, diesen Dunst nehmen oder geben?

rumaenien 25Wiederum erwartet man gar nichts von den kleinen Örtchen und ist bewegt von dem Charakter der Dörfer, die lebendiger erscheinen als nur eine Ansammlung an Häusern. Oder nehmen wir die Straßen. Sobald man - woauchimmer in der Welt - die großen Straßen verlässt, erscheint etwas von dem Zauber. Oder ist es, wie man sich selbst auf der Straße verhält? Es ist mir, als tauche man durch diesen Schleier in eine Ahnung von der Vergangenheit ein - oder ist es andersrum?
Wir jedenfalls saugen diese Eindrücke auf, sind zwar irritiert, als sich der graue Weg auf der Karte als eine grüne Spur auf der Wiese herausstellt, mehr noch, als auf der anderen Seite dieses Hügels die Löwenzähne allesamt verblüht sind und so verblüht von nun an sein werden. Pusteblume.

 

rumaenien 26Da verliert man schon mal die Straße, aber der Weg stattdessen wird auch schön und wir wissen gar nicht, ob der Weg auf der anderen Flussseite besser gewesen wäre. Die nächste Stadt ist gar dreisprachig ausgewiesen: Rupea - Köhalom - Reps. Mit einer Burg über der Stadt und großen Bürgerhäusern zeigt sie nicht nur ehemalige Bedeutung, sondern auch ehemals deutsche Besiedelung. Wir sind jetzt in Siebenbürgen. Siebenbürgen wurde im 13. Jahrhundert von Deutschen von Rhein und Mosel besiedelt. Die Meisten sind nach dem Krieg und nochmal nach der Wende nach Deutschland zurück gegangen. So ist heute nur noch dort etwas zu erkennen, wo es touristisch genutzt wird. Dass Bradeni einstmals Henndorf hieß, erfahren wir aus der Infotafel an der Wehrkirche. Siebenbürgen ist auch das Land der Wehrkirchen, denn kurz nach der Besiedelung drückten erst die Mongolen, dann die Türken von Süden gegen Europa.
Wir radeln also jetzt durch Orte die einst Agneteln, Bürgesch, Neithausen, Alzen, Leschkirch hießen, die schmucke, gut eingemauerte Kirchen haben und nur in einem Ort sehen wir Jungs in deutscher Tracht. Bevor wir nach Hermannstadt, Sibiu, kommen, treffen wir noch Russen, eine Radlergruppe aus dem Ural die hier zwei Wochen unterwegs ist. Überrascht sind wir, als wir kurz vor Sibiu plötzlich Berge sehen. Richtige, hohe Felsgebirge mit viel Schnee - auch das können die Karpaten.


rumaenien 31In Sibiu schließlich werden es doch drei statt zwei Tage. Unser Gastgeben Radu zeigt uns intensiv die Stadt, die auch erst seit einem Jahr seine ist. Wir entdecken ein schmuckes Altstädtchen, viele historische Gebäude, gut hergerichtet, seit Sibiu 2007 Kulturhauptstadt Europas war. Touristisch nun, ein wenig eitel mittendrin, aber durchaus sehr sehenswert und sehr angenehm.
Aus der Stadt heraus wird es unangenehm, die Autobahn ist im Bau und eine weitgehend einspurige Landstraße erfüllt die Funktion einer Autobahn - weitgehend ohne Sicherheits-Seitenstreifen. Aber nach einem Tag wollen wir eh wieder in die Berge, die kaum mehr Berge sind. Nette Berge, Wald, Wiesen, Ackerbau. Quirliges Leben - die Rumänen sind gerne draußen, sind freundlich, bewegt - ein deutlicher Gegensatz zur Ukraine. Wir radeln über Haţeg nach Reşiţa und kommen nun zehn Tage später in die Donauebene, dem Banat.

Rumnien 37

Noch so etwas. Da fährt man in Deutschland jeden Tag über die Banaterstraße. Auch hier haben die Orte ein alter ego und die Namen auf Grabsteinen heißen Erna und Fritz. Im 17. Jahrhundert kamen die sogenannten "Donauschwaben" in die Gegend um Südungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien. Mittlerweile ist das alles Geschichte, größtteils jedenfalls. Die Deutschen von damals sind gegangen, wiedergekommen sind die Deutschen von heute. Penny und Kaufland haben es in jeden Ort geschafft, Real, Lidl und der Franzose Carrefour sind auch überall so vertreten, dass es kaum Rumänen noch gibt. Jetzt kauft man wieder deutsch. Dabei sind wir in Deutschland diese Präsenz der Hypermarchés gar nicht gewohnt. Aber wir essen unsere ersten Laugenbrezeln und so richtig gutes, dunkles Brot. Jetzt sind wir fast daheim.


10 Tage Rumänien - 10 Tage Transit? Nein, es war eines der schönsten Länder das wir bereist haben. Und das quasi vor der Haustüre.