Eine Radwanderung

 Alp Nanz Juni – September 2012

 

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Schwarzbrot und Alpkäse“ - Träume, die wir uns auf endlos erscheinenden chinesischen Landstraßen, reisverdrossen, zugerufen hatten.

 

Vier Winter sind wir gereist, viermal kam das Frühjahr. Und keines verging ohne einen Blick ins Internet – eine Alp wäre schön....

Der vierte Sommer beginnt und unser Alpchef ist deutlich erleichtert uns zu sehen, das Alppersonal bewirbt sich nicht jedes Jahr aus Pakistan. Eine Fahrt in das Nanztal, wo wir den Sommer verbringen werden, ist Ende Mai noch nicht möglich. Die letzten Lawinenreste versperren noch den Weg, die Sonne arbeitet.

Wir stellen die Räder unter, laden drei Räder Käse in unseren Rucksack und halten die Daumen raus. Für zwei Wochen wollen wir in Deutschland unsere Familien besuchen, unsere Alpsachen zusammensuchen, Ferien machen und so einiges besorgen was neben Käse den Sommer über in unsere Mägen wandern soll.

 

Alp2 08Mitte Juni ziehen wir mit Allem, was wir glauben für die nächsten drei Monate zu benötigen, auf die Alp Nanz im kleinen, wunderschönen Nanztal. Zu finden ist dieses eher unbekannte Tal im Oberwallis, zwischen dem Simplonpass und dem Vispertal. Mit dazu kommt Bernhard als Käser und erprobter Kollege. Und es gesellen sich von Caroline bis Rosi einundvierzig Milchkühe, fünfzehn schwarze Prinzessinen, sechs rosa Schweinchen und acht weiße Hühner dazu. Zusammen werden wir 85 Tage hier oben zwischen 1800 und 2500 müNN verbringen und hoffendlich am Ende viel Käse für die Bauern im Keller liegen haben.

Doch dazwischen liegen viele Liter gemolkene Milch, viele verarztete Wehwehchen, viele Trekkerfahrten, viele Putzstunden von Melkgeschirr, Milchkannen, Ställen, Käserei und gelegentlich auch der guten Stube, viele Stunden im Käsekeller für Bernhard, viele, viele Meter aufgestellter und wieder abgebauter Zäune, viele Kilometer Laufen um Kühe zu holen, Kühe zu kontrollieren, Kühe auf die Weide zu bringen, Tränken zu überprüfen, Vergessenes zu holen oder um mal nach den Blaubeeren zu schauen, viele Stunden Generatorlärm mit Melkmaschinenrythmus, viel Besuch, viel Sonne, etwas Regen, einmal Schnee und 85 viel zu kurze Nächte – doch der Reihe nach!

 „Alp, Alpe, die; höhergelegenes Weidegebiet, das getrennt von den Heimbetrieben während des Sommers genutzt wird“ (Neues Handbuch Alp).

 Die Alpwirtschaft gibt es in den Alpen seit vielen Jahrhunderten. Mehr als tausend sind es nachgewiesenermaßen in unserem Tal, wie wir einem Heimatbuch entnehmen. Wir gehen auf Pfaden, die seit tausend Jahren begangen werden, trinken aus den gleichen Bächen, haben ein Handy in der Tasche und einen Traktor um die Milch zur Sennerei fahren zu können.

Alp2 04Wir sind angestellt, um den Sommer über die Tiere auf der Alp zu betreuen, um sie zu melken und die Milch zu Käse zu verarbeiten, der später im Tal verkauft werden kann. Angestellt sind wir von Bauern, die den Sommer auf ihren Betrieben verbringen und dort vor Allem mit Heuen beschäftigt sind. Für die Landwirte bietet die Alpwirtschaft eine Erweiterung der Betriebsflächen im Tal, Arbeitsentlastung in den arbeitsreichen Sommermonaten (sofern der Bauer nicht selbst mit auf der Alp ist), gesunde Kühe und wohlschmeckende Produkte, die vermarktet werden können und wollen.
Daneben ist die Bedeutung der Alpwirtschaft für Tourismus, Ökologie und Kultur nicht zu unterschätzen. Auf den Weiden, den Magerwiesen, die durch die Beweidung gepflegt und frei von Verbuschung gehalten werden, findet man eine Biodiversität wie im Urwald.

 

Doch ein Alpsommer ist viel mehr. Geprägt von Ruhe und Rhythmus der von den zu verrichtenden Arbeiten, vom Wechsel von Tag und Nacht und den Witterungen bestimmt wird, von den Bergen die erst fremd sind und im Laufe des Sommers zu Bekannten werden, von der Auseinandersetzung mit allen Witterungen, mit der Verantwortung für Tiere und Milch und letztendlich oft auch mit sich selbst, findet man eine Intensität wie sonst selten.

 

Der Wecker klingelt. Kurz darauf eine andere Weckermelodie. Wieder der Erste. Vier Uhr morgens, die Snoothtaste wird zielsicher getroffen und bestimmt den Takt des Konzertes aus bis zu vier Weckern. Verschlafen in die Kleidung schlüpfen, die vor dem Bett liegt. Wo habe ich gestern Abend nur die Stirnlampe hingelegt? Rein in die Gummistiefel und los in die Dunkelheit. Die Füße finden den Weg, die Richtung der Nachtweide, zu den Kühen.

Auch diese schlafen um diese Uhrzeit noch, spitzen die Ohren und recken die Köpfe wenn wir kommen. Wir nicken uns kurz zu, „guten Morgen“, und während ich weitergehe, machen sich viele schon auf den Weg in Richtung Stall. Ich durchquere die Weide bis zum Ende um auch die Letzte zu finden - wie gut, dass Kuhaugen im Licht der Taschenlampe reflektieren. Am schönsten sind die Tage, an denen der Vollmond um diese Stunde die Landschaft sanft beleuchtet und künstliches Licht gar nicht nötig ist. Dies sind mit die schönsten Momente hier, der Punkt zwischen Traum und Wachen.

 Am Stall wird aus Träumen Wirklichkeit. Um Licht zu haben, müssen wir den Generator anwerfen, in dessen Lärm wir nun nach und nach die Kühe auf die drei Ställe verteilen und jede an ihrem Platz anbinden. Was zu Anfang der Alpzeit mit einem großen Durcheinander begann, ordnet sich nach und nach zu einem eingespielten Ablauf, in dem viele Kühe durchaus wissen wo ihr Platz ist, auch wenn sie dies nicht immer zeigen. Schließlich könnte am anderen Ende des Stalles ein Leckerbissen lauern den man auf seinem zugewiesenen Platz verpassen würde.... Wir schieben und ziehen, ermutigen und locken, drohen und kuscheln und schlussendlich sind alle einundvierzig Damen an ihren Plätzen.

 

Alp2 103Wir bauen das Melkzeug zusammen. Für jeden zwei Kannen mit Melkgeschirr sowie eine Austauschkanne. Vor dem Stall reihen wir die Milchkannen auf, statten die erste mit dem Filtertrichter aus und machen uns an die Arbeit. Von Kuh zu Kuh finden wir einen Rhythmus, immer zwischen zwei Kühen und Melkzeugen pendelnd. Dabei muss die Milch der Melkkannen in die größeren Milchkannen umgeschüttet werden, das Feuer des Waschkessels muss im Auge behalten, Holz muss nachgelegt werden, kleine Verletzungen werden am besten auch jetzt behandelt. Warm und weich ist es zwischen den Kuhleibern, kleine Streicheleinheiten werden gerne angenommen und wir werden freundschaftlich beleckt. Schnell sollte man sein, wenn ein Schwanz gehoben wird, denn dann wird es feucht bis grünlich matschig – warm ist beides.

Alp2 05Knapp zwei Stunden später ist alle Milch aus den vierzig Eutern gesaugt und das Krafttraining beginnt. Kannen aus der Kühlung, wo sie über Nacht im Wasser standen, Kannen auf die Traktorladefläche, Kannen vom Stall auf die Ladefläche – Kannen hieven - und das wertvolle Gut ja fest verzurren. Der Weg lässt einem mit ungefedertem Traktor keine Unaufmerksamkeit durchgehen, schließlich soll die Milch im Käsekessi landen und nicht im Gras.

 

Wer will heute fahren? Du, ich?

Alp2 06Wenn es regnet bekommt Matthias den Vortritt, sonst wechseln wir uns ab, wie es passt. Fahren, das bedeutet, die Milch mit dem kleinen Reform Muli zur Sennerei zu schaukeln, für drei Kilometer brauchen wir eine dreiviertel Stunde...

In der Sennerei ist Bernhard für die Verarbeitung der Milch zuständig. Die Milch findet ihren Weg aus den Kannen in das große Kessi, ein Topf voll Milch wird auf den Dampfkessel warm gestellt und wird so nach einem Tag zu Dickmilch für den Eigenbedarf. Ein großer Schluck in eine Kanne für Kaffee und Tee. Rauch qualmt aus dem Schornstein, der Dampfkessel läuft bereits und während wir die Kannen umleeren und vorspülen, werden Neuigkeiten und Wettervorhersagen ausgetauscht. Bernhard ist gut informiert, wir haben versäumt, uns um ein Radio zu kümmern.

Noch schnell etwas Salat aus dem Beet vorm Käsekeller, ach ja, Polenta brauchen wir auch noch, ein Blick zu den Schweinen und, weil man von hier den besten Überlick hat, zu den Eringern. Mit Schwung landen die leeren Milchkannen wieder auf der Ladefläche.

 

Auf dem Heimweg ein kurzer Besuch bei den Prinzessinnen, unserer kleinen Eringerherde. Princess muss mit einem Stück Brot überlistet werden, damit wir ihren Abszess am Hals eincremen können, die anderen Stücke Brot werden verteilt, die Damen haben schnell verstanden, wo die Leckerbissen herkommen.

Alp2 03Unsere Prinzessinen gehören zur Rasse der Eringer, einer alten Rasse kleiner, schwarzer, seltener roter, Kühe mit starken Hörnern. Diese Rasse hat ein ausgeprägtes Kampfverhalten, wenn es um Rangkämpfe geht. So sind Ringkämpfe entstanden, bei denen die Kühe im Ring gegeneinander antreten, bis eine als Gewinnerin – Königin – geehrt werden kann.

Ring gibt es bei uns keinen, dafür saftige Wiesen und steile Hänge, Baumstümpfe, an denen sie sich die Hörner wetzen und zwei Hirten, denen sie irgendwann sogar hinterher laufen. Als die Kühe zu Alpbeginn zusammen gelassen wurden, wurde durchaus gekämpft, dann schien die Rangfolge bei einer kleinen Herde von fünfzehn Tieren aber festgelegt zu sein und erst ganz am Ende konnten wir einen Kampf beobachten. Entgegen ihres respektablen Eindruckes sind Eringer sehr umgängliche Kühe, die meist von Hobbylandwirten gehalten werden. Gemolken werden die meisten nur kurz nach der Kalbung und bei uns grasen sie nur, liegen in der Sonne und gehen gelegentlich dort spazieren, wo es ihnen mehr, den Hirten weniger gefällt.

 

Jetzt aber schnell den Berg hinauf in Vorfreude auf das Frühstück - sechs Stunden nach Arbeitsbeginn.

 

Alp2 09Derjenige, der nicht die Milch fuhr, hatte mittlerweile die Melkzeuge gewaschen, neues Wasser für die Milchkannen aufgeheizt, die Kühe auf ihre Tagweide geschickt, kranke Kühe auf die Krankenweide begleitet, geschwind die Hühner gefüttert, deren Stall wir irgendwann während des Melkens geöffnet hatten, die Ställe geputzt und im besten Fall war auch Zeit geblieben, das Frühstück vorzubereiten, so, dass der Kaffee aufgesetzt werden kann, wenn das Brummen des Traktors unterhalb der Hütte ertönt.

 

Das Frühstück ist eine andere der schönsten Zeiten. Vorzugsweise vor der Hütte mit Sonne im Gesicht und freiem Blick in die Runde. Kurz ist Zeit für die Tagesorganisation: sind Kühe zu behandeln? Wo müssen Zäune gebaut oder abgebaut werden? Welche Weiden wollen wir als nächstes nutzen? Wer wäscht die Milchkannen? Wir brauchen wieder Holz. Brot backen wir morgen. Hast du Diesel mitgebracht?

Nach dem letzten Schluck Kaffee geht es weiter.

Die Milchkannen müssen gewaschen werden – kalt, heiß, kalt – und kopfüber aufs Gestell zum Trocknen. Dass die Kannen nicht einheitlich sind sondern eine Sammlung verschiedener Modelle, macht die Sache nicht einfacher, denn wir müssen immer darauf achten, jeden Deckel bei seiner Kanne zu belassen um nicht später ein großes Puzzle veranstalten zu müssen.

Matthias ist für die Fußpflege zuständig. Er kümmert sich um verletzte oder beschädigte Klauen, schneidet aus, salbt ein, verbindet und zerrt dazu die Patientinnen in den Klauenstand.

Veronika zäunt und zäunt und zäunt oder zäunt ab. Immer wieder die Frage: laufe ich lieber öfter um Material zu holen oder schleppe ich lieber mehr Plastik auf einmal? Dabei werden Weiden erlaufen, Brunnen entdeckt und man lernt die Landschaft kennen. Wo können natürliche Grenzen genutzt werden, wo sollte man zäunen? Wie groß soll die Nachtweide sein?

 

Alp2 101Wir unterscheiden Tag- und Nachtweiden. Letztere liegen im näheren Bereich des Stalles, sind fast komplett eingezäunt und werden in kurzen Intervallen erweitert. Man will ja ungefähr wissen, wo man die Kühe am morgen suchen soll. Die Tagweiden sind viel weitläufiger, oft nur wenig gezäunt und erstrecken sich über große Gebiete. Meist schicken wir die Kühe am morgen in die eine oder andere Richtung und sammeln sie am Nachmittag dort ein, wo sie sich niedergelassen haben.

Der klassische Hirte, der Morgens mit seiner Herde loszieht, die Kühe auf der Weide betreut und sie am Nachmittag wieder heimbringt, ist auf Kuhalpen selten geworden.

 

Das Mittagessen fällt meist schnell aus und in unseren Vorratskisten tummeln sich vorwiegend schnellkochende Dinge wie Nudeln, Polenta, Couscous, Gries etc. Den Vollkornreis dürfen Gäste kochen, das dauert zu lange. Über die Versorgung können wir aber ganz und gar nicht klagen, denn wir essen all diese Dinge äußerst gerne und sind auch meist gut versorgt mit Gemüse und größtenteils selbstgemachten Konserven der elterlichen Vorratskeller. Salat, Rucola und Radieschen wachsen dank der Abwesenheit von Schnecken auf dieser Höhe sehr gut – jeden Tag wieder eine Freude. Wir haben die meisten Grundnahrungsmittel selbst mitgebracht, denn ins Dorf kommen wir nicht. Dort können wir aber im Laden bestellen wenn einer der Bauern zu uns ins Tal kommt, zudem kommen immer wieder Gäste, die um frische und fruchtige Mitbringsel gebeten werden.

 Milchprodukte stellen wir in kleinen Mengen für den Eigenbedarf her: Butter, Dickmilch, Quark und einmal sogar Mozarella. Und weil wir auf Reisen den Backofen das ein oder andere Mal doch vermisst haben, musste nun gar ein Brotbackautomat mit in die Berge. Dieser ersetzt einen Backofen zwar nicht, da wir aber nur auf zwei Stafeln über eine Küchenhexe verfügen, sind wir mit den Ergebnissen unserer Brotbäckerei mehr als zufrieden. Nichts geht am Morgen während dem Melken über eine automatenwarme Scheibe süßen Rosinenbrotes mit Butter. Backen können wir nur während des Melkens, nur dann haben wir Strom aus dem Generator. So bereiten wir den Teig vor und nutzen die Maschine nur für den Backvorgang selbst. Bis zu zwei Brote schaffen wir pro Melkzeit, oder Rosinenbrote, oder Kuchen, oder Marmeladenbrötchen die dann doch die Form eines großen Brotes bekommen....

Die kulinarischen Höhepunkte direkt aus der Natur müssen mit Geduld erwartet werden. Immer wieder finden wir auf unseren Weiden Pilze, so viele, dass am Ende gar eine gute Menge in getrockneter Form mit uns nach Hause reisen wird. Die Beeren aber brauchen ihre Zeit. Himbeeren gibt es besonders viele in der Hausruine hinter dem Schweineauslauf, Blaubeeren verteilen sich über weite Gebiete, so dass wir auf dem Weg zu den Kühen oft einen kurzen Blaubeerstopp einlegen. Nur mit dem eigenen Einkochen wird es nichts, als wir endlich richtig Zeit zum sammeln haben, kommt uns der Frost zuvor. So bleibt die Erinnerung an Gabrielas Marmelade, ein paar Gläser immerhin, und an viele leckere Beerenquarknachtische.

 

Alp2 02Kurz nach dem Mittagessen ziehen wir wieder los. Es gilt die Kühe zu suchen, einzusammeln und zum Stall zu treiben. Meist wissen wir in etwa wo sie zu finden sind, mal zählen wir, mal schätzen wir, ob wir alle beisammen haben. Manchmal fehlen welche, dann muss man sich auf die Suche machen. Da man nach einer Weile seine Kühe kennt, kann man anhand der Fehlenden in etwa schließen wo gesucht werden sollte. Bis alle beisammen sind und sich langsam, manchmal widerwillig, auf den Weg machen, hie und da noch den leckersten Bissen des Tages finden und nicht verstehen warum es weitergehen soll, bis wir so beim Stall angelangt sind, sind um die zwei Stunden vergangen.

Nur ganz zum Schluß gibt es einige Tage an denen sie uns überraschen und pünktlich um vier Uhr schon alle vor dem Melkstand warten.

 

Alp2 102Das Melken verläuft wie am Morgen, ein schöner Tagesabschluss wohlig, warm zwischen den weichen Kuhleibern. Die Arme spüren die Lasten des Tages, wir schleppen die vollen Milchkannen zum Kühlbecken wo sie über Nacht mit stetig nachfließendem Wasser gekühlt werden.

Wasser gibt es auf der Alp, es fließt ja stetig den Berg hinab und kann in Leitungen gefasst zur Alp gelangen. Quellwasser fürs Haus und die Käserei, Bachwasser für die Stallreinigung und die Tränken.

Kalt ist es, so kalt wie ein Gebirgsbach. Eine Dusche gibt es nicht mehr und die Durchlauferhitzer funktionieren nicht. Dafür steht eine Badewanne neben dem Waschkessel. Zeit mit dem Holzfeuer das nötige Wasser zu erhitzen nehmen wir uns aber selten.

 Nach dem Melken. Eine nach der Anderen binden wir die Kühe wieder los, entlassen sie in einen beginnenden Abend. Zuerst die schnellen und die, die vorne an der Stalltür ihren Platz haben. Einige haben sich hingelegt, beim Aufstehen folgt der fast immer gleiche Ablauf: ein kurzes Recken, Schwanz hoch und raus den weichen Fladen. Und das wirkt ansteckend....

 Sind alle Kühe auf die Weide entlassen, alle Melkzeuge gespült, Ställe geputzt und Lichter gelöscht, dann ist Feierabend. Abendessen in der Hütte, Katzenwäsche und Weckerstellen – uns bleiben nur wenige Stunden Schlaf bis es wieder losgeht.

Hast du den Hühnerstall zugemacht?

 

Drei Monate verbringen wir mit den Kühen hier oben zwischen Himmel und Bergen.

Alp2 01Unserer Sesshaftigkeit nähern wir uns in Raten, denn die Alp Nanz hat vier Stafel, die wir mit den Kühen nacheinander abweiden. Die Käserei ist am Hauptstafel angesiedelt, wo Bernhard ist. Wir ziehen viermal mit den Kühen, mit Generator, Melkmaschine, mit Zahnbürste und Matrazen um. Viermal holen wir eine Hütte aus dem Winterschlaf, viermal wintern wir eine Hütte nach der Nutzung wieder ein. Gegen die Mäuse und ihre Hinterlassenschaften kommen wir nicht an.

 

Nachbarn haben wir kaum. Weiter unten im Tal gibt es eine weitere Alp mit sporadischem Kontakt. Dafür haben wir viel Besuch, der uns begeistert beim Melken, Stallputzen, Küheholen, Zäunen, Kaffeekochen und besonders Kochen unterstützt, der uns mit Neuigkeiten versorgt, ausfragt und Alpluft schnuppert – vielen Dank!

Alp2 07Anfang August kann der erste Käse der Saison gekostet werden. Geschmack hat er jetzt nach sechs Wochen noch wenig, aber in Form von Raclette am Lagerfeuer macht er sich gut. Je länger der Käse lagert, umso intensiver wird der Geschmack.

 Schwarzbrot und Alpkäse? Essen wir immer und immer wieder gerne.

 Anfang September ist der Sommer vorbei. Es wird merklich kühler, am ersten des Monats schneit es und eine Woche später geht es nach Hause. Die Kühe spüren den Herbst, ob sie sich auf den Winter freuen?

Still ist es jetzt. Keine Glocken sind mehr zu hören, die Schweine wurden abgeholt. Einzig die Hühner, welche von ängstlichen Legebaterieviechern zu frechen Alphühnern wurden, leisten uns noch Gesellschaft. Wir haben noch einige Tage zu tun und genießen den Luxus der freien Zeiteinteilung, die dem Tag den Rhythmus nimmt. Als alle Holzlager gefüllt und alle Zäune verstaut sind, kommen auch wir noch dazu ein wenig zu wandern und das Tal außerhalb unserer Weidegebiete zu erkunden.

 Mitte September beladen wir unsere Fahrräder wieder. Überladen sie, denn drei Laibe Käse und die fünf Hühner begleiten uns ins Tal. Das erste Mal seit drei Monaten kommen wir wieder ins Dorf, verabschieden uns von den Alpbauern.

 

Kommt ihr nächsten Sommer wieder?

 

 

 

Erklärendes und Anderes:

 

Alpkäse: Alpkäse ist Käse aus Milch von Kühen, die auf der Alp weiden, die an Ort und Stelle in handwerklicher Tradition auf der Alp verkäst wird. Alpkäse wird nur in den Sommermonaten hergestellt in der je nach Region zwischen ca. 70 und 120 Tage währenden Zeitspanne, in der die Kühe die hoch gelegenen Bergwiesen abweiden → sagt Wikipedia. Bergkäse dagegen ist eine Art Käse, ein Rezept, wie er traditionell auf den Alpen im Osten der Schweiz gemacht wird, aber genausogut im Tal gemacht werden kann.

 

Sennerei ist die Käserei, in der die Milch zu Käse verarbeitet wird, in der viel geputzt und und bei uns gelegentlich auch geduscht wird.

 

Kessi, das, großes Kupergefäß in welchem der Käse hergestellt wird. Heutzutage sind die Käsekessi meist dampfbetrieben, direkt über dem Feuer wird immer seltener gekäst. Der Dampf wird mit Holzfeuer in einem Dampfkessel erzeugt.

 

Stafel, der, eine Stelle im Alpgebiet, auf der die Tiere für eine Zeit des Sommers weiden. Meist sind hier Ställe und eine Hütte zu finden wo das Personal während der Zeit wohnt und wo auch gemolken wird. Früher wurde auch die Käserei mit verlegt, mittlerweile fordern Normen und technische Erweiterungen modernere Käsereien und die Milch wird transportiert.

 

Wissenswertes, Interessantes, Erstaunliches und mehr kann man auf Zalp.ch erfahren, der Seite für Älplerinnen und Älpler. Und wem dies nicht genügt, dem sei das "neue Handbuch Alp" empfohlen oder ein Sommer da oben. 

 

Und wer nach diesem Bericht Appetit bekommen hat und das Leseerlebnis um ein Geschmackserlebnis erweitern möchte, der wende sich an uns. Wir haben einen Teil unseres Lohns in Form von Käse erhalten und noch lagern einige Räder im Keller.