Eine Radwanderung

Nanztal - Heidelberg     [Bilder]

 

Es fühlt sich genauso vertraut an, wieder in die Pedale zu treten, wie es immer noch vertraut war, im Frühsommer den Kühen hinterher zu laufen. Wir hatten uns beeilt, rechtzeitig zur Alpfahrt in die Schweiz gekommen zu sein, die Tour war für uns aber noch nicht zu Ende. Schließlich wollten wir mit den Rädern nach Hause fahren, wollten wir Deutschland noch mit dem Rad erkunden und so viel wie möglich Freunde besuchen - Freunde aus der Zeit vor der Reise und einige von all denen, die wir unterwegs kennengelernt haben. So führte uns der Weg gar nicht so eindeutig Richtung Heimat, sondern erst einmal in die Entgegengesetzte.

Ausrollen002 - Den Sommer vor der Reise, 2008, waren wir ja auch auf einer Alpe im Wallis, nur zwei Täler weiter westlich gewesen. Dort ist immer noch derselbe Rinderhirte, der Andi, mit seinen verschiedenen Herden an Fleck- und Braunviehrindern, Eringerrindern und jungen Eringerkühen. Andi hatte uns aufgrund der flexibleren Arbeitszeiten eines Rinderhirten dreimal besucht auf der Alp, jetzt wollen wir noch bei ihm vorbei. Mit im Gepäck die verbliebenen fünf Hühner und drei Laib Chäs, für beides haben wir eine Abnehmerin, mit der wir uns allerdings erst ein paar Tage später zur Übergabe treffen können. So sind die Hühner nun auch noch ein paar Tage mit im Turtmanntal und erweisen sich als durchaus reisetauglich.

Mit Andi zusammen radeln wir weiter Rhône abwärts ins welsche / französischsprachige Unterwallis, denn von dort hat ihm jemand erzählt, gäbe es eine warme Quelle in einer Höhle zum Reintauchen. Trotz einem gebrochenen Umwerfer finden wir unseren Weg dorthin ins Eringertal. Die Quelle entpuppt sich als gefluteter Stollen, mehr lau als warm, wenn man da zweimal durchtaucht, gelangt man nach ganz hinten in eine Grotte. Ganz nett, aber warm ist wärmer - besonders im Herbst.

Ausrollen001 - Die Quelle ist tief unterhalb der Straße und die Wanderwegweiser geben die gleiche Gehzeit in den Ort oben an der Straße an wie auch bis zum Talausgang im Rhônetal - anderthalb Stunden. Dass wir auf unserer langen Reise noch nicht mehr gelernt haben...

Wir beschließen jedenfalls, den Wanderweg im Tal zu nehmen, der anfangs noch fahrbar ist und dann immer mehr zum Wander- und Kletterweg wird. Andi hat kaum Gepäck, wir allerdings unser Gesamtes. Es dauert viele Stunden, bis wir das mit viel Schieben und Tragen geschafft haben.

Es ist ein sehr schöner Weg, aber wirklich nur ein Wanderweg mit schmalen Abschnitten, sehr steilen Partien und Treppen. Am Abend sind wir dann aber genau richtig in Turtmann zurück um dort den Eringerfilm "Kampf der Königinnen" zu sehen - exklusiv mit dem von hier stammenden Regisseur Nicolas Steiner. Turtmann ist ein kleiner Ort der kein Kino hat. Der Verein Roadmovie bringt aber jeweils im Herbst Kinokultur in kleine Schweizer Orte und so sitzt hier in der Sporthalle der Schule das halbe Dorf vom Kind bis zur Oma.

 

 

Ausrollen012 - Es ist Zeit, das Wallis zu verlassen und Pässe zu fahren - wir legen gleich zwei drauf. Wir entscheiden uns für den Nufenen (2478m), rollen hinab nach Airolo und besuchen Angelo, den Alpmeister jener Alp, auf der Veronika 2007 gearbeitet hat. Nach einem fetten Rösti-Essen fahren wir noch auf den Gotthard-Pass, die alte, schön zu radelnde Via Tremola, schlafen oben auf und radeln am nächsten Tag auch noch den Oberalppass, um dann im Rheintal bis Liechtenstein zu fahren.

 

 Ausrollen003 - Ja, das geht noch, Pässe fahren aus dem Stand sozusagen. Die Berge beginnen, ihre triste "der Sommer ist vorbei, lasst uns doch in Ruhe"- Kappe aufzusetzen, das Vieh ist allerorts schon im Tal, das Gras alles andere als grün. Eine ganze Gruppe Steinböcke sehen wir am Nufenen unweit der Passhöhe - und nicht weit oberhalb der Straße. Es ist kalt geworden, oben in den Bergen, und nass. Unten im Rheintal wird das Wetter schön, so dass wir den Rheincanyon bei Ilanz in schönem Lichte erleben dürfen.


Liechtenstein ist es ja wirklich nicht groß und somit bekommt es die Ehre, jenes Land zu sein, in welchem wir uns am kürzesten aufhalten, geschlagene vier Stunden. Hierbei inbegriffen ist ein Päuschen in Vaduz, schließlich gibt es ja auch hier Kunstwerke, sowie einen offenen Bücherschrank - eine sehr gute Einrichtung, insbesondere für lesehungrige Reisende.


Ausrollen004 - Und schon sind wir bei den Österreichern, bei denen wir den Flexenpass anpeilen, da uns das Lechtal als die ruhigste Option erscheint, nach München zu kommen.
Das Lechtal ist nicht nur ruhig, sondern auch wunderschön. Man wird auch nicht müde, auf etlichen Hinweisschildern darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um eines der letzten Wildflusstäler Europas handle. Und so wirkt es auch. Wir fühlen uns nach Sibirien zurückversetzt, wo Flüsse normal sind, deren Bett aus Kieselsteinen besteht und deren Ufer in einen Auwald übergehn.

 

Wie haben uns in der Schweiz sehr gut an die vorzüglichen Radwege gewöhnt und auch in Österreich gute Erfahrungen gemacht. In Deutschland allerdings fahren wir manchen Kilometer extra, müssen doch ständig auf die Karte schauen und sind nicht sehr zufrieden mit der Wegführung, der mangelhaften Ausschilderung, der ungenügenden Planung. Immer wieder verlieren wir den Weg oder fluchen darüber, dass die Alternative zur schnellen Straße nun mal der schlechte Weg mit viel Umweg ist, der noch über den größten Berg führt. Aber wir finden unseren Weg durch das schwäbisch-bayerische Voralpenland, das uns ausnehmend gut gefällt. Auch sind die Leute hier gar nicht so, wie man Deutsche befürchtet, sie sind freundlich, interessiert, offen, sehr positiv beherzt.
Wir finden den Weg zum Starnberger See und wählen den Weg nach München an der Isar entlang. Wieder sind wir baff, wie wir dann fast in der Innenstadt stehen und immer noch im Grünen, so weit zieht sich der grüne Uferbereich in die Stadt. Hier gehen Leute baden, gleichwohl es schon recht kalt ist, liegen sie im Gras oder spielen, flanieren an der quirligen Isar.

In München besuchen wir meinen Bruder und einen Freund aus Heidelberger Zeiten, der hier nun Geigen schreinert. Wir treffen Anna, mit der wir in Pakistan ins Jahr gestartet waren und staunen über die Wellenreiter der Eisbachwelle, die Sonne und die grüne Stadt.

Ausrollen006 - Weiter fahren wir an und um den Chiemsee. Hier treffen wir Walter, der mit seinem Handbike schon fast 400.000 km geradelt ist und nun, genug des Radelns, aufs Rudern umsteigen will. Dafür trainiert er hier mit einem Hochseeruderboot für eine erste Tour im Mittelmeer. Eigentliches Ziel am Chiemsee ist aber bei Andi zu Hause, einem alten Bauernhof am See wo wir drei Tage verbringen.

 

 

Ausrollen007 - Ihr merkt, wir verlieren immer mehr die Richtung nach Hause und weil wir schon mal dabei sind, radeln wir gleich nochmal nach Österreich um dort zwischen Irrsee und Ybbsitz drei Paare zu besuchen, die wir auf der Reise kennengelernt hatten. Mit Anne und Martin waren wir in Laos zusammen geradelt, Susanne und Bernhardt hatten wir mehrfach in den tibetischen Bergen getroffen und Birgit und Martin ziemlich genau hier, als sie von einer ebensolangen Reise zurückkamen und wir gerade aufgebrochen waren. Diese treffen wir an dem Haus, an dem sie gerade bauen und mit ihren mittlerweile zwei Kindern.

Ausrollen005 - Das ist dann aber der Kehrpunkt und wir radeln runter an die Donau und stromaufwärts nach Deutschland zurück, ein Stück, das wir vor recht genau vier Jahren runtergepaddelt sind. Die größte Schleife von all Jenen, die wir gezogen haben, schließen wir hier. Die damaligen Schlafplätze werden wieder lebendig, gleich so viele an einem Tag - kann das denn möglich sein? Staustufen kommen uns so bekannt vor: das war doch die, durch die wir durchgeschleußt wurden, ohne dass ein Schiff dabei war!? An dem Ruderclub, wo wir damals heimlich unter einem Dach schlafen wollten und dann nicht durften, sondern in der warmen Umkleide schlafen mussten und duschen durften nach langer Zeit - da gehen wir ein Radler trinken und diesmal bekommen wir hier eine brauchbare Fahrradkarte geschenkt.

Passau. Ein letzter Grenzübertritt, die dritte Einreise nach Deutschland, eine Runde durch die Stadt, dann in den Bayerischen Wald. Wir besuchen Suse, eine Freundin aus Heidelberg, die vor der Reise mit uns auf der Alp war.

 

Doch wo wollen wir eigentlich hin?

Berlin, komm, wir fahren nach Berlin. Wenn schon, denn schon, aber die Zeit, die wir uns gesetzt haben aufgrund eines Termines reicht nicht. Es schneit zum ersten Mal. So steigen wir morgens in einen Bayrischen-Wald-Zug und abends aus einer Berlin-S-Bahn wieder aus. Ist Zugfahren unkompliziert hier! Roll on, roll off - neun Mal. Keine Räder zerlegen, nicht am Gepäckschalter abgeben, kaum, dass wir die Räder trotz einiger Male Umsteigen in den Nahverkehrszügen tragen müssen. Hindernis sind nur ein paar Bäume auf den Schienen wegen dem Schnee und dass ich in Bayern auch dieses Mal in eine Personenkontrolle komme, sehe ja schon so aus.


Ausrollen008 - In Berlin treffen wir nicht nur gute Freunde und Bekannte, ja sogar mitten auf der Straße, sondern auch Dima und Olga. Ihr erinnert euch? Unsere russischen Freunde, die wir in China getroffen und in Krasnodar besucht hatten. Sie haben sich wieder auf die Reise gemacht, waren den Herbst über in Skandinavien und sind nun in Südamerika für unbestimmte Zeit.

 

Ausrollen009 - Mit ihnen wollen wir durch Deutschland radeln und ihnen Deutschland zeigen. Den Wagenplatz, auf dem wir zu Gast sind, türkische Bazare, Fachwerkdörfer in Brandenburg, solche in Mittelhessen, Kulinarisches.

Es sind schöne Tage unterwegs zu viert. Mit anderen unterwegs, muss man immer einen gemeinsamen Rhythmus finden und sich aufeinander einstellen. Das klappt gut und so radeln wir durch Berlin und Brandenburg Richtung Leipzig. Die Gegend gefällt, viel Platz, Wald und einige schöne Dörfer. Wir nächtigen oft im Wald und ein Feuer darf für Dima nicht fehlen. Wir alleine wären eher zu faul, aber so genießen wir das Licht und die Wärme, lange Abendstunden und den riesigen Wok, den die beiden dabei haben. Dieser geht auf unsere Kappe, denn damals in China hatten wir ihnen von unserer Bratpfanne vorgeschwärmt - wir hatten ja nicht ahnen können, dass es bei ihnen gleich die dreifache Größe wird.

Ausrollen010 - In Leipzig dürfen wir Rike zu viert besuchen - erstaunlich wie viele Taschen bei vier Radlern zusammenkommen. Einen schönen Tag mit Ausflug, Singen und Kochen verbringen wir dort, bevor wir noch ein Stück mit dem Zug überbrücken - vier Leute, vier Räder, viel Gepäck und ein Wochenendticket. Olga und Dima haben ein Flugticket von Frankfurt nach Rio, so gibt es einen Termin. Wir radeln zu Veronikas Eltern und machen dort einige Tage Station, damit die Beiden vor dem Flug Material sortieren, reparieren, reinigen und die letzten Einkäufe in der Outdoorzivilisation tätigen können.

 

Wir sind jetzt nur noch eine lange Tagesreise von Heidelberg weg, aber wir machen noch einen Haken, schließlich will auch ich bei mir zu Hause mit dem Rad vorbei fahren. Das macht zwei Besuche in Frankfurt, einen in Darmstadt, dann einen Schlenker in den Odenwald, am Main entlang, wieder in den Wald des Odin, et voilà - Damoi. Ein paar Tage hier, jetzt aber nach Heidelberg.

Ausrollen011 - Wir hatten Euch ja eingeladen, die letzten Kilometer mitzufahren. Den Tag hätten wir allerdings schlechter nicht wählen können. Noch am Abend zuvor suchen wir uns ein Plätzchen am Neckarufer, entfachen mühsam ein Feuer aus feuchtem Geäst, sinnieren über das Vergangene und sinds doch zufrieden anzukommen.

Am Morgen dann ist alles weiß, glitschig die Straße, hoch der Schnee und wenn ein Auto gebührenden Abstand von uns nimmt und aus der Spur ausscheert, bekommen wir einen Schwall Schneematsch ab. Kalt und nass sind wir am Treffpunkt und müssen erst Frühstücken. Wir hoffen, dass das keiner auf sich nimmt und werden von dem Einzigen, der es versucht hat, nicht gefunden. So fahren wir alleine dorthin wo wir aufgebrochen sind, in die Gärtnerei die wir mit aufgebaut hatten, jetzt auf eine kleines Obststück verbannt. Es schneit nicht mehr, aber es ist kalt und viel hält uns nicht hier auf dem offenen Feld, wir fahren in die Stadt und sind doch ziemlich verloren hier.

Es hat sich nicht viel verändert hier, nur ein paar bauliche Eingriffe, man findet sich sehr gut zurecht, man könnte meinen, es ist wie immer. Wo ist unser Platz hier? Die Stadt ist dieselbe geblieben, aber man steigt nicht in den selben Fluss zweimal. Wo man einmal war, ist man nicht mehr. Wir wollen unseren Platz wieder erleben, denn hier kennen wir Menschen, die noch oft die Selben sind. Seit Kurzem haben wir auch wieder übergangsweise eine Wohnung gefunden, wer weiß, wo es uns langfristig hinverschlägt. Erst einmal aber werden wir hier bleiben.