Eine Radwanderung

Der nächste Abschnitt unserer Donaustrecke nach Belgrad war geprägt von der Durchfahrt des Eisernen Tores, einer der grössten Gebirgsdurchbrüche eines Flusses in Europa.

 

Die panonische Tiefebene die das bisherige Landschaftsbild Serbiens prägte, mit fruchtbaren Böden im Norden des Landes, nur unterbrochen von den Hügeln der Fruska Gora bei Novi Sad die als einzige Erhebung aus ihr herausragen, wurde nun abgelöst von den Hügeln und Bergen der südlichen Karpaten die von beiden Seiten an die Donau herantreten. Statt Auwäldern mit Sandstränden säumten nun diese Hügel und später in den Engstellen des Durchbruches steile Felsen das Ufer. Die frühere Wildheit des Flusses in diesem Bereich, der für die Schiffahrt mit seinen Engstellen, Strudeln und dem schnell zwischen Felsen dahinschiessenden Wasser eine erhebliche Gefahr darstellte und nur mit Hilfe von Lotsen durchfahren werden konnte, wurde durch den Bau einer riesigen Kraftwerksanlage und der damit verbundenen Anhebungberuhigt. Djerdap 1, das Kraftwerk des eisernen Tores wurde von Serbien und Rumänien gemeinsam in den 60er Jahren beschlossen und bis 1972 realisiert. Viele Menschen mussten dafür umgesiedelt werden da ihre Dörfer im Stausee versanken und nur teilweise weiter oben wieder aufgebaut wurden.

 

Da der Stausee dieses riesigen Bauwerkes bis Belgrad reichen kann, waren wir freudig überrascht die ersten Tage nach unserem Aufbruch noch eine sehr brauchbare Strömung vorzufinden die uns mit 54 Kilometern einen neuen Tagesrekord brachte. Erst mit Beginn der wirklich gebirgig erscheinenden Strecke mussten wir deutlich stärker Paddeln und uns wieder an kürzere Tagesetappen gewöhnen. Durch die Berge ist die Donau wieder windanfälliger, was bei der Breite von mehreren Kilometern im Bereich der Stauseen zu grossen Wellen führt die sehr kraft- und zeitraubend sind. Aufmunternd wirken da die hupenden Grüsse der Auto und Lastwagenfahrer auf der Strasse nebenan.

 

Belgrad, die weisse Stadt, verabschiedete uns mit Schnee, für uns der Beginn einer neuen Winteretappe die von tagelangem Schneefall geprägt war. Die schneebedeckten Berge liessen bei uns oft das Gefühl entstehen, auf einem Gebirgssee zu sein, konnte man aufgrund der Engstellen die die Donau teilweise auf bis zu 150 Meter verengen doch nicht immer gleich den weiteren Weg erkennen. Rechts und links gehen steile Felsen bis ins Wasser und stellenweise wird der Fluss bis zu 100 Meter tief, auf einer Höhe von gut 70m ü.NN. Ein beeindruckendes Gefühl nach den Weiten des breiten Flusses zuvor. Von den früheren Strudeln und Gefahrenstellen ist nichts mehr zu spüren und dank einem sehr raren Schiffsverkehr brauchten wir uns auch keine Sorgen zu machen, an einem der Felsen zerquetscht zu werden.

 

Das Stauwerk als Abschluss der gebirgigen Strecke bedeutete die für uns vorletzte Schleuse auf dem Weg zum schwarzen Meer. An beiden Uferseiten befindet sich je eine zweistufige Schleuse die wöchentlich abwechselnd von Serbien und Rumänien betrieben wird. Zu unserer Zeit war ausgerechnet Rumänien am schleusen, was eine zweimalige Überquerung der Donau bedeutete. Dass man hier nicht unbedingt mit der Schleusung von Kajaks rechnet wurde uns bei der Zufahrt auf die Schleuse klar. Keine Ausstiegsmöglichkeit und keine Gegensprechanlage oder sonstige Möglichkeit mit dem Schleusenbetreiber Kontakt aufzunehmen. So paddelten wir einfach auf die Schleuse zu, wo uns verwunderte Mitarbeiter weiterhalfen und unseren eilig verfassten "Rapport" des Wohin und Woher entgegennahmen. Ohne allzuviel Wartezeit und alleine in der grossen Schleusenkammer konnten wir uns zu Tal bewegen, wobei die Prozedur an sich schon mindestens 90 Minuten dauert. Nach der Hälfte der Höhe, die insgesammt maximal 32m beträgt, fährt man in eine zweite Kammer ein, in der man ganz zu Tal sinkt. Wir waren sehr überrascht, als uns nach der Hälfte ein Schiff entgegenkam, welches gleichzeitig zu Berg geschleust wurde und mit welchem wir nun die Kammer tauschen mussten - was aufgrund deren Grösse jedoch kein Problem darstellte. Die allerletzte Schleuse bewältigten wir einige Tage später mit der zweiten Schleuse des eisernen Tores.

Obzwar nur wenige Meter weiter unten, hatten wir anschliessend das Gefühl uns in einer völlig anderen Landschaft zu befinden. Den Schnee hatten wir mit den hohen Bergen hinter uns gelassen - zwei Tag zuvor noch hatten wir einen guten halben Meter Schnee räumen müssen um unser Zelt aufstellen zu können - und plötzlich war überall Wiese und so viel Grün wie wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Inklusive der ersten blühenden Löwenzahnpflanzen und Huflattiche.

 

 

 

 

 

Dank der herzlichen Gastfreundschaft die wir in Serbien immer wieder erleben durften, machte uns der Schnee nicht allzu viel Probleme. Da einsame Schlafstellen aufgrund des Stausees kaum noch zu finden waren, waren wir öfter gezwungen um Zelterlaubnis zu fragen, was meist dazu führte, dass wir irgendwo drinnen untergebracht wurden. Eine äusserst leckere Essensversorgung gehörte oft dazu. So bedeutete ein heftiges Klopfen an der Tür unseres Nachtquartiers in einer kleinen Fischerhütte nicht etwa einen schlimmen Vorfall, sondern nur dass wir vom Fischer gegenüber zum Früstück in seiner Hütte abgeholt wurden. Wir hatten die verschiedensten Unterkünfte von Jacht über Restaurant bis zum Grenzponton, inklusive den verschiedensten Gastgebern die uns Einblicke in ihr Leben gewährten und einluden doch bald wieder zu kommen. Auch als wir einmal zwei Tage pausieren mussten wegen Schneefall und Wind, wurden wir von Vera und Dragan, einem Fischerpaar, herzlich aufgenommen bei ihnen Ferien zu machen und wie Enkel versorgt.

 

So verliessen wir nach der ersten Schleuse des eisernen Tores fast schweren Herzens dieses Land mit seinen freundlichen Menschen, den vielen Fischern und offenen Türen. Der Unterschied zwischen arm und reich scheint akzeptierter zu sein, als wir es kennen und man sieht immer wieder beides buntgemischt nebeneinander. Auch ist man viel offener im Vertrauen zu den Mitmenschen als wir es zuvor erlebten. Wir wechselten die Donauseite, um in der Stadt Turnu Severin nach Rumänien einzureisen. Etwa auf halber Strecke von Belgrad aus war das Land an die Donau getreten um uns nun bis zum schwarzen Meer zu begleiten. Erst als Grenzland zu Serbien, später zu Bulgarien und ab Silistra dann beidseitig des Flusses. Die Landschaft wird nun flacher mit sanften Hügeln und nur wenigen kleinen Orten. Die Walachei scheint sich hier noch in einer anderen Zeit zu befinden. Die ausgestreckten Dörfer kennen nur wenige Autos. Pferdekarren begegnen einem ebenso oft und das Wasser wird aus Brunnen hochgezogen. Auf den erdigen Dorfwegen begegnet man Herden jedweden Federviehs und jedes Haus ist umgeben von einem grossen umzäunten Areal mit Platz für Gemüse und Tiere.

Das Einkaufen ist jedes Mal ein interessantes Erlebnis bei dem man sich fast in einem Theaterstück wähnt. In den kleinen Dorfläden wird man nur bedient und wenn man dann der Verkäuferin mit fragendem Blick ein vermeindlich rumänisches Wort zuwirft, versuchen die zahlreichen anderen Menschen mitzuraten was man denn gerne haben möchte. Besonders irritierend wenn die Verkäuferin bei der Frage nach Marmelade eine Tüte nimmt und zu einer Kiste geht. Ein grosser Klumpen rotbraunen Muses entpuppte sich später als sehr konzentriertes und leckeres Kirschmus.

Neben diesen netten Begegnungen am Rande des Flusses konnten wir mit regelmässigen Besuchen der rumänischen Grenzpolizei rechnen. Nicht, dass diese uns böses wollen würden, sie scheinen nur die Kontrolle ihrer Grenze sehr ernst zu nehmen und wenn wir mal einen seltenen Tag nicht kontrolliert wurden, so konnten wir damit rechnen, ihnen am nächsten Tag mindestens zweimal zu begegnen. Per Boot oder zu Fuss wurden wir aufgespürt, zu Tages- und Nachtzeit und nach Besichtigung unserer Pässe und der Abschrift unserer Namen verabschiedeten sie sich wieder. Wir kamen uns mitunter etwas verfolgt vor und würden sie alle Daten zusammentragen hätten sie ein recht gutes Bild unseres Lebenswandels.

 

Das Wetter ist nun frühlingshafter geworden, wärmer und dank des Vorrückens in eine neue Zeitzone mit der Einreise nach Rumänien sind die Tage nun deutlich länger. Wir können gemütlichere Mittagspausen machen, da wir zum einen mehr Zeit zum fahren haben und es zum anderen warm genug ist längere Zeit irgendwo zu sitzen. Die Frage ob uns denn nicht zu kalt sei, begleitet uns trotzdem weiterhin hartnäckig. Wir fühlen uns als wären wir schon fast am schwarzen Meer, obwohl immernoch knapp achthundert Kilometer vor uns liegen. Um auch etwas von diesem Land an der Donau mitzubekommen und da wir später ohnehin wieder in Rumänien reisen werden, sind wir nach 140 Kilometern in Rumänien nun nach Bulgarien gewechselt. Malsehen wie ernst man hier die Grenzkontrollen nimmt.