Eine Radwanderung

Wir sind also nach Bulgarien gewechselt. Dies wäre nicht nötig gewesen, schließlich bildet die Donau die Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien, bevor sie ab km 375 wieder ganz rumänisch wird. Wir müssen also auch wieder zurück. Zwei nicht nötige Grenzübertritte ließen uns zweifeln, ob dieser Wechsel sich lohnen w[rde, wir haben es dennoch getan. Nicht nur, dass wir Bulgarien kennenlernen wollten (das durchaus vom rumänischen way of life verschieden ist), vor allem aber, dass es in Rumänien in diesem Abschnitt nicht viel kennenzulernen gibt, hat uns dazu bewogen. Die rumänische Seite ist nämlich seit Calafat nicht länger das walachische Weideland, sondern unbesiedelte Auwälder, die allenfalls durch Industrie unterbrochen sind.

 

Die rumänische Seite ist topfeben, während in Bulgarien immer wieder Hügel und Felsen aus Löß oder kreidezeitlichen Sedimenten an den Fluß reichen. Somit war unsere Entscheidung auch gut, da wir gerade Hochwasser haben (nicht besonders stark, Gebäude sind nicht betroffen), denn die Auwälder auf der anderne Seite geben dann kaum Anlandemöglichkeiten her.

Da die bulgarische Seite besiedelt ist, kann man sich auch einfacher versorgen - wenn der kleine Dorfladen überhaupt Brot o.ä. hat. Als Entschädigung für die Weißmehlkur wächst hier massenhaft wilder, junger Kerbel und auch Vogelmiere - eine farbliche wie geschmackliche Aufwertung unserer Mahlzeiten.

Fette BeuteDie Auwälder gibt es auch hier, meistens sind diese (wie auch in RO) Pappelkulturen. Pappel ist ein schnellnachwachsender Rohstoff, der in Plantagen in Reih und Glied angebaut, kaum älter als 10 - 15 Jahre, dann gerodet und neu angelegt wird. Wer das Holz nutzt, ist uns unklar. Denn die Bevölkerung sammelt weiterhin Ästchen ein, totes Holz von Bäumen, am Ufer. Und wenn ein Fischer jetzt bei Hochwasser einen im Wasser treibenden Stamm aufgabeln kann, wird der ans Boot gebunden, heimgebracht, am ufer festgebunden und beim nächsten Niedrigwasser zersägt..

 

Auch der Nicht-Auwald-Bereich ist nur spärlich genutzt. Auf den Kuppen gibt es hin und wieder Felder, manche spenden mit einem satten Wintergetreidegrün die einzige wenige Farbe in der Landschaft. Ansonsten beherrscht Buschland die Hänge, Land das allenfalls spärlich beweidet wird und deren Büsche und kleine Bäume wohl auch nicht genutzt werden (dürfen). Wer hat also die Verfügungsrechte und warum werden diese angesichts der oft bitteren Armut nicht durchbrochen?

Ein großer Teil der bulgarischen Dörfer steht leer, der andere veraltet. Von der Rente kann man kaum leben, so versorgt man sich bis ins hohe Alter selbst, gehen die Männer fischen, ein wenig wird der Fisch noch beisteuern.

 

Der Fischfang spielt seit Serbien eine große Rolle. In Deutschland haben wir bei Straubing Berufsfischerei gesehen, die jedoch mit einem richtigen Schiff. Danach v.a. Angler. In Serbien wird dann viel mit Stellnetzen gefischt, in Nordserbien vor allem mit runden, reusenartigen, später dann mit flächigen. Diese werden dann mehrmals täglich kontrolliert. In Bulgarien wird mit ähnlichen Netzen meist vom Boot aus gefischt, wobei auch hier regional zwei Weisen angewandt werden. Im Westen, hier sind auch fast nur alte, teerschwarze Holzruderboote im Einsatz, die nicht notwendigerweise auch einen Motor haben, in der Art, dass das Netz entlang vom Ufer treibt, vielleicht 10, vielleicht 20 m Abstand zum Ufer, hinten einen Bogen zum Boot hin bildet, das ebenfalls treibt. Der Fischer schlägt nun mit dem Ruder oder einem langen Ast kräftig aufs Wasser oder auf das Boot. Ziel ist es, die Fische vom ufer ins Netz zu treiben. Wenn das Boot und das Netz so 1, 2 km getrieben haben, wird das Netz eingeholt und soweit wir beobachten konnten, waren kaum mehr als 2, 3 größere Fische drin. Wer keinen Motor hat, rudert nun selbst wieder Flussauf und widerholt das Procedere. Weiter nach Osten, da wo es hauptsächlich knallhellblaue GFK/Metallboote gibt, wird zudem viel im offenen Fluß mit einem quer zum Boot treibenden netz gefischt. Hier trifft man mitunter auch jüngere Fischer, bis in unser Alter sowie junge Burschen (Fischen ist durchweg Männerarbeit), sei es, weil hier dieser Beruf mehr Zukunft hat, sei es, weil es sonst gar keine Perspektive gibt - wer weiß.

 

Sama & GinaIn einem dieser aussterbenden Orte überwintert Sama. Ihn haben wir in Vidin in einem Internetraum getroffen. Ein Belgier, der seit vielen Jahren durch Europa wandert, nun mit Gina, seiner Eselin von Italien her kommend. Im Sommer zieht er dann weiter Richtung Türkei - wie wir, nur noch langsamer. Bei Sama verbrachten wir einen Abend und einen Vormittag, aßen gemeinsam "Riba" und erzählten uns unsere Geschichten.

 

 

 

Bei all der Armut muss man aber auch feststellen, dass der Eindruck, der entsteht, viel auch durch mangelnde Aufmerksamkeit entsteht. Wir haben die berüchtigten bulgarischen Klos entdeckt, aber schon viel früher. Nicht jedoch die Konstruktion ist wichtig, sondern die Aufmerksamkeit. Ob man nun gut oder schlecht reinigt, zielt oder daneben pinkelt, das ist keine Frage des Wohlstandes, sondern der kulturellen Zivilisation. Dass man mit wenig materiellem Aufwand den Aufenthalt auf dem Örtchen erträglich gestalten kann (Klobrille, Dichtungen wo nötig und nicht woanders, Riegel) ist ein weiterer Schritt. In Ungarn, wo jede Tür dreimal verriegelt wurde, gab es kaum ein Klo, das auch nur einen Riegel hatte - selbst nicht auf der Polizei in Paks. Überhaupt glänzt kaum eine öffentliche Einrichtung mit ihrem Abtritt.

 

Jetzt sind wir in Ruse. Wir haben also unsere schnellste Etappe hingelegt, auch wenn wir wegen Sturm in Lom einen Tag pausieren mussten, sonst wegen Wind und Wellen lange warten mussten oder aber, war dies nicht der Fall, dann war das Boot oder der Kocher zu reparieren. Letzterer leider immer häufiger. Aber wir haben gute Strömung und auch viel schönes Wetter - und so ist das Meer mit 500 km in erreichbare Nähe gerückt. An einem wunderschönen Tag hatten wir nach schon 30 km vor einer großen Insel zur Mittagsruhe angelegt. Danach reizte es uns, nicht ins Fahrwasser zurückzukehren, sondern durch die Altarme zu fahren. Sehr schön war es, durch den schmalen Fluss zu fahren, mit Bäumen auf beiden Seiten. Nur als die Bäume auch vor uns standen, hatten wir ein Problem. Der erste der versuchten Arme endete im Wald, der zweite war von querliegenden Stämmen verlegt, jedoch so stark durchströmt, dass wir kaum wenden und stromauf fahren konnten. Der dritte mögliche Arm wurde daraufhin erst zu Fuß erkundet, was jedoch nicht endgültig erhellend war. Risiko eingehen oder 3 km stromauf padden? Wir sind das Risiko eingegangen und kamen tatsächlich durch. Inseln gibt es viele in einer Donau, die ziemlich in die Breite gegangen ist und mehr an einen großen See erinnert. Hoffen wir, dass wir auch weiterhin durchkommen.