Eine Radwanderung

Die Stadt Ruse entließ uns nach Tagen mit teilweise Schneeregen mit strahlend sonnigem Frühlingswetter, was sich bis auf einige aprilmäßige Einwände bislang gut gehalten hat. In Ruse konnten wir, gut in einem Jachtclub untergebracht, einige wichtige Reparaturen erledigen. Dies stellte sich Dank der überwältigenden Hilfsbereitschaft der Clubmitglieder als sehr unproblematisch heraus und bis zum Ende wurden wir immer wieder gefragt ob es nicht noch Probleme zu beseitigen gäbe. Auf die Frage nach einem Markt wurden wir prompt hingefahren und auch einige Dinge die wir in Ruse liegen ließen, erreichten uns auf mysteriöse Weise in Silistra wieder. Wir kamen gut voran und befinden uns nun in der kleinen Stadt Tulcea, dem "Tor zum Delta". Ein wenig wundern wir uns selbst, nun tatsächlich schon so weit zu sein - drei Tagesreisen vom schwarzen Meer entfernt. Hier werden wir uns erstmal ein wenig über das Delta informieren und eine Genehmigung besorgen, die uns erlaubt uns alleine im Delta zu bewegen und auch abseits der Hauptroute zu paddeln. Dann geht es hinein in die grüne Lunge.

 

feldsalatDer Frühling hat uns sehr gut erwischt. Wenn wir so oft vom Frühling schreiben, liegt es wohl daran, dass wir uns dieses Jahr besonders über ihn freuen und ihn sehr intensiv erleben. Das Leben quillt aus allen Ecken und überall ist es ein Wachsen und Aufwachen. Die ersten Gänse sahen wir schon vor Ruse nach Westen fliegen und nun bevölkern auch die Störche wieder ihre zahlreichen Nester und spazieren abends am Donauufer entlang. Dazu viele, viele verschiedene Vögel die uns morgens mit ihrem Gesang wecken oder uns staunend nach allen Seiten schauen lassen, da kann auch ein "Treffer" eines Kormorans verschmerzt werden. Am Ufer sind die Weiden hellgrün aufgegangen, in schönem Kontrast zu den rotblühenden männlichen Pappeln. Kulinarisch ist es ebenso vielfältig und frisch. Oft finden wir mehr als genug wilde Kräuter (Vogelmiere, Kerbel, Löwenzahn, Hirtentäschel, Feldsalat....) für einen großen Salat und Brennesseln sind in vielen Variationen immer wieder unser Favorit. Leider ist jetzt in Rumänien die Fraßkonkurrenz aufgrund der vielen freien Tiere sehr groß und der Salat ist nur gerettet wenn man einen Platz findet den sie nicht erreichen konnten.

 

Die Temperaturen steigen manchmal fast schon in sommerliche Höhen, damit uns nicht zu warm wird ist der liebe Wind aber auch oft zugegen und schuld daran, dass die Mützen noch immer nicht zur langen Unterwäsche ind die Taschen gewandert sind. So kommen wir zum ein oder anderen halben Basteltag, wenn uns die Windwellen doch mal wieder zu arg sind und wir keine Lust verspüren schon wieder den Kampf mit dem Wind aufzunehmen. Davon hatten wir nun wirklich genug und sind vollkommen übersättigt. Trotzdem konnten die T-shirts herausgekramt werden und eines windstillen Tages versuchten wir es auch erfolgreich mit unserem ersten Donaubad. Sie ist noch recht kalt, aber erfrischend mit 8°C.

 

Ein Wasserproblem ganz anderer Art stellt sich jetzt mit dem Trinkwasser.  Wenn wir es in den umliegenden Dörfern holen, wie wir es immer ohne Probleme gemacht haben, ähnelt es in Farbe und vielleicht auch Geschmack immer öfter dem Donauwasser. Unsere Därme waren jedenfalls auch nicht begeistert und so kommt nun unsere Filterpumpe zum Einsatz. Sie soll uns durch einfaches Pumpen Trinkwasser liefern. Nur leider ist es kein ganz müheloses Geschäft, denn obwohl wir alle uns bekannten Vorkehrungen treffen, will sie doch mindestens alle zwei Liter gereinigt werden. Versucht man dies zu ignorieren, wird das Pumpen zum Muskeltraining mit gleichzeitiger Handwaschung wenn das Wass nicht aus denn Soll-Öffnungen kommt. Nun gut, es funktioniert und unser tägliches Leben ist um eine Aufgabe reicher.

 

Die Donau fließt von Ruse aus weiterhin nach Nordosten bevor sie hinter Silistra von den Hügeln der Dobrudscha nach Norden gedrängt wird um nach einer weiteren Wendung nach Osten in ihrem großen Delta in das schwarze Meer zu münden. Ab Silistra gehört die Donau beidseitig zu Rumänien, d.h. wir wechselten wieder das Land. Bulgarien wollte uns aber nicht so einfach gehen lassen und schickte uns, zu dem Zeitpunkt wo wir glaubten nun wirklich schon alle Kapriolen erlebt zu haben, einen kräftigen Sturm zum Abschied. Der Tag war sonnig, leicht windig mit blauem Himmel und wir kamen rechtzeitig nach Silistra um noch den Länderwechsel in Angriff nehmen zu können. Wenige hundert Meter vor dem Ponton der Grenzpolizei bildete sich plötzlich ein heftiger Sturm der riesige Wellen hervorbrachte. Wir konnten noch vor der schlimmsten Phase in einer halbwegs ruhig erscheinenden Ecke an einer losen Steinschüttung aussteigen. Nun saßen wir aber da und mussten zu zweit das Boot festhalten damit es nicht mit jeder Welle gegen die Steine geworfen und dabei voll Wasser gespült wurde. Letzteres ließ sich aber trotzdem nicht vermeiden. Die Tatsache, dass das Spektakel nicht wieder aufhören wollte und wir neben der Konzentration auf das Boot, aufpassen mussten nicht selber mit der Steinschüttung ins Wasser zu rutschen ließ uns unsere eigene Durchnässtheit ignorieren. Irgendwann mussten  einsehen, dass wir so nicht Stunden verbringen können, uns im Boot fortzubewegen war undenkbar, und so zogen wir das Boot komme was wolle einige Meter nach hinten wo wir es mit Hilfe eines Passanten herauszerren konnten. So kam es, dass wir die Nacht in der gerade neu gebauten Müllumzeunung des nobelsten Hotels der Stadt verbrachten (der Müll war noch nicht da) - dort waren wir gestrandet.Sturm

 

Nun also zum Grenzübertritt. Ein solcher ist in seiner Dauer immer wieder unabschätzbar. Das Prozedere kann von ein paar Minuten Passvorzeigen bis zu einem halben Tag den man mit viel Warten und dem Ausfüllen von einigen Papieren verbringt, dauern. Und jedes Mal ist es wieder anders und die Beamten scheinen erstmal überfordert wenn wir mit unserem Kajak dort ankommen. Unter der Beteuerung es sei alles in Ordnung, werden telephonisch erstmal mehrere Kollegen um Rat gefragt, bevor man uns irgendwo einkategorisieren kann. Diesmal war es nun so, dass wir keine allzu lange Dauer erwarteten. Wir sind ja in Europa. Nun begab ich, Veronika, mich also zur Hafenverwaltung in Silistra, sollte aber später wiederkommen, da man erstmal Grenzpolizei und Zoll bestellen müsse. Eine halbe Stunde später tauchte dann auch der Polizist auf, der die Pässe studierte, sich mit dem vermutlichen Chef der Hafenverwaltung beriet und nach nicht vorhandenen Dokumenten von der Einreise fragte. Nun gut irgendwie ging es auch so und wir wurden in ein grosses Buch eingetragen. Der Polizist, der etwas Englisch konnte, was auch an den Grenzen hier nicht unbedingt der Normalfall ist, erklärte noch der Zoll käme in 20 Minuten. Nun hieß es also warten. Zusammen mit dem Chef der Hafenverwaltung in dessen Büro, ausgestattet wie überall mit einem großen Fernseher und nach einer nicht sehr guten Nacht ziemlich müde. Wirklich kommunizieren konnten wir nicht, da meine wenigen bulgarischen Brocken nicht für längere Unterhaltungen ausreichen und auch kein Interesse zu bestehen schien. Der Zollmensch kam dann auch tatsächlich, hatte aber gar kein Interesse an uns und ließ mich nach einer halben Minute gehen. Alles kein Problem. Die Einreise in Rumänien ging dann auch schnell und problemlos mit einem anscheinend frisch geschulten Grenzpolizisten der extra kontrollierte, ob wir auch die wirklichen Besitzer unserer Pässe sind. 

 

Hinter Silistra bildet die Donau erst einen sehr langen und dann mehrere kürzere Nebenarme. Wir konnten für etwa 200 Kilometer der Großschifffahrt aus dem Weg gehen und uns in den kleineren grünen Seitenarmen auf das Delta einstimmen. Hier fiel  uns auch gleich wieder  der Unterschied auf  der Rumänien von allen anderen Donauländern unterscheidet - die vielen frei herumlaufenden Tiere. Seien es Herden von Schafen und Ziegen, Kühen oder Schweinen oder auch Pferden. Man kann sie überall antreffen, auch wenn weit und breit kein Dorf zu erkennen ist. Manchmal konnten wir aber beobachten wie abends kurz vor der Dämmerung eine Herde Schweine nach Hause geholt wird oder jemand morgens die Schafe zum Trinken ans Wasser bringt. Oft sieht man irgendwo am Ufer ein Pferd stehen, welches mit einem Wagen auf die Rückkehr seines Besitzers wartet, der mit dem Boot herausgefahren ist oder anderweitig etwas zu erledigen hat. Und auch zum Fährefahren kann man sie überreden.

Schweine zum FrühstückWie normal dies mittlerweile für uns geworden ist, zeigt die Tatsache, dass ein Frühstücksbesuch einer neugierigen Schweineherde uns weniger überrascht als einige Paddler, die uns eines Morgens aus der gegenüberliegenden Stadt, Braila, entgegenkommen. Wir können es erst kaum glauben, ist es doch schon eine Ewigkeit her seit wir Paddler in Aktion gesehen haben. Es handelte sich um die Gruppe eines Paddelvereins die auf die Donau zum trainieren kam.

 

 

 

 

Nur wenig später staunen wir ebenfalls nicht schlecht, als uns das erste Seefrachtschiff entgegenkommt. Diese sind zwar nicht sehr viel länger als die Flussschiffe, dafür aber deutlich höher und sie wirken besonders in unbeladenem Zustand durchaus einschüchternd. Zudem etwas fehl am Platze hier auf dem Fluss. Dieses Schiff war georgisch, der Heimathaften allerdings Phnom Penh - so erreicht uns die Weltwirtschaft auch hier. 

Auch die Dimension der Häfen wächst immer weiter. In Galati, dem grössten Donauhafen Rumäniens kommen wir gar nicht zum zählen der riesigen Ladekräne, wir sehen einfach nur einen Wald. In einer Mischung aus Staunen und Faszination, Matthias nennt es auch "Industriekultur", lassen wir uns am anderen Ende der Stadt an einer riesigen Werft mit nocheinmal sehr vielen Kränen vorbeitreiben und beobachten verschiedene dieser großen Schiffe bei ihrer Entstehung. Nach der Industrie freuen wir uns jetzt aber besonders auf die Natur des Deltas mit seinen vielen kleinen Kanälen, Seen und Tümpeln, auf die vielen Tiere besonders Vögel, auf Ruhe und natürlich das Meer und die Null. Die letzten Tage im Boot bevor wir uns auf die Fahrräder schwingen.